30.6  Unserer Gegner Grund und Glaube

Unserer Gegner Grund und Glaube von Christo Jesu, samt dessen eigentlichem Inhalt, Frucht, Ende und Verheißung

Werte Leser, merkt auf, Nachfolgendes ist der ganze Inhalt, Beschluss, Sinn, Verstand, Grund und Meinung des Glaubens und der Lehre von des Herrn Menschwerdung, womit sie uns diesen großen Hass und hässlichen Namen machen, nämlich, dass sie alle die herrlichen in Mose und den Propheten begriffenen Verheißungen von Christo, dem Sohne Gottes, wie Gnade, Barmherzigkeit, Vergebung unserer Sünden, Frieden des Gewissens, Versöhnung und das ewige Leben, durch ihre menschliche Vernunft und der alten Schlange List in Adams unreines, sündliches Fleisch beschließen, welches sie ohne alle Schrift rein nennen, obwohl sie bekennen, dass es von Adams Samen sei.

Sie bekennen offenbar, kraft ihres eigenen Bekenntnisses, dass zwei Söhne in Christo seien, von welchen der eine Gottes Sohn von Ewigkeit ohne Mutter und dem Leiden nicht unterworfen, der andere Marias oder des Menschen Sohn ohne Vater und dem Leiden unterworfen sei; welche zwei, wie sie, obwohl ohne alle Schrift, sagen, in eine Person vereinigt seien, so dass der Mensch Christus, der sichtbar vor den Menschen gewandelt, gegessen, getrunken, geseufzt, geweint, am Kreuze gehangen, zu Gott seinem Vater gerufen: »Vater, ich befehle meinen Geist in deine Hände!« und drei Tage tot im Grabe gelegen hat, nicht Gottes Sohn gewesen sei.

Sie machen den Heiligen aller Heiligen, Christum Jesum in Ewigkeit gebenedeit, zu einem Menschen der Sünde und des Todes. Einer von ihnen schreibt öffentlich: »Ist Christus heilig, warum ist er denn der Sünde wegen in des Vaters Gerichte verurteilt worden?«, sowie, dass er keines andern Fleisches, denn dessen der Sünde teilhaftig geworden sei, auf dass er versucht werden und dem Tode unterworfenoder desselben schuldig sein möchte.

Sie setzen ihre ganze Seligkeit in eine irdische, sinnliche Kreatur von Adams unreinem, sündlichen Samen und machen Christum Jesum nicht nur zu Adams, Abrahams und Davids sündlichem und todesschuldigem Fleische, sondern auch zu einem offenbaren Heiden aus den Heiden, zu einem Syrer aus den Töchtern Bethuels und Labans (1Mo 24,50; 29,19), zu einem Kanaaniter aus Rahab, zu einem Moabiter aus Ruth (Mt 1,5) und zu einem Ammoniter aus der Mutter Rehabeams, des Sohnes Salomos (1Kön 14,21).

Sie machten einen kreaturischen Menschen von Adams unreinem, sündlichen Fleisch und Samen zu ihrem Gnadenstuhl und Sühnopfer, zu ihrem Hohenpriester, Mittler, Fürsprecher, Fürbitter und Versöhner und nennen ihn fälschlich den Sohn Gottes. Ich sage fälschlich, denn sie bekennen öffentlich, dass er keinen Vater gehabt habe. Sie heißen ihn ihren Herrn und Gott, obwohl sie sagen und schreiben, dass er von der Erde und nicht vom Himmel sei. Sie beten ihn an, verehren ihn und dienen ihm, wie sie den Vater selbst tun. O Gräuel!

Sie teilen und brechen die ganze Schrift, weil sie das Zeugnis Johannis, dass das Wort Fleisch geworden ist, nicht glauben. Sie verfälschen alle die klaren Bekenntnisse der Engel Gottes, des Vaters und Christi selbst, Johannes des Täufers, Petri und aller Apostel, Pauli und der ganzen Schrift, welche einstimmig bezeugen, dass der empfangene, geborne, leidende Christus von innen und außen, von oben bis unten, sichtbar und unsichtbar, ohne irgendwelche Teilung Gottes erst- und eingeborner, eigener Sohn ist.

