21.2  Die christliche Taufe in dem Wasser

Hört nun zu, ihr durchlauchtigen, edlen und weisen Herren und Fürsten! Hört zu, ihr Richter in allen Ländern, denen Gott das Schwert verliehen hat (Röm 13,1; Tit 3,1; 1Pt 2,13) zum Schrecken der Übeltäter, zur Beschirmung der Guten und zur Bestrafung der Bösen! Hört zu, alle ihr Weisen und Klugen, die ihr euch dünken lasst, dass ihr die Gefäße des Herrn tragt! Hört zu, alle ihr Völker, von welchem Beruf, Stand und Grad ihr auch sein mögt, die ihr den Namen Christi angenommen habt und euch seines bitteren Todes und heiligen Blutes rühmt! Da wir wegen der Taufe von allen Menschen so jämmerlich beschimpft, gelästert und verfolgt werden und um der gottlosen Sekten willen, die euch augenscheinlich sehr schändlich, gefährlich und ein Gräuel sind, stets in bösem Verdachte bei euch stehen, so bezeugen wir in Christo Jesu, vor Gott, vor seinen heiligen Engeln, vor euch und vor der ganzen Welt, was auch niemals, weder in diesem Leben, noch im Tod, noch wenn Gott das letzte Urteil sprechen wird, anders befunden werden wird, nämlich, dass einzig und allein unser gottesfürchtiger Glaube an Gottes Wort, nie und nimmer aber ein anderer Beweggrund, uns treibt, zu taufen und uns taufen zu lassen.

Meine Allerteuersten, wir suchen fürwahr nichts anderes mit dieser Taufe, als unserm lieben Heiland, der uns solches mit seinem eigenen gebenedeiten Munde gelehrt und befohlen hat, gehorsam zu sein (Mt 28,19; Mk 16,16). Bedenkt doch einmal in eurem Herzen, dass in dieser Sache für das Fleisch kein Vorteil liegt – weder Gold noch Silber, weder Ehre noch Gemächlichkeit, noch langes Leben auf Erden, denn es muss euch ja in die Augen fallen, dass um dieser Sache willen alles preisgegeben werden muss. Zu diesem werden wir getrieben nur durch die Liebe Gottes, nur durch einen aufrichtigen, wahren Glauben, welcher mit Fleiß auf alle Worte Christi achtet und sich Gott zum freiwilligen Gehorsam übergibt, wohl erkennend, dass, wenn er widersteht und nicht tut, was ihm seines Herrn Mund befohlen hat, er die himmlische Segnung und die göttliche Verheißung nicht empfangen oder ererben kann, da alles durchGehorsam erlangt werden muss, wie wir in der Vorrede gesagt haben.

Wie hätten Abraham, Isaak und Jakob, samt allen lieben Vätern und Patriarchen die tröstliche Verheißung erlangt, wenn sie nicht, auch im Geringsten, getan hätten, wie ihnen Gott durch sein heiliges Wort befohlen hatte. Sie haben aber Gottes Wort angehört, fest an dasselbe geglaubt und es eifrig mit der Tat ausgeführt und sind darum auch Erben der Gerechtigkeit geworden (Hebr 11,7). Hingegen haben alle diejenigen, welche nicht im Gehorsam gegen Gott beharrten, ohne Zweifel des Herrn Strafe tragen müssen, wie z. B. Adam und Eva (1Mo 3,17), Nadab und Abihu (3Mo 10,2), Korah, Dathan und Abiram (4Mo 16,31), Saul (1Sam 15,23), ferner der Mann Gottes, welcher den König Jerobeam für seine Abgötterei gestraft hatte und hernach durch den alten Propheten in Bethel getäuscht wurde (1Kön 13), und dergleichen mehr, wie man in Mose und in andern Teilen der Bibel so deutlich lesen kann.

