30.1  Vorrede an den wohlgesinnten Leser

Es ist offenbar, ehrsamer Leser, dass gleichwie der Satan, der Beneider der göttlichen Ehre und unser aller Seligkeit, im Anfang der Schöpfung die Schlange zu einem Werkzeuge gebrauchte, um Adam und Eva vom Wege des Lebens abzuführen und in den Tod zu bringen, was er auch getan hat (1Mo 3); er auch jetzt zu unserer Zeit sich seiner falschen Schreiber und Prediger bedient und sie zum Teil in Engelsgestalt und feinen Schafskleidern erscheinen lässt und mit vielen verdrehten Schriftstellen, Philosophie, Vernunft, einem bürgerlichen, redlichen Leben und Worten menschlicher Klugheit herrlich aufprunkt und damit die armen, gefangenen Seelen in ihrer großen Blindheit und ihren schweren Sünden bestrickt und festhält und durch seine tausendkünstlerische Schalkheit des einzigen und ewigen Mittels zu ihrer Seligkeit – Christi Jesu – beraubt.

Gleichwie damals die Schlange zu Eva sagte: Solltet ihr darum des Todes sterben? Nein, das wird nicht so sein; so sagen nun unsere Widersacher: »Sollte Christus der Sohn Gottes sein? Nein, er ist es nicht; der Mensch Christus hat keinen Vater gehabt,« und dergleichen Worte mehr; denn der Teufel hat von Anbeginn den rechten, wahren Glauben an Christum Jesum, nämlich dass man ihn als den Sohn Gottes bekennen soll, nicht gelitten noch leiden können, wie man aus 1Joh 2,22; 4,3; 2Joh 7 klar ersehen kann. Denn wenn man bekennt, dass Christus der erst- und eingeborene, eigene, wahrhaftige Sohn Gottes ist, da überwindet man die Welt (1Joh 4,15); da ist man in Gott und Gott in uns, kurz, da ist das ewige Leben (Joh 3,36) und muss dadurch des Teufels Herrschaft untergehen und das Reich seiner Lügen verstört werden. Ja, Christus selbst musste sterben, weil er bekannte, dass er Gottes Sohn war (Mt 26,60; Mk 14,64; Joh 5,18; 19,7).

Hat nun der Satan schon von Anbeginn einen solchen Glauben nicht gelitten, wie gehört worden ist, wie soll er denselben denn jetzt leiden können, da er nun durch Gottes gerechtes Urteil durch den Antichristen und seine Diener um der Sünde willen in volle Herrlichkeit gestiegen ist und den ganzen Erdboden mit seiner verführerischen Lehre und Auslegung, seinen Glossen, Gesetzen, Geboten, seinem falschen Gottesdienst, seiner Tyrannei und Gewalt unter seine Füße gelegt hat?

Weil Christus Jesus sich so viel aus Gnaden durch die Wolken sehen lässt, so dass wir mit Petrus und der ganzen Schrift in der Kraft und Wahrheit glauben und bekennen, dass er der Sohn des wahren und lebendigen Gottes ist und diesen unsern Glauben, wie der Kämmerer (Apg 8,36), mit dem Zeichen der heiligen Taufe gehorsam nach seinem Befehle besiegeln, da wir so gerne in unserer Schwachheit nach seinen Geboten wandeln und durch seine Gnade selig werden wollen, so werden wir, wie man mit klaren Augen sehen kann, deshalb von diesem unartigen, verkehrten, blinden und fleischlichen Geschlechte jämmerlich gescholten, gelästert, verleumdet, verflucht, verfolgt und gemordet; denn der Satan hat den rechten, wahren Glauben an Christum Jesum mit seiner gehorsamen Besieglung von Anbeginn nie gelitten und wird ihn auch bis ans Ende nicht leiden.

Der apokalyptische Apollyon (Offb 9,11) hat durch seine aus dem Abgrund gestiegenen Heuschrecken leider alles so verderbt, dass wenig Wahrheit bei den Menschen geblieben ist; denn es ist offenbar, dass nicht allein die Türken und die Papisten, sondern auch diejenigen, von welchen man das Beste hoffte, die Klarheit der allerheiligsten Geburt Jesu Christi, in welcher der rechte Glaube steht (1Joh 5), samt des Glaubens rechtem Treiben, seiner Art, Kraft, Frucht, seinem Nachdruck und seiner Besieglung aufs Allerheftigste hassen und anfeinden, wie man aus dem Schreiben unserer Gegner offen merken und sehen kann.

