30.11  Von den zwei Naturen in Christo

Von den zwei Naturen in Christo, wenn sie richtig nach der Schrift oder unrichtig gegen die Schrift verstanden werden

Micron schreibt auf meinen sechsten Widerspruch und sagt, dass ich sage, dass Gottes Sohn nach ihrer Lehre nicht für uns gestorben sei, komme aus großem Missverstande, wodurch ich die Einheit der beiden Naturen, der göttlichen und der menschlichen, in einer Person – Christo – nicht verstehe oder verstehen wolle. Auch sagt er, dass sie in beiden Besprechungen manchmal erklärt hätten, dass Gottes Sohn für uns gestorben sei.

Auf dies antworte ich ihm erstens: Dass sie einmal im ganzen Handel bekannt hätten, der Sohn Gottes sei für uns gestorben, wird mit der Wahrheit nie und nimmer so befunden werden; denn sie haben sich stets unterstanden, mit aufgedeckten, klaren Worten zu behaupten, dass der Mensch Christus keinen Vater oder, wie Micron zuweilen sagte, keinen nächsten Vater gehabt hätte. Dies tut er auch jetzt noch an vielen Stellen, wie man in seinem Berichte und Buche offen lesen kann.

O lieber Herr, welch schrecklicher Gräuel ist es doch, dass ein sterblicher Mensch und irdische Kreatur so vermessen gegen sein eigenes Gewissen lügen, den König aller Ehren so jämmerlich verkleinern, die armen Seelen so keck verführen und so großen Betrug und Schande an seines Herrn Wort verüben darf! O dass sie sehen könnten, was sie zurichten!

Zweitens antworte ich, wie ich solches auch vor ihm getan habe, dass man von dieser Vereinigung der zwei Söhne, nämlich Gottes und des Menschen, in eine Person – Christum – welche er gewöhnlich aus großer List zwei Naturen nennt und mit der Vereinigung des Leibes und der Seele eines Menschen vergleicht, in der ganzen Schrift nicht einen einzigen Buchstaben finden kann.

Dass eines lebendigen Menschen Leib und Seele eine Person sind, ist sonnenklar; dass aber ein Mensch von Leib und Seele, der eine vollkommene Person ist, mit dem Sohne Gottes, der ewig war, in eine Person vereinigt sei oder der ewige Sohn Gottes mit eines Menschen Sohn – welche zwei zusammen sie ohne Schrift zwei Naturen nennen, kann wohl in Microns Glossen gelesen werden, aber in der Schrift findet man es nicht. Was sie euch nun für einen Christus lehren, diesem mögt ihr mit dieser unserer Anweisung, wenn ihr sie mit der Schrift vergleicht, etwas tiefer nachdenken.

Drittens antworte ich, dass, wenn Micron als ein treuer Lehrer an den Lesern handeln wollte, er nicht mit solchen bemäntelten, verdeckten und dunkeln Worten mit ihnen sprechen und umgehen, sondern seinen Grund und seine Meinung ohne alle Doppelheit gerade heraussagen und dartun würde, dass der ewige, unsterbliche Sohn Gottes einen zeitlichen, sterblichen Sohn mit Leib und Seele von Marias Fleisch und Blut oder Samen angenommen und uns damit erlöst habe; denn das ist in dieser Hinsicht die eigentliche Meinung, der Sinn und Verstand von allem ihrem Schreiben, Glossieren und Lehren, wie auch ihr offenbares, vor uns allen geschehenes Bekenntnis in aller Klarheit bezeugte und mit sich brachte, wie gehört worden ist.

Nun aber handelt er nicht aufrichtig; denn er meint zwei vollkommene Söhne, von denen der eine ein göttlicher und der andere ein menschlicher Sohn gewesen sei, nennt dieselben aber nur zwei Naturen, damit die Plumpheit der Sache dem einfachen Leser nicht aufstoße. Eine Natur ist aber nur eine Eigenschaft desjenigen, der sie hat und nicht dieser selbst; denn wenn man einen Menschen sieht, so sagt man nicht, das ist die menschliche Natur, sondern das ist ein Mensch; denn die Eigenschaft ist nicht das Wesen selbst, sondern das Wesen hat die Eigenschaft. Wenn nun Christus nicht mehr als die Eigenschaften, nämlich die Naturen, und nicht das Wesen selbst, nämlich die Substanzen, gehabt hätte, so wäre er weder Gott noch Mensch gewesen, denn ich wiederhole es, die Naturen sind nicht das Wesen selbst, sondern das Wesen hat die Natur, wie gesagt worden ist.

