30.13  Von was für Samen Gott der Vater seinen Sohn Jesum Christum aus Maria gezeugt hat

Von was für göttlichem Samen, Substanz, Materie oder Wesen Gott der Vater nach der Schrift seinen gebenedeiten Sohn Jesum Christum in der Zeit aus Maria gezeugt hat

— Auslassung im Originaltext, Anm. Aphthoria Verlag —

Ihr habt gleichermaßen in voller Kraft gehört, dass Gott der Vater ein wahrer Vater des ganzen Christus und der ganze Christus ein wahrer Sohn Gottes, seines Vaters, ist. Nun wollen wir euch auch durch des Herrn Gnade auf Grund und Kraft der heiligen göttlichen Schrift anweisen, was für eine göttliche Substanz, Materie, Samen oder Wesen es gewesen ist, aus welchem dieser nämliche Sohn Gottes und Marias – Jesus Christus – hergekommen und gezeugt ist, auf dass der ausgequalmte Rauch des Abgrunds (Offb 9,2) durch die Kraft des starken Wortes und den Wind des heiligen Geistes vertrieben werde und ihr die Klarheit der menschlichen Geburt Jesu Christi recht nach der Schrift erkennen und sehen mögt.

So lehrt uns der heilige Johannes und sagt:

»Im Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott und Gott war das Wort. Alle Dinge sind durch dasselbige gemacht und ohne dasselbige ist nichts gemacht, was gemacht ist. In ihm war das Leben […] Und das Wort (merkt, das im Anfange war) ward Fleisch, und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingebornen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit.« (Joh 1,1–4,14)

Seht, werte Leser, hier weist uns Johannes, als ein wahrer Zeuge der Wahrheit, den göttlichen Samen,die Materie oder das Wesen an (ich spreche auf menschliche Weise), aus welchem Gott der Vater den Menschen Christus in der Zeit aus Maria hervorgebracht und gezeugt hat, nämlich das unerforschliche, ewige Wort.

Wollt ihr einen unbeweglichen, rechten und festen Grund eures Glaubens und den rechten Verstand dieser Worte Johannis haben und euch durch den lügenhaften Samen der alten Schlange nicht betrügen noch durch die listige Verführung der Antichristen eures Seligmachers berauben lassen, so müsst ihr folgende zwei Regeln wohl merken und festhalten:

Erstens, dass Gott der Vater die ganze Schrift hindurch für einen wahren Vater seines Sohnes Christi bekannt wird (Mt 3,17; 16,16; 17,5; Lk 1,35; Joh 1,49; 3,16; 5,22; 6,35; 7,28; 8,23; 9,37) und dass niemand mit Wahrheit jemandes Vater sein kann, den er nicht aus seiner eigenen Substanz, d. h. aus dem Samen seines eigenen Leibes, hervorgebracht und gezeugt hat.

Zweitens, dass Christus Jesus die ganze Schrift hindurch für einen wahren Sohn Gottes, seines Vaters, bekannt wird (Mt 14,33; Mk 1,11; 9,7; 15,39; Lk 2,49) und dass niemand mit Wahrheit jemandes Sohn sein kann, der nicht aus seiner Substanz oder Samen hervorgekommen und gezeugt ist.

Da es denn mehr als klar ist, dass Gott der himmlische Vater ein wahrer Vater seines Sohnes Christus ist und dass Christus ein wahrer Sohn Gottes, seines Vaters, ist, wie die ganze Schrift hindurch bezeugt wird, so ist damit fest und offenbar, dass man das Zeugnis Johannis: »Und das Wort ward Fleisch,« ungebrochen und unglossiert lassen muss; denn da Christus Jesus Gottes wahrer Sohn und Gott der Vater Christi wahrer Vater ist, so muss der Vater das auch an oder bei sich gehabt haben, aus welchem er ihn, nämlich sein unerforschliches, ewiges Wort, durch welches alle Dinge geschaffen sind, gezeugt hat.

Wollen unsere Gegner dann sagen, dass das Wort von Anbeginn Geist gewesen ist und darum kein Fleisch werden konnte, so mögt ihr ihnen erstens so antworten: Konnte das Wort Gottes kein Fleisch werden, wie ihr sagt, so ist des Vaters Macht verkleinert und sein Arm verkürzt, mit dem er alles tun kann, was er will oder vorhat; und es hat alsdann der Engel eine falsche Botschaft zu Maria getragen, als er sagte, dass bei Gott kein Ding unmöglich wäre (Lk 1,37).

Zweitens mögt ihr antworten: Konnte das Wort kein Fleisch werden, wie ihr sagt, so hat uns die ganze Schrift betrogen, da sie ohne alle Teilung, Vereinigung oder Ausnahme von Naturen, Söhnen oder Personen lehrt und bezeugt, dass Christus Jesus Gottes Sohn und dass Gott sein Vater sei, wie gesagt worden ist.

Drittens mögt ihr antworten: Konnte das Wort kein Fleisch werden, wie ihr sagt, so bezeugt die heilige Schrift unrichtig, dass er von oben und nicht von unten sei (Joh 3,31; 8,23; Eph 4, 10); dass er vom Vater ausgegangen sei (Joh 16,28); dass er das Brot und der Herr vom Himmel sei (Joh 6,35; 1Kor 15,47); dass er das Alpha und das Omega sei (Offb 1,8; 22,13) und solcher Sprüche mehr.

Viertens mögt ihr antworten: Konnte das Wort kein Fleisch werden, wie ihr sagt, so muss eins von euch Unrecht haben: Entweder ihr, die ihr sagt, dass er es nicht werden konnte oder Johannes, der sagt, dass er es geworden sei, wie gehört worden ist.

Wollen sie dann weiter sagen, wie sie auch tun, dass das Wort sein Fleisch durch Zeugung von Marias Samen angenommen habe, mögt ihr erstens so antworten: So begehren wir, dass ihr uns mit der Schrift beweist, wo es geschrieben steht, dass eine Frau zeugenden Samen hat; oder wir sagen, dass es von den Glossen und Lügen der alten Schlange und nicht von des Herrn Wahrheit und Wort ist.

Zweitens mögt ihr antworten: Mit solch einem Annehmen beraubt ihr den Vater seines Sohnes und den Sohn seines Vaters. Ihr teilt Christum in zwei Teile, nämlich in Gutes und Böses, Gerechtes und Ungerechtes, Himmlisches und Irdisches. Ihr weist uns auf eine sündliche Kreatur und ein unreines Opfer. Ihr macht Maria wider alle Schrift und die ganze Ordnung Gottes, beides, zu Christi Vater und Mutter. Ihr betreibt große Abgötterei mit Adams kreaturischem, irdischem und sündlichem Fleische. Ihr macht alle frommen Zeugen Christi, wie Johannes den Täufer, Petrus etc., falsch und lügenhaft und euch selbst zu Antichristen und setzt die ganze Schrift in Widerspruch, wie man sehen kann.

Drittens mögt ihr antworten: Werden nennt man werden und annehmen nennt man annehmen und wird solches auch nie anders in der Schrift gefunden werden. So wenn Christus zwölf Jahre alt wurde, ist er es auch geworden, wenn man von der Zeit seiner menschlichen Geburt an rechnet (Lk 2, 42); Christus ward ein Fluch für uns (Gal 3,13) und ist es auch geworden, indem er zwischen zwei Mördern am Kreuze gehangen ist (Mt 27,38, Mk 15,27; Lk 23,33); Wasser wurde Wein und ist es auch geworden (Joh 2,9); Lots Weib ward zur Salzsäule und ist es auch geworden (1Mo 19,26); denn werden, sage ich, heißt werden und kann an keiner Stelle der ganzen Schrift als Annahme verstanden werden.

Wollen sie aber immer noch ihrer Vernunft folgen und sagen, dass wenn das Wort Fleisch geworden sei, es alsdann sein erstes Wesen durch Veränderung verloren habe, so mögt ihr ihnen erstens antworten: Johannes hat uns gelehrt, dass es Fleisch geworden ist, hat aber nicht einen Buchstaben mehr gesagt, wie weit es verändert oder nicht verändert worden ist, wie ihr Neugierigen, die ihr vom Geist des Antichristen getrieben werdet, ohne alle Schrift von uns hören und wissen wollt.

Zweitens mögt ihr antworten: Adam ist eine lebendige Seele geworden (1Kor 15,45); dennoch ist er Erde geblieben, wie der Herr zu ihm sagte:

»Du bist Erde, und sollst zu Erde werden.« (1Mo 3,19)

Drittens mögt ihr antworten: Wir müssen es mit dem Herzen glauben und nicht mit der Vernunft begreifen, denn Paulus sagt:

»Es ist aber der Glaube eine gewisse Zuversicht dessen, das man hofft, und nicht zweifelt an dem, das man nicht sieht.« (Hebr 11,1)

Viertens mögt ihr antworten: Paulus sagt, dass er Gott ist (Hebr 11,6); Christus sagt, dass er ein Geist ist (Joh 4,24); Zophar von Naema sagt, dass er höher, denn der Himmel, tiefer, denn die Hölle, länger, denn die Erde und breiter, denn das Meer ist (Hi 11,8–9); der Prophet sagt, dass er die Erde mit einem Dreiling begreift (Jes 40,12) und dass der Himmel sein Stuhl und die Erde seine Fußbank ist (Jes 66,1). Kein von Adam geborner Mensch ist so verständig und weise, dass er diesen Gott und Geist durch seine Vernunft recht ermessen und seine Gestalt begreifen kann.

Darum wäre es wohl gut, wenn sie ihre hochfliegende Vernunft in solchen unerforschlich tiefen Abgründen fahren ließen, sich in aller Demut unter des Herrn Wort beugten und die Worte Salomos bedächten:

»Wer schwere Dinge forschet, dem wird es zu schwer.« (Spr 25,27; Sir 3,21)

Ja, werte Leser, wenn die Vernunft und nicht die Schrift in dieser unerforschlich tiefen Sache gelten würde, so wollte ich ihnen wohl auch eine Frage über ihren Glauben durch die Vernunft vorlegen, welche sie schwerlich beantworten könnten und zwar würde es diese sein: Ob sie glauben, dass das allmächtige, unerforschliche Wort, von welchem Himmel und Erde voll sind und das auch des allmächtigen, ewigen Vaters ewige Weisheit und starke Kraft ist, sich so ganz und gar in ein zusammengeronnenes Blut, wie Micron an einer Stelle es genannt hat, wie gehört worden ist, oder in ein Körperchen von Marias Samen, wie nun sein Grund ist, gelegt und eingeschlossen habe oder nicht? Ich vermute, dass sie meine Frage unbeantwortet lassen werden; denn sagen sie, dass es ganz und gar darin gewesen sei, so machen sie damit einen Vater, der sein Wort, seine Weisheit und Kraft von sich abgetan und von sich selbst hinaus, in einen menschlichen Samen oder Blut eingeschlossen hat; sagen sie aber, dass es nicht ganz und gar darin gewesen sei, so machen sie ihren eigenen Grund lügenhaft und falsch, denn sie sagen und lehren, dass der Sohn Gottes, welcher Gottes ewiges Wort, Weisheit und Kraft ist, des Menschen oder Marias Sohn angenommen und sich damit in eine Person vereinigt habe.

Ich sage darum noch einmal, dass es wohl gut wäre, wenn sie solche unermessliche Tiefen unergründet ließen; unter den Wolken blieben und nicht mit ihrer irdischen, dummen Vernunft über alle Himmel hinfahren würden, denn ich lasse mir dünken, dass, wenn sie die Höhe des Himmels und die Tiefe des Abgrunds gemessen, die Schwere der Berge gewogen und die Tropfen des Regens gezählt haben, sie mir dann auch mit der Vernunft Auskunft geben, ja, ergründen und erklären werden, wie es um diese Sache steht, welche ich ihnen hier über ihren Glauben, Grund und Lehre aus der Vernunft (gleichwie sie uns tun) vorgestellt und sie in Betreff desselben gefragt habe.

Und darum sage ich, dass ich mich über diese unbegreifliche, wunderbar erhabene Sache ganz und gar nicht mit der Vernunft beratschlage, sondern meines Herrn Wort dafür hernehme, welches mich in aller Klarheit lehrt, dass Maria, die Mutter des Herrn, des allmächtigen, ewigen Vaters allmächtiges, ewiges Wort, durch welches er alles gemacht hat, was gemacht ist, durch den Glauben empfangen hat und dass dasselbe durch die starke Kraft und Wirkung seines allmächtigen, ewigen Geistes ein wahrer, sichtbarer, greifbarer, dem Leiden unterworfener, sterblicher, reiner und heiliger Mensch, nicht von ihr, sondern in ihr, über aller Menschen Begriff geworden ist. Es ist also er, welcher schon der Erstgeborne vor allen Kreaturen war, auch nach seinem wahren menschlichen Wesen Gott seinem Vater auf übernatürliche Weise der erst- und eingeborne, eigene, wahre Sohn Gottes dem Fleische nach aus ihr geboren, gleichwie Isaak dem Abraham aus Sara, Salomo dem David aus Bathseba und Johannes der Täufer dem Zacharias aus Elisabeth auf natürliche Weise geboren sind.

