Institution Kirche – Institution Schule – dieselben Probleme

In früheren Artikeln habe ich ab und zu auf einige Probleme der institutionalisierten Kirche hingewiesen, die offensichtlich nicht mehr das ist, was Jesus ursprünglich gemeint hat. In anderen Artikeln bin ich auf einige Probleme der Institution „Schule“ eingegangen. Beim Nachdenken darüber ist mir aufgefallen, dass viele Probleme dieser beiden Institutionen parallel laufen. Beide „institutionalisieren“ Menschen in einer Weise, die sowohl dem Plan Gottes wie auch den nach aussen hin erklärten Zielen dieser Institutionen zuwiderlaufen. Ich möchte jetzt gerne einige dieser Parallelen aufzeigen.

Beide Institutionen sind familienfeindlich

Das ist der Punkt, der uns persönlich am meisten betrifft. Als Eltern möchten wir unseren Kindern ein gesundes Familienleben mitgeben, und das bedeutet in erster Linie Zeit zu haben, um für sie da zu sein. Leider stellten wir fest, dass sowohl die Schule wie auch die institutionelle Kirche dieses Ziel massiv behindern.

In den allermeisten christlichen Kirchen werden bei den meisten Anlässen – insbesondere im „Gottesdienst“ – die Kinder von ihren Eltern getrennt. In vielen Kirchen, die ich kennenlernte, ist der Kindergottesdienst vom Erwachsenengottesdienst nicht nur räumlich, sondern auch zeitlich getrennt, sodass die Familien nicht einmal gemeinsam „zur Kirche gehen“ können. Eine Familie, die regelmässig die Anlässe einer solchen Kirche besucht, kann sonntags kaum noch gemeinsam Zeit verbringen.

Bei Untersuchungen in den USA wurde festgestellt, dass die Scheidungsrate unter bekennenden Christen ebenso hoch ist wie unter der übrigen Bevölkerung. Offenbar tragen die Kirchen nichts dazu bei, den Familienzusammenhalt zu stärken.

In den meisten Kirchen heisst der Kindergottesdienst „Sonntagschule“. Deutlicher kann man die Nähe zur Institution Schule nicht mehr ausdrücken.

Natürlich läuft diese ganze Institutionalisierung und altersgruppenweise Verwaltung von Kirchenmitgliedern der Bibel zuwider. In der ursprünglichen christlichen Gemeinde war die Familie das Zentrum des „Gemeindelebens“, und alles andere wurde um die Familie herum aufgebaut. Aber die heutigen institutionalisierten Kirchen haben das „Gemeindeleben“ der Familie entfremdet und es in ein unpersönliches Gebäude für schulähnliche Veranstaltungen verlegt.

In den letzten Jahren sind wieder vermehrt Hausgemeinden gegründet worden, die dem neutestamentlichen Urbild näherkommen möchten. Solche Hausgemeinden haben die grosse Chance, die Familie als Kern des Gemeindelebens wiederzuentdecken und die institutionellen und „schulischen“ Formen von „Kirche“ abzulegen. Die Frage ist, ob sie diese Chance wahrnehmen werden. (Da es in Perú m.W. noch keine Hausgemeindebewegung gibt, kann ich diese Frage nicht aus eigener Beobachtung beantworten.)

Wenn wir nun von der Institution Schule sprechen, da ist die Zertrennung der Familien noch offensichtlicher. Immer früher und immer länger werden die Kinder von ihren Familien getrennt. Lag das Schuleintrittsalter vor hundert Jahren noch um acht Jahre und bestand ein Schultag aus wenigen Stunden, so müssen heute in vielen Ländern (z.B. hier in Perú) schon die Dreijährigen zur Schule gehen. Im Primarschulalter sind sie täglich rund sechs Stunden ausser Haus, in der Sekundarschule können es bis acht Stunden sein. Und selbst die schulfreie Zeit ist nicht wirklich frei: In dieser Zeit müssen Hausaufgaben gemacht werden – je länger je mehr als Gruppenarbeiten, sodass die Kinder auch in dieser Zeit nicht zuhause sein können. Was bleibt da noch an Zeit übrig, um auch nur halbwegs ein Familienleben zu pflegen?

Aber nach dem Willen der Schulplaner soll es ja gar kein Familienleben geben. Schon vor über 20 Jahren bemerkte Eberhard Mühlan:

“Der Deutsche Bildungsrat empfiehlt allen Ernstes als Ziel des pädagogischen Handelns im Elementarbereich, ‘die Abhängigkeit des Kindes von Bezugspersonen zu mindern’. Damit sind in erster Linie wir Mütter und Väter gemeint! (…) Die Kinder gehören der Gesellschaft, die grosszügigerweise gewisse Erziehungsaufgaben an die Eltern oder an staatliche Einrichtungen verteilt.”
(Eberhard Mühlan, “Kinder in der Zerreissprobe”, Schulte+Gerth Verlag 1985)

Offenbar ist dieses Ziel inzwischen weitgehend erreicht worden: Funktionierende Familien sind kaum noch anzutreffen. Ist es zu weit hergeholt, diese Entwicklung hauptsächlich der zunehmenden Verschulung und Institutionalisierung der Gesellschaft zuzuschreiben?

Unantastbare Autoritäten

In beiden Institutionen, Schule und institutionalisierte Kirche, gibt es Autoritätspersonen, die sich einen Absolutheitsanspruch anmassen, der nicht in Frage gestellt werden kann bzw. darf.

Der Lehrer ist ein berufsmässiger Besserwisser, der anderen Menschen vorschreibt, was und wie sie zu lernen haben. Darauf beruht das System, und deshalb kann nicht zugelassen werden, dass ein Schüler etwas besser weiss als sein Lehrer – das könnte das ganze System zum Zusammenbruch bringen. Ebensowenig kann zugelassen werden, dass ein Schüler selbständig Dinge lernt, die sein Lehrer nicht weiss, oder die nicht im Lehrplan stehen; oder dass er auf andere Weise lernt, als die Schule vorschreibt. – Ich will hiermit nicht unterstellen, Lehrer handelten böswillig aus den erwähnten Absichten heraus. Nur zu oft sind sie selber auch Gefangene eines Systems, das sie nicht ändern können. Da ich selber als Lehrer gearbeitet habe, weiss ich aus eigener Erfahrung, wie schwer manchmal die Last sein kann, alles besser wissen zu müssen.

Etwas ganz ähnliches geschieht in vielen Kirchen. Der Pfarrer / Prediger ist in der Regel von einer „sakralen Aura“ umgeben, die weit über die wirkliche Autorität hinausgeht, die ihm natürlicherweise zukäme. Verschiedene Konfessionen bewerkstelligen das auf verschiedene Weise, aber das Endergebnis ist überall etwa dasselbe:
- In der katholischen Kirche herrscht die Idee, der Priester werde durch die Priesterweihe zu einer besonderen Klasse Mensch – ein „Kleriker“, aus der Masse der „Laien“ herausgehoben -, und deshalb darf er nicht in Frage gestellt werden, selbst wenn er unrecht hat. Wie mir einmal ein katholischer Apologet sinngemäss schrieb: „Die Kirche ist heilig, weil sie von Jesus selber eingesetzt worden ist, und deshalb müssen wir sie als heilig ansehen, selbst wenn wir in ihr Dinge sehen, die wir als unheilig bezeichnen würden.“ Also: Wenn ich in der Hierarchie der Kirche etwas Unheiliges beobachte, erkläre ich es einfach dennoch als heilig, und damit habe ich das Problem als gelöst zu betrachten.
- Reformierte Pfarrer gewinnen ihren Status hauptsächlich aus der Tatsache, dass sie studierte Theologen sind. Somit wissen sie „tiefe Geheimnisse“, die von gewöhnlichen Laien nicht gewusst werden können. (Insbesondere, wie man mehr oder weniger überzeugend begründet, warum ein bestimmter Abschnitt in der Bibel nicht das bedeutet, was er effektiv aussagt.) Deshalb können Theologen von Nicht-Theologen nicht in Frage gestellt oder belehrt werden. Ungeachtet der Tatsache, dass sowohl Theologen wie „Laien“ dieselbe Bibel vor sich haben…
- In vielen evangelikalen und pfingstlichen Kirchen ist eine Lehre vorherrschend, wonach Gott zu gehorchen bedeutet, „der von Gott eingesetzten Leiterschaft zu gehorchen“. Wer sich seinem Pastor „unterordnet“, der geniesst gemäss dieser Lehre die „Abdeckung“ Gottes; wer ihm widerspricht, ist den Angriffen des Feindes schutzlos ausgeliefert. Oft wird das so weit getrieben, dass gesagt wird: „Du musst dich deinem Leiter unterordnen, selbst wenn er unrecht hat oder sündigt, denn Gott wird dich danach beurteilen, ob du deinem Leiter gehorcht hast oder nicht.“ – Es würde hier zu weit führen, im Detail zu zeigen, warum diese Lehre abwegig ist. Der Effekt ist klar: Pastoren erhalten eine unantastbare Machtstellung, denn ihnen zu widersprechen würde ja bedeuten, unter das Gericht Gottes zu fallen. Heute wird das als „geistlicher Missbrauch“ bezeichnet.
(Nebenbemerkung: Interessanterweise befinden sich die Evangelikalen mit dieser Auffassung näher beim Katholizismus als bei der Reformation.)

In beiden Institutionen, Schule und institutionelle Kirche, führt die beschriebene Situation zur Bevormundung, Abhängigkeit und dauernden Unreife der Personen, die unter diesen Institutionen stehen. Folgen sind: Verlust der Kreativität, des selbständigen Denkens und des Urteilsvermögens; Abhängigkeit von vorgegebenen Lern- und Verhaltensmustern; Entpersönlichung. Derart „institutionalisierte“ Kirchenmitglieder lernen nicht, Jesus nachzufolgen, sondern ihren Leitern. Derart „institutionalisierte“ Schüler lernen nicht, wirkliche Kenntnisse zu erwerben, sondern sie lernen nur, wie sie antworten müssen, dass der Lehrer zufrieden ist.

Auch bei diesem Punkt muss ich hervorheben, dass die ursprüngliche christliche Gemeinde anders war. Dort gab es nur eine absolute Autorität, Jesus selber. Gegenüber allen anderen Autoritäten galt: „Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen“ (Apostelgeschichte 5,29) und: „Prüft alles, behaltet das Gute“ (1.Thessalonicher 5,21).

Dem Opfer wird die Schuld gegeben

Es ist eine traurige Dynamik in den meisten Situationen des Machtmissbrauchs, dass dem Opfer auch noch die Schuld zugeschoben wird für das, was ihm zugestossen ist. Leider tritt diese Dynamik auch in den hier beschriebenen Institutionen auf.

Die institutionalisierte Kirche lehrt: „Ohne Pastor und institutionelle Kirche kann ein Christ nicht im Glauben wachsen.“ Es ist also Gesetz, dass man die kirchlichen Anlässe besucht und sich vom Pastor „pastorisieren“ lässt. Je nach Ausrichtung der jeweiligen Kirche muss man auch noch andere Auflagen erfüllen, wie z.B: die Sakramente in Anspruch nehmen, den Zehnten geben, ein Bibelstudienprogramm besuchen, Bauprojekte unterstützen, usw. Als Gegenleistung wird Wachstum im christlichen Glaubensleben versprochen.
Was geschieht aber, wenn dieses Wachstum nicht eintritt – wenn z.B. jemand von dem ganzen „Christentum“ zunehmend gelangweilt statt auferbaut wird, oder wenn jemand in grobe Sünde fällt? Meistens wird dann dieser Person die Schuld gegeben: „Du hast eben nicht genug Gott gesucht“, oder „Du hast einen kritischen Geist gegen die Leiterschaft“, oder „Du musst mehr Selbstdisziplin, Hingabe, Glaube (oder was auch immer) haben“, etc.
Ist das nicht ein Widerspruch? Wenn es der Pastor und die Kirche wäre, was Glaubenswachstum hervorbringt, ist es dann nicht deren Schuld, wenn dieses Wachstum nicht eintritt? Wenn andererseits der Gläubige selber für sein Glaubensleben verantwortlich ist, warum soll er sich dann von einer institutionellen Kirche abhängig machen?

(Anmerkung: Geistliche Gemeinschaft unter Christen und gegenseitige Auferbauung ist etwas sehr Wichtiges. Ich möchte überhaupt nichts dagegen sagen. Aber gerade diese Art Gemeinschaft findet in den institutionellen Kirchen nur höchst selten statt – meistens muss man sie ausserhalb dieser Kirchen suchen.)

Dasselbe geschieht auch in den Schulen. Schulbehörden und Lehrerverbände verkünden: „Ohne Schule und ohne Lehrer kann man nicht lernen.“ Es ist also Gesetz, dass Kinder und Jugendliche die Schule „besuchen“ (richtiger gesagt: gezwungenermassen den grössten Teil des Tages in der Schule absitzen), sich vom Lehrer belehren lassen und zuhause Hausaufgaben machen. Als Gegenleistung wird Lernerfolg versprochen.
Was geschieht aber, wenn dieser Lernerfolg nicht eintritt – wenn z.B. ein Schüler sich ständig nur langweilt, schlechte Noten hat und immer weniger versteht? Meistens wird dann dem Schüler die Schuld gegeben (oder dessen Eltern): „Du hast eine Lernstörung“, oder „Du hast eine gestörte häusliche Umgebung“, oder „Du bist einfach faul“, etc.
Ist das nicht derselbe Widerspruch? Wenn es die Schule und die Lehrer wären, die zum Lernerfolg führen, ist es dann nicht deren Schuld, wenn dieser Erfolg nicht eintritt? (Wie einmal jemand sagte: „Schulversagen ist in Wirklichkeit das Versagen der Schule.“) Wenn andererseits der Schüler selber für sein Lernen verantwortlich ist, warum zwingt man ihn dann dazu, zur Schule zu gehen, wenn es doch so viele alternative Lernmöglichkeiten gibt?

Zu beiden Institutionen muss zudem gesagt werden, dass die Versagerquote hoch ist – zu hoch im Vergleich mit dem, was sie versprechen. Schulen und Lehrer setzen sich selber ins Unrecht, wenn sie dem „homeschooling“ mangelnde Qualität vorwerfen, während sie selber so viele Schüler mit mangelhaften Noten und mangelhaften Kenntnissen hervorbringen. Und Kirchen und Pastoren setzen sich selber ins Unrecht, wenn sie den „nicht-institutionellen“ Christen Ungehorsam, mangelnde Verbindlichkeit und weiss ich was noch alles vorwerfen, während sie selber so viele Mitglieder hervorbringen, die dem Wort Gottes ungehorsam sind oder überhaupt vom Glauben abfallen.

Falsche Kriterien für die Eignung zu einer bestimmten Aufgabe

In einer weniger verschulten und institutionalisierten Gesellschaft konnte ein Arbeiter durch die Qualität seiner Arbeit überzeugen. Wer in einem Handwerk ein Meister werden wollte, der übte sich so lange, bis er ein Produkt von Spitzenqualität herstellen konnte – eben sein „Meisterstück“. Auf welche Weise er genau zu dieser Fähigkeit kam, war dabei unwesentlich. – Salomo sagte: „Siehst du einen Mann, geschickt in seinem Beruf? In Königsdienst wird er treten, Niedrigen wird er nicht dienen.“ (Sprüche 22,29).

Aber in der heutigen institutionellen Bürokratie genügt es nicht, die eigene Fähigkeit zu beweisen. Man braucht in erster Linie ein offizielles Diplom. Dieses bescheinigt nicht so sehr die tatsächliche Fähigkeit oder die tatsächlichen Kenntnisse, als vielmehr die Tatsache, dass man den offiziell vorgeschriebenen Ausbildungsgang hinter sich gebracht hat. Das wirkliche Lehrziel der Ausbildung besteht nicht in den entsprechenden Kenntnissen und Fähigkeiten, sondern in der Unterordnung unter die Institution. Dass man dieselben Fähigkeiten oder Kenntnisse auch auf anderen Wegen erlangen könnte, wird dabei nicht berücksichtigt. Man wird nicht darnach bewertet, was man als Mensch ist oder kann, sondern darnach, ob man sich „institutionalisieren“ lässt. Man muss die vorgeschriebene Schule besuchen, die vorgeschriebenen Prüfungen ablegen, und dann bekommt man ein Diplom, mit dem man einen Arbeitgeber suchen kann. Das führt zur „Angestelltenmentalität“ (diesen Ausdruck habe ich mir von Wolfgang Simson ausgeliehen): man bettelt darum, dass einem jemand Arbeit gibt, und ist dann ein Leben lang von seinem Arbeitgeber abhängig. Der Gegensatz dazu wäre die „Unternehmermentalität“: Man schafft sich selber seine Arbeit, aufgrund der eigenen Kenntnisse und Fähigkeiten.

Die institutionelle Kirche macht dieses Spiel freudig mit. Das Glaubensleben von Mitgliedern wird danach beurteilt, wie oft sie zum Gottesdienst kommen, wieviel Zeit sie der Gemeinde zur Verfügung stellen, wieviele Glaubenskurse sie besucht haben, usw. (Erwähnt Jesus irgendetwas davon als Mass unserer Liebe zu ihm?) – Pastoren und Leiter werden selten nach ihren Fähigkeiten und ihrer geistlichen Berufung gewählt. Vielmehr müssen sie zuerst den vorgeschriebenen Ausbildungsgang absolvieren (Bibelschule bzw. Theologiestudium; Kandidatenzeit bzw. Vikariat, usw.), und dann unter Beweis stellen, dass sie sich widerspruchslos in die Institution einfügen. Kirchen suchen „Angestellte“, und einige wenige Leiter an der Spitze gefallen sich in der Rolle der „Arbeitgeber“ – aber ein gewöhnlicher Christ kann und darf in einer solchen Kirche nichts aus eigener Initiative „unternehmen“.