Es geziemte sich daher, dass Micron ohne alle Verdecktheit handelte und sowohl seine Leser, als seine Zuhörer nicht mit unbekannten fremden Wörtern betröge; auf dass sie den Grund seiner Lehre recht fassen und seine Meinung wohl verstehen möchten; denn darum wird ja gelehrt, dass man verstehen soll, was gelehrt wird.

Allein es würde dem nachdenkenden Leser einen allzu harten Stoß versetzen, wenn sie so plump zwei Söhne in Christo lehren und bekennen und sagen sollten, der Gekreuzigte wäre nicht Gottes Sohn, sondern ein sündlicher und todesschuldiger Mensch von Adams sündlichem, todesschuldigem Fleische oder Samen gewesen. Sie müssen es darum so einrichten, dass sie ihre Ehre und ihren Namen bei der Welt behalten und ihre Besoldungen und Pfründen mit Gemächlichkeit besitzen mögen.

Seht, so muss man euch den herrlichen, schönen Mantel des hurerischen, babylonischen Weibes, welchen euch Micron und die Prediger, weil sie von ihrer Tafel und den von ihr ausgesetzten Renten leben, mit ihren erdachten Glossen, unpassenden Auslegungen und verfälschten Schriftstellen gerne zuhalten möchten, mit der Schrift aufheben, auf dass ihr ihre unmenschlich große Schande, ihre Pocken, Schwächen und den ihr anhaftenden, tödlichen Aussatz (versteht, geistlich) recht gewahr werden und sehen und euch mit allem Fleiß in der Furcht eures Gottes davor hüten mögt.

Gleichwohl gebe ich mit vollem Herzen zu, dass Christus zwei Naturen an sich gehabt hat, allein nicht in solch einem Sinne, wie Micron tut, sondern nach der Schrift und auf diese Weise: Petrus schreibt an die Gemeinde Gottes und sagt: Ihr seid der göttlichen Natur teilhaftig geworden (2Pt 1,4), womit er klar bezeugt, dass zwei Naturen in einem Christen sind – die eine die menschliche Natur, mit welcher er aus Adam geboren ist, und die andere die göttliche Natur, welcher er durch den Glauben in der Geburt, die aus Gott ist, durch den heiligen Geist teilhaftig geworden ist.

Sind denn zwei Naturen in einem Christen, was auch, wie schon gehört worden ist, in Wahrheit der Fall ist, warum denn nicht auch in Christo? Denn da er der eigene und wahre Sohn Gottes ist und keine andere Herkunft hat, als aus Gott, so muss er auch die Natur desjenigen haben, von welchem er gekommen ist. Dies ist zu klar, um bestritten zu werden.

Dass er die göttliche Natur gehabt hat, hat er mit diesen offenbaren Früchten einer wahren göttlichen Natur, wie seiner vollkommenen Gerechtigkeit, Wahrheit, Heiligkeit, Liebe und unerhörten, großen Zeichen, wohl mit der Tat bewiesen.

Und gleichwie er denn seiner göttlichen Herkunft wegen die göttliche Natur gehabt hat, so hat er auch, und zwar um seines wahren menschlichen Wesens willen, die unbefleckte, reine, menschliche Natur (Adams Natur vor dem Falle gleich) gehabt, denn so wahr er des allmächtigen Vaters Wort von Ewigkeit gewesen ist, ebenso wahr ist er auch in der Zeit einwahrer, dem Leiden unterworfener, sterblicher Mensch geworden (Joh 1,14; 1Joh 1,1). Und weil er denn ein wahrer Mensch geworden ist, so muss er auch an sich gehabt haben, was einem wahren Menschen zukommt, nämlich, eine wahre menschliche (doch unverderbte) Natur, oder er wäre kein wahrer Mensch gewesen. Das ist unwidersprechlich.

Obwohl denn die Schrift nirgends von zwei Naturen in Christo spricht, so gebe ich solche dennoch auf diese vorerwähnte Weise mit vollem Herzen zu, denn ich weiß gewiss, dass man die Natur eines Dinges nicht leichter von seinem Wesen, als das Licht von der Sonne, die Hitze vom Feuer und die Feuchtigkeit vom Wasser trennen kann.

