30.12  Dass Gott der Vater der wahre Vater des ganzen Christus ist

Dass Gott der Vater der wahre Vater des ganzen Christus, seines Sohnes, und dass der ganze Christus ein wahrer Sohn Gottes, seines Vaters, ist, welches Micron an vielen Stellen bestreitet

Micron schreibt an einigen Stellen, dass des Menschen Sohn keinen Vater oder keinen nächsten Vater gehabt habe; auch bekannte er dies manchmal während des Handels. Dies ist aber so offenbar wider alle Schrift, dass man sich darüber verwundern und schämen muss; denn wer hat je in seinem Leben von einem Kinde gehört oder gelesen, das keinen Vater gehabt hat!

Da er denn auf so ungeziemende Weise Christo Jesu seinen Vater nach der Menschheit abspricht, so hoffe ich, dem Leser den Vater Christi mit solcher Menge und Kraft der heiligen Schrift anzuweisen, dass er sagen muss (d. h. wenn er nicht ganz in einen verkehrten Sinn übergeben ist), dass Micron und die Gelehrten ihn mit ihrem Schreiben jämmerlich betrogen und nichts als einen antichristlichen falschen Grund gelehrt haben.

So sprach der Engel des Allerhöchsten zu Maria, als sie sich verwunderte, woher die Frucht kommen sollte, da sie von keinem Manne wusste:

»Der heilige Geist wird über dich kommen und die Kraft des Höchsten wird dich überschatten; darum auch das Heilige, das von dir geboren wird, wird Gottes Sohn genannt werden.« (Lk 1,35)

Diesen klaren Spruch hat Micron mit seinem Abgrundsqualm sehr verdunkelt, indem er sagt: »Der Engel will zu Maria sagen, dass ihr Kind nicht nur Mensch (er meint von ihrem Fleisch), sondern auch wahrer Gott und Gottes Sohn, nämlich nach seinem ewigen, göttlichen Wesen, sein solle.« Nicht ein einziges Wort hat der heilige Engel in solcher Weise gesprochen, noch solch eine Teilung in Christo gemacht, wie Micron tut; sondern er hat nur einfach verkündigt, dass sie schwanger werden und dass die Frucht Gottes Sohn und Gott der Frucht Vater sein würde. Seht, so bricht Micron das Zeugnis des heiligen Engels, welches er nach Gottes Befehl aus dem hohen Himmel zu Maria gebracht hat, nämlich, dass das Heilige, das geboren würde, Gottes Sohn sein sollte.

Der himmlische Vater zeugt selbst von Christo und sagt:

»Dies ist mein lieber Sohn, an welchem ich Wohlgefallen habe, den sollt ihr hören.« (Mt 17,5)

Hier bekennt ihn der Vater ohne alle Teilung für seinen lieben Sohn; und Micron sagt, dass er es nicht sei.

Jesus sprach zu dem Blinden:

»Glaubst du an den Sohn Gottes? Der Blinde antwortete und sprach: Herr, welcher ist es, auf dass ich an ihn glaube? Jesus sprach zu ihm: Du hast ihn gesehen und der mit dir redet, der ist es.« (Joh 9,35–37)

Hier bekennt der greif- und sichtbare Christus, der nach Microns Grund nur des Menschen Sohn war, sich selbst ohne irgendwelche Teilung für den Sohn Gottes und Micron sagt, dass er es nicht sei. An einer andern Stelle sagt Christus:

»Wie, wenn ihr denn sehen werdet des Menschen Sohn auffahren dahin, da er zuvor war?« (Joh 6,62)

Hier bekennt Christus selbst, dass des Menschen Sohn vom Himmel war; und Micron sagt, dass er von der Erde gewesen sei und um einiger verehrlicher Umstände willen himmlisch genannt werde, gerade als ob Christus ein Christus des bloßen Namens und nicht ein Christus der rechten Wahrheit wäre.

Als die Apostel von Christo gefragt wurden, für wen die Leute, sowie auch sie selbst, des Menschen Sohn hielten (merkt, er fragte in Betreff des Menschen Sohns), sagte Petrus, ohne irgendwelche Teilung zu machen:

»Du bist Christus, des lebendigen Gottes Sohn.« (Mt 16,16)

Und Micron sagt, dass des Menschen Sohn nicht Gottes Sohn gewesen sei.

Johannes der Täufer sagte:

»Der mich sandte zu taufen mit Wasser, derselbige sprach zu mir: Über welchen du sehen wirst den Geist herabfahren und auf ihm bleiben, derselbige ist es, der mit dem heiligen Geist tauft. Und ich sah es, und bezeuge, dass dieser ist Gottes Sohn.« (Joh 1,33–34)

Hier hat Johannes den sichtbaren Christus, der nach unserer Gegner Grund nur des Menschen Sohn ist, ohne alle Teilung für den Sohn Gottes bekannt und Micron schreibt, dass er es nicht sei.

Der Hauptmann auf der Schädelstätte sprach:

»Wahrlich, dieser Mensch (merkt, er sagt: dieser Mensch) ist Gottes Sohn gewesen.« (Mk 15,39)

Und Micron sagt, dass er es nicht gewesen sei. Paulus sagt:

»Gott hat seinen Sohn gesandt, geboren aus einem Weibe.« (Gal 4,4)

Micron aber schreibt: Gott hat seinen Sohn gesandt, geworden von einem Weibe. An einer andern Stelle schreibt Paulus:

»Er hat seines eigenen Sohnes nicht verschont (merkt, er sagt seines eigenen Sohnes).« (Röm 8,32)

Noch an einer andern Stelle:

»Wir sind versöhnt durch das Blut seines Sohnes.« (Röm 5,10)

Johannes sagt:

»Das Blut Jesu Christi, seines Sohnes, macht uns rein von aller Sünde.« (1Joh 1,7)

An einer andern Stelle sagt er:

»Gott hat seinen Sohn gesandt zur Versöhnung für unsere Sünden.« (1Joh 4,10)

Diese Versöhnung ist nun nach Microns falscher Lehre nicht im Blute des Sohnes Gottes, wie Johannes und Paulus lehren, sondern im Blute des Menschensohnes, der nach Microns Grund keinen Vater gehabt hat, geschehen, wie schon manchmal gehört worden ist.

Ja, gute Leser, wenn ihr dies recht wahrnehmt, so werdet ihr mehr als sechzig Stellen im Neuen Testament finden, wo Christus Jesus Gott den himmlischen Vater für seinen Vater und sich selbst für seinen Sohn bekannt hat. Es wird von Anfang bis zu Ende nicht ein einziger Buchstabe von solch einer Teilung oder Vereinigung, weder bei Christo noch bei seinen heiligen Aposteln und Evangelisten gefunden.

Micron schreibt an mehr als einer Stelle, dass, wenn Gott der Vater der Vater des Menschen Christi wäre, er alsdann auch Fleisch und Blut gehabt haben müsste. Aus diesem geht erstens hervor, dass er dem gekreuzigten Christo keinen Vater zugesteht, womit er den Engel Gottes, den Vater, den Sohn selbst, Johannes den Täufer, Petrus, Johannes, Paulus, Nathanael, Martha und die ganze Schrift zu offenbaren Lügnern und falschen Zeugen macht, da sie ihn ohne alle Teilung so oftmals für den wahren Sohn des wahren und lebendigen Gottes bekannt haben, wie schon oft gehört worden ist.

Zweitens ist offenbar, dass solches Schreiben nicht aus der lebendigen Quelle des heiligen Geistes, auch nicht aus einem erleuchteten, festen, gläubigen Herzen, das ohne alle Wankelmütigkeit mit Josua und Kaleb an des allmächtigen Gottes starker Kraft und wahrhaftigen Verheißung hängt, sondern aus eitel Vernunft und einem ungläubigen, fleischlichen Gemüt herkommt, das nicht weiter als nach der Natur richten und sehen kann und dennoch aus großer und schwerer Blindheit die von Gott selbst in der ersten Schöpfung bestimmte Ordnung dieser nämlichen Natur gänzlich bricht und zu Schanden macht, indem er hier gegen alle Schrift ein menschliches Kind ohne Vater lehrt und behauptet, wie man sehen kann.

Gute Leser, habt Acht darauf! Gottes allmächtige, starke Kraft, das unbegreiflich hohe Wunderwerk seiner göttlichen Liebe und das untrügliche, gewisse Wort seiner ewigen Wahrheit müssen uns mehr gelten, als die blinde Vernunft unserer verderbten Natur, wenn wir Christum recht kennen lernen und seinem heiligen Worte folgen und gehorsam sein wollen.

Adams toter, aus der Erde geschaffener Leib ist durch die Anblasung Gottes zu einer lebendigen Seele geworden (1Mo 2,7) und Wasser ist aus dem harten Stein gelaufen (2Mo 17,6); dennoch war die Erde, aus welcher der lebendige Adam gemacht wurde, keine lebendige Seele, noch der Stein, aus welcher Israels Trinkwasser kam, eine Substanz des Wassers.