Wie anders sah die Ausbildung eines neutestamentlichen Mitarbeiters wie z.B. Timotheus aus! Paulus lud ihn einfach ein, ihn auf der Reise zu begleiten. Timotheus half ihm, wo er konnte, und erlebte mit, wie neue Gemeinden gegründet wurden und Gott wirkte. Dadurch lernte er und wuchs in Verantwortung. Seine Beziehung zu Paulus war persönlich, nicht „institutionell“. Timotheus war kein „Missionskandidat der Missionsgesellschaft Paulus & Co.“ (Es ist sehr bezeichnend, dass im Rahmen der neutestamentlichen Gemeinde keine Eigennamen von Institutionen, „Werken“ oder Gruppierungen vorkommen!) Er musste auch keinen vorgeschriebenen Lehrplan absolvieren und erhielt nie ein Abschlusszeugnis. Er war einfach ein Glaubensbruder, der einem anderen Glaubensbruder half und dabei offenbar seine eigene Berufung entdeckte.
Ein solcher „Mitarbeiter in Ausbildung“ musste auch nicht unbedingt von Paulus „abgedeckt“ sein. Wir sehen, dass ein unabhängiger Mitarbeiter wie z.B. Apollos genau dieselben Chancen hatte wie Timotheus. (Apg.18,24-28, 1.Kor.3,1-9). – Der Apostel Johannes wendet sich in seinem dritten Brief scharf gegen die institutionellen Einschränkungen der Gemeindemitarbeit, wie sie heute überall an der Tagesordnung sind: „Ich habe der Gemeinde etwas geschrieben; aber Diotrephes, der unter ihnen gern der Erste wäre, nimmt uns nicht an. (…) Und damit nicht zufrieden, nimmt er weder selber die Brüder auf, noch lässt er es denen zu, die es tun wollen, und stösst sie aus der Gemeinde aus.“ (3.Joh.9-10) Allzuviele heutige Gemeinden werden von einem modernen Diotrephes geleitet.
- Zurück zu Timotheus. Es muss einmal der Moment gekommen sein, wo die Mitbrüder seine geistliche Berufung und Befähigung erkannten und anerkannten. Allmählich wurde sein Dienst von dem des Paulus unabhängig. Die Brüder beteten für ihn mit Handauflegung; aber auch da erhielt Timotheus keinen „Titel“ und keine offizielle „Anstellung“. Er wird nie „Pfarrer Timotheus“, „Lehrer Timotheus“, „Evangelist Timotheus“ oder so ähnlich genannt (obwohl er anscheinend alle die Gaben hatte, die diesen Bezeichnungen zugrunde liegen). Er wurde nie in ein institutionelles Schema gepresst. Er war schlicht und einfach Timotheus, mit genau den persönlichen und unverwechselbaren Gaben und Fähigkeiten, die Gott ihm gegeben hatte und die die Mitbrüder in ihm sehen konnten.

Vorgeschriebene Prozeduren statt Erfüllung der eigentlichen Aufgabe

Es ist mir schon aufgefallen, dass berufsmässige Lehrer sich nur selten dafür interessieren, wie Kinder wirklich lernen. Natürlich gibt es Ausnahmen. Aber in der Regel habe ich gefunden, dass gerade Lehrer die grössten Schwierigkeiten haben, Daten über Lernvorgänge und geeignete Lernumgebungen zur Kenntnis zu nehmen. Sie sind derart voll von staatlich vorgeschriebenen Prozeduren, Lehrplänen und Lehrmethoden, dass sie nicht mehr danach fragen, ob diese Prozeduren und Methoden tatsächlich ihrem angeblichen Ziel dienen, nämlich dass Kinder lernen. – Umgekehrt fand ich, dass gerade jene Personen, in denen ich eine natürliche Lehrbegabung feststellen konnte, am wenigsten daran interessiert waren, den Lehrerberuf zu ergreifen.
Schuldirektoren, Mitglieder von Schulbehörden, usw, sind in der Regel noch weiter entfernt von der pädagogischen Wirklichkeit. Sie sind vollends zu Funktionären des Staates geworden, blind dessen Anordnungen folgend, ohne überhaupt danach zu fragen, ob irgendetwas davon wirklich gut ist für die Kinder.

Meine eigenen Kinder haben am meisten gelernt bei Aktivitäten, die am wenigsten mit „Schule“ zu tun hatten: Gemeinsam herausfinden, wie man ein bestimmtes Computerspiel programmieren kann. Im Internet Bilder und Beschreibungen von Tier- und Pflanzenarten suchen. Eine Reise in eine andere Landesgegend unternehmen. Spontan ein Buch lesen, das einen interessiert, ohne vorgegebene Prüfungsfragen dazu beantworten zu müssen.

Etwas ganz ähnliches beobachte ich in den institutionalisierten Kirchen. Pfarrer und Pastoren fragen höchst selten danach, wie Christen in ihrem Glaubensleben wachsen, wie Gott bei einer echten Bekehrung wirkt, und ob ihre Gemeindeglieder wirklich zum Glauben an Jesus gekommen sind. Stattdessen sind sie voll von übernommenen evangelistischen Strategien und kirchlichen Traditionen, die angepasste Mitglieder hervorbringen, aber Gläubige an Jesus? Man gibt sich damit zufrieden, dass jemand von der Strategie „erreicht“ wurde, die gerade Mode ist (Massenevangelisation, Strassenpredigt, Alphakurs, „besucherfreundlicher Gottesdienst“, oder was auch immer), und die vorgeschriebenen Schritte durchlaufen hat („Übergabegebet“, Taufe, Glaubensgrundkurs, etc.). Die richtige Durchführung der Prozeduren und Rituale wird wichtiger genommen als die Frage, ob überhaupt noch eine geistliche Wirklichkeit dahintersteht.