Ach, ach! Wie äußerst wenig haben und wissen diese armen Kinder noch vom Reiche Gottes und von der starken Kraft seines heiligen Wortes, obschon sie sich vielleicht dünken lassen, dass sie darin schon einen Großteil erfasst haben; denn es ist mehr als klar, dass ein irdisches, fleischlich gesinntes Herz, ein ruhmsüchtiges, hoffärtiges Gemüt, Hass und Bosheit und eine falsche Hand und Zunge nicht aus dem Guten, sondern aus dem Bösen sind (Joh 8,44; 1Joh 3,8). Dass aber unsere Gegner aus einem irdischen, fleischlichen, gehässigen und falschen Herzen geschrieben, nicht Gottes, sondern ihren eigenen Ruhm, Namen und Ehre gesucht haben und in ihrem Berichten und Schreiben parteiisch und unwahr sind, kann leicht daraus gemerkt werden, dass sie von Anfang bis zu Ende ihres Buches nicht ein höfliches Wort weder von mir noch von unsern Brüdern hören lassen; dass sie die liebreiche, ihnen so treulich in der Not erwiesene Wohltat so ganz und gar verschwiegen haben und nicht das Geringste davon erwähnen; dass sie so oft mit gestopftem Munde da saßen (was ich nicht zu unserm Ruhm, sondern zu des Herrn Preis sage) und keine Ausflüchte mehr hatten; dass sie all der klaren Bekenntnisse, die sie vor uns allen ablegten, als: dass ein Weib keinen Samen, sondern Menstrualblut hätte, womit er die Disputation von Grund auf verloren hatte; ferner, dass zwei Söhne in Christo wären und dass der gekreuzigte nicht Gottes Sohn gewesen wäre, nicht mit einem einzigen Buchstaben Erwähnung getan haben, welches keinem unparteiischen Schreiber, der nicht seinen eigenen, sondern Gottes Ruhm und Ehre von Herzen sucht, zu tun ansteht; und dass sie mich als ganz unwissend, ja, als einen plumpen Kuckuck (wie er mich an einer andern Stelle nennt), der stets einerlei Sang singt, sich selbst hingegen als schriftkundige und geistreiche Meister hinstellen, während es vor Gott und allen seinen Engeln sowie auch vor uns allen in Wirklichkeit ganz anders befunden worden ist, wie man durch des Herrn Gnade in dieser meiner folgenden Beschreibung mit vernünftiger, göttlicher Wahrheit in aller Klarheit hören und sehen wird. Sie haben leider den Worten Pauli, dass man nicht nach eitler Ehre begierig sein solle, wenig nachgedacht (Gal 5,26).

Weil sie denn den Handel so gar nicht der Wahrheit getreu beschreiben und den Vater und seinen Sohn, ihr edles, teures, durchschneidendes, wahres Wort und alle seine Bekenner so jämmerlich beschimpft, sowie unsern lieben Brüdern, die täglich mit solcher Frömmigkeit für des Herrn Wort leiden und sterben, eine so große Schande an den Hals gehängt haben, als ob ihr ganzes Leben und Sterben nichts als Raserei wäre und sie für nichts als lauter Ketzerei Gut und Blut ließen, werde ich aus Pflicht und Schuldigkeit meines Dienstes und aus Liebe zu meinem Herrn und Seligmacher Jesu Christo und seiner heiligen Gemeinde (nicht aus Hass oder Rache, denn letztere überlasse ich ihm, der zu seiner Zeit ohne alles Ansehen der Person recht richten wird (5Mo 32,35; Röm 12,19; 1Pt 2,23)) gedrungen, alles, was Micron zur Unehre Christi und seines heiligen Wortes so mutwillig verschwiegen hat, mit ungefälschter, reiner Wahrheit anzuzeichnen, außerdem auch, wie lästerlich er den Vater und den Sohn, das Wort und sein Bekenntnis beschimpft und mit wie großem Unrecht er unsern Glauben und unsere Lehre von der Menschwerdung Christi, die durch die ganze Schrift in unwidersprechlicher Kraft und Klarheit bezeugt und gelehrt wird, beschwert.