Da wir denn in unserer Lehre und Ausübung der christlichen Taufe von allen Menschen so jämmerlich verhindert werden und sie nicht einsehen, dass ihre Handlungsweise ihren ewigen Tod herbeiführen wird, da sie Christum und sein Wort bekämpfen, so fühle ich mich gedrungen, ihnen und allen andern Menschen, welche diese meine Schrift sehen, lesen oder hören werden, noch einmal aus Gottes Wort in Kürze klar zu machen, wie wunderbar, kräftig, ja, unwiderlegbar diese unsere Lehre in dem Evangelium Jesu Christi begriffen und gegründet ist, was wir zwar schon früher in unsern Schriften über die Taufe zum Überfluss dargetan haben.

Meine Teuersten, dass unser Glaube diese mit so großem Kreuz und solcher Bangigkeit verbundene Taufe annimmt, geschieht aus drei dringenden Gründen. Diese sind: Erstens, der göttliche Befehl unseres lieben Herrn Jesu Christi, der nie umgangen werden darf; zweitens, die Lehre der heiligen Apostel; drittens, der Gebrauch der Apostel. Was erstens den Befehl betrifft, so hat Christus Jesus, nachdem er aus der Gewalt des Todes auferstanden war und wiederum zu seinem himmlischen Vater auffahren wollte, seinen Jüngern folgenden Auftrag gegeben:

»Geht hin und lehrt alle Völker, und tauft sie im Namen des Vaters, und des Sohnes, und des heiligen Geistes.« (Mt 28,19)

Und an einer andern Stelle:

»Geht hin und predigt das Evangelium aller Kreatur. Wer da glaubt und getauft wird, der wird selig werden.« (Mk 16,15–16)

Da Christus, die ewige Weisheit, welche nicht fehlen und die ewige Wahrheit, welche nicht lügen kann, uns diesen Befehl gegeben hat, nämlich, dass man zuerst das Evangelium, durch dessen Anhören der Glaube kommt und erlangt wird (Röm 10,17), predigen und danach diejenigen, welche an dasselbe glauben, taufen solle, wer will oder kann nun diesen göttlichen Befehl anders deuten oder besser machen, als Christus Jesus, die ewige, weise Vollkommenheit, selber denselben gemacht und befohlen hat?

Meine Brüder, es durfte von all den Zeremonien im Gesetze Moses gewiss kein Buchstabe anders gedeutet werden, als es im Gesetze ausgedrückt war. Denn es ist nicht der Wille des allmächtigen Gottes, dass wir in den Zeremonien, die er uns befohlen hat, unserm eignen Gutdünken folgen sollen, sondern dass wir sie nach seinem Wohlgefallen ausüben, denn zu diesem Zwecke hat er sie gegeben. Am bloßen Üben der äußerlichen Zeremonien an und für sich hat Gott kein Wohlgefallen; er hat dieselben darum befohlen, weil er beständig den Gehorsam des Glaubens von uns fordert. Das ist die Ursache, dass er so oft seinen Zorn über diejenigen hat kommen lassen, welche sie anders übten, als er sie befohlen hatte, wie z. B. über Nadab, Abihu und andere mehr. Er will, dass wir nicht nach unserem Gutdünken handeln, sondern dass wir nur seine heilige Stimme hören, derselben glauben und folgen sollen (Jer 7,8).

Da denn Gott hinsichtlich seiner Zeremonialgesetze, die sowohl ungemein kostspielig und mühevoll, als auch sehr viel an der Zahl waren, und welche er nicht durch Christum, seinen Sohn, sondern bloß durch Mose, seinen Knecht, gegeben hatte, bis auf die Zeit Christi ganz und unverändert gehalten haben wollte, wie viel mehr muss es denn sein Wille sein, dass die wenigen Zeremonien des neuen Testamentes, deren eigentlich nur zwei sind, nämlich Taufe und Abendmahl und die er nicht durch einen Knecht, sondern durch seinen einzigen Sohn, Jesum Christum, gegeben hat und welche in ihrer Ausführung weder schwer noch kostspielig sind, ganz und unverändert unterhalten werden!

