29.5  Schluss

Hier habt ihr, meine lieben Herren, Freunde und Brüder, unser klares Bekenntnis von der Menschwerdung unseres lieben Herrn Jesu Christi, welches ich von Grund auf bekenne und glaube. Ihr habt mich darum ersucht und zwar, wie ich hoffe, aus keiner andern als einer guten Absicht; daher habe ich auch meinen Glauben nicht verschwiegen. Urteilt nun recht über diese Sache, wenn ihr geistlich seid; und sollte ich vielleicht nach eurer Meinung hierin menschlicherweise irren, welches ich nicht hoffe, so denkt nicht, dass solches aus Eigenköpfigkeit, Halsstarrigkeit oder Parteisucht von mir geschieht, sondern nur, dass ich vor Gott, meinem Schöpfer, nichts anderes kenne, als den festen, unbeweglichen Grund, das Wort und die Wahrheit Gottes. Meine Brüder, seht mich nicht an für einen, der gegen seinen Gott sucht – keineswegs; denn Gottes ewiger Wahrheit, seinem Wort und seinem Willen stehe ich bereit, mir geschehe in allen Dingen, wie es seiner väterlichen Güte beliebt. Dies sage ich aus vollem Herzen, zweifelt nicht. Darum sage ich zu euch: Habt ihr in diesem Artikel von der Menschwerdung Christi klarere Schrift, klareren Grund, klarere Wahrheit, klareren Beweis, als wir haben, so helft uns. Ich werde dann ohne Zweifel durch des Herrn Gnade mein Herz in diesem Grund auch verändern und dem euren nachfolgen. Allein vor allem, Brüder, dies sollt ihr wissen, will ich in dieser Sache keine Menschenlehren, Vernunft, Schriftverdrehung, Glossen und Vermutungen hören oder zulassen, sondern nur die klare Schrift, Wahrheit und unveränderliche Zeugnisse, gleichwie wir euch nichts anderes in diesem unserem Bekenntnisse, als Schriftklarheit, Wahrheit und unveränderliche Zeugnisse vorgetragen und angewiesen haben. Habt ihr aber solches nicht, so lasst euch helfen; haltet inne und lasst unsern Glauben in Frieden, denn ich sage noch einmal, liebste Brüder, dass ich nach all meinem Vermögen vor Gott nichts suche, als das reine, unvermengte Wort Gottes und sein Zeugnis.

Außerdem habt ihr hier auch, wie und auf was für Weise ich die einfachen Brüder ermahne und lehre, mit welcher Lehre doch kein gottesfürchtiges Gewissen betrübt noch Christenseelen bedrängt werden. Ich bitte und begehre, macht es auch so, auf dass ihr baut und nicht abbrecht. Meine Brüder, tut ihr es aber nicht, dann seht euch vor, wie und was ihr lehrt. Ich kann euch nur mündlich bitten und ermahnen; euch zu zwingen, ziemt mir nicht, wenn ich es auch könnte. Ein jeder wird für sich selbst über sein Lehren und Tun Gott Rechenschaft geben und nicht den Menschen.

Drittens habt ihr hier mein ermahnendes Bekenntnis, wie dass beide, Lehrer und Gemeinden, nach der Anweisung der Schrift geartet sein sollen und müssen. Ich bitte und begehre noch einmal durch die Barmherzigkeit des Herrn, dass ihr doch die klare, schriftliche Wahrheit nicht in Bitterkeit aufnehmen wollt, denn was ich euch hier geschrieben habe, ist Gottes unveränderliches Wort und Wille und wird es auch in Ewigkeit bleiben. Seht darum zu, dass ihr euch dieses Schreibens halber nicht über mich erzürnt, weil es eurem Fleische widerstrebt. Es ist wahrlich nicht meine, sondern Christi Lehre, nicht mein, sondern Christi Wille. Zürnt ihr aber, so zürnt ihr nicht mir, sondern Christo, der uns solches in seinem heiligen Evangelium oder Wort selbst gelehrt und hinterlassen hat. Wenn ihr Gott fürchtet, so werdet ihr mich ohne Zweifel desto mehr lieben, weil ich euch durch Gottes Gnade, Geist und Wort, so viel mir Gott gegeben hat, das Himmelreich erschließe und den rechten Weg weise; ja, dass ich euch unverzagt in wahrer brüderlicher Gunst und Liebe, dessen Gott mein Zeuge sei, die ewige, unveränderliche Wahrheit sage und bringe, das faule Fleisch aus euren einfressenden Wunden herausschneide und euch nicht schmeichle; denn ich suche nicht eure fleischliche, sondern eure geistliche Freundschaft, nicht euer Lob, sondern Gottes Preis, nicht euer Gut und eure Gaben, sondern eure Seligkeit und eure Seelen. Um dieser Ursachen willen sage ich euch die helle, tönende Wahrheit Gottes und schone eurer nicht. Ach Brüder, empfangt es mit frohem Herzen. Noch einmal sage ich: Dies ist Christi einziges Wort und Wille; verwerft ihr es, so verwerft ihr nicht mich, sondern Christum Jesum, der uns alle so teuer mit seinem roten Blute erkauft hat (Apg 20,28). Darum seht wohl zu, dass ihr von Stunde an aufwacht und nicht länger in der Finsternis und tödlichen Blindheit irrt und weiter geht. Und lasst doch das arme, unverständige Volk, die armen, einfältigen Seelen, nicht länger unter eurem Namen und Deckmantel irren. Die ganze Welt sieht auf euch Gelehrte; wie ihr pfeift, so tanzen sie; wie ihr lehrt, so glauben sie und wie ihr vorangeht, so folgen sie nach. Darum wehe euch, wenn ihr verkehrt und nicht recht lehrt, zerstreut und nicht sammelt, verführt und nicht weidet, verderbt und nicht bekehrt. Empfangt Augen der Weisheit, auf dass ihr auch andere mit göttlichem Verstande recht lehren und leiten könnt und nicht an euch erfüllt werde das Wort, welches Christus selbst gesprochen hat:

»Wenn aber ein Blinder den andern leitet, so fallen sie beide in die Grube.« (Mt 15,14)

Letztlich werde ich euch, so es Gott gefällt, auch bald meine Arbeit hinsichtlich der Taufe der Gläubigen senden, samt andern Lehren, aus welchen ihr meinen ganzen Grund, mein Lehren, Suchen und Vornehmen, in aller Klarheit ersehen mögt; warum ich arbeite und wonach ich jage und mit was für Schriften und Gründen wir die Taufe der Gläubigen bewähren und die Taufe der unmündigen Kinder für gänzlich unnütz, abgöttisch und offenbar gegen das Wort halten.

Lest es doch mit gutem Herzen, erwägt es wohl und folgt nur dem rechten Sinn und Verstand des göttlichen Geistes und der Wahrheit nach. Lasst Meinen und Gutdünken fahren und Fleisch und Vernunft untergehen; sehr viele sind schon dadurch betrogen worden. Diese unsere Lehre von den Predigern, von der unsträflichen Gemeinde, von der Taufe der Gläubigen, von dem Abendmahl in einer unsträflichen Versammlung und von der Absonderung der Unbekehrbaren ist ohne Zweifel das ewige unveränderliche Wort, der Wille und die Verordnung Gottes und wird uns darum durch des Herrn Gnade nie und nimmer von irgendeines Menschen Weisheit, Scharfsinn, Drohen oder Tyrannei genommen werden. Ja, ich stehe Gott und meinen Brüdern bereit, diese Lehre mit einem gewissen Zeugnisse meines Gewissens zu jeder Zeit und mit allerlei Bangigkeit, Verfolgung, Blut und Tod zu bezeugen und zu bewähren. Der barmherzige Vater tue anders mit mir und allen, die ihn von Herzen suchen und fürchten, nach seinem göttlichen gebenedeiten Willen. Lest es mit Verständigkeit und urteilt christlich.

Dies ist in Kürze in allen Sachen der christlichen Kirche mein einziger Grund und meine innerliche Meinung, nämlich, dass bei Gott nichts gilt – weder Taufe noch Abendmahl, noch irgendeine andere Verordnung in äußerlichen Dingen – das ohne neue Kreatur und Gottes Geist gebraucht wird; sondern vor Gott gilt nur Glaube, Liebe, Geist und die neue Kreatur oder Geburt, wie Paulus ausdrücklich lehrt (Gal 5,6). Alle, welche diese durch Gottes Gnade von oben recht empfangen haben, die lassen sich nach des Herrn Befehl taufen und gebrauchen des Herrn Abendmahl auf rechte Weise (Apg 2,38; 8,38; 9,18; Mt 28,19). Ja, sie treten mit voller Begierde in alle Verordnungen und die Lehre Jesu Christi und werden in alle Ewigkeit nicht gegen Gottes heiligen Willen und sein klares, zeugendes Wort mutwillig streben und streiten.

Daher, meine Teuersten, ist es mein freundschaftliches, aus dem Innersten meiner Seele kommendes Begehren, dass ihr, was äußerliche Artikel und buchstäbliche Verordnungen angeht, weder mit mir noch mit irgendjemand anderem streiten wollt. Überwindet und unterwerft zuerst euch selbst, nämlich euer ungläubiges, elendes, widerspenstiges, halsstarriges Fleisch, das euch noch heutigen Tages von der rechten Wahrheit, dem Glauben, der Erkenntnis, der Gerechtigkeit und dem Gehorsam Gottes wegtreibt und verhindert. Ja, ich habe keinen Zweifel, wenn das recht überwunden ist, so werdet ihr alle Verordnungen Gottes wohl einsehen, erkennen und gebrauchen. Solange dasselbe aber in euch lebt und seine Gewalt übt, so werdet ihr stets disputieren und widerstreiten und werdet den festen, unbeweglichen Grund der ewigen Wahrheit nie begreifen, annehmen noch demselben folgen. Lasst euch warnen.

Genug für dies Mal, unterscheidet aber Christum und euch selbst einmal recht voneinander, Christi Liebe und eure Liebe, Christi Geist und euren Geist, Christi Suchen und euer Suchen, Christi Lehren und euer Lehren, Christi Sakramente und eure Sakramente, Christi Leben und euer Leben und ihr werdet ohne Zweifel wohl erkennen, was und wo es euch noch gebricht.

Rechte Weisheit, rechten Verstand, rechten Glauben, rechte Erkenntnis, rechten Unterschied, ein eifriges, feuriges Herz, wahre Furcht und Liebe, rechte Lehre, rechtes Leben, rechte Sakramente und rechte Verordnungen gönne euch und uns allen Gott, der barmherzige Vater, durch Jesum Christum, unsern und der ganzen Welt Seligmacher und ewiger Erlöser, Amen.

»Geht ein durch die enge Pforte. Denn die Pforte ist weit und der Weg ist breit, […]« (Mt 7,13)

Bitter ist die Wahrheit, und wer sie predigt, voll Bitterkeit, sagt Hieronymus.