11.2  Eine liebreiche Unterweisung von der Kinderzucht

Allen Ältesten und Mitgenossen in dem Glauben Christi sei Gnade und Friede von Gott unserm himmlischen Vater, durch seinen lieben Sohn Christus Jesus, unsern Herrn und Seligmacher, durch die Kraft und Mitwirkung seines heiligen Geistes, zu seinem ewigen Ruhm, Preis und Herrlichkeit und unserer aller Besserung und Seligkeit, Amen.

Ihr wisst, liebe Brüder und Schwestern in Christo Jesu, dass wir allesamt mit einem zum Bösen geneigten, sündlichen Fleisch, von Adam stammend, geboren und behaftet sind; ja, dass all unser Trachten von Jugend auf allezeit zum Argen geneigt ist, wie Mose schreibt; so dass wir in uns selbst nichts finden in Gestalt eines Schatzes der ersten Geburt, als eitle Blindheit, Ungerechtigkeit, Sünde und Tod. Soll nun diese angeborne Art in ihrer Kraft geschwächt, unterdrückt und vertilgt werden, so muss solches durch die reine Furcht des Herrn geschehen, die da kommt aus einem wahren Glauben, durch des Herrn Wort und aus einer gewissen Erkenntnis des gerechten Urteils und grimmigen Zornes Gottes, welcher gegen alle unbußfertigen Sünder ewig brennen wird. Denn die Furcht des Herrn ist ein Anfang der Weisheit; sie treibt die Sünde aus und macht rechte fromme Kinder, wie Jesus Sirach sagt.

Sintemal nun der gnädige Vater unseres Herrn Jesu Christi, der allmächtige, große Herr, uns elende Sünder mit dem Glanz seiner Gnade umschienen und uns, durch den Glauben Jesu Christi, aus der Ungerechtigkeit und dem gottlosen Wesen, zum Leben der Gerechtigkeit erweckt hat, so lasst uns nun auch dem herrlichen Beispiel der treuen Liebe Matthäus des Zöllners fleißig nachkommen, der die himmlische Berufung und Gnade nicht für sich selbst allein genießen wollte, sondern auch die andern Zöllner und Sünder mit dazu einlud, auf dass sie auch selig werden und gleichen Geist, Gnade und Barmherzigkeit von dem Herrn erlangen möchten; denn solches ist die Art und Natur Christi (Mt 9). Darum wuchert untereinander mit dem Pfund, das euch von oben gegeben ist und habt ein herzliches Mitleiden mit euren ungläubigen, blinden Eltern, Schwestern und Brüdern, Männern, Weibern, Dienstboten und Nachbarn; verschweigt vor ihnen Gottes Gabe, Gnade, Wort und Willen nicht, denn ihre Füße wandeln auf dem Weg des Todes. Vielleicht mögen sie dermaleinst sich von den Schlingen der Ungerechtigkeit befreien, in welchen sie jetzt verstrickt und gefangen sind und von ganzem Herzen sich zum Herrn bekehren. Meine lieben Brüder, versteht dieses in Bezug auf diejenigen, welche vernünftige und bescheidene Menschen sind. Ach Brüder in Christo, sehen wir jemand von ihnen im Wasser oder Feuer liegen oder in irgendwelcher Gefahr des Todes und ihnen könnte durch uns geholfen werden, sollte nicht das Innerste unserer Seelen durch Mitleiden gegen sie bewegt werden, ihnen zu helfen so es möglich wäre? Ohne Zweifel, ja. Und nun sehen wir mit unsern Augen, so wir nur des Herrn Wort glauben, dass sie in dem Schatten des ewigen Todes wandeln, in der Hölle bereits begraben sind und von dem ewigen, unauslöschlichen Feuer ewig und ewig müssen verzehrt werden, sofern sie sich von Herzen zu Christo und seinem Wort nicht bekehren, Buße tun und neue Menschen werden, wie die Schrift lehrt. Darum, so beherzigt doch den schrecklichen Jammer und das Elend ihrer armen Seelen, die ewig leben müssen, es sei im Himmel oder in der Hölle; und lasst es euer eifriges und treuliches Bestreben sein, zu versuchen, ob es nicht auf irgendeine Weise möglich ist, durch euren Dienst der reinen Liebe und durch Unterricht und Anweisung des göttlichen Worts, sie aus dem ewigen Verderben zu erretten und zu Teilnehmern an der ewigen Seligkeit zu machen. Denn die aufrichtige Liebe ist von solcher Art, dass sie allezeit hungert und dürstet nach dem Preis Gottes und nach der Seligkeit aller Menschen, mögen sie uns gleich dem Fleisch nach unbekannt sein.

Liebe Brüder und Schwestern in Christo Jesu, da wir nunmehr, kraft der Eingebung und Geneigtheit einer heilsamen Liebe und der von Gottes Geist und Wort herrührende Salbung, gedrungen sind zu erkennen, dass die menschliche Natur in Adam gänzlich verderbt und von Jugend auf dem Wort des Herrn widerstrebt, wie schon zuvor angemerkt, so lasst uns nun unsere eigenen Kinder wohl wahr- und zu Herzen nehmen und lasst uns die geistliche Liebe an ihnen noch vielmehr, als an andern beweisen; denn sie sind nach der Natur von uns geboren, von unserm Fleisch und Blut und sind uns in unsere Sorge von Gott so hoch und teuer befohlen. Darum so seht wohl zu, dass ihr sie von Jugend auf des Herrn Weg lehrt, dass sie Gott fürchten und lieben, in aller Ehrbarkeit und Zucht wandeln, artig, sittsam, geschickt, Vater und Mutter gehorsam und gegen sie ehrerbietig sind; dass sie gebührliche Rede führen, dass ihre Worte nicht lügenhaft, nicht laut, nicht ungezogen noch eigenwillig sind, denn solches geziemt sich nicht für die Kinder der Heiligen (5Mo 6; Eph 6). Die Welt sucht für ihre Kinder was irdisch und vergänglich ist, Geld, Ehre, Ruhm, Gut. In Untugend, Pracht, Hoffart und Abgötterei ziehen sie dieselbe von der Wiege an auf. Aber ihr, die ihr aus Gott geboren seid, tut nicht desgleichen; denn es gehört sich für euch etwas anderes für eure Kinder zu suchen; nämlich das, was himmlisch und ewig ist, und daraus entspringt eure Pflicht, sie in der Unterweisung und Strafe des Herrn aufzubringen, wie Paulus lehrt (Eph 6,1–4). Mose gebot Israel, dass sie ihre Kinder des Herrn Gesetz und Gebot lehren sollten, dass sie davon reden sollten in ihren Häusern und auf dem Weg, wenn sie sich hinlegten und wenn sie aufstünden. Da wir nun das auserwählte Geschlecht sind, das königliche Priestertum, das heilige Volk, das Volk des Eigentums, auf dass wir verkündigen sollen die Tugenden dessen, der uns berufen hat von der Finsternis zu seinem wunderbaren Licht (5Mo 6,7; 1Pt 2,9); so gebührt es sich, dass wir uns als Beispiele und Vorbilder in aller Gerechtigkeit und Unsträflichkeit erweisen und vor der ganzen Welt leuchten, gleich wie wir dazu berufen sind; denn führen wir keine Aufsicht über unsre eigenen Kinder, sondern gestatten ihnen ihrer böswilligen, verderbten Art und Neigung zu folgen, ohne sie nach des Herrn Wort zu ermahnen und zu züchtigen, so mögen wir wohl die Hand auf unsern Mund legen und stillschweigen. Denn was nützt es, die zu unterweisen, welche außerhalb unsrer Häuser sind, wenn wir versäumen unsre eigenen Kinder in der Liebe und Furcht Gottes aufzubringen? Paulus sagt:

»Wenn aber jemand seinem eigenen Hause nicht weiß vorzustehen, der verleugnet den Glauben, und ist ärger als ein Ungläubiger oder Heide.« (1Tim 5,8)

Meine herzlich lieben Brüder und Schwestern in Christo Jesu, hütet euch, dass ihr eure Kinder durchdie fleischliche Liebe nicht verderbt, niemand ärgert, sie nicht in Untugend aufzieht, auf dass ihre Seelen an dem Tage des Gerichts nicht von euren Händen gefordert werden und euch um eurer Kinder willen nicht gehe, gleichwie es dem Hohepriester Eli, durch die strafende Hand des Allerhöchsten, um seiner Söhne willen erging (1Sam 3,11–18); sondern folgt dem Zeugnis, das des Herrn Engel von dem frommen Abraham gibt, fleißig nach:

»Ich weiß, er wird befehlen seinen Kindern, und seinem Hause nach ihm, dass sie des Herrn Wege halten, und tun was recht und gut ist.« (1Mo 18,19)

Es ist die größte und hauptsächlichste Sorge der Frommen, dass ihre Kinder Gott fürchten, recht tun und selig werden mögen; gleichwie der gottesfürchtige Tobias seines Sohnes Kinder ermahnte, indem er sprach: »So hört nun meine Söhne euren Vater: Dient dem Herrn in der Wahrheit und haltet euch zu ihm rechtschaffen. Tut, was er geboten hat und lehrt solches eure Kinder, dass sie auch Almosen geben, dass sie Gott allezeit fürchten und trauen von ganzem Herzen.«

Meine lieben Brüder und Schwestern in Christo, die ihr des Herrn Wort von ganzem Herzen liebt, lehrt so eure Kinder von Jugend auf und ermahnt sie alle Tage mit des Herrn Wort; geht ihnen mit einem unsträflichen Wandel vor. Lehrt sie und ermahnt sie, sage ich, so weit ihr Verstand zu begreifen und zu fassen vermag; zwingt und straft sie mit aller Klugheit und richtigem Maß, ohne Zorn und Bitterkeit (Kol 3), auf dass sie nicht kleinmütig werden; spart die Rute nicht wo es die Not und Ursache erfordert und gedenkt was geschrieben steht:

»Wer sein Kind lieb hat, der hält es unter der Rute, so wird er hernach Freude an ihm erleben. Wer sein Kind in der Zucht hält, der wird sich seiner erfreuen. Wer aber seinem Kind zu weich ist, der beklagt es und erschrickt so oft als es weint. Ein ungezogenes Kind wird mutwillig wie ein wildes Pferd; lass ihm keine Macht in seiner Jugend und entschuldige seine Torheit nicht!« (Sir 30,7–11)

Beuge seinen Hals in seiner Jugend, dieweil es noch klein ist, auf dass es nicht vielleicht erstärke, dir ungehorsam werde und nichts um dich gebe. Unterweise dein Kind und lass es nicht müßig gehen, auf dass du über ihm nicht zu Schanden werdest (Spr 29).

Liebste Brüder und Schwestern in dem Herrn, würden alle Eltern, die sich des Herrn Namen rühmen, diese Worte Sirachs zu Herzen nehmen und in die Tafeln ihrer Seelen schreiben, ach, wie ehrbar, fromm und gottesfürchtig würden viele Kinder auferzogen werden, die nun leider wild und ungezügelt dahin laufen, die auch den Eltern, der Gemeinde und dem Evangelium Christi keinen guten Namen machen. Sirach sagt:

»Ein ungezogener Sohn ist seinem Vater eine Unehre.« (Sir 22,3)

Und wiederum:

»Freue dich nicht, dass du viel ungeratener Kinder hast, wenn sie Gott nicht fürchten; denn es ist besser ein frommes Kind denn tausend gottlose […] und ist besser ohne Kinder sterben, denn gottlose Kinder haben.« (Sir 16,1–3)

Meine lieben Brüder, prüft und überlegt diese Worte wohl. Die Not dringt mich zu schreiben; denn etliche leben leider in solcher Weise mit ihren Kindern, dass man schreiben und strafen muss. Ich schreibe und ermahne noch einmal: Hütet euch, dass das Blut und die Verdammnis eurer Kinder nicht auf euch komme. Liebt ihr eure Kinder mit einer göttlichen Liebe, so lehrt sie, ermahnt sie und unterweist sie in Gott, auf dass des Herrn Wort, Blut und Tod an ihnen nicht verloren bleibe und des Herrn Name und seine Gemeinde um ihretwillen bei den Unverständigen nicht verlästert werde.

Liebe Brüder in Christo, erkennt ihr Gott und sein Wort recht, und glaubt, dass das Ende der Gerechten das ewige Leben sei und das Ende der Gottlosen der ewige Tod, so befleißigt euch doch aus allen euren Kräften, eure Kinder auf den Weg des Lebens zu leiten und von dem Wege des Todes zurückzuhalten, soviel als in euren Kräften steht. Bittet den Allerhöchsten um die Gabeseiner Gnade, damit er sie durch seine große Barmherzigkeit auf die rechte Bahn führen und auf derselben erhalten und mit seinem heiligen Geist treiben wolle. Wacht über ihre Seligkeit, als über eure eigenen Seelen. Lehrt, unterweist, ermahnt, bedroht, straft und züchtigt sie, nach Maßregeln der Umstände und Veranlassung. Gestattet ihnen keine Gemeinschaft mit den bösen, unnützen Kindern, von denen sie nichts als lügen, fluchen, schwören, schlagen und Büberei lernen und hören. Haltet sie zum Schreiben und Lesen an, lehrt sie spinnen und lasst sie Handwerke lernen, je nach ihrem Alter, Geschlecht und körperlichen und geistigen Fähigkeiten. Und so ihr solches tut, werdet ihr viel Ehre und Freude an euren Kindern sehen und erleben. Tut ihr es aber nicht, so wird euch zuletzt das Herzeleid verzehren. Denn ein Knabe, sich selbst überlassen, ist nicht allein seinem Vater eine Schande, sondern schändet auch seine Mutter (Spr 29).

Diese kleine Ermahnung habe ich aus herzgründlicher Liebe meinen Geliebten geschrieben und nicht ohne Ursache, denn ich habe während der Zeit meines Dienstes leider zu häufig wahrgenommen und befunden, dass vieler Eltern Verhalten gegenüber ihren Kindern ein unordentliches, ungehöriges, ja, heidnisches ist. Die törichte, unsinnige Liebe des Fleisches ist bei etlichen so groß, sie werden durch die natürliche Zuneigung ihrer Kinder dermaßen verblendet, dass sie kein Übel, keine Fehler oder Irrtümer an ihnen zu sehen, wahrzunehmen oder zu entdecken vermögen, trotzdem sie nicht selten voller Büberei und Gottlosigkeit sind; Vater und Mutter nicht gehorchen; sie anfahren; Lügen ein- und austragen; sich mit andern Kindern schlagen und zanken; die Leute höhnen und ihnen nachrufen und nachspotten.

Meine Brüder in Christo, solche Fehler und Gottlosigkeit der Kinder aus blinder, fleischlicher Liebe mit Nachsicht zu behandeln, ist eine nicht zu billigende Liebe, vor welcher man sich hüten und welche man fliehen sollte; denn sie ist irdisch, sündlich und teuflisch. Und in Ansehung denn, dass wir das Salz der Erde, das Licht der Welt das heilige Volk, das auserwählte Geschlecht, ja, die Braut Christi sein sollten, so geziemt es sich für uns in keiner Hinsicht oder Weise, unsere Kinder mit einer solchen sinnlichen oder törichten, unsinnigen Neigung zu lieben, sondern es schickt sich für uns, soweit wir solches vermögen, unsere Kinder, unsern Hausstand sowohl als uns selbst mit allem Ernst und Fleiß zu unterrichten, in Übereinstimmung mit der gottseligen Ehrbarkeit und dem tugendhaften Leben, welche des Herrn Wort uns anbefiehlt.

Mit Gegenwärtigem hoffe ich meine Seele vor Gott dem Herrn und seiner Gemeinde entlastet zu haben und begehre um des Herrn willen, dass dieses Schreiben eine gute Aufnahme finde, dass es von den Ältesten im Beisein aller Brüder vorgelesen werde und dazu diene, die Unschuldigen vorsichtig und achtsam zu machen und die in den vorerwähnten Punkten Schuldigen zur Besserung zu bringen; und zwar, ohne dass sie mich für jemand ansehen, der sich in die Ordnung ihrer Hausstände einmischen will. Ach nein! Mein Verlangen ist vor Gott kein anderes, als dass ihr euch in allen Dingen nach der Schrift und der christlichen Ehrbarkeit führen und schicken mögt und dass alle Angelegenheiten der Gemeinde Gottes nach seiner Ordnung und seinem Wohlgefallen gehandhabt werden mögen. Der Herzen und Nieren prüft, weiß, dass ich nicht lüge und darum wollt es auch in Liebe empfangen und aufnehmen, denn aus aufrichtiger Treue habe ich es euch geschrieben.

Und nun, meine lieben Brüder und Schwestern, will ich euch Gott und dem Wort seiner Gnade anempfehlen, denn er ist mächtig euch aufzuerbauen und euch ein Erbe zu geben unter denen, die geheiligt sind.

Der Gott des Friedens schenke euch allen eine vollkommene Heiligung, auf dass euer Geist, eure Seele und Leib unsträflich und ohne Tadel erhalten werden mögen auf die Zukunft unsers Herrn Jesu Christi. Getreu ist er, der euch berufen hat. Der barmherzige Vater, durch seinen lieben Sohn Christum Jesum, unsern Herrn, kräftige euch alle mit der herrlichen Gabe des heiligen Geistes, Amen.