Ich bitte daher alle meine Leser um des Herrn willen, diese meine Erklärung mit unparteiischem Herzen recht durchzulesen, den Grund wohl in Betracht zu nehmen und den Herrn um Gnade und Verstand zu bitten. Ich hoffe es durch Gottes Hilfe mit solcher Kraft und Klarheit der heiligen Schrift anzuweisen und voneinander zu scheiden, dass man, ja, dass man den antichristlichen Betrug bei unsern Gegnern und den festen Grund der Wahrheit bei uns mit vollen Händen greifen soll. Ich wünschte daher, dass man den bekannten Rechtsausdruck: Alteram partem audito, das ist: Ihr sollt auch den andern Teil hören, bedächte, meine Sache neben die Ihre hielte und sich nicht, wie die Parteigeister, durch ein Vorurteil vergreifen wollte.

Gleichermaßen bitte ich, dass man es mir auch nicht übel nehmen wolle, dass ich in meiner Schrift zuweilen die Ausdrücke Mannessamen, Menstrualblut gebrauchen muss. Gott weiß, wie ungern ich es tue, allein die Not zwingt mich dazu, auf dass nicht die Herrlichkeit Jesu Christi bei vielen verdunkelt und die himmlische Klarheit seiner allerheiligsten Geburt unter den Abgrundsrauch von Microns antichristlichen Glossen und Sophistereien verfinstert bleibe.

Ich kann mich nicht genug über des Mannes Herz und Gemüt verwundern, dass er es wagt, so ungereimte Fabeln vor die ganze Welt hinauszuschreiben und sich in seiner ruhmsüchtigen Hoffart (wie ich nach seinem eigenen Werke es vor Gott nicht anders nennen kann) so offenbar kundzugeben, da es doch von so manchem scharfsinnigen Menschen gelesen werden wird. Denn was tut er anders in seiner ganzen Schrift, denn dass er sich selber auf einen hohen Stuhl setzt und mich in den Kot tritt, wie es Brauch aller ehrgeizigen Parteigeister ist, weshalb ich auch gar nicht schreiben würde, wenn es nur meine Person und nicht die Ehre Gottes anginge und nicht so mancher gottesfürchtige, fromme Mann dabei gewesen wäre und den Handel von Anfang bis Ende gehört hätte. Überdies gibt es, wie ich vermute, wohl noch Tausende, die durch meine gedruckten Bücher, welche noch täglich hier und dort gelesen werden, wissen, dass ich so manchmal, sogar auf Strafe des Feuers, wenn ich meinen Glauben und meine Lehre nicht mit Kraft der Schrift bewähren würde können, eine öffentliche Besprechung verlangt, aber leider nicht erlangt habe.

Wenn ich nun so gänzlich unverständig bin, wie man aus seinem Buche verstehen muss, so ist es gewiss mehr als ein Wunder, dass man mir solch eine Besprechung so lange Zeit verweigert hat, da er damit ja so manche Seele gewinnen, so manch guten Mannes Kind zurechtbringen (d. h. wenn sie Unrecht hätten) und sich (d. h. wenn es ihm glückte) bei vielen hochstehenden Leuten, ja, bei der ganzen Welt Ehre und Ruhm hätte einlegen können. Allein Micron hat noch nicht vergessen (obwohl er so prahlerisch schreibt), wie sie bei uns gesessen sind.

