10.2  Erklärung über die apostolische Absonderung oder Bann

1. Was wird unter der Absonderung oder dem Bann verstanden? Herzlich getreue Kinder im Herrn, die meine Seele in der Wahrheit lieb hat; da ich mich dieser sehr gefahrvollen Arbeit, euch und allen Frommen zum Besten, unterzogen habe (ich sage gefahrvoll, denn ich weiß, dass dieselbe bei den Einfältigen eine Zeitlang große Traurigkeit verursacht hat, die, wie ich fürchten muss, noch nicht ihr Ende genommen hat), so bitte ich euch alle insgemein, die Bekümmerten sowohl als die Unbekümmerten, bei der Erinnerung an die blutigen Wunden Jesu; alle, die ihr eure Knie mit mir vor dem allmächtigen und großen Gott gebeugt habt, ich ersuche euch bei dem gerechten Urteil, das er in den Wolken des Himmels mit dem flammenden Feuer und den Engeln seiner Kraft zu seiner Zeit halten wird, dass ihr doch diese meine sorgfältige Arbeit nicht nach Fleisch und Blut, mit Ungunst und Parteigeist, sondern mit einem unparteiischen und reinen Herzen des Friedens, von Artikel zu Artikel, ja, von Wort zu Wort, durch den ungefälschten Geist der christlichen Bescheidenheit, in aufrichtiger, treuer Liebe, nach der Regel und dem Grund der Wahrheit lesen und richten wollt und zum Ersten wohl merken, was der Bann der Kirchen Christi in der Kraft sei, der uns von des Herrn heiligen Aposteln im Wort nachgelassen und gelehrt ist, auf dass ihn niemand durch Unverstand verachte, noch mit den Spöttern sage: »Lasst sie nur bannen; ihr Bannen hat keine Gefahr,« und dergleichen ungereimte Worte mehr. Die Wahrheit bezeuge ich in Christo und lüge nicht, wenn ich sage, dass ich mich lieber bis zum jüngsten Gericht stückweise entgliedern lassen wollte, denn mich einmal recht nach der Schrift von des Herrn Dienern und seiner Gemeinde bannen lassen. Ach Brüder, habt Acht darauf!

Alles was in Israel nach des Gesetzes Ordnung verbannt ward, gleichviel ob Menschen oder Vieh, das musste sterben und das verbannte Gut mit Feuer verbrannt werden. Ein schrecklicher und schwerer Bann war dieses; aber in Christi Reich undRegierung, wenn wir ihn richtig und in seiner vollen Kraft und Bedeutung betrachten, ist derselbe noch viel schrecklicher und schwerer; denn er ist keine leibliche Ausrottung oder Tod unsers Fleisches, gleichwie Moses Bann war, wie gehört ist, noch eine Ausstoßung aus irgendeinem steinernen Tempel oder Synagoge, gleichwie der Juden und der Welt Bann ist, sondern es ist eine durch die aufrichtigen Diener Christi Kraft der Schrift ergehende Verkündigung oder Botschaft des ewigen Todes unserer Seelen, gerichtet wider alle anstößigen, fleischlichen Sünder und sich nicht bekehrenden Zänker; eine Überlieferung an den Teufel; ja, eine vollständige Absagung, Ausschließung oder Absonderung von der Gemeinde, Kirche, dem Leib und Reich Christi und zwar in Christi Namen, mit der bindenden Kraft seines heiligen Geistes und starken Worts.

In Ansehung denn, dass dieses ein so schrecklicher und schwerer Bann ist, wie schon hervorgehoben, sollte sich ein jeder wohl vorsehen und solche Wege vor Gott und seiner Gemeinde wandeln, dass er in Ewigkeit nicht mit einem so schweren Fluche von Christo und seiner Gemeinde belastet werde, zufolge dessen er gleich einer verbannten, gottlosen Seele außerhalb Christi heiliger Gemeinde, Stadt und Kirche bleiben und von seinem gesegneten Reich, Haus und Leib ausgeschlossen sein muss. Dass alle diejenigen, welche außer Christi Gemeinde und Kirche stehen, zu des Antichristen Gemeinde und Kirche gehören müssen, ist unwidersprechlich; und was deren zukünftiger Lohn sein wird, so sie sich nicht von Herzen bekehren, kann man deutlich lesen in Röm 1,32; 6,23; Gal 5,21; Offb 21,8. Ach Kinder habt Acht! Hütet euch aus allen euren Kräften; wacht fleißig; bittet inbrünstig und haltet euch bereit, denn Gottes Urteile sind furchtbar und

»schrecklich ist es, in die Hände des lebendigen Gottes zu fallen!« (Hebr 10,31)

2. Über wen dieser apostolische Bann gebührendermaßen ausgesprochen werden darf. An vielen Orten der heiligen Schrift finden wir, dass die rechtgläubige Gemeinde der geistliche Leib, die Braut, das Heerlager, die Stadt und der Tempel Jesu Christi genannt wird, Christi, unseres geistlichen Haupts, Bräutigams und Hohepriesters, sinnbildlich dargestellt durch die buchstäbliche Eva, Rebecca und der Israeliten Heerlager, Stadt und Tempel. In der politischen Verwaltung Israels durfte kein Aussätziger, kein Eiterflüssiger, noch einer, der sich an den Toten verunreinigte, im Heerlager Platz finden, solange er nicht, in Übereinstimmung mit dem Gesetz, geheilt oder gereinigt war; kein Unbeschnittener oder Unreiner durfte zu des Herrn Osterlamm zugelassen werden; alle diejenigen (hier merke man Israