Wider den toten Biblizismus

Auszug aus:

Feuertaufe - Das radikale Leben der Täufer eine Provokation

Das lebendige Wort

UND ICH sah den Himmel geöffnet, und siehe, ein weißes Pferd, und der darauf saß, heißt Treu und Wahrhaftig, und er richtet und führt Krieg in Gerechtigkeit. Seine Augen aber sind eine Feuerflamme, und auf seinem Haupt sind viele Diademe, und er trägt einen Namen geschrieben, den niemand kennt als nur er selbst; und er ist bekleidet mit einem in Blut getauchten Gewand, und sein Name heißt: Das Wort Gottes, Offenbarung 19,11-13.

Das Wort Gottes war für die Täufer eine Person, Christus, der durch die Heilige Schrift zu ihnen sprach. Vor einigen Jahren hörte ich, einen mennonitischen Prediger über das Schriftverständnis der Täufer referieren. Er meinte, ihr Motto sei sola scriptura — nur die Schrift — gewesen und sie seien als »Menschen des Buches« bekannt gewesen. Damals nahm ich ihm das ab. Doch inzwischen habe ich anderes herausgefunden.
Der Begriff sola scriptura wurde von Luther, Zwingli und anderen Reformatoren geprägt und verwendet. Den Täufern ging es um viel mehr als sola scriptura. Ihnen ging es um Gemeinschaft mit Christus. Sie orientierten sich nicht in erster Linie an einem Buch, sondern an einer Person. Nicht Tinte und Papier war »das Wort« geworden.

Im Johannesevangelium lasen sie vielmehr: »Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit« (Johannes 1, 14).

Jakob Kautz lehrte, das geschriebene Wort sei »nur ein Zeugnis, das auf das innere Wort hinweist.« In Übereinstimmung damit schrieb Hans Denck:

Die heilige Schrift halte ich über alle menschlichen Schätze, aber nicht so hoch, wie das Wort Gottes, das da lebendig, kräftig und ewig ist, welches aller Elemente dieser Welt ledig und frei ist. Denn wenn es Gott selber ist, so ist es Geist und kein Buchstabe, ohne Feder und Papier geschrieben, so dass es niemals ausgetilgt werden kann. Darum ist auch die Seligkeit nicht an die Schrift gebunden, wie nützlich und gut sie dafür auch sein mag. Das liegt daran: es ist der Schrift nicht möglich, ein böses Herz zu bessern, wenn es auch gelehrter wird. Ein frommes Herz aber, in dem ein rechter Funke göttlichen Eifers ist, wird durch alle Dinge gebessert. So ist die heilige Schrift den Gläubigen zum Guten und zur Seligkeit, den Ungläubigen aber zur Verdammnis, wie alle Dinge.

So kann ein Mensch, der von Gott erwählt ist, ohne Predigt und Schrift selig werden. Nicht dass man darum keine Predigt hören, oder keine Schrift lesen sollte! Ich meine nur, dass sonst ja alle Ungelehrten nicht selig werden könnten, weil sie nicht lesen können, und sogar ganze Städte und Länder, weil sie keine Prediger haben, die von Gott gesandt sind."

Gabriel Ascherham, Ältester der Täufergemeinde im mährischen Rossitz, fragte:

Warum wird die biblische Schrift heilige Schrift geheißen? Ist es nicht deshalb, weil die christliche Kirche ausgesondert und geheiligt ist, sie zu verstehen. Außerhalb der christlichen Kirche kann sie nicht heilig sein, da sie dort von den Heiligen nicht gelesen und verstanden wird. Denn das Heilige wird nur durch das Heilige verstanden und erkannt, wie Paulus sagt: Niemand kann Jesus einen Herren heißen, ohne durch den heiligen Geist. 1. Korinther 12,3

Balthasar Hubmayer schrieb 1528, bevor er verbrannt wurde:

Ohne Zweifel hören viele Leute das Wort Gottes äußerlich, verstehen es aber innerlich nicht. Da ist es Not zu beten und Weisheit zu begehren von Gott im Glauben.

Der Täufer Johannes Umlauf bezeugte vor Gericht in Regensburg:

Forschet in der Schrift, in der ihr meint, das Leben zu haben. Johannes 5, 39, sie ist es, die von mir zeugt. Ist sie also nur ein Zeugnis seines Wortes, so ist sie nicht Gottes Wort selbst. ... Darum soll man die Seligkeit dem inneren lebendigen Wort Gottes, wie es bei den alten Christen gewesen ist, allein zuschreiben, und gar nicht an das äußere Wort oder Schrift binden, wie nützlich sie immer dazu sein mag, wenn Gott ihren Sinn offenbart.

Wäre das Wort Gottes Papier und Tinte geworden, hätten wir lediglich ein totes Gesetz, dem wir gehorchen müssen. Doch das Wort ist Mensch geworden. Es sprach bereits zu Adam, als er am Abend durch den Garten Eden ging, lange bevor Teile der Bibel schriftlich fixiert wurden. Es spricht noch immer in der Tiefe jedes ihm wahrhaft ergebenen Herzens. Wolfgang Brandhuber führte dazu aus:

Willst du zu Gott, so musst du durch das Tor, da Adam herausgestoßen ist. Darunter wirst du dem Fleisch den Willen, Lust und Liebe niederdrücken und dem Gesetz in deinem Herzen nachgehen. Du wirst der rufenden Stimme von Johannes dem Täufer und Jesajas folgen müssen, dem Herrn einen Weg in der Wüste zu bereiten, da wird der Schwächere dem Stärkeren (dem Geist Christi) weichen müssen. Nichtsdestoweniger wird ein solcher Mensch den Streit und Kampf des Fleisches allwegs an sich empfinden. Er wird mit großer Not und Angst im Herzen getrübt werden, vor dem Angesicht des Herrn in wahrer Demut und Niedrigkeit zu erscheinen, Und denen zeigt Johannes im Abgrund ihres Herzens das wahre Lämmlein Gottes auf, das sich aller Menschen Schuld annimmt, sonderlich aber der seinigen. Denen er sein Heil beweist und seine Kraft an ihnen sehen lässt."

Inneres und äußeres Wort sind eins

Weil die Täufer von einem inneren und einem äußeren Wort sprachen, warfen ihre Feinde ihnen vor, zwei verschiedene »Worte Gottes« zu haben. »Doch das äußere, geschriebene oder gepredigte Wort und das innere Wort sind eins«, schrieb Pilgram Marpeck." Sie hatten sich Christus ganz ergeben und sahen die Stimme Christi in ihren Herzen im Einklang mit dem geschriebenen Wort Gottes in ihren Händen.

Ulrich Stadler, Diener des Wortes in Austerlitz, schrieb in seinem Abhandlung Vom lebendigen und vom geschriebenen Wort:
Das unendliche Wort wird nicht geschrieben, weder auf Papier noch auf Tafeln. Es wird auch nicht geredet oder gepredigt, sondern der Mensch wird sich selbst von Gott damit versichert im Abgrund der Seele und wird eingeschrieben in ein fleischernes Herz durch den Finger Gottes.

Hans Denck veröffentlichte drei Schriften zum Thema des äußeren und inneren Wortes. Er lehrte, das innere Wort, die Stimme des Geistes, komme vor dem äußeren Wort, der Heiligen Schrift. Nur ein Mensch, der das Wort im Inneren gehört habe, sei überhaupt in der Lage, das äußere, geschriebene oder gepredigte Wort anzunehmen. Ohne das innere Wort sei das äußere Wort unverständlich, denn »ein natürlicher Mensch nimmt nicht an, was des Geistes Gottes ist, denn es ist ihm eine Torheit, und er kann es nicht erkennen, weil es geistlich beurteiltwird.« (1. Korinther 2, 14).

Hans Langenmantel schrieb vor seiner Enthauptung 1528 im schwäbischen Weißenhorn:

Luther schreibt: Ich predige das Evangelium von Christus und mit der leiblichen Stimme bringe ich dir Christus ins Herz.
Antwort: Auf die Weise würden alle selig, die dich predigen hörten, was ich doch nicht glaube. Ich sage dir lieber Luther, es muss zuvor etwas in uns sein, das die leibliche äußere Stimme innerlich annehmen kann."

Über den Buchstabenglauben hinaus

In der Gemeinschaft mit dem inneren Wort und dem Heiligen Geist erfassten die Täufer den Geist der Schrift. Das bewahrte sie vor den Fesseln einer systematischen Theologie. Es bewahrte sie davor, sich in Details zu verlieren auf Kosten des Gesamtthemas. Und vor allem bewahrte es sie vor sklavischem Buchstabenglauben.

Als Jörg Blaurock und Hans Langegger 1529 bei Klausen in Südtirol auf dem Scheiterhaufen starben, stand ein achtjähriger Junge namens Peter unter den Zuschauern. Er konnte nicht vergessen, was er mit angesehen hatte. Als junger Mann entschied er sich für die Nachfolge Jesu. Mit 21 Jahren war er bereits Diener am Wort unter den Täufern. In seinen frühen Zwanzigern schrieb dieser Peter Walpot ein in Täuferkreisen Österreichs und Mährens weit verbreitetes Glaubensbekenntnis. Darin setzt er sich mit dem »Buchstabenglauben« auseinander:

Christus sagt: »Ich bin der wahre Weinstock.« Doch er ist es deswegen nicht leiblich. Er wird Lamm genannt, ist es aber nicht leiblich. Er nennt Simon Petrus einen Felsen, der ist dennoch kein natürlicher Felsen, sondern ein Mensch geblieben. Paulus sagt von Sarah und Hagar, diese beiden Frauen seien die zwei Testamente. Verwandelt sie das in Dokumente aus Papier? Nein, sie bedeuten es nur. Christus sagt: »Ich bin die Tür zum Schafstall und der Weg.« Und: »Wer an mich glaubt, von dessen Leib werden Ströme lebendigen Wassers fließen.« Daraus folgt nicht, dass er ein Bach sei. Er sprach von einem Mann mit einem Splitter im Auge, doch das bedeutet nicht, dass er tatsächlich einen Holzsplitter oder gar Balken darin trage. Er sprach am Kreuz zu Maria: »Frau, siehe, dein Sohn.« Und zu Johannes: »Siehe, deine Mutter«. Dann wäre Johannes der leibliche Bruder Jesu gewesen, denn die Worte sind so klar wie die vorher zitierten. Nein, Johannes hat eine andere Mutter gehabt, Oder: »Der Same ist Gottes Wort, der Acker ist die Welt. Die sieben fetten und die sieben mageren Kühe stehen für jeweils sieben Jahre. Über diese Ausdrucksweise der Schrift wäre viel zu sagen. Sollen wir alles wörtlich und äußerlich nehmen, würden daraus eine Menge ungeschickter Dinge folgen. Genauso steht es um die Worte Christi beim Brot: »Das ist mein Leib«. Und beim Wein: »Das ist mein Blut.« Er will damit nicht sagen, dass er es leiblich, sondern dass es das bedeute."

Mehr als Biblizismus

Es wird behauptet, die Täufer seien Biblizisten gewesen, für sie hätte die Bibel und ihre Verteidigung Priorität gehabt und dafür hätten sie ihr Leben gelassen. Doch trifft das zu? Hatte nicht die Nachfolge Jesu für sie Priorität und seine Lehre, wie sie das Neue Testament wiedergibt? Ihr Bibelverständnis war jedenfalls sehr verschieden von dem heutiger »Biblizisten« oder »Fundamentalisten«. Schon der Begriff »Bibel« taucht in ihren Texten kaum auf. Sie sprechen vielmehr von »der Schrift« oder der »heiligen Schrift«.
Sie stritten auch nicht wie heutige Fundamentalisten darüber, welche Bibelübersetzung am genauesten und »wortgetreuesten« ist. Damals erschienen gerade erst die aus den Ursprachen ins Deutsche übersetzten Bibelausgaben. Nicht alle davon waren genaue Übersetzungen. Und die am weitesten verbreitete stammte von Luther, ihrem Erzfeind. Nur wenige Täufer waren wie Menno Simons in der Lage, die Vulgata, also die alte lateinische Bibelübersetzung, oder wie Hans Denck und Konrad Grebel die griechischen und hebräischen Originaltexte zu lesen.
Viele Täufer kümmerten sich auch wenig um den Kanon. Sie akzeptierten und zitierten auch apokryphe Bücher, wie das 3. und 4. Buch Esra oder 3. Makkabäer. Sie scheinen beeinflusst von Schriften wie Pseudo-Dionisius, Nikodemus-Evangelium, Testament der zwölf Patriarchen und der Heiligenliteratur. Im Ausbund, dem ältesten Liederbuch der Täufer, wird das Martyrium des Heiligen Laurenz, der Heiligen Agatha, Margarethe, Katharina und anderer besungen. Der Märtyrerspiegel enthält weitere solche Beispiele. In den ersten 150 Jahren der Bewegung gab es wenig Auseinandersetzung über das Schriftverständnis. Das täuferische Schriftverständnis zeigte sich in der Praxis, in der Nachfolge des menschgewordenen Wortes, Jesus Christus.
Waren die Täufer deshalb Mystiker oder ähnelten sie den späteren Pietisten? Zweifellos waren sie stark von der mittelalterlichen Mystik beeinflusst. Doch sie ließen die Mystiker hinter sich, als sie sich aufmachten, Jesus nachzufolgen. Die mittelalterliche Mystik und der später folgende Pietismus betonten ebenfalls die innere und verborgene Gemeinschaft mit Christus. Manche ihrer Vertreter jedoch gaben ihren seelischen Erfahrungen und spirituellen Offenbarungen jedoch so hohen Stellenwert, dass das Beispiel Jesu an den Rand gedrängt zu werden drohte. Anderen gab ihre mystische Erfahrung Kraft zur Nachfolge im Alltag. Sie blieben Teil der Kirche und wollten darin Nachfolge leben. Für die Täufer war das undenkbar.

Menno Simons, vormals Priester im friesischen Witmarsum, äußerte sich nach seinem »Ausgang aus dem Papsttum« 1539 skeptisch zur Betonung übernatürlicher Erfahrungen:

Nicht durch irgendwelche Offenbarung oder himmlische Eingebung, sondern allein durch das ausdrückliche, buchstäbliche Wort des Herrn und aus meiner innersten Seele sage ich, dass diese unsere Lehre, nicht unsere, sondern desjenigen ist, der uns gesandt hat, nämlich Jesus Christus. Alle, die seinen Willen tun wollen, werden erkennen, dass unsere Lehre aus Gott ist und dass wir nicht unsere eigenen Ansichten, Träume und Gesichte sprechen.