3.6  Eine ermahnende Supplication an die Obrigkeit

Wir armen, elenden Menschen, von aller menschlichen Hilfe und Trost verlassen, als unschuldige, hirtenlose Schafe allen brüllenden, grimmigen Löwen in dem Wald und den reißenden Tieren auf dem Felde zu einem Raub und einer Speise geworden, der ganzen Welt ein Schauspiel und eine Schmach, die wir täglich das tyrannische Schwert der Herren und Fürsten, das unmenschliche Schelten und Verunglimpfen der Gelehrten und das gräuliche Lügen, Höhnen und Spotten des gemeinen Volkes zu erleiden, zu hören und zu ertragen haben – wir bitten demütig die kaiserliche Majestät, Könige, Herren, Fürsten, Obrigkeiten und Amtsleute, einen jeglichen in seinem Beruf, seiner Würde und Hoheit, alle unsere lieben, gnädigen Herren, durch die tiefen, blutfließenden Wunden unsers gesegneten Herrn Jesu Christi, dass ihr doch einmal von euch ablegen wollt alle Ungunst und böse Meinung gegen uns; und wollt in redlichem Mitleiden die unmenschlichen, schweren Trübsale, Elend, Not und Kreuz und Marter eurer elenden und unschuldigen Diener doch ein wenig zu Herzen nehmen; denn der große Herr, vor welchem wir stehen, der ein Kenner aller Herzen ist und vor dem alle Dinge nackt und bloß sind (Ps 7,10; Jer 17,10; Röm 8,27), der weiß, dass wir auf dieser Erde nichts anderes suchen, denn allein, dass wir mit gutem Gewissen leben möchten nach seinem heiligen Befehl, Ordnung, Worte und Willen. Es gibt aber einige schädliche Sekten, wie leider zu unseren Zeiten gewesen sind, die werden ohne Zweifel zu ihrer Zeit wohl offenbar werden.

Darum so erniedrigt euch doch so viel und erforscht, durchlest diese unsere Schriften fleißig und das mit gottesfürchtigem, unparteiischem Herzen, auf dass ihr für gewiss erkennen mögt, dass ihr uns mit keinem Zwang, Armut, Elend, Verfolgung und Tod, von unsrer Lehre, Glauben und Leben abzuschrecken vermögt. Dieser Wahrheit wollt ihr tiefer nachdenken und des unschuldigen Blutes nicht mehr auf euch laden. Beweist doch ein wenig natürliche Redlichkeit und menschliche Barmherzigkeit an euren armen Dienern und gedenkt doch in euren Herzen, dass wir elenden, verlassenen Menschen, nach dem Fleisch, auch nicht Holz oder Stein sind, sondern dass wir mit euch von einem Vater Adam und von einer Mutter Eva geboren und von einem Gott geschaffen sind. Wir haben mit euch einen gleichen Eingang in dieses sterbliche Leben, sind mit derselben Natur bekleidet wie auch ihr; verlangen nach Ruhe und Frieden, sind bekümmert um Frau und Kinder; und nach der Natur furchtsam vor dem Tode, gleich wie alle Geschöpfe auf Erden.

Darum demütigt euch in dem Namen Jesu, und das zur Verschonung eurer armen Seelen. Untersucht, sage ich, unsere Lehre und Anweisung und ihr werdet durch Gottes Gnade finden, dass es die reine, unvermengte Lehre Christi ist, das heilige Wort, das Wort des ewigen Friedens, das Wort der ewigen Wahrheit, das Wort der göttlichen Gnaden, das Wort unserer Seligkeit, das unüberwindliche Wort, welches die Pforten der Hölle nimmer überwältigen werden (Mt 16,18); es ist das scharfe Schwert, das aus des Herrn Munde geht (Offb 1,16), das Schwert des Geistes, mit welchem gerichtet werden müssen alle, die auf der Erde wohnen (Eph 6,17).

O ihr lieben Herren, steckt euer Schwert in die Scheide; denn so wahrhaftig als der Herr lebt, ihr streitet nicht wider Fleisch und Blut, sondern wider den der Augen hat wie Feuerflammen, der da richtet und streitet mit Gerechtigkeit; der gekrönt ist mit vielen Kronen; dessen Namen niemand kennt, denn er selbst; der bekleidet ist mit einem besprengten, blutigen Kleid; sein Name ist Gottes Wort; der die Heiden regiert mit einer eisernen Rute; der da tritt die Weinpresse des grimmigen Zorns des allmächtigen Gottes; der einen Namen geschrieben hat auf seinem Kleid und auf seiner Hüfte: Ein König aller Könige, und der Herr aller Herren (Offb 19,11–16).

