12.2  Zweiter Brief

Zweiter Brief Menno Simons. Enthaltend eine Tröstung an seine zu und nahe Amsterdam lebenden vielgeliebten Brüder und Schwestern in Christo Jesu, in welchem er dieselben auch ersucht, einer den andern während der Zeit der Pest zu besuchen und sich nicht vor dem Tode zu fürchten, da derselbe nur der Übergang zu einem besseren Leben ist.

Barmherzigkeit, Gnade und Friede sei mit euch. Der Herr sprach zu Martha:

»Ich bin die Auferstehung und das Leben; wer an mich glaubt, der wird leben, auch wenn er stirbt; und wer da lebt und glaubt an mich, der wird nimmermehr sterben.« (Joh 11,25–26)

Auserwählte Brüder und Schwestern im Herrn, weil es mir zu Ohren gekommen ist, dass das Feuer der Pest um euch her in vollem Brande ist, fühle ich mich durch die Liebe, welche ich für euch und alle Frommen hege, gedrungen, da ich wohl weiß, dass alles Fleisch ein Entsetzen vor dem Tode hat und dass es für unsere natürlichen Gefühle schmerzlich ist Freunde und Verwandte sterben zu sehen – darum fühle ich mich gedrungen, sage ich, an euch, die ihr von dem himmlischen Licht erleuchtet und in die Gemeinschaft Christi berufen seid, einen kurzen Trostbrief zu schreiben, damit ihr jetzt und immerdar des Kommens Christi gewärtig sein und euer ganzes Leben, Herz, Gemüt und Tun auf den Tod vorbereiten mögt. Denn Paulus sagt:

»Es ist allen Menschen gesetzt, einmal zu sterben.« (Hebr 9,27)

Ähnliches schreibt Sirach:

»Alles Fleisch verschleißt wie ein Kleid, denn es ist der alte Bund: Du musst sterben!« (Sir 14,17)

Wenn wir mit einer neuen, wiedergeborenen und bußfertigen Seele an Christo hangen, sein Wort aufrichtig glauben, seinen lieblichen Fußstapfen getreulich nachfolgen, uns von seinem heiligen Geiste regieren lassen und dem alten, sündlichen Leben absterben, ja, der Welt, dem Fleisch und Teufel in jeder Hinsicht entsagen; wenn wir Gottes Reich und Gerechtigkeit, sein Wort, Willen, Wahrheit, Preis und Ehre von ganzem Herzen suchen und unanstößig auf seinen Wegen wandeln; dann sollen wir mit ihm, in ihm und durch ihn das ewige Leben haben (Joh 11,25) und kein Leid soll uns geschehen von dem zweiten Tod (Offb 2,11); unerachtet, dass wir ehemals, gleich den andern, tot in Sünden waren, dass wir voll allen Geizes waren, aller Unkeuschheit, Hoffart und Abgötterei, voll allen Hasses und Neides und von Natur Kinder des Zornes waren (Eph 2,3); denn den wahrhaft Bußfertigen und Gläubigen ist alles vergeben durch den Tod Christi; mit seinem Blut ist alles bezahlt und durch das einzige Friedensopfer seines unschuldigen bittern Todes alles versöhnt, gleich wie Paulus sagt:

»So ist nun nichts Verdammliches an denen, die in Christo Jesu sind, die nicht nach dem Fleisch wandeln, sondern nach dem Geist. Denn das Gesetz des Geistes, der da lebendig macht in Christo Jesu, hat mich frei gemacht von dem Gesetz der Sünde und des Todes.« (Röm 8,1–2)

Seid daher froh und dankbar; preist ihn, der euch durch die Macht seines Wortes von der Herrschaft der Sünde und des Todes befreit und durch den Geist seiner Gnade so zu dem Erbe seiner Herrlichkeit berufen hat. Wiederum sage ich, gebt ihm den Preis und zwar mit einem gottseligen, reinen Gewissen und einem unsträflichen, heiligen Leben im Glauben; heilsam, beständig und unbefleckt in der Liebe, lebendig in der Hoffnung, brünstig im Gebet, angetan im Geist mit dem Gewand der Gerechtigkeit und umgürtet mit dem herrlichen Gürtel der Vollkommenheit; indem eure Lampen mit Öl versehen und ihr nüchtern und wachsam seid, damit, wenn das wahre Haupt, der herrliche König und Bräutigam unserer Seelen kommt, er euch nicht schlafend finde und euch, eurer Lässigkeit halber, in die ewige Finsternis stoße, die Türe verschließe und euch euern Teil mit den Heuchlern gebe. Ich wiederhole, seid nüchtern und wachsam; arbeitet weil es noch Tag ist, auf dass die finstere Nacht euch nicht überfalle. Ach, denkt doch über den Sinn unserer Worte nach! (Ps 117,1–2; Röm 15,11; Kol 3,14; 1Pt 5,8; Joh 12,35).

Geliebte, treue Brüder, seid stark im Herrn, unverzagt und getrost in euren Herzen, denn euer Leben und Tod stehen in der Hand Gottes; ja, ein jedes Haar auf eurem Haupte ist von ihm gezählt und ohne seinen Willen darf keins zur Erde fallen; er kennt die Zahl eurer Tage, ja, die Zeit eures Lebens ist von ihm nach Handbreiten gemessen. Darum fürchtet euch nicht, sondern helft einander bereitwillig in der Zeit der Not. Ach, unterlasst nicht die Kranken zu besuchen, denn dadurch muss eure Liebe befestigt werden, wie Sirach sagt (Kap 7,35). Es ist die Art der wahren Liebe, dass wir auch das Leben für die Brüder lassen (1Joh 3,16). Überlegt, was ich euch hier sage. Eines ist euch allen wohl bewusst, nämlich dass ein gehorsamer, tugendhafter Sohn, Knecht oder eine rechtschaffene Braut nicht das Kommen ihres Vaters, Herrn oder Bräutigams fürchten, sondern deren Eintreffen mit Sehnsucht entgegensehen;

»Furcht ist nicht in der Liebe, sondern die völlige Liebe treibt die Furcht aus.« (1Joh 4,18)

Auch wisst ihr, dass ein ermüdeter Arbeiter nach Ruhe und eine betrübte Seele nach Trost verlangt. Und ich zweifle nicht daran, dass meine lieben Kinder mit einem guten Gewissen in Gott versiegelt sind; dass er euer Vater ist und ihr seine Kinder seid; dass Christus Jesus euer ist und ihr seine Diener; dass er euer Bräutigam ist und ihr seine Braut; und dass ihr, um seines gesegneten, herrlichen Namens willen, solches aus Überzeugung der ganzen Welt verkündigen und als Glaubensgrund, Unterweisung und Ermahnung lehren werdet, damit sie, infolge wahrhafter Buße, sich zu Gott bekehren mögen; dafür habt ihr nun, wie man an allen Enden sehen kann, das größte Elend, Beschwerde, Entbehrung und Lästerung zu erdulden von diesem gottlosen, trägen Geschlecht.

Darum sollten wir uns nicht vor dem Tode fürchten,denn derselbe ist nichts anderes als eine Ruhe von den Sünden und der Eingang zu einem besseren Leben; auch sollten wir uns nicht um Freunde betrüben, welche in Gott entschlafen sind, gleichwie diejenigen tun, welche nicht auf den Lohn der Heiligen hoffen; sondern wir sollten freudig unsre Häupter erheben, unsre Lenden mit der Wahrheit umgürten um nach dem himmlischen Kanaan getragen zu werden und dort mit unserm einzigen und ewigen (merkt, ewigen) Josua, Christo Jesu, das verheißene Erbe einzunehmen. Dann hat der mühevolle, beschwerliche Weg unserer schweren Pilgerreise ein Ende, den wir durch die ungebahnte Einöde dieser wilden Welt Zeit unsers Lebens verfolgen mussten; und dann werden wir ruhen in ewigem Frieden (Eph 6,14; Lk 22,29; Offb 14,13).

Ach, auserwählte Brüder und Schwestern, wie herrlich sind diejenigen von Gott begabt, welche in Gnaden von dem Leib der Sünden entbunden und von dem eitlen Wesen aller vergänglichen Dinge erlöst sind; die in die heilige Hütten des Friedens aufgenommen und zu dem ewigen, heiligen Sabbat berufen sind! Die alte, sich krümmende Schlange kann ihnen nicht mehr in die Ferse beißen; ja, kein Schmerz, keine Qual soll sie berühren und der letzte Feind, der Tod, ist bereits überwunden; ihre Tränen sind getrocknet und ihre Seele ist in sicherer Ruhe und vollkommenem Frieden in dem Paradiese der Gnaden, in Abrahams Schoß unter dem Altar Gottes (Offb 6,9), auf dem Berge Zion, von großer Trübsal erlöst, mit weißen Kleidern angetan, in Anbetung vor dem Thron Gottes und des Lammes; sie warten noch eine kleine Weile, bis dass die Zahl ihrer Mitbrüder vollendet sei (Offb 6,11), um alsdann verklärt zu werden ähnlich dem verklärten Leibe Christi (Phil 3,21); zu leuchten wie die Sonne und solchergestalt einzugehen zu der ewigen Hochzeit und dem Feste, welches im Himmel bereitet ist allen Auserwählten durch das Blut und den Tod Christi.

O wie heilig sind sie, die von Christo zu diesem Fest berufen werden und mit unbefleckten, reinen Kleidern erscheinen können! O singt das froh und freudige Halleluja in euren Herzen und dankt ihm, der ihnen dies alles durch den Geist seiner Liebe in ewiger Gnade verliehen und auch euch erwählt hat um euch mit ihnen eines gleichen Teils zu erfreuen.

Überlegt das und seid getröstet. Ich füge für jetzt nichts mehr hinzu. Bewahrt eine aufrichtige Gottesfurcht, dient ihm in der Wahrheit, bewahrt untereinander Einigkeit, Liebe und Friede; wacht und betet; wandelt unsträflich; führt euren Kampf in Geduld; strebt nach dem Guten; seid freundlich gegeneinander; unterwerft euch bereitwillig euren Vorgesetzten, gebt ihnen Gehör und gedenkt ihrer und meiner in euren Gebeten. Möge der Gott des Friedens, unser barmherziger Vater, durch seinen gesegneten Sohn Christum Jesum, euch jetzt und immerdar zu größerer Gerechtigkeit segnen und in vollkommener Liebe erhalten.

Euer Mitbruder, welcher nach der Seligkeit eurer Seelen in Wahrheit verlangt; gegenwärtig in leidlicher Gesundheit. Menno Simons, den 14. November.