Wenn sie dann sagen, dass solches auf übernatürliche Weise durch Gottes Kraft geschehen sei, wie es auch ist, so antworte ich: Ebenso ist auch dies hohe und wunderbare Werk der Menschwerdung Jesu Christi in Maria durch Gottes starke Kraft, mit welcher er alles tun kann, was er will, geschehen, gleichwie der Engel sagte:

»Die Kraft des Höchsten wird dich überschatten […] denn bei Gott ist kein Ding unmöglich.« (Lk 1,35,37)

Ich bin der Meinung, dass alle, welche in Kraft und Wahrheit glauben, dass Gott mächtig gewesen ist, im Anbeginn Himmel, Erde und Meer samt allem, was drinnen ist, durch sein starkes Wort zu machen, und zwar aus nichts, und dass er nun dies alles durch dies nämliche Wort regiert, versorgt und unterhält, dass er Adam samt allen seinen Nachkommen mit der nämlichen Kraft am Ende wiederum aus dem Staub auferwecken, aus den untersten Teilen der Erde und den Tiefen des Abgrunds hervorbringen und vor das Angesicht seiner Majestät stellen wird, auch glauben werden, dass er Macht gehabt hat, sein unerforschliches, ewiges Wort vom Himmel herabzusenden und es durch die Kraft seines heiligen Geistes einen wahren, dem Leiden unterworfenen, sterblichen Menschen in Maria werden zu lassen, gleichwie Johannes sagt:

»Das Wort ward Fleisch.« (Joh 1,14)

Ich sage noch einmal: In Maria; denn im Vater oder im Himmel ist er kein Fleisch gewesen, sowie auch nicht außerhalb der Maria vor seiner Empfängnis, welches ich mit vielen klaren Worten so manchmal bekannt und so gründlich mit Schriftstellen offen dargelegt habe. Dennoch schämt er sich nicht, meine Worte zu verdrehen, als ob ich an einigen Stellen mich ausdrückte, dass das Wort Fleisch im Vater oder im Himmel gewesen wäre, welches ich, wie ich mit gutem Gewissen sagen kann, meiner Lebtag nie gedacht habe.

Ich weiß gewiss nicht, wie man einen Unterschied zwischen dem Geist unserer Gegner und dem Geist der Pharisäer und falschen Propheten machen kann; denn gleichwie diese die Worte der frommen Propheten und des Herrn Christi stets verkehrt und mit allem Fleiße danach getrachtet haben, ihnen eine Schande anzuhängen und sie – aus lauter Hass und Neid der Wahrheit – mit offenbarer Gewalt, Lügen und Unrecht aus dem Wege zu schaffen, ebenso verfahren auch diese aus lauter Hass der Wahrheit mit mir altem, betrübtem Manne, denn sie haben mich leider in ihrem ganzen Buche mit solchen Farben geschildert, dass ich nicht weiß, ob man den Behemoth und Beelzebub hässlicher machen könnte, als sie mich gemalt haben, obwohl ich ihnen meiner Lebtag nie ein Leid gewünscht, viel weniger getan habe, sondern ihnen alle christliche Treue und Freundlichkeit durch guten Rat in der Not bewiesen habe, wie dies die Liebe, die aus Gott ist, alle wahren Christen lehrt und es ihnen auferlegt. Gleichwohl haben sie zum Dank diese erlogene, ehrabschneiderische, lästerliche Fabel (womit sie mich in zehnmal üblern Geruch, als ich je zuvor gewesen bin, bringen), ohne dass ich es verdient habe, über mich geschrieben und zwar aus gar keiner andern Ursache, als weil wir Christum Jesum mit dem Engel Gabriel, dem Vater, Christo selbst, Johannes dem Täufer, Petrus und der ganzen Schrift für den wahren Sohn des wahren und lebendigen Gottes bekennen und sein Wort, Gebot, Verbot, Ordnung und unsträfliches Vorbild in unserer armen Schwachheit gerne hören und befolgen möchten, auf dass wir durch seine Gnade möchten selig werden. Diese aber hassen und bekämpfen unsere Gegner mit vollem Herzen, denn sie sagen mit offenem Munde, dass des Menschen Sohn (welchen wir mit der ganzen Schrift für den Sohn Gottes bekennen) nicht Gottes Sohn gewesen sei, da er keinen Vater gehabt habe. Sie widersprechen seiner ausdrücklichen, klaren Verordnung von der Taufe, die er uns mit seinem eigenen gebenedeiten Munde gelehrt und befohlen hat und mit welcher alle wiedergeborenen, gläubigen Kinder Gottes untertänig vor Christo und seiner Gemeinde bezeugen, dass sie seinem heiligen Wort und göttlichen Willen bis in den Tod bereit stehen.

Ihr Lieben, merkt doch, was für ein Gräuel und vergifteter Trank es ist, welcher euch aus Babylons Becher von ihr zugetrunken wird. Wahr und fest bleibt des Vaters Zeugnis:

»Dies ist mein lieber Sohn, an welchem ich Wohlgefallen habe.« (Mt 3,17; 17,5; Mk 1,11; 9,7; Lk 9,35; 2Pt 1,17)