Sie brechen und bestreiten das ganze Evangelium und den edlen, teuren Brief Johannis, in welchem dieser mehr als sechzig Mal sagt, dass Christus Gott für seinen Vater und sich selbst für den Sohn Gottes bekannt hat; und auch oft, dass er vom Vater ausgegangen, ja, vom Himmel gesandt worden und gekommen ist.

Sie verdrehen und schänden die heilige Schrift ganz jämmerlich und häufen eine hässliche Glosse und ungereimte Auslegung auf die andere. Sie sagen: »Wenn Christus unsere menschliche Natur von Maria an sich genommen hat, dann sind zwei Söhne und Naturen in eine Person und Sohn vereinigt. Nun aber hat Gottes Sohn Marias Fleisch und Blut angezogen, in welchem er gewohnt, seine Hütte oder Zelt gesetzt hat.«

»Gottes Sohn,« schreibt einer der Gelehrten, »hat alle seine Güter zu des Menschen Sohn gebracht.« Ein anderer schreibt, dass der Mensch Christus Gottes angenommener oder zugewünschter Sohn gewesen sei. Wieder ein anderer schreibt, dass die eine Natur in Christo ganz göttlich, die andere halb göttlich und halb menschlich gewesen sei. Einige schreiben, die göttliche Natur habe mitgelitten. Einige sagen und schreiben, er habe nur in der menschlichen und nicht in der göttlichen Natur gelitten. Micron sagt, dass Marias Blut in ihrem jungfräulichen Bauche in unser Fleisch zusammen geronnen und dass Christi Fleisch von unserm Fleische sei und dass er, obwohl er von der Erde und Adams Samen stamme, dennoch um einiger verehrlicher Umstände willen himmlisch genannt werde und solcher verfluchten Worte und ungereimten, eigenerdachten Glossen und Gräuel mehr, von welchem allem zusammen nicht ein einziger Buchstabe in der ganzen Schrift zu finden ist.

Ist es nicht traurig, ja, schmerzlich und herzbetrübend, dass man mit so unreinen, schmutzigen Füßen in so schönen, blinkenden Wassern watet und die edle, klare Sonne der Gerechtigkeit mit solch einem Abgrundrauch der antichristlichen falschen Lehre so jämmerlich verdunkelt und bedeckt und zwar aus gar keiner andern Ursache, als weil sie sich auf Johannis und des Engels Zeugnis nicht verlassen dürfen, an des allmächtigen Vaters starke Kraft nicht glauben, alles nach der Natur und nicht nach der Schrift richten und der Maria mehr zurechnen, als nach des Herrn eigener Ordnung und seinem Wort einer wahren Mutter zukommt.

Es folgt daher aus diesem gewaltig, ja, es ist nach Johannis Lehre und Zeugnis klar und offenbar, dass sie weder Vater noch Sohn haben, denn

»wer den Sohn leugnet, der hat auch den Vater nicht.« (1Joh 2,23)

; und dass der Zorn Gottes über ihnen bleibt und dass sie das Leben nicht sehen werden, da sie nicht an den Namen des eingeborenen Sohnes Gottes glauben (Joh 3,18). Sie müssen in ihren Sünden sterben, da sie nicht glauben, dass er es ist (Joh 8,24); sie überwinden die Welt nicht (1Joh 5,5) und sind auch nicht in Gott, da sie nicht bekennen, dass Jesus Gottes Sohn ist (1Joh 4,15), wie schon mehr als genügend gesagt worden ist. O wie gut wäre es, wenn diese armen Leute zusähen, Christum, den Sohn Gottes, recht erkennen und ihmseinen gebührenden göttlichen Preis und seine Ehre recht geben könnten!