O ihr hochberühmten Herren und Fürsten, wider ihn führt ihr solchergestalt euren Rat, Schwert und Waffen. Bedenkt was der hohe Prophet Gottes, Zacharias, von den Kindern Gottes, die hier allezeit in Leiden sind, gesprochen hat: Wer euch angreift, sagt er, der greift den Apfel meiner Augen an (Sach 2,8). Es ist ein schrecklicher Gräuel, wütende Bosheit und Unsinnigkeit, diejenigen so jämmerlich zu erwürgen, umzubringen und auszurotten, welche den Herrn und das ewige Leben suchen mit so eifrigen Herzen; und die auch niemand auf der ganzen Erde um ein Haar schädlich sind. Der Tod der Heiligen, spricht David, ist wert gehalten vor dem Herrn (Ps 116,15). Es ist Jesus von Nazareth, den ihr verfolgt (Apg 9,5) und nicht uns. Darum so wacht auf, lasst ab, fürchtet Gott und Gottes Wort; denn ihr und wir werden alle vor einen Richter berufen werden, da weder Gewalt noch Hoheit, weder schöne Reden noch Gaben von irgendwelchem Nutzen sein werden, da das Recht ohne alle Parteilichkeit und Ansehen der Personen, in Gerechtigkeit über alles Fleisch ausgesprochen werden wird. Alsdann wird der Elende zu seinem Rechte kommen und der ermordete Christus mit seinen Auserwählten, aus des Todes Gewalt und der Tyrannen Hände, zu seinem verheißenen Erbe, Reich und Herrlichkeit eingehen.

In Ansehung nun, dass ihr so unbillig und tyrannisch, nach dem bösen Vornehmen eures Herzens, ohne allen Schriftgrund und Barmherzigkeit mit den Elenden und Gottesfürchtigen umgeht, wie wollt ihr dann wohl Gnade und Barmherzigkeit an dem Tage des Herrn erwarten, wenn wir alle vor dem unparteiischen Richterstuhl stehen werden, da ein jeglicher Lohn nach seinen Werken empfangen wird (2Kor 5,10)?

Wir begehren keine solche Gnade als die Übeltäter dieser Welt, denn wir haben in dieser unserer Lehre, Glauben und Handel nicht gesündigt, wiewohl wir so viel leiden müssen; sondern wir widerstehen nur der antichristlichen Lehre, Ordnung und Leben und das mit des Herrn Wort, gleichwie uns die Schrift lehrt. Wir widerstehen weder dem Kaiser, dem König, noch irgendeiner Obrigkeit in der Erfüllung derjenigen Pflichten, zu welchen sie von Gott berufen sind, bis in den Tod, in alle dem, das nicht wider Gott und Gottes Wort ist (Mt 17,22; Röm 13,1–8); und wissen auch ohne Zweifel wohl, was uns die Schrift davon gelehrt und befohlen hat. Aber so viel Barmherzigkeit begehren wir, dass wir unter eurer gnädigen Beschützung mit Freiheit unseres Gewissens leben, lehren, handeln und dem Herrn dienen mögen, auf dass euch und vielen mit euch, das Evangelium Jesu Christi recht möchte gepredigt und die Pforte des Lebens aufgetan werden. Ach, hätten die Gelehrten Gottes Wort und nicht wir, wie gerne wollten wir von ihnen gelehrt sein. Dieweil aber wir es haben und nicht sie, so bitten wir um Jesu willen, dringt uns nicht von Christus zum Antichrist, von der Wahrheit zu den Lügen und von dem Leben zu dem sicheren Tod (Weish 6,10).

O ihr hochberühmten Herren und Fürsten, die ihr von Gott zu Häuptern und Regenten über sein Volk gesetzt seid, bedenkt euch wohl und glaubt des Herrn Wort; denn so ihr von dem Unrechten nicht absteht, den Herrn fürchtet und recht tut, so wäre es wohl gut dass ihr nie geboren wärt. Das unschuldigeBlut Abels ruft zum Himmel und wird am jüngsten Tage mit Strenge von euch verlangt werden. Noch einmal sagen wir: Wacht auf und fürchtet Gottes Wort, denn Gott der Herr will allein den Himmel, allein sein Reich regieren; nämlich die Gewissen der Menschen. Er will nicht zulassen, dass ihn jemand von seiner Herrlichkeit absetze oder sich über ihn erhebe. Luzifer, der schöne Engel Gottes, wollte dem Allerhöchsten gleich sein; er ist verstoßen aus dem hohen Himmel in den Höllenabgrund, mit Ketten der Finsternis gebunden und bewahrt zu dem Urteil des großen Tages (Jes 14,13–15; Offb 12,7–9; 2Pt 2,4).