Bedenkt, wie beschwerlich und kostspielig es für das israelitische Volk gewesen sein muss, jenen langen und beschwerlichen Weg über Berg und Tal zu ziehen und zwei oder drei Mal im Jahre in Jerusalem mit ihren Opfergaben vor dem Herrn zu erscheinen, die vielen Ochsen, Widder, Böcke, Zehnten, welche sie aus ihren Gütern dem Herrn zum Opfer geben mussten, gar nicht gerechnet. Allein die christlichen Zeremonien des neuen Testamentes – Abendmahl und Taufe – sind gewiss nicht im Geringsten mit irgendwelcher Arbeit, Mühe oder Ausgabe verbunden, obwohl ihre Wirkung und Bedeutung den wahren Gläubigen dem Fleische nach zu großer Mühe und großem Nachteil gereicht. Dennoch geschieht dies nicht durch die Zeremonien, sondern nur durch den Glauben, welcher uns aus Liebe, durch den Gehorsam gegen das göttliche Wort, zu diesen Zeremonien getrieben und geführt hat.

Da denn, meine Teuersten, die Verordnung Jesu Christi unveränderlich ist und allein bei dem Vater gilt und er uns geboten hat, dass man zuerst das Evangelium predigen und hernach alle, die an dasselbe glauben, taufen soll, so folgt doch unleugbar, dass alle diejenigen, welche ohne vorhergehenden Unterricht in dem heiligen Evangelium und ohne Glauben taufen und getauft werden, nach ihrem eigenen Gutdünken und außer der Lehre und der Verordnung Jesu Christi taufen und getauft werden. Ihre Taufe ist darum abgöttisch, ohne Nutzen und umsonst. Denn hätten die Israeliten ihre weiblichen Kinder beschnitten, so hätten sie, obwohl dies nicht ausdrücklich verboten war, dennoch außer Gottes Befehl beschnitten, weil er befohlen hatte, dass die männlichen Kinder beschnitten werden sollten (1Mo 17,10). So handeln auch wir, wenn wir die kleinen, unverständigen Kinder taufen, obwohl dies in der Schrift nicht ausdrücklich verboten ist, gleichwie es nicht verboten war, die Mädchen zu beschneiden; denn in diesem Fall taufen wir dennoch außer der Verordnung Christi, da er befohlen hat, dass man diejenigen taufen soll, welche sein heiliges Evangelium hören und an dasselbe glauben (Mt 28,19; Mk 16,16; Apg 2,38; 9,18; 10,48; 16,33).

Es hilft nichts, dass einige sagen und lehren, dass mit den angeführten Worten von Matthäus und Markus die heilige Kirche bis auf die Heiden ausgedehnt ist und dass folglich die Kindertaufe nicht ausgeschlossen sei. Es ist wahr, lieber Leser, dass durch diesen Befehl die heilige Kirche auch auf die Heiden ausgebreitet ist, nach den Schriften der heiligen Propheten, welche dies schon lange zuvor im Geiste gesehen hatten, wie Paulus beweist in Röm 15. Dennoch steht dieses Wort fest, sowohl unter den Juden als auch unter den Heiden, nämlich, dass wer glaubt und getauft wird, selig werden soll. Der Glaube muss der Taufe vorgehen. Denn der Anfang aller Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, ist der Glaube und aus diesem Glauben muss die Taufe als ein Zeichen und Beweis des Gehorsams hervorgehen. Haben nun die unmündigen Kinder einen solchen Glauben, so wird mit den angeführten Worten von Matthäus und Markus auch nicht verboten, sie zu taufen.

Zweitens hilft es auch nichts, dass andere sagen: »Die Auferstehung der Toten ist in den Büchern Mose nicht ausdrücklich beschrieben, aber dennoch verborgen darin enthalten, wie Christus aus 2Mo 3,6, den Sadduzäern öffentlich bewiesen hat, nämlich:

›Ich bin der Gott Abrahams und der Gott Isaaks und der Gott Jakobs.‹ (Mk 12,26)

Gleichwie in diesen Worten Moses die Auferstehung nicht ausdrücklich angegeben, aber dennoch verborgen darin enthalten ist, indem Gott kein Gott der Toten, sondern der Lebendigen ist, wie Christus in Lk 20,38 lehrt, ebenso ist die Taufe der unmündigen Kinder nicht ausdrücklich im Evangelium bemerkt, aber dennoch verborgen darin enthalten.« Hierauf antworten wir, dass die Auferstehung der Toten keine äußerliche Zeremonie ist, von welcher Gott uns befohlen hat, dass wir sie üben sollen; denn Gott selbst wird durch seine Allmacht dieselbe in uns wirken; deshalb ist sie auch ein unsichtbarer Trost in den Herzen aller Gläubigen und kann nur durch den Glauben begriffen werden. Die Kindertaufe aber ist eine äußerliche Zeremonie. Ist sie nun eine Verordnung oder ein Befehl Gottes, der eine Verheißung hat, so muss sie in der Schrift in deutlichen Worten ausdrücklich darin enthalten sein. Ist dies aber nicht der Fall, so kann sie keine von Christus eingesetzte Zeremonie genannt werden.

Drittens hilft es auch nichts, dass wieder andere sagen: »Gleichwie die gläubigen Frauen keinen ausdrücklichen Befehl haben, sich am Abendmahl zu beteiligen und auch beim letzten Abendmahl des Herrn nicht gegenwärtig waren, dennoch aber aus guten Gründen zum Abendmahl zugelassen werden, so müssen auch die unmündigen Kinder, obwohl für ihre Taufe kein ausdrücklicher Befehl da ist und dieselben weder vom Herrn noch von seinen Jüngern getauft wurden, so weit man in der Schrift ersehen kann, dennoch aus guten Gründen zu der Taufe zugelassen werden, gleichwie die gläubigen Frauen zum Abendmahl.«

Dies, liebe Leser, ist ein sehr schlauer Beweisgrund, womit man die Einfältigen und Ungelehrten zu betrügen sucht; denn diese Worte bekunden außergewöhnliche Spitzfindigkeit, stimmen aber keineswegs mit Jesu Christi Sinn und Gebrauch überein. Die Ursache liegt hier: Das heilige Abendmahl stellt uns vor den Tod des Herrn Jesu Christi und die Liebe zu unserem Nächsten, welche alle beide sowohl von gläubigen Frauen als von gläubigen Männern angenommen, bekannt und geübt werden. Haben nun kleine, unmündige Kinder die Wirkung der Taufe, nämlich den Tod der Sünde, das neue Leben (Röm 6,4; Kol 2,13), die neue Geburt (Joh 3; Tit 3), die Anziehung Christi (Gal 3,27), den rührenden und dringenden Geist, durch welchen wir zu Christi Leib getauft werden (1Kor 12,13) und ein gutes Gewissen (2Kor 1,12), gleichwie die gläubigen Frauen die vorgenannte Wirkung des heiligen Abendmahls haben, so müssen sie aus dem gleichen Grunde getauft werden, ebenso wie die gläubigen Frauen zu dem Abendmahl zugelassen werden. Dass aber solches mit kleinen, unverständigen Kindern der Fall ist, wird oder kann wohl niemals gezeigt werden.

Viertens hilft es auch nichts, dass einige aus Jesus Sirach Folgendes anführen: »Die Furcht des Herrn ist der Weisheit Anfang und ist mit den Gläubigen im Mutterleib geschaffen, und wohnt allein bei den auserwählten Weibern.« »Ist denn die Furcht des Herrn mit den Gläubigen im Mutterleibe geschaffen, welche Furcht des Herrn eine Frucht des Glaubens ist, so haben die kleinen Kinder, weil die Frucht nicht eher ist, als der Baum, schon vom Mutterleibe an einen fruchtbaren Glauben und haben sie Glauben, so darf ihnen nach der Schrift die Taufe nicht versagt werden.« Nicht so, meine teuersten Leser. Richtet alle Dinge nach Gottes Wort und mit seinem heiligen Geist. Denn ich bezweifle nicht, dass ihr von Herzen bekennen werdet, dass der Glaube, welcher vor Gott gilt, eine Gabe Gottes ist und aus welchem alle Gerechtigkeit fließt, aus dem Hören des göttlichen Wortes kommt, wie Paulus sagt, wie kann er denn in kleinen, unverständigen Kindern gefunden werden, welche man, wie auf den ersten Blick erscheint, auf keinerlei Weise lehren oder ermahnen kann? Dieselben sind ja bei ihrer Geburt noch viel unverständiger als die unvernünftigen Tiere, so unvernünftig sage ich, dass man sie nicht in fleischlichen Dingen unterrichten kann, bis das Gehör, das Begriffsvermögen und der Verstand sich zu entwickeln beginnen. Haben sie aber keinen Begriff für Unterricht in sichtbaren Dingen, wie können sie dann vor der Zeit, d. h. ehe sie Verstand und Begriffsvermögen haben, in den unsichtbaren, himmlischen Dingen des Geistes unterwiesen und vorbereitet werden?