Dieser erst- und eingeborne, eigene, wahre Sohn Gottes ist damit der Verheißung gemäß in der Zeit auch ein Sohn Abrahams, Isaaks, Jakobs, Judas und Davids seiner Mutter (doch im Geschlechtsregister Josephs) halben geworden. Er hat das geistliche Gesetz, das kein Adamsfleisch vollbringen konnte, für alle Nachkommen Adams in vollkommener Gerechtigkeit aus Gnaden vollbracht (Röm 8,3) und unschuldig die Blutkelter des bittern Todes für uns getreten (Jes 63,3; Offb 19,15). Auf ihn weisen das Gesetz und alle Propheten und in ihm sind alle die herrlichen Verheißungen der unaussprechlich großen Gnade und Liebe Gottes erfüllt; und ist er also, nachdem er den Dienst seiner göttlichen Liebe vollbracht hat, wieder aufgefahren, wo er zuvor war (Joh 6,62), ein allmächtiger Gewalthaber und Herr, beides, im Himmel und auf Erden (Mt 28,18), der durch das Opfer seines unschuldigen Todes und roten Blutes unser einziger und ewiger Gnadenstuhl, Sühnopfer, Hoherpriester, Mittler, Fürsprecher und Friedenmacher bei Gott seinem Vater geworden ist (Röm 3,25; Eph 5,2; Hebr 6,20; 7,24; 8,1; 9,11; 10,12; 1Tim 2,5; 1Joh 2,1).

Und seht, so behält der allerhöchste, gnädigste und barmherzigste Gott und Vater seinen Ruhm, Preis und Ehre nur durch sein gebenedeites, ewiges Wort und Sohn und nicht durch Adams unreines, sündliches Fleisch, wie unsere Gegner lehren und vorgeben.

Merkt nun hiermit, liebe Leser, wie unsere Gegner in diesem Punkte betrogen werden durch ihre irdische, fleischliche Vernunft, welche diese erhabene, wunderbare Sache nicht nach der Schrift, sondern nach der Natur allein beurteilen will, weshalb sie auch nicht glauben, dass der allmächtige, starke Gott so viel Kraft gehabt hat, dass er sein ewiges Wort Fleisch in Maria werden lassen und so einen wahren Menschen aus ihr zeugen konnte. Aus dieser Ursache haben sie mir diesen hässlichen Schimpf angetan, obwohl die armen Leute selber mehr als doppelt sind, wozu sie uns gerne machen möchten, nämlich falsche Lehrer und verkehrte Ketzer; denn sie sagen und lehren ohne alle Schrift, dass der Mensch Christus, der für uns gestorben ist, nicht Gottes Sohn gewesen sei und dass er keinen Vater gehabt habe; wir aber sagen, und zwar mit der ganzen Schrift, dass er Gottes Sohn und dass Gott sein Vater ist.

Sie sagen und lehren ohne alle Schrift, dass das Wort einen ganzen Menschen von Marias Fleisch und Samen angenommen habe; wir aber sagen und lehren mit dem offenbaren direkten Zeugnis des Johannes, dass das Wort nicht von Maria, sondern in Maria Fleisch geworden ist.

Sie beschließen ohne Schrift zwei ungleiche Personen und Söhne – einen göttlichen und einen menschlichen – in den einen Christum; wir aber mit der Schrift eine einzige, ungeteilte Person und Sohn.

Sie sagen und lehren ohne Schrift, dass der sichtbare Christus irdisch von der Erde sei; wir aber sagen und lehren mit der Schrift, dass er himmlisch vom Himmel ist.

Sie sagen und lehren ohne Schrift, dass der sichtbare Christus irdisch von der Erde sei; wir aber sagen und lehren mit der Schrift, dass er aus dem reinen Gott rein ist.

Sie weisen uns ohne Schrift auf ein sündliches, todesschuldiges Opfer; wir aber mit der Schrift auf ein unbeflecktes, unschuldiges Opfer.

Sie beten wider alle Schrift ein adamitisches, kreaturisches Fleisch an; wir aber mit der Schrift das allmächtige, ewige, durch Gottes starke Kraft Mensch gewordene Wort.

Kurz, sie setzen ihre ganze Seligkeit in Adams unreinen, sündlichen Samen, nämlich in einen Menschen, der nach ihrem fabelhaften Schreiben gegen Gottes eigenes Wort und Ordnung von Marias Samen oder Blut ohne Vater gezeugt ist; wir hingegen in das allmächtige, ewige, in der Zeit selbst Mensch gewordene Wort, durch welches alle Dinge geschaffen sind, regiert werden, bestehen und ewiglich bestehen werden; welches die ewige Weisheit, Kraft und Herrlichkeit Gottes, seines Vaters von Ewigkeit gewesen ist und ewiglich bleiben wird, eins mit Gott, seinem ewigen Vater und dem ewigen, heiligen Geiste, gebenedeit in Ewigkeit, Amen. Unüberwindlich und fest bleibt dasWort:

»Das Wort ward Fleisch.« (Joh 1,14; 1Joh 1,1)

O barmherziger, gnädiger Herr, erleuchte die Augen aller Blinden, dass sie deine himmlische Klarheit sehen und die Majestät deiner Ehre recht erkennen mögen, Amen, lieber Herr, Amen.