Liebe Herren, nehmt es in Liebe an und erbittert euch nicht, denn die Wahrheit muss bekannt werden. Euer Hochmut ist bis an den Himmel aufgestiegen; seht doch auf Christus und auf sein Wort, auf sein Vorbild und Leben. Urteilt recht und ihr werdet es so befinden. Der allmächtige, ewige Vater, durch seine ewige Weisheit, Christus Jesus, hat es alles nach seinem göttlichen Rat, Willen und Vorsehung in seinem Reich, das ist in seiner Gemeinde, mit Bezug auf Lehre, Sakramente und Leben, verordnet und befohlen. Aber ihr seid diejenigen, die dasselbe durch Rat und Eingebung eurer Gelehrten mit euren unmenschlichen, grausamen Mandaten verändert, ausrottet und verfolgt, als ob es das allmächtige, ewige Wort sich unter euren Befehl und Gewalt biegen und krümmen und die gottselige Ordnung des Sohnes Gottes durch Menschenweisheit zu einer besseren Form und besseren Gebrauch gekehrt werden müsse. O Hochmut über allen Hochmut! O Torheit über alle Torheit! Was überhebst du dich? O Erde und Asche! Erkennt euren Oberherrn Christus Jesus, der euch zu einem Fürsten und Richter von Gott gesetzt ist. Der Himmel allerorts ist des Herrn, spricht David; aber die Erde hat er den Menschenkindern gegeben (Ps 115,16). Ich zweifle nicht, dass, so jemand gegen den Kaiser oder König aufrührerisch sein und in ihr Reich und Regiment eingreifen wollte, es nicht mit Geduld gelitten und ohne Strafe abgehen würde; wie viel weniger wird dann ungestraft bleiben, dass ein armes, sträfliches, irdisches Fleisch sich wider den allmächtigen Kaiser und König, Christus Jesus, aufmacht, ihn von dem Stuhl seiner göttlichen Majestät zu stoßen und ihm den Zepter und die Krone seiner Ehren zu rauben; als ob die ewige Weisheit Gottes, Christus Jesus, unvernünftig und zu dem himmlischen Regiment unfähig geworden wäre. Bedenkt doch, wie es allen hoffärtigen und stolzen Herzen von Anfang ergangen ist, die ihre Stühle neben den Stuhl Gottes setzen wollten.

Darum so demütigt euch doch unter die allmächtige Hand Gottes, wie Petrus lehrt (1Pt 5,6), und nehmt den glückseligen, großen König Nebukadnezar zu einem Vorbild (Dan 3,4) und merkt, wie schwer er um seines Hochmuts von Gott gestraft wurde und wie er nach der Strafe zur Weisheit sich bekehrt, den allmächtigen Gott gefürchtet und seine wundertätigen, herrlichen Werke und seinen anbetungswürdigen, großen Namen höchlich gepriesen hat.

Liebe Herren, wacht auf und bessert euch, denn es geziemt sich nicht, dass sich das Geschöpf wider den Schöpfer erhebe. Christus will allein das Haupt seiner Gemeinde bleiben, allein der Lehrmeister in seiner Schule sein, allein der König, der sein Reich richten will; nicht mit Lehren und Geboten der Menschen, auch nicht mit Würgen und Morden, sondern mit seinem heiligen Geist, Kraft, Gnade und Wort.

Darum bitten wir euch, o ihr Fundamente der Erde, durch die Barmherzigkeit Gottes, wir, die euch für unsere gnädige Herren erkennen, in allen Sachen unseres Fleisches, dass ihr doch den ewigen, allmächtigen König, Christus Jesus, wollt den alleinigen Seligmacher, Herrn und Gewalthaber unserer armen Seelen sein lassen, gleich wie er von seinem Vater verordnet ist. Und dass ihr euren irdischen Dienst und Amt führen wollt in zeitlichem Regiment, zu welchem ihr berufen seid; denn wir begehren von ganzem Herzen dem Kaiser zu geben was des Kaisers ist und Gott zu geben, was Gottes ist (Mt 22,21). Und wollt auch diese unsere Lehre und Anweisung von der Taufe, Abendmahl und von der Meidung des babylonischen Handels mit des Herrn Wort recht erwägen. Wir hoffen durch Gottes Gnade, ihr werdet in Wahrheit finden, dass wir nichts anderes lehren und glauben, als uns des Herrn wahrhaftiger Mund befohlen und seine heiligen Apostel gelehrt und bezeugt haben. Hierzu gönne euch der große Herr seine Gnade. Amen.