Die intensivsten gemeinsamen Gebetszeiten und das lebendigste Interesse an Glaubensfragen habe ich meistens in einem Umfeld gefunden, das am wenigsten mit „Kirche“ zu tun hatte: bei „wilden“, von keiner Gemeinde abgesegneten Jugendversammlungen und -einsätzen.

Sowohl für Schule wie für Kirche gilt: Je institutionalisierter, desto mehr an der eigentlichen Aufgabe vorbei.

Institutionalisierung der mitmenschlichen Beziehungen

Sowohl die Schule wie auch die institutionalisierten Kirchen begehen einen Etikettenschwindel hinsichtlich der mitmenschlichen Beziehungen. Die Schule behauptet, zur „Sozialisierung“ der nächsten Generation notwendig zu sein. In Diskussionen um das „Homeschooling“ (Bildung zuhause) wird oft gefragt: „Wie sollen die Kinder denn lernen, sich in eine Gruppe einzufügen, wenn sie nicht zur Schule gehen?“ „Wie sollen sie lernen, mit Andersdenkenden umzugehen?“ etc. – In ganz ähnlicher Weise behaupten Vertreter der institutionalisierten Kirchen, ein Christ brauche diese Institutionen, um christliche Gemeinschaft zu haben und zu lernen.

Die tatsächliche Praxis sieht aber ganz anders aus. In Wirklichkeit werden in beiden Institutionen die mitmenschlichen Beziehungen den institutionellen Zielen untergeordnet und dadurch verfremdet. Statt dass die Menschen zusammengeführt werden, werden sie voneinander getrennt. Es gibt meines Wissens nur zwei Arten von Orten auf der Welt, wo Menschen stundenlang nebeneinander auf einer Bank sitzen, ohne miteinander auch nur ein Wort wechseln zu können bzw. zu dürfen: in der Schule und in der Kirche. – Nein, es gibt noch einen dritten solchen Ort: in einem klassischen Konzert. Aber da behauptet niemand, der Besuch von klassischen Konzerten sei notwendig, um mitmenschliche Gemeinschaft zu haben.

Was für mitmenschliche Beziehungen gibt es denn unter den Schülern einer Schule? Sie begegnen einander in erster Linie nicht als Mitmenschen, sondern als Konkurrenten. Es ergibt sich eine Hackordnung, wo das „Recht des Stärkeren“ durchgesetzt wird. Tugenden wie Hilfsbereitschaft, Ehrlichkeit, Mitleid, usw, werden dagegen nicht gefördert. Wie John Taylor Gatto nach über 30-jähriger Erfahrung als Lehrer sagte:

„Die Kinder, die ich unterrichte, sind grausam untereinander. Sie haben kein Mitleid mit dem Unglücklichen, lachen über Schwachheit, und verachten ihre Nächsten, die Hilfe brauchen. – Die Kinder, die ich unterrichte, fühlen sich unwohl bei menschlicher Nähe und Aufrichtigkeit. Sie gleichen vielen Adoptivkindern, die ich kennenlernte: sie können mit echter Intimität nicht umgehen, weil sie sich daran gewöhnt haben, ihr echtes Ich geheimzuhalten hinter einer künstlichen äusseren Persönlichkeit…“
(Siehe „Warum Schulen nicht bilden“.)

Und wie steht es mit dem Umgang mit Andersdenkenden? Wer anders denkt als der Lehrer, hat keine Chance. Und auf Gebieten, wo der Lehrer nichts dazu sagt, bildet sich schnell aufgrund der Hackordnung eine „Klassen-Massen-Meinung“. Wer sich der nicht anschliesst, wird zum Aussenseiter – selbt über so unwichtigen Fragen wie die nach der besten Fernsehsendung, dem besten Sportler oder der besten Musikgruppe.

Was die Beziehung zwischen Lehrer und Schüler betrifft, so kann diese kaum offen und mitmenschlich werden, solange der Lehrer aufgrund seiner Gewalt der Notengebung die absolute Kontrolle über den sozialen Status und die berufliche Zukunft seiner Schüler hat. Ein Lehrer mag persönlich noch so mitfühlend sein und seine Schüler echt wertschätzen – das System zwingt ihn dazu, jenen, die weniger „leisten“, einen negativen Stempel aufzudrücken.

Wie anders war das in den Zeiten, als ein angehender Handwerker oder Akademiker sich noch persönlich seinen Lehrmeister aussuchen konnte, nicht unter institutionellem Druck, sondern mit persönlicher Kenntnis des Lehrmeisters und dessen Qualitäten! Ein griechischer Philosoph zu seinen Schülern, ein altjüdischer Prophet oder Rabbi zu seinen Jüngern, ein mittelalterlicher Handwerksmeister zu seinen Gesellen – diese hatten sicherlich engere und offenere Beziehungen zueinander als ein heutiger Lehrer zu seinen Schülern, oder ein heutiger Pastor zu seinen Gemeindemitgliedern. Hauptsächlich, weil die damaligen Lehrer-Schüler-Beziehungen auf Freiwilligkeit beruhten. Aber je mehr die Institutionalisierung fortschritt, desto schneller nahm die Qualität der mitmenschlichen Beziehungen ab.

- Was die institutionalisierten Kirchen betrifft, so findet bei deren Anlässen in Wirklichkeit äusserst wenig „Gemeinschaft“ statt. Nebeneinander in einer Bank zu sitzen, dieselben Lieder zu singen und dieselbe Predigt anzuhören, ist noch lange keine Gemeinschaft. – Viele Kirchen heute haben Hauskreise. Das ist ein Schritt in die richtige Richtung. Aber allzu oft sind diese Hauskreise zentral programmiert und überwacht, sodass ein vorgegebenes Programm absolviert werden muss, das eine wirklich transparente Gemeinschaft verhindert. Oder sie stehen unter einem Leistungsdruck, so und so viele neue Mitglieder zu gewinnen, und bemühen sich deshalb krampfhaft, „anziehend“ zu sein – was genau das Gegenteil bewirkt. – Unabhängige Hausgemeinden haben in dieser Hinsicht mehr Freiheit; aber ob sie diese Freiheit wirklich nutzen bzw. sie ihren Mitgliedern zugestehen, steht auf einem anderen Blatt.
In dem Buch „Der Schrei der Wildgänse“ (Wayne Jacobsen und Dave Coleman) fordert ein Besucher eines Hausgemeindetreffens die Teilnehmer mit den folgenden Bemerkungen und Fragen heraus:

„Statt zu versuchen eine Hausgemeinde zu bauen, lernt einander zu lieben und eure Lebensreise miteinander zu teilen. An wessen Seite bittet dich Gott jetzt gerade den Weg zu gehen, und wie kannst du diese Person ermutigen? (…) Versucht nicht, es gezwungen, exklusiv oder dauerhaft zu machen. Beziehungen funktionieren nicht auf diese Weise. (…) Die Gemeinde ist Gottes Volk, das lernt, sein Leben miteinander zu teilen. Marvin hier und Diana dort drüben. Als ich Ben nach eurem gemeinsamen Leben fragte, hat er mir über eure Zusammenkünfte erzählt, aber nichts über eure Beziehungen. Das war vielsagend. Kennst du Roarys grösste Hoffnung, oder Jakes gegenwärtige Kämpfe? Solche Dinge kommen selten während Zusammenkünften zutage. Sie erscheinen im Rahmen natürlicher Beziehungen während der Woche.“

Zur Beziehung zwischen Pastoren/Pfarrern und Gemeindegliedern muss ähnliches gesagt werden wie zur Beziehung zwischen Lehrern und Schülern. Nur dass die Gewalt des Gemeindeleiters nicht über die berufliche Zukunft besteht (vollzeitliche Kirchenmitarbeiter ausgenommen), sondern – angeblich – über die ewige Zukunft. Gerade bei tiefgläubigen Mitgliedern kann das zu einem unerträglichen Druck führen.

Grundsätzlich könnte man sagen, dass der Grad der Institutionalisierung umgekehrt proportional ist zum Grad echter Gemeinschaft. Wie ich in anderem Zusammenhang schon ausführte, werden in einer solchen Umgebung die mitmenschlichen Beziehungen zu Zweckfreundschaften verfremdet. Man ist einander nicht mehr als Mitmensch wichtig, sondern nur als Förderer der institutionellen Ziele. Man zeigt nach aussen hin Verständnis, Nächstenliebe oder Hilfsbereitschaft mit seinen Mitmenschen – aber nur solange diese sich mit-institutionalisieren lassen. Wenn der institutionelle Zweck wegfällt, platzt die Seifenblase einer solchen „Freundschaft“.

Erst recht fatal wirkt sich die Institutionalisierung aus, wenn es zu Konflikten kommt. Diese werden dann überproportioniert zu institutionellen „Disziplinarfällen“, und können im Extremfall die ganze berufliche und persönliche Zukunft von Betroffenen zerstören. In einer nicht-institutionalisierten Umgebung können dagegen persönliche Konflikte auf persönlicher Ebene behandelt werden, was eine Lösung erheblich erleichtert. Ein Beispiel aus dem Neuen Testament möge dies illustrieren:

Paulus und Barnabas waren auf der ersten Missionsreise enge Mitarbeiter und Freunde gewesen. Einer ihrer Begleiter war Johannes Markus gewesen, der aber auf halbem Weg umkehrte – die Gründe dafür werden uns nicht mitgeteilt. Als sie dann zur zweiten Missionsreise aufbrachen, wollte Barnabas wiederum Johannes Markus mitnehmen, aber Paulus wollte nichts davon wissen. Über dieser Frage zerstritten sich Paulus und Barnabas und trennten sich. In der Folge unternahm Barnabas mit Johannes Markus eine eigene Missionsreise nach Zypern, während Paulus sich einen anderen Begleiter suchte und nach Kleinasien reiste. (Siehe Apostelgeschichte 15,36-40).

So wie die Geschichte uns berichtet wird, handelte es sich hierbei um eine persönliche Angelegenheit zwischen den Beteiligten, die darüber hinaus keine grösseren Wellen schlug. Die Auseinandersetzung berührte keine wesentlichen Glaubensfragen, und man konnte sie deshalb auf sich beruhen lassen. Ich nehme an, dass die Beziehung zwischen Paulus und Barnabas während längerer Zeit getrübt blieb. Aber keiner der Beteiligten wurde dadurch in seinem geistlichen Dienst geschädigt. Viele Jahre später lesen wir sogar, dass auch Paulus die Nützlichkeit von Johannes Markus wieder anerkannte (2.Timotheus 4,11). Immerhin handelt es sich bei diesem Mann um den Verfasser des Markusevangeliums.

Wie wäre diese Geschichte in einer heutigen institutionalisierten Kirche oder Missionsgesellschaft ausgegangen? – Da ich ähnliches schon erlebt habe, kann ich es mir ungefähr vorstellen. Die persönliche Auseinandersetzung wäre institutionalisiert worden: Da Paulus der Leiter des „Missionsunternehmens“ war, hätte seine Erklärung, Markus sei untauglich zur Missionsarbeit, sofort offizielle Geltung erlangt und wäre den wichtigsten Leitern bekanntgemacht worden. Barnabas hätte durch seine Trennung von Paulus seine „geistliche Abdeckung“ verloren (obwohl ursprünglich er der Hauptleiter gewesen war!) und wäre womöglich der „Kirchenspaltung“ und „Rebellion“ beschuldigt worden. Sowohl Barnabas wie Markus wäre die Weiterarbeit im Rahmen der mit Paulus verbundenen Gemeinden verunmöglicht worden. Entweder hätten sie aufgegeben, oder sie hätten eine neue Konfession bzw. Denomination gegründet. – Wie gut, dass Paulus sich nicht als Leiter einer „Institution“ verstand!

In einer institutionalisierten Umgebung können persönliche Konflikte nicht auf persönlicher Ebene gelöst werden, wo sie hingehören. Die Beteiligten können sich nicht einfach als Mitmenschen begegnen: ihr jeweiliger Rang innerhalb der institutionellen Hierarchie überschattet jeden Versuch der Kommunikation. Ein einzelner Leiter oder eine kleine Gruppe von Leitern institutionalisiert und verabsolutiert seine persönliche Meinung. Der persönliche Konflikt wird zu einer kirchenpolitischen Machtdemonstration von seiten des Leiters – oder zu einem Machtkampf, falls es sich um Leiter von ähnlichem Rang handelt.

Fazit

Kirche und Schule sind heutzutage beide in ähnlicher Weise institutionalisiert. Das führt in beiden Institutionen zu ganz ähnlich gelagerten Problemen.

Dementsprechend haben sich auf beiden Gebieten in den letzten Jahrzehnten ähnlich ausgerichtete Gegenbewegungen gebildet: Im Bereich der Bildung die Homeschooling- und Unschooling-Bewegung, und im Bereich der christlichen Gemeinde die verschiedenen Hausgemeindebewegungen, „beziehungsorientierte Gemeinde“ („relational church“), und andere Arten nicht-institutionalisierten Christentums. (Wobei einige Hausgemeindebewegungen ebenso institutionalisiert sind wie die traditionellen Kirchen; diese rechne ich hier nicht mit.)

Ich habe in diesem Artikel versucht, die Parallelen zu beschreiben. Mit der hauptsächlichen Absicht aufzuzeigen, dass die beiden Bewegungen – soweit Christen betroffen sind – wesensmässig zusammengehören und voneinander lernen können. Haus-Gemeinde und Home-Schooling sind eng miteinander verwandt. Beide – wenn richtig verstanden – stellen die Familie wieder in den Mittelpunkt des täglichen Lebens. Beide arbeiten für die Wiederherstellung der mitmenschlichen Beziehungen, die durch die Institutionalisierung verfremdet wurden. Und es ist meine Überzeugung, dass beide dem ursprünglichen Christentum näher stehen als jede andere zur Zeit existierende Bewegung.