Zweitens wisst und bekennt ihr wohl auch, dass, wo ein rechter Glaube ist, auch die wahre Erkenntnis, der rechte Unterschied zwischen Gutem und Bösem, die Furcht des Herrn, die Liebe zu Gott und dem Nächsten, der Gehorsam gegen Gott und das Verlangen nach der Gerechtigkeit gefunden werden. Denn es ist nicht möglich, dass ein guter Baum keine guten Früchte bringe (Mt 7,17). Der Glaube äußert sich immer und nach allen Seiten in allerlei Gerechtigkeit, wie die heilige Schrift sagt:

»Der Gerechte wird seines Glaubens leben.« (Röm 1,17; Hebr 10,38)

»Es ist aber der Glaube eine gewisse Zuversicht dessen, das man hofft, und nicht zweifelt an dem, das man nicht sieht.« (Hebr 11,1)

Sagt, werte Brüder, da denn der Glaube überall seine rechten Früchte bringt, sich in allerlei Gerechtigkeit äußert, hofft und nicht zweifelt an dem, das er nicht sieht, was für Früchte und welche Gerechtigkeit, die dem Glauben gemäß sind, bringen unsere kleinen Kinder, was hoffen sie und auf was anders richtet sich ihr Tun, als auf Saugen, Essen, Trinken, Lachen, Weinen, Sichwärmen, Spielen, wie die Natur der Kinder von jeher gewesen ist? Zudem geben sie während ihres Heranwachsens oftmals Beweise von ihrer angeborenen Adamsnatur und zwar je älter, desto mehr; die Früchte des Glaubens oder der neuen Geburt aber bringen sie nicht, wie ihr mit euren eigenen Augen sehen könnt. Und wenn ihr in dieser Sache eurer eigenen Erfahrung und euren eigenen Augen nicht glauben wollt, so glaubt wenigstens Gottes Wort, welches euch in Ewigkeit nicht irreleiten oder täuschen wird. Der heilige Mose lehrt:

»Eure Kinder […] die heutigen Tages weder Gutes noch Böses verstehen.« (5Mo 1,39)

Wenn sie also, wie offenbar ist, weder gut noch böse sind, wo ist denn ihr Glaube, der Gutes und Böses voneinander unterscheiden kann?

Drittens werdet ihr wohl auch bekennen, dass alle Gerechtigkeit aus dem Glauben geboren wird, wie unsere Gegner selber anführen und in ihren Einwendungen erwähnen (Röm 4,5). Ohne Glauben gibt es keine göttliche Gerechtigkeit, weshalb Paulus zu den Hebräern sagt, indem er von den Mündigen und Verständigen spricht:

»Ohne Glauben ist es unmöglich, Gott zu gefallen.« (Hebr 11,6)

Weil die Kinder aber keinen Glauben haben, durch welchen sie erkennen, dass ein Gott ist, der ein Vergelter ist, beides, den Guten und den Bösen, wie sie durch ihre Handlungen genugsam beweisen, so können sie auch keine Gottesfurcht besitzen und folglich nichts haben, worauf sie getauft werden können. Dennoch haben sie, und zwar aus reiner Gnade, die Verheißung des ewigen Lebens. Dies ist aber alles, was die Schrift mit Bezug auf die Kinder sagt, indem sie kein Wort weiter über dieselben handelt, wie später auseinander gesetzt werden wird.

Da denn der Glaube zuerst sein muss und hernach die rechten Früchte, die aus dem Glauben kommen, wie Furcht des Herrn, Liebe Gottes etc., welche Früchte an den unmündigen Kindern nicht wahrgenommen werden, wie schon oft gesagt, so könnt ihr leicht urteilen, dass Sirach hier nicht lehrt, dass die Furcht des Herrn den kleinen Kindern angeboren ist, d. h. dass sie gleich bei der Empfängnis in den kleinen Kindern sei; sondern dass er lehrt, dass diese Furcht den Gläubigen vom Mutterleibe an von Gott zugeeignet und zugedacht worden ist, um ihnen zur rechten Zeit gegeben zu werden, da er mit seinen feuerflammenden Augen, die alle Dinge von Anfang bis zu Ende durchschauen, gut genug voraussah, als sie noch in ihrer Mutter Leibe waren, dass sie zur rechten Zeit seine heilige Stimme hören, von Herzen glauben und durch diesen Glauben Gott fürchten und vor Gott gerechtfertigt werden würden; denn der rechte Glauben kann nicht ohne seine Früchte bleiben, wie schon oft gesagt worden ist.

Wenn dieser Glaube vom Mutterleibe an in den kleinen, unwissenden Kindern wäre, wie sie einwenden, so wäre es gewiss ein fruchtloser Glaube, weil nicht mit Früchten verbunden und dann würde auch vergebens gepredigt; denn dann käme der Glaube aus der ersten Schöpfung des Keims der Gottesfurcht und nicht aus der Predigt des göttlichen Wortes. Doch so ist es nicht, lieber Leser, sondern dieses müsst ihr für eine gewisse, ewige und unwandelbare Regel göttlicher Wahrheit, alle Gerechtigkeit zu vollbringen, halten, nämlich: Zuerst muss das heilige Evangelium Jesu Christi in seiner rechten Gestalt und Beschaffenheit gepredigt, zweitens mit Begierde angehört und verstanden und drittens von ganzem Herzen geglaubt und in seinen Früchten vollbracht werden. Da nun die Sache sich so verhält, so geht unwiderstehlich daraus hervor, dass die kleinen, unverständigen Kinder keinen Glauben haben, da sie weder anhören noch unterrichtet werden können. Wenn sie aber keinen Glauben haben, so haben sie auch keine Gottesfurcht und unsere Gegner können demnach mit dieser Stelle aus Sirach die Taufe der kleinen unmündigen Kinder keineswegs beweisen und rechtfertigen. Letztere müssen laut Gottes Wort warten, bis sie das heilige Evangelium der Gnade mit ihren Ohren hören und mit dem Herzen erkennen. Dann ist die rechte Zeit gekommen, wie jung oder alt sie auch sein mögen, die christliche Taufe zu empfangen, welche der untrügliche Mund unseres lieben Herrn Jesu Christi allen wahren Gläubigen in seinem heiligen Evangelium gelehrt und befohlen hat (Mt 28,19; Mk 16,16). Sterben sie, bevor sie die Jahre der Vernunft erreichen, d. h. in ihrer Kindheit, ehe sie anhören und glauben können, so sterben sie in Gottes Verheißung und zwar durch kein anderes Mittel, als einzig und allein durch die milde Verheißung der Gnade, welche durch Christum Jesum gegeben worden ist (Lk 18,16). Erreichen sie aber die Jahre, dass sie anhören und glauben können, so sollten sie getauft werden, wie schon wiederholt gesagt worden. Sollten sie aber alsdann das Wort nicht empfangen oder glauben, so werden sie, gleichviel ob getauft oder ungetauft, verdammt werden, wie Christus selber lehrt und beweist (Mk 16,16).

Ich weiß wohl, dass viele fragen werden, warum ich ungelehrter Mensch mich in dieser Sache nicht begnüge mit der Lehre Martin Luthers und anderer hochberühmter Doktoren, die ja in der heiligen Schrift und in mancherlei Sprachen und Künsten so sehr erfahren und berühmt seien und welche, besonders Luther, lehren, dass der Glaube in den kleinen Kindern verborgen liege, wie in einem schlafenden gläubigen Menschen. Hierauf antworte ich erstens: Sollte auch ein solcher schlafender Glauben in den kleinen, unmündigen Kindern sein, welches aber nichts als bloße Vernunft und menschliche Spitzfindigkeit ist, so geziemte es sich dennoch nicht, solche Kinder zu taufen, solange sie diesen Glauben, falls es ein Glauben wäre, was er aber nicht ist, nicht bekennen und in den Früchten beweisen. Denn die heiligen Apostel haben keine Gläubigen getauft, während diese schliefen, wie wir in unsern ersten Schriften gezeigt haben.

Zweitens bekenne ich aus ganzem Herzen vor euch und vor der ganzen Welt, dass sie und auch andere in Gelehrsamkeit, Beredsamkeit, Verstandsschärfe, Sprachen und Künsten ungemein erfahren und erprobt sind und dass ich armer, unwissender, kunstloser Mensch mit ihnen nicht einmal wie eine winzige Mücke mit einem großen Elefanten zu vergleichen bin. Ich schäme mich deshalb von Herzen, dass ich meinen groben Mund und meine ungeschickte Feder gegen solche gebrauchen muss. Dennoch soll ein jeder Leser wissen, dass wie gelehrt auch die vorgenannten Weisen sein mögen und wie ungelehrt ich bin, doch unser aller Gutdünken bei Gott und vor Gott gleich viel gilt, da ohne Befehl der heiligen Schrift nicht Göttliches von uns zustande gebracht und in göttlichen Dingen verrichtet werden kann, wir mögen sein, wer wir wollen; denn in der heiligen Schrift werden wir weder auf sie noch auf irgendwelche Gelehrten, sondern nur auf Christum Jesum hingewiesen. Wenn daher solche hochberühmten Männer durch ihre Spitzfindigkeit und philosophischen Künste uns die einfache, klare Verordnung Jesu Christi und seiner Apostel wegnehmen und umändern wollen, so müssen wir ihre Lehre in dieser Sache sicherlich als Menschenlehre und Lügen ansehen; denn Christus Jesus steht nicht unter, sondern über ihnen und hat auch seine heilige Lehre nicht von ihnen, sondern von seinem weisen Vater empfangen (Joh 7,16; 8,26).

Da sie denn durch ihre Philosophie in offenbarem Widerspruch mit aller biblischen und augenscheinlichen Wahrheit einen geträumten, schlafenden und unfruchtbaren Glauben in den unmündigen Kindern behaupten wollen und verlangen, dass man die kleinen Kinder auf solche menschliche Phantasien hin taufen soll, so lasse ich euch, die ihr mir solches einwendet, selbst urteilen, ob es besser ist, Christum Jesum in seinem heiligen Wort und seinen Verordnungen, auf welche mich der Vater samt allen Propheten gewiesen hat, zu hören, oder den Gelehrten, die mir gegen sein heiliges Wort und Verordnung durch Verdrehung der Schrift ihr eigenes Gutdünken aufdringen und weismachen wollen, mein Ohr zu leihen. Reißt doch einmal alle Parteisucht und Widerspenstigkeit mit der Wurzel aus eurem Herzen, auf dass ein richtiges Urteil in geistlichen Dingen von euch gehört werden möge. Gott gebe, dass alle Gelehrten, samt allen, die von ihnen gelehrt werden, die rechte Wahrheit erkennen, lehren und in ihren Früchten betätigen mögen, Amen.

Da Christus Jesus denn seinen heiligen Aposteln befohlen hat, zuerst das heilige Evangelium der Gnade zu lehren und hernach diejenigen, welche daran glauben, zu taufen, so werden wir ungeachtet des Widerstandes der ganzen Welt durch die Liebe Gottes getrieben, die christliche Taufe mit Gottes Wort zu lehren und hernach dieselbe gehorsam zu empfangen und dieselbe also sowohl im Leben als im Sterben durch des Herrn Gnade zum Preise Gottes zu bewahren.