29.3  Nun folgen die Einwendungen

Da ich euch nun unsern innersten Grund von des Herrn Menschwerdung, nämlich, dass er nicht von Maria, sondern in Maria Mensch oder Fleisch geworden ist, angewiesen und bekannt und auch außerdem zum Teil die Gründe und Schriftstellen, welche uns mit aller Macht zu diesem Glauben bewegen, vorgelegt habe, so will ich nun weiter gehen und die Schriftstellen und Argumente, die ihr bis jetzt vorgebracht habt und mit welchen ihr lehrt und beweisen wollt, dass er nicht nur in Maria, sondern auch von Maria sein Fleisch angenommen und empfangen habe in Kürze beantworten.

Zum Ersten fragt ihr, ob er nicht des Weibes Samen sei? Wir antworten: Ja (1Mo 3,15). Von diesem folgert ihr: Ist er eines Weibes Samen, so ist er auch Mensch von einem Weibe. Auf diese eure Folgerung antworten wir mit der Frage: War die betrügerische Schlange nicht leiblich? Ihr müsst gewiss sagen: Ja; denn Gott sprach:

»Auf deinem Bauch sollst du kriechen und Erde essen dein Leben lang.« (1Mo 3,14)

Zweitens fragen wir: War nicht auch das betrogene Weib leiblich? Ohne Zweifel, ja. Wohlan, ist nun der natürliche und leibliche Same des betrogenen Weibes leiblich, so muss der Same der Schlange auch ein natürlicher, leiblicher Same sein, da Gott an dieser Stelle in 1Mo selber davon gesprochen und gezeugt hat; oder ihr müsst bekennen, dass das eine Wort geistlich, das andere aber buchstäblich gelehrt und verstanden werden muss. Keineswegs, liebe Brüder, sondern die leibliche Schlange stellt dar die geistliche Schlange, nämlich Satan (Offb 12,14), und sie hat ihren geistlichen Samen, nämlich die Lügen (Joh 8,44). Ebenso trägt auch das Weib – die da war die Mutter aller Lebendigen, das Ebenbild Adams, Fleisch von Adams Fleisch, Gebein von Adams Gebein und unterworfen ihrem Manne, nachdem sie gesündigt hatte – das Bild und Gleichnis des neuen geistlichen Weibes, nämlich der Gemeinde Christi, welche ist das Ebenbild Christi (Röm 8,29); Fleisch von Christi Fleisch und Gebein von Christi Gebein; Christi unterworfen und gehorsam (Eph 5,30). Ist nun das Weib geistlich, so muss auch ihr Samen geistlich sein, nämlich die ewige Wahrheit, welche Wahrheit Christus selbst ist (Joh 14,6). Seht, meine Teuersten, so ist die Schlange und ihr Samen, aus welchem sie alle ihre Kinder der verdammten Lüge gebärt, geistlich; ebenso ist aber auch das Weib und ihr Samen, aus welchem sie alle ihre Kinder der seligmachenden Wahrheit gebärt, geistlich. Zwischen diesen besteht eine ewige Feindschaft, wie man vor Augen sehen kann. Doch die Wahrheit triumphiert und die Lüge ist überwunden; allein Letztere hindert die Erstere aus allen Kräften. Ach Brüder, versteht doch die Schrift recht, auf dass wir nicht durch Unverstand oder verderbliche Halsstarrigkeit uns selbst und mit uns vieler Menschen Seelen verführen und betrügen. Seid ihr aber mit dieser klaren Auslegung dieser Stellen nicht zufrieden, sondern besteht darauf, dass beide, das Weib und der Samen, sichtbar und leiblich sind, so wissen wir, dass dieses Weib den vorberührten Samen, nämlich Gottes Wort, nicht aus ihrem Leibe noch von ihrem Leibe, sondern von Gott durch die Kraft des heiligen Geistes durch den Glauben in ihrem Leibe empfangen hat.

Zum Zweiten fragt ihr, ob er nicht ein Same Abrahams genannt werde? Wir antworten: Ja (Gal 3,16). Daraus schließt ihr: So muss auch seine Herkunft dem Fleische nach von Abrahams Fleisch und Blut sein. Zu diesem führt ihr Paulus an, wo er sagt:

»Er nimmt nirgend die Engel an sich, sondern den Samen Abrahams nimmt er an sich. Daher musste er allerdinge seinen Brüdern gleich werden.« (Hebr 2,16–17)

Hiergegen sagen wir, dass euer Schluss nach dem Fleische und nicht Gottes Wort gemäß ist; denn »das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns,« sagt Johannes und es ist vom heiligen Geist herabgekommen. Darum ist er auch nicht Abrahams natürliches Fleisch und Blut gewesen, sondern aus Gnaden ist es dem lieben Vater Abraham verheißen worden, dass er, die wahre Segnung aller Völker, nicht aus dem Samen seiner Brüder noch aus irgendeinem Geschlechte der Heiden oder Unbeschnittenen, sondern aus seinem Samen, das ist aus seinem Geschlechte, kommen sollte, wie geschrieben steht:

»Durch deinen Samen sollen alle Völker auf Erden gesegnet werden.« (1Mo 22,18)

Also ist Jesus Christus dem Abraham verheißen und gegeben worden und der Verheißung gemäß von seinem Samen geboren, wie auch Christus selber sagt, dass das Heil von den Juden kommt (Joh 4,22) und er wird daher der Same und Sohn Abrahams genannt (Mt 1,1), da er ohne Zweifel seinem gebenedeiten Fleisch nach, welches vom heiligen Geiste empfangen worden und hergekommen ist, aus Abrahams Samen oder Stamm zu unser aller Seligkeit hervorgetreten, erschienen und geboren ist.

Auch sind die Worte Pauli, welche ihr hier zur Befestigung eurer Sache anführt, vom heiligen Geiste nicht in der von euch behaupteten Meinung gelehrt und gesprochen worden, sondern so sagt Paulus:

»Da sie alle von einem kommen, beide, der da heiligt und die da geheiligt werden. (Von einem, d. h. von einem Adam sagt ihr; wir aber sagen: Von einem, d. h. von einem Gott.) Darum schämt er (der Heiligmacher) sich auch nicht, sie (die Heiliggemachten) Brüder zu heißen und spricht: ›Ich will verkündigen meinen Namen deinen Brüdern, und mitten in der Gemeinde dir lobsingen.‹« (Hebr 2,11–12)

Denn gleichwie Christus Jesus von oben von dem Vater geboren ist und darum Gottes Sohn oder Kind genannt wird, indem er Gott zu einem Vater hat, ebenso,

»wie viele ihn (Christum) aber aufnahmen, denen gab er Macht, Gottes Kinder zu werden […]« (Joh 1,12)

Solche haben auch Gott zu einem Vater. Weil denn die Wiedergeborenen mit Christo Jesu von einem Gott geboren sind und zusammen einen Vater haben, so nennt er die Geheiligten, die zusammen mit ihm von einem Gott geboren sind, seine Brüder, wie oben gesagt worden ist – nicht des Fleisches, sondern der Wiedergeburt wegen. Wenn es anders wäre, so müsstet ihr gewiss bekennen, dass alle bösen, ungläubigen und verkehrten Menschen gerade so gut Schwestern und Brüder Christi sind, als die gläubigen, rechtschaffenen und frommen. Keineswegs, sondern Christus sagt:

»Wer den Willen tut meines Vaters im Himmel, derselbige ist mein Bruder, Schwester und Mutter.« (Mt 12,50)

Lest und versteht recht. Ferner sagt Paulus:

»Siehe da, ich und die Kinder, welche mir Gott gegeben hat. Nachdem nun die Kinder Fleisch und Blut haben, ist er es gleichermaßen teilhaftig geworden (das ist sterblich, wie folgt), auf dass er durch den Tod die Macht nehme dem, der des Todes Gewalt hatte, das ist dem Teufel, und erlöste die, so durch Furcht des Todes im ganzen Leben Knechte sein mussten (nämlich Abrahams Samen und Geschlecht, das unter der schrecklichen Drohung der schweren Last und dem unerträglichen Joch des Gesetzes Mose darniederlag). Denn er nimmt nirgend die Engel an sich.« (Hebr 2,13–16)

Versteht ihr hier die guten (Engel) so wisst ihr wohl, dass diese nicht gesündigt haben; versteht ihr aber die bösen, so wisst ihr auch, dass er Letztere von sich verstoßen und sie bis zum großen Tag des Urteils in ewigen Ketten der Finsternis gefangen hält. Darum sagt Paulus:

»Er nimmt nirgend die Engel an sich, sondern den (eigenen, bedrückten) Samen Abrahams nimmt er an sich. Daher musste er allerdings seinen Brüdern gleich werden (nämlich krank, schwach und sterblich wie sie) auf dass er barmherzig würde, um ein treuer Hoherpriester vor Gott, zu versöhnen die Sünde des Volkes. Denn darinnen er gelitten hat und versucht ist, kann er helfen denen, die versucht werden.« (Hebr 2,16–18; 5,2; Phil 2,7)

Urteilt nun selber, ob dies nicht das rechte Verständnis dieser Stelle Pauli ist.

Zum Dritten führt er an und sagt: Paulus lehrt mit klaren Worten, dass Christus Jesus geboren ist von dem Samen Davids nach dem Fleisch und kräftig erwiesen ein Sohn Gottes, nach dem Geist, der da heiligt (Röm 1,3–4). Darum ist er auch, schließt er, mit dem Fleische von Davids Samen oder Leib und mit dem Geiste nur von Gott geboren und hergekommen.

Darauf antworten wir, dass Christus Jesus von dem Samen Davids geboren oder dem Fleische nach von Davids Samen oder Leib hergekommen ist, folgt wohl dem Lauf der gewöhnlichen Natur nach, aber nicht nach dem Beweis und Zeugnis der Schrift, denn diese lehrt, dass das Wort Fleisch geworden und vom heiligen Geiste empfangen worden und hergekommen ist. Darum, liebe Brüder, ist Nachfolgendes das rechte Verständnis dieser Stelle Pauli und ähnlicher Stellen: Die tröstliche Verheißung des zukünftigen Seligmachers wird dem Abraham gegeben, nämlich dass er aus des Letzteren Samen oder Geschlechte geboren werden solle. Abraham breitet sich aus in Ismael, Isaak und den Kindern Keturas. Dem Isaak und nicht den andern wird nun die Verheißung seines Vaters aufs Neue erteilt (1Mo 26,4). Isaak vermehrt sich in zwei Geschlechtern, nämlich in Esau und Jakob. Nicht Esau, sondern Jakob, empfängt jetzt die Verheißung, welche seinen Vätern Abraham und Isaak gegeben worden war (1Mo 28,14). Jakob pflanzt sich fort in zwölf Geschlechtern. Damit nun der verheißene Seligmacher nicht aus dem Geschlechte Ruben, Dan, Gad oder irgendeinem andern von den Elfen erwartet werde, so weist der heilige Geist auf den Juda und nicht auf die andern (1Mo 49,10). Dem Juda, welcher sich in vielen Zweigen und Sprossen vermehrt, wird die Verheißung wiederum in David erneuert (2Sam 7,12). Also hat der barmherzige Vater stets zum Voraus gezeugt und angewiesen, von einem Vater zum andern und von einem Geschlecht zum andern, auf dass alle Menschen erkennen möchten, von welchen Vätern und Geschlechtern der verheißene Seligmacher und Erlöser aller Menschen dem Fleische nach herkommen und geboren werden sollte, wie die Juden dieses auch durch solche Anweisung der Schrift wohl erkannten, indem sie sagten:

»Spricht nicht die Schrift von dem Samen Davids, und aus dem Flecken Bethlehem […] solle Christus kommen?« (Joh 7,42)

Auch:

»Er kam in sein Eigentum und die Seinen nahmen ihn nicht auf.« (Joh 1,11)

Ich sage, er ist der Verheißung gemäß von Davids Samen oder Geschlecht zu ihnen gekommen, aber sie haben ihn nicht erkannt. Ja, die bestimmte Stunde ist gekommen. Gabriel ward gesandt von Gott zu einer Jungfrau mit Namen Maria, die vertraut war einem Manne. Maria glaubte dem Worte ihres Herrn, der heilige Geist kam über sie und das Wort ward Fleisch in ihr. Es ist empfangen worden und hergekommen vom heiligen Geiste. Und nach oder mit diesem vom heiligen Geiste empfangenen und hergekommenen Fleische ist er geboren von Maria, der reinen Jungfrau, welche von dem Geschlechte und Samen Davids war und David von Juda, Juda von Jakob, Jakob von Isaak und Isaak von Abraham und ist so die Verheißung, welche Gott den vorerwähnten Vätern aus lauter Gnade geschenkt hatte, erfüllt worden. Er ist also, wie oben erklärt worden ist, nach dem Fleische geboren von dem Stamme Davids und nach dem Geist, der da heiligt, kräftiglich erwiesen ein Sohn Gottes. Denn sollte er sich selbst als den Sohn Gottes beweisen oder erklären, so musste dies ohne Zweifel dem heiligmachenden Geiste nach geschehen, da er in seinem Fleische solches nicht vermochte, weil er sich selbst erniedrigt hatte und auch vom Vater verlassen, sowie krank, schwach, elend, hungrig, durstig, dem Leiden unterworfen, uns armen, elenden Menschen in allem gleich war, ausgenommen die Sünde. Liebe Brüder, seht wohl zu, diese angeführte Stelle Pauli ist sehr klar und hat überall einen Skrupel.

Zum Vierten sagt ihr: »Christus wird eine Frucht der Lenden Davids genannt (2Sam 7,12; Ps 132,11); darum muss er auch der natürliche und leibliche Same Davids sein.«

Darauf antworten wir: Diese Worte in ihrem buchstäblichen Sinne werden von Salomo und nicht von Christo gesprochen; Salomo aber ist aus den natürlichen Lenden Davids hergekommen und geboren (Apg 2,30). Denn also sprach Nathan zu David: »Wenn nun deine Zeit hin ist, dass du mit deinen Vätern schlafen liegest; will ich deinen Samen nach dir erwecken, der von deinem Leibe kommen soll, dem will ich sein Reich bestätigen […] ewiglich. Ich will sein Vater sein und er soll mein Sohn sein. (Merkt nun, von wem dies äußerlich gesprochen ist.) Wenn er eine Missetat tut (sagt der Prophet) will ich ihn mit Menschenruten und mit der Menschenkinder Schlägen strafen […]« Christus aber hat gewiss keine Missetat begangen, denn er hat keine Sünde getan, noch ist Betrug in seinem Munde erfunden worden (1Pt 2,22). So auch im Psalm: »Der Herr hat David einen wahren Eid geschworen, davon wird er sich nicht wenden: Ich will auf deinen Stuhl setzen die Frucht deines Leibes. Werden deine Kinder meinen Bund halten und mein Zeugnis, da ich sie lehren werde; so sollen auch ihre Kinder auf deinem Stuhl sitzen ewiglich.« Dass dieses buchstäblich von Salomo gesprochen ist, bezeugt Salomo selbst mit klaren Worten (1Kön 3,6; 8,20; 2Chr 6,10). Dieser Salomo, in seiner Herrlichkeit, Weisheit, der Erbauung des Tempels etc., hat ohne Zweifel Christum Jesum in der Figur oder im Schatten vorgestellt. Seht, es kann also sicherlich der Buchstabe nicht für den Geist, noch der Geist für den Buchstaben angesehen und verstanden werden. Dass sich die Verheißung aber im Geiste auf Christum bezieht, ist unwidersprechlich, da die heiligen Propheten Gottes selbst dies anweisen und so deuten, besonders Jes 9,6; Jer 23,5; 33,15.

Zum Fünften fragt ihr, ob er nicht eine Frucht des Leibes der Maria sei und genannt werde? Wir antworten: Ja (Lk 1,42). Daraus schließt ihr: »Ist er eine Frucht des Leibes der Maria, so ist er auch von ihrem Fleisch und Blut durch die Kraft des heiligen Geistes hervorgegangen. Denn wenn er nicht von ihrem Fleisch und Blut wäre, so könnte er auch keine Frucht ihres Leibes genannt werden. Weil er aber von ihrem Fleische ist, darum wird er eine Frucht ihres Leibes genannt; gleichwie ein Apfel eine Frucht des Baumes heißt: weil er aus dem Baume aus des Baumes Natur durch die Kraft der Erde hervorgesprossen und gewachsen ist.«

Darauf antworten wir: Nach dem Lauf der Natur ist euer Schluss zum Teil richtig, nach dem Zeugnis der Schrift aber ganz und gar unrichtig; denn diese sagt, dass Maria, die unbefleckte Jungfrau, das ewige Wort Gottes, das im Anfang bei Gott und Gott selber war, durch den Glauben empfangen hat (Lk 1,38), dass dasselbe Fleisch geworden ist (Joh 1,14), vom heiligen Geiste empfangen worden ist und hergekommen ist(Mt 1,20), auf menschliche und natürliche Weise in ihr gezeugt und gewachsen und zur bestimmten Zeit von ihr geboren worden ist, wie ein natürliches Kind von seiner Mutter. Also bleibt Christus Jesus nach den Worten der Elisabeth die edle und gebenedeite Frucht des Leibes der Maria, welche sie nicht von ihrem Leibe, sondern in ihrem Leibe durch den Glauben, welchen der heilige Geist in ihr wirkte, aus Gott dem allmächtigen Vater von oben aus dem hohen Himmel empfangen hat, wie wir schon vielfach bewiesen haben.

Auch führt ihr hier einen natürlichen Beweisgrund vom Baum und seinen Früchten zur Bewährung eurer Sache an. Weil ihr denn solches tut, so will ich euren vorgebrachten natürlichen Beweisgrund beantworten und abfertigen:

Ich besäe oder habe einen wohlbebauten, geeggten und gedüngten Acker, der sehr reichlich Weizen, Korn oder Roggen trägt. Nun sage ich: Ei, dies ist eine köstliche Frucht des Ackers. Diese Frucht könnte nun der Acker nicht aus sich selbst hervorbringen, wie wohl bearbeitet und fett er auch wäre und wie sehr ihn auch die Wärme der Sonne und Feuchtigkeit der Luft dazu lockte, solange der Samen nicht zuerst vom Sämann eingesät wird. Wenn er hinein gesät worden ist und aufwächst, so wird er, obwohl er zuerst hinein gesät worden ist, ebenso wohl eine Frucht des Ackers genannt, als der Apfel eine Frucht des Baumes, obwohl dieser aus dem Eigentum des Baumes gesprossen und gewachsen ist.

Gleichermaßen ist auch der himmlische Samen, nämlich Gottes Wort, in Maria gesät worden, ist in ihr, da sie glaubte, durch die Kraft des heiligen Geistes empfangen worden, Fleisch geworden, genährt worden und aufgewachsen und wird so eine Frucht ihres Leibes genannt, gerade wie eine natürliche Frucht eine Frucht der natürlichen Mutter genannt und als solche erkannt wird. Denn Christus Jesus ist seinem ersten Ursprunge nach kein irdischer Mensch, das ist keine Frucht von Adams Fleisch und Blut; sondern er ist ein himmlischer Mensch oder Frucht, denn sein Ursprung oder Ausgang ist vom Vater (Joh 16,28). Er ist dem irdischen Adam in allem gleich geworden, ausgenommen die Sünde und ist dem Adam und seinen Kindern, d. h. wenn sie ihn in seinem heiligen Worte hören und aufnehmen, zu ihrer ewigen Seligkeit und Erlösung von Gott, dem barmherzigen Vater, aus lauter Gnade und Barmherzigkeit umsonst und ohne irgendwelche vorhergegangenen Verdienste geschenkt worden.

Zum Sechsten sagt ihr: Gott konnte nicht leiden: ist Christi Fleisch nicht von der Erde oder von Adam, sondern vom Himmel gewesen, so ist er auch den Leiden nicht unterworfen gewesen und folglich nicht gestorben.

Hierauf antworten wir: Seid unparteiisch und urteilt recht. Eure Meinung ist, dass Christus Jesus nach dem Geist allein vom Vater ist, in welchem Geist, aber nicht nach dem Fleisch, er dem Leiden nicht unterworfen und unsterblich gewesen ist, wie ihr sagt; nach dem Fleische aber, in welchem er gelitten hat und gestorben ist, lehrt ihr, dass er von der Erde ist, auf dass der Gehorsam des Gesetzes, welcher dem irdischen Menschen unter Strafe der Verdammnis geboten war, von dem irdischen Menschen, nämlich Christo, vollbracht werden sollte, auf dass er uns in ihm durch Gehorsam selig machen möchte, durch die Gemeinschaft seiner menschlichen Natur und seines Blutes, mit welchem er des Vaters Gerechtigkeit in unserm Fleisch befriedigt hatte. Diesen Grund verfechten eure Syllogismen, welche ihr mir in lateinischen Worten mitgegeben habt. Hiergegen sprechen wir nicht mit schlau ersonnenen Syllogismen oder irgendwelchen Spitzfindigkeiten, denn solches haben wir nicht; sondern wir entgegnen nur mit dem offenen, klaren, zeugenden Worte, das weder mit Glossen verdreht noch durch irgendeines Menschen Vernunft gebrochen werden wird.

Erstens bekennen wir und geben zu vor der ganzen Welt, dass Gott, der allmächtige, ewige Vater, dem Leiden gänzlich ununterworfen und unsterblich ist, denn bei ihm ist keine Veränderung (Jak 1,17). Der Prophet sagt:

»Ich bin der Herr und verändere mich nicht.« (Mal 3,6)

Allein Gott der Sohn, nämlich das ewige Wort, ist erniedrigt worden, ist aus sich selbst gegangen undist geringer denn die Engel geworden, ein elendes, sterbliches Fleisch oder Mensch.

Ihr sagt: »Gott kann nicht leiden.« Die Schrift aber sagt anders, nämlich, dass Gott der Sohn gelitten hat, wie er selbst sagt:

»Ich bin der Erste und der Letzte, und der Lebendige. Ich war tot; und siehe, ich bin lebendig von Ewigkeit zu Ewigkeit.« (Offb 1,17–18)

Adams Fleisch war nicht das erste und das letzte, sondern derjenige, der vor allen Kreaturen gewesen ist, durch welchen alle Dinge geschaffen sind (Eph 3,9); welcher Ausgang von Anfang und von Ewigkeit her gewesen ist (Mi 5,1), dies ist der Erste und der Letzte, dieser ist Fleisch geworden, hat gelitten, ist gestorben, ist wieder lebendig geworden und wird leben in Ewigkeit.

Seht zu, dass ihr nicht mutwillig gegen die Schrift streitet; Christus will nicht in zwei Stücke zerteilt werden, wie ihr meint.

Noch einmal: Der Vater ist dem Leiden nicht unterworfen, ist unsterblich und unveränderlich; aber der Sohn ist um unsertwillen erniedrigt, dem Leiden unterworfen und sterblich geworden, nach dem Zeugnis der ganzen Schrift (Phil 2,7; Hebr 2,14; 1Pt 1,19; 1Joh 3,16) und dergleichen Stellen und Kapitel noch viele. Darum begehrte er von seinem lieben Vater, dass er doch seine Klarheit, die er durch sein Menschwerden verloren hatte, wieder bekommen möchte (Joh 17,5). Ist er denn in seiner göttlichen Gestalt unverändert geblieben und hat in demjenigen gelitten, das er von der Erde angenommen hat, wie ihr sagt, was hat er denn verloren, das er von seinem Vater wieder zu empfangen begehrte? Seht doch die Schrift recht an und betet und es werden euch durch des Herrn Gnade die Augen recht geöffnet werden, so dass ihr die Wahrheit Christi sehen könnt.

Zweitens sagen und antworten wir, dass der ganze Christus Jesus von seinem Vater ausgegangen ist (Joh 1,14; 3,31; 8,42; 14,24; 16,28; 17,8), dass Gottes Wort, das in Maria Fleisch geworden ist, der Herr vom Himmel ist (1Kor 15,47) und dass er nach dem Zeugnis der Schrift in Fleisch, Seele und Geist beklommen und bedrückt gewesen ist – im Fleisch, weil er gekreuzigt worden ist; in der Seele, weil er selber sagt:

»Meine Seele ist betrübt bis an den Tod.« (Mt 26,38)

Und im Geiste, weil Johannes sagt:

»Da Jesus solches gesagt hatte, ward er betrübt im Geist […]« (Joh 13,21)

– welcher Christus Jesus, auf dass er Gott für uns ein Opfer brächte, gelitten hat, der Gerechte für die Ungerechten, getötet im Fleische, aber lebendig gemacht im Geiste.

Drittens sagen wir, in Beantwortung eurer Syllogismen: Das Gebot ist nicht dem himmlischen Christo, sondern dem irdischen Adam und seinem Samen gegeben worden und zwar durch Christum, d. h. durch das Wort. Da nun Adam das Gebot übertrat, ist ihm durch das Wort Christus der Tod zuerkannt worden (1Mo 3,19). Weil nun Gottes Gerechtigkeit unveränderlich ist und ewig dauert, wie ihr selber sagt, so musste der ungehorsame Adam durch die strenge Gerechtigkeit Gottes des Todes sterben. Da nun Adam irdisch war von der Erde und seines Ungehorsams wegen durch das Wort verflucht war und sterben musste, so konnte gewiss von der Erde nichts als Erde, vom Fluch nichts als Fluch und vom Tod nichts als Tod erwartet und angenommen werden, wie Paulus klar genug lehrt (Röm 5,12). Weil nun Adam dem Wort, das ihn geschaffen hatte, ungehorsam gewesen ist, indem er nicht darauf gehört, sondern gegen das Wort gegessen hat, so hat er auch mit seinem Samen den durch das Wort zuerkannten Tod wider seinen Willen ererben müssen. Gleichwie es nun lauter Gerechtigkeit war, dass Adam, weil er gesündigt und nichts hatte, womit er hätte bezahlen können, mit den Seinen sterben musste, ebenso ist es lauter Gnade, Barmherzigkeit und Liebe gewesen, dass er leben sollte. Aber wie? Durch die Gerechtigkeit von Adams eigenem Fleische? Keineswegs. Aber das Wort, welches Adam zu einem lebendigen Menschen gemacht, ihm das Gebot gegeben und ihm, falls er es überträte, den Tod in Aussicht gestellt hatte, wie oben gesagt worden ist, dies nämliche Wort hat Gott (da der Tod der Gerechtigkeit wegen folgen musste, denn die Wahrheit hatte es gesprochen) dem Adam wiederum verheißen – dass es Mensch werden sollte, auf dass, gleichwie er durch die Lüge betrogen war und so durch Gottes Gerechtigkeit den Tod sterben musste, er ebenso durch die verheißene Wahrheit befreit werden und so durch lauter Gnade und Barmherzigkeit das ewige Leben ererben möchte.

Adam glaubte es und ist getröstet worden und zu einem Zeichen der Wahrheit der verheißenen Gunst und Liebe hat Gott den armen, nackten Adam und sein Weib mit Pelzen und Lämmerfellen bedeckt und gekleidet (1Mo 3,21).

Es hat also nicht das irdische, schuldige, übertretende, verfluchte und sterbliche Fleisch Adams Gottes Gerechtigkeit befriedigt und seinen Zorn gestillt wie ihr sagt, sondern nur das himmlische, unschuldige, gehorsame, gebenedeite und lebendig machende Fleisch Christi, wie die Schrift sagt:

»Fürwahr, er trug unsere Krankheit und lud auf sich unsere Schmerzen […] durch seine Wunden sind wir geheilt.« (Jes 53,4–5; 1Pt 2,24)

Denn das verheißene Wort, nämlich Christus Jesus, ist Mensch geworden und hat die vom Gesetz geforderte Gerechtigkeit vollbracht, wie Paulus sagt:

»Denn das dem Gesetz unmöglich war (da es durch das Fleisch geschwächt ward), das tat Gott und sandte seinen Sohn in der Gestalt des sündlichen Fleisches und verdammte die Sünde im Fleisch durch Sünde, auf dass die Gerechtigkeit, vom Gesetz erfordert, in uns erfüllt würde, die wir nun nicht nach dem Fleisch wandeln, sondern nach dem Geist.« (Röm 8,3–4; Jer 23,5; 33,15)

Es folgt daher und bleibt unveränderlich, dass alle, die aus Adam geboren werden, Adams bleiben und den verheißenen Samen nicht durch den Glauben empfangen (ich spreche von den Verständigen), durch die strenge Gerechtigkeit Gottes die dem Adam zuerkannte Strafe, d. h. Tod und Fluch, als einen Lohn der Sünde erben müssen wie Christus selber sagt:

»Wer aber nicht glaubt, der wird verdammt werden.« (Mk 16,16)

So auch Paulus:

»Der Tod ist der Sünden Sold.« (Röm 6,23)

Denn sie haben alsdann keine Gemeinschaft des allerheiligsten Fleisches und Blutes Christi und können auch in Ewigkeit seine Erlösung, Güte, Verdienste und Segnung nicht genießen, es sei denn, dass sie sich von ganzem Herzen aus der schändlichen Finsternis des Unglaubens und der Sünde zu dem ewigen, klaren, himmlischen Licht – Christum Jesum – bekehren (1Joh 1,7). Diejenigen aber, welche mit Adam diesen verheißenen Samen in ihrem Herzen recht empfangen und so in Gott erneuert und getröstet, aus oder durch diesen Samen von oben geboren und aus Adams ungehorsamer Natur in die gehorsame Natur des Wortes, nämlich Christi, umgekehrt und verändert werden, diese nennt er Fleisch von seinem Fleisch und Gebein von seinem Gebein; diesen schenkt er sich selbst aus lauter Gnade und macht sie teilhaftig aller seiner Gerechtigkeit, Verdienste, seines Kreuzes, Blutes und bittern Todes, ja, seines ganzen Lebens, seiner Liebe und seines Geistes, denn sie sind ein Leib mit ihm und haben einen Geist, so dass sie nun durch diesen Geist der Liebe, den sie von ihm empfangen haben (da Gott ja lauter Liebe ist (1Joh 4,16)), das, was ihnen der barmherzige Vater durch seine freimachende Wahrheit, nämlich durch Christum Jesum, zugesagt und befohlen hat, willig vollbringen, wie Johannes bezeugt mit den Worten:

»Wir halten seine Gebote, und tun, was vor ihm wohlgefällig ist.« (1Joh 3,22)

Und Paulus:

»Die Liebe ist des Gesetzes Erfüllung.« (Röm 13,10)

Ferner Christus selbst:

»Wer mich lieb hat, der hält meine Gebote.« (Joh 14,21)

Außerdem sagt er noch: »Was vom Geist geboren ist, das ist Geist.« Liebe Brüder, wir sagen nicht: Christus ist vom Geiste geboren; sondern wir sagen mit der Schrift, dass er durch den Geist Fleisch geworden und empfangen worden ist; denn wie ihr wisst, ist es nicht das Gleiche, vom Geiste geboren werden und durch den Geist Fleisch werden und empfangen werden. Denn wer bezweifelt, dass vom Geiste geboren werden die Wiedergeburt meint! Ich bitte euch daher durch den Herrn, dass ihr eure Sache nicht mit falsch angewandten Schriftstellen (wenn ihr solche habt) verteidigen wollt.

Hiermit, liebe Herren, Freunde und Brüder, schließe ich dies mein Bekenntnis von der Menschwerdung unseres lieben Herrn Jesu Christi. Ich schreibe es für euch nieder, wie ihr von mir verlangt habt und setze es euch in aller Klarheit vor, als derjenige, der sich seines Glaubens nicht schämt. Dennoch lehre ich diesen Gegenstand nicht in solcher Tiefe, wenn ich die Brüder ermahne und habe denselben, wie schon gesagt, auch nicht so gelehrt, sondern nur einfach und schlicht in einer apostolischen Weise, zur Besserung und Liebe. Ich bitte und begehre von euch durch die Barmherzigkeit des Herrn, dass ihr doch alle Dinge recht prüfen und merken wollt, wer gesündigt hat und dagegen auch, wer bezahlt hat; auf dass wir Adam und seinen Kindern ihre Ungerechtigkeit, Finsternis, Sünde und Schande und Christo Jesu seine Gerechtigkeit, Klarheit, seinen Preis und seine Ehre recht zumessen mögen. Ich bitte und begehre, sage ich, dass ihr in dieser und andern Sachen nicht der Menschen, sondern Gottes Weisheit, nicht der Vernunft, sondern der Schrift, nicht dem Fleisch, sondern dem Geist, nicht dem Schreiben und den Meinungen der Gelehrten, sondern nur den Lehren Christi und seiner Apostel mit reinem Herzen folgen und Gott aus dem Innersten eurer Seele fürchten wollt, wie auch ich; auf dass wir doch nicht diejenigen sein mögen noch bleiben wollen, welche immerdar lernen und doch nicht zur rechten Erkenntnis der göttlichen Wahrheit kommen. Seht wohl zu, dass ihr nicht anders, als aus rechtem, göttlichem Eifer fragt, hört und antwortet. Vor Gott gilt Wissen und Tun. Steht doch in allen Dingen eurem Gott bereit und nicht eurem trägen, faulen und unwilligen Fleische. Ich weiß wohl, wie sehr viele es unter euch gibt, die zu nichts anderm, als zum Untersuchen, Fragen und Disputieren übermäßig geneigt sind und das Allernotwendigste, ohne welches niemand selig werden kann, nämlich den rechten, durchgreifenden, erneuernden und gerecht machenden Glauben, die treibende Furcht des Herrn und die brennende Liebe Gottes und ihrer Brüder, noch nie gekannt und gegrüßt haben. Wollt doch solchen nicht gleich sein. Liebe Brüder, trachtet ihr hingegen nach der rechten Weisheit; öffnet ihr, sie steht vor eurer Türe; seht an ihre Schönheit, kostet ihre Früchte und prüft ihre Kräfte, so werdet ihr sie lieben, umhalsen und mit aller Freude empfangen; euer Fleisch wird untergehen und der Geist aufwärts treiben und den Vortritt nehmen in des Herrn Wort und Wahrheit, bis dass Adam in euch erstirbt und Christus Jesus die Oberhand gewinnt. Gott gebe uns allen seine göttliche Gnade, Amen.

»Seht zu, wacht und betet.« (Mk 13,33)