30.9  Microns Bekenntnis in seinem Bericht, warum Christus Gottes und des Menschen Sohn sei

Er schreibt: »Jesus Christus wird Gottes Sohn genannt wegen seiner ewigen und unbegreiflichen Zeugung aus Gott dem Vater nach seinem göttlichen Wesen; gleicherweise wird er des Menschen Sohn genannt, weil er in der Fülle der Zeit dem Fleische oder der menschlichen Natur nach von eitlen Menschen, nämlich von Maria geboren worden ist (Mt 1).«

Antwort: Hier will ich den gütigen Leser aus Grund meines Herzens getreulich ermahnen, diese meine folgende Antwort auf Microns Bekenntnis mit Ernst wahrzunehmen und mit einem offenen, unparteiischen Herzen recht zu betrachten. Ich hoffe, dass, wenn er solches tut, er bald durch Gottes Gnade unserer Gegner Falschheit und Betrug in aufgedeckter Klarheit finden und sehen wird; hingegen aber auch mit vollen Händen greifen wird, dass die Wahrheit bei uns ist.

Erstens sage ich, dass, wenn man Microns mündlich vor uns abgelegtes Bekenntnis und sein Schreiben miteinander vergleicht, es gerade ist, als ob man einen glatten, schlüpfrigen Aal beim Schwanze fasse, wie man zu sagen pflegt. Damals bekannte er manchmal vor allen, dass der gekreuzigte Christus Jesus keinen Vater oder nächsten Vater gehabt hätte, wie er auch jetzt noch an vielen Stellen in seinem Schreiben tut. Nun aber kommt er und schreibt ganz ohne alle Wahrheit, dass sie manchmal mit uns bekannt hätten, dass der Sohn Gottes für uns gestorben sei. Es ist immer noch dasselbe Liedchen, nur singt er es vor den Unverständigen und zwar zu einer wenig bessern Weise. Es würde allzu hässlich lauten, dass man, wie er bei uns tat, den gekreuzigten Christum Jesum so platt verleugnen und sagen sollte, er habe keinen Vater gehabt.

Ich weiß gewiss nicht, was ich von diesem Menschen sagen oder denken soll; bald ist der Mensch Christus der Sohn Gottes, bald ist er es nicht; bald ist Gott sein Vater, bald hat er keinen Vater gehabt; denn er schreibt offenbar, dass der für uns gestorbene Christusmensch nicht von Gott, sondern von Marias Samen gezeugt sei und dass er keinen Vater gehabt habe. Ist er aber von Marias Samen und nicht von Gott gezeugt und hat keinen Vater gehabt, wie er sagt, so ist es gewiss offenbar gelogen, ja, lauter Falschheit und Betrug, wenn er sagt, dass der Sohn Gottes für uns gestorben sei; ja, wollte man seine Auffassung auch im weitesten Sinne nehmen, so kann er doch nicht mehr als ein angenommener oder genannter Sohn ohne Wahrheit sein, er glossiere über die Sache, so viel er wolle. Ob dies einfacher, schlichter Wahrheitsgrund oder ein zweideutiges, bemänteltes und dunkles Lügenwort ist, dies will ich dem unparteiischen Leser zu bedenken geben.

Hier merkt nun fürs Erste seine ungemein große Zweideutigkeit, den unförmlichen, wankelmütigen, leichtfertigen Grund seiner Lehre und seinen unerträglichen, schweren Irrtum, dass er lehrt, der gestorbene Christus Jesus sei nicht Gottes eigener, wahrer Sohn, sondern nur ein Sohn dem Namen nach gewesen, wie gehört worden ist. Ich weiß fürwahr nicht, ob man es noch schändlicher oder hässlicher machen könnte. Dennoch ist er ein guter Lehrer und Schreiber und zwar deshalb, weil er den alten Ketzer Menno (obwohl mit offenbaren Lügen) so fein ausgeschimpft und geschildert hat.

— Auslassung im Originaltext, Anm. Aphthoria Verlag —

Drittens, solange sie uns nicht mit der Schrift bewiesen haben, was sie auch nie tun können, dass der Sohn Gottes deshalb der Sohn des Menschen und der Sohn des Menschen deshalb der Sohn Gottes genannt wird, weil solch eine Vereinigung der beiden Söhne in eine Person geschehen ist, wie sie ohne alle Schrift manchmal vorgeben, so sage ich, dass sie sich so oft an der Wahrheit vergreifen, als sie den Sohn Gottes des Menschen Sohn und des Menschen Sohn den Sohn Gottes nennen; denn der Name muss, wie Micron selbst bekennt, aus der Wahrheit und Tat gegeben werden. Wie solches aber hier geschieht, dies mag der Leser mit diesem bedenken. Mit Menschen Spott zu treiben, ist ehrlos; doch mit Gott selbst Schimpf zu treiben, ist allzu gräulich und lästerlich.

Viertens, solange sie uns solch eine Vereinigung, als sie uns hier vorgeben, nicht mit der Schrift beweisen, sage ich, dass es der alten Schlange Lug und Betrug ist, weil es keine Schrift ist; denn es ist offenbar, dass es keine Vereinigung, wie sie es nennen, sondern eine schreckliche Teilung der allerheiligsten und ungeteilten Person Christi ist, womit er offenbar zwei Personen und Söhne in Christo beschließt, die von zwei verschiedenen Personen zu zwei verschiedenen Zeiten und in zwei verschiedenen Gestalten gezeugt sind; dass er den gekreuzigten Christum Jesum seines lieben Vaters und den Vater seines eingebornen, lieben Sohnes beraubt; dass er den größten Teil des allerheiligsten Fleisches Christi heidnisch macht; den Menschen Christus nicht höher denn für einen angenommenen oder genannten Sohn Gottes achtet; uns auf ein unheiliges, sündliches, todesschuldiges Opfer, auf einen unreinen Gnadenstuhl, Hoherpriester, Seligmacher, Mittler, Fürsprecher und Christus von Adams unheiligem, sündlichen, todesschuldigen und kreaturischen Fleische weist; Maria ganz und gar wider alle Schrift beides zu Christi Vater und zu seiner Mutter macht; die ganze Schrift samt den Verordnungen Gottes hinsichtlich der Zeugung bricht und in Zwist setzt und so viel schwere Widersprüche und Schanden in Christo beschließt, dass einem das Herz darob schaudert und weh tut, wenn man die Sache mit Ernst zu Herzen nimmt und bedenkt.

Seht, solcherlei Grund und Gestalt hat Microns falsche Vereinigung und lügenhafte Nennung des Sohnes Gottes, welche er uns mit so viel geschmückten Worten und verdrehten Schriftstellen in seinem ganzen Buche lehrt und anpreist. Wenn ihr Augen habt, so seht zu, was für ein Gräuel es ist, den euch Babylon, die große Mutter der Hurerei, durch ihre Sendboten und Diener aus ihrem goldenen Trinkbecher einschenkt und vorsetzt (Offb 17,5). Wehe ihm, der daraus trinkt; denn sie wird ihn so bezaubern, dass er taumeln und fallen muss.