Hätten Micron und Hermes Gott gefürchtet, wie sie in ihren Schafskleidern zu tun scheinen, nie würden sie so töricht gehandelt haben, wie dies jetzt in ihrem Schreiben von ihnen geschehen ist. Doch ich vermute, dass derjenige, welcher den Pharao antrieb, dass er Israel verfolgte (obwohl er so große Wunder durch Mose und Aarons Hand von dem Herrn in Ägyptenland gesehen hatte) und so im roten Meer seine Strafe fand (2Mo 7; 8; 9; 10; 11; 14,28) und der den Antiochus antrieb, dass er so sehr eilte, weil er aus Jerusalem eine Totengrube machen wollte, unterwegs aber seinen Stärkeren und Strafer fand (2Makk 9,4), auch Micron und Hermes getrieben hat, dies zu schreiben, auf dass ihre verdeckte Heuchelei, ihre mannigfaltigen großen und schweren Lügen, ihre ruhmsüchtige Parteisucht (ich nenne es, wie ich es vor dem Herrn richte), ihre unartige Undankbarkeit, ihre unverdienten Ehrabschneidungen, ihre Verfälschungen und mutwilligen Verdrehungen des heiligen göttlichen Wortes, ihre brechenden Glossen, ihre sophistische Philosophie, ihre traurige Verführung der armen elenden Seelen, ihre gräuliche antichristliche, falsche Lehre, ihre schweren Lästerungen sowohl gegen den Vater als seinen gebenedeiten Sohn, ihre greifbare Finsternis und ihre eitlen, fleischlichen Herzen durch diese unsere Erklärung einmal recht offenbar werden und alle die guten Herzen, die durch die vielen von ihnen über uns erdichteten Lügen, den schönen Schein, welchen sie verwenden, verdrehte und verfälschte Schriftstellen und die süßschmeckenden Worte der menschlichen Weisheit an ihrem Stricke gebunden stehen, zu des Herrn Preis los und frei werden mögen.

Ich weiß gewiss nicht, was ich sonst von der Sache denken oder sagen soll; denn ich habe ihn schon vor mehr als zwei Jahren durch einen hochgeachteten und namhaften Mann, der auch seines Glaubens ist, treulich warnen lassen, dass, wenn er es in Druck geben würde (denn mir wurde gesagt, dass er solches im Sinne hätte) und nicht der rechten Wahrheit folgte, wie denn auch geschehen ist – denn ich merkte, dass er die Lügen wenig sparte – es alsdann, falls ich lebte und der Herr es mir zuließe, seine Antwort haben sollte. Aber er wusste wohl, dass wenn er es nicht anders darstellen würde, als es wirklich geschehen war, er alsdann wenig Ruhm und Ehre bei der Welt damit ernten würde, denn es hätte gelautet: Micron hat es ganz verloren, was ein großdünkendes, hoffärtiges Fleisch nicht gerne haben und hören möchte.

Dennoch hätte ich meiner Lebtag nicht geglaubt, dass er ein so übermäßig ehrgeiziges, parteisüchtiges, unwahres, ehrabschneidendes und unverschämtes Fleisch hätte, wenn mir dies nicht durch unsere Besprechung und nun auch durch dies sein Schreiben klar geworden wäre. Ich hätte gedacht, sein Verstand würde ihm, auch ohne, dass jemand ihn gewarnt hätte, gesagt haben, dass, wenn er täte, was er nun getan hat und ich noch am Leben wäre, es ihm alsdann nichts als eitel Unehre und Schande bei allen unparteiischen vernünftigen Lesern und Zuhörern einbringen würde; aber Micron musste gebären, womit er schwanger ging.

Doch er mag vielleicht gehofft oder gedacht haben, dass ich mittlerweile gestorben sein möchte und dass er alsdann seinen Ruhm und Preis bei den Menschen ungestraft behalten könnte. Auch wusste er wohl, dass er sich bei der Welt, die gerne solche tröstlichen Lügen und falschen Neuigkeiten haben und hören will (Jes 30,10; 2Tim 4,3), an mir nicht versündigen konnte; denn derjenige, welcher mich und meine Mitbrüder am Hässlichsten verleumden, uns Ehre und guten Namen nehmen, am Heftigsten schelten und mit den schwärzesten Farben abmalen kann, ist bei ihnen ein guter Prophet und angenehmer Prediger. Doch sie mögen miteinander weiter rennen, bis ihnen vom Herrn Einhalt geboten wird. Johannes sagt:

»Sie sind von der Welt, darum reden sie von der Welt und die Welt hört sie.« (1Joh 4,5)

Der liebe Herr gönne ihnen seine Gnade, wenn es möglich ist, Amen. Der Leser habe Acht auf das, was folgt, auf dass er Christum kennen lerne, recht tue und selig werde.