Und dass er auch die wahre menschliche Natur gehabt habe, gleichwie die göttliche, hat er mit den offenbaren Früchten einer wahren menschlichen Natur, wie mit Hungern, Dürsten, Müde werden, Seufzen, Leiden und Sterben, wohl mit der Tat bewiesen.

Seht, so bekenne ich recht und schlecht, nach der Weise und Ordnung der heiligen göttlichen Schrift, zwei Naturen in der einzigen, ungeteilten Person und dem Sohn Gottes und nicht wie Micron tut, der ohne Schrift von zwei Söhnen einen Sohn und von zwei Personen eine Person macht, welche er zwei Naturen nennt, die nach seinem Glossieren zu zwei verschiedenen Zeiten, von zwei verschiedenen Personen in zwei ganz ungleichen Gestalten gezeugt sind; von denen eines jeden Natur unvermischt von der andern geblieben ist und die seinem gänzlich schriftlosen Schreiben nach in einer Person – Christo – vereinigt sind. Merkt, wer von uns beiden euch am Besten nach der Schrift weist.

Dass er auch einige Sprüche anführt, womit er gerne beweisen möchte, dass nicht der Sohn Gottes, sondern des Menschen Sohn, der seinem Fabulieren nach keinen Vater gehabt hat, gelitten habe und von welchen Sprüchen meines Erachtens der stärkste der ist, wo Petrus sagt: Christus

»ist getötet nach dem Fleisch, aber lebendig gemacht nach dem Geist,« (1Pt 3,18)

ist zu simpel, um eine Antwort zu verdienen, denn wer hat je gelitten, außer nach dem Fleische? Sagt ja doch derselbe Petrus:

»Weil nun Christus im Fleisch für uns gelitten hat, so wappnet euch auch mit demselbigen Sinn; denn wer am Fleisch leidet, der hört auf von Sünden.« (1Pt 4,1)

Merkt, es leiden die Christen auch im Fleisch, gleichwie Christus selbst getan hat; dennoch sind sie darum nicht von zwei Söhnen ein Sohn, wie Micron haben will, dass Christus sei.

Niemand kann anders leiden, als im Fleische, wie Christus selbst sagt:

»Und fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten und die Seele nicht mögen töten.« (Mt 10,28)

So auch zum Mörder:

»Heute wirst du mit mir im Paradiese sein.« (Lk 23,43)

Sein Fleisch hing am Kreuze und wurde nachher in der Erde begraben, woraus mehr als klar ist, dass es von seiner unsterblichen Seele gesprochen ist.

Christus rief: »Vater, ich befehle meinen Geist in deine Hände.« Er rief nicht: Vater, in deine Hände befehle ich deinen Sohn, mit welchem ich so lange in einer Person vereinigt gewesen bin und der mein Geist gewesen ist. Denn aus Microns Schreiben muss eins von dreien geschlossen werden: Entweder, dass der innewohnende Sohn Gottes, welchen er gewöhnlich die göttliche Natur nennt und der Sohn Marias, den er gewöhnlich die menschliche Natur nennt, zusammen einen Geist oder eine Seele gehabt haben und denselben beim Absterben gemeinsam in seine Hände befohlen haben; oder dass bei Christi Sterben zwei von ihm lebendig geblieben sind, erstens der unsterbliche, ewige Sohn Gottes, der in ihm gewohnt hatte und zweitens der Geist oder die Seele, welche er ihrem Grunde gemäß von Maria empfangen hatte; oder dass der ewige Sohn Gottes eines sterblichen Menschen Geist geworden ist, der eine Wohnung oder Hütte von Maria angenommen und für uns gegeben hat, wie schon einmal in den Widersprüchen berührt worden ist.

Aus diesem geht offenbar hervor, dass es lauter Treibsand ist, auf welches sie ihre zwei Naturen oder zwei Söhne in Christo nach ihrer Weise bauen und dass es vor der Kraft des göttlichen Wortes nicht besser, als wie die Stoppeln vor dem Feuer, bestehen kann. Und so behalten wir den Grund fest und ungebrochen, dass Jesus Christus der ungeteilte, einzige und wahre Sohn Gottes und nicht von zwei Söhnen ein Sohn ist, wie unserer Gegner antichristlicher, falscher Grund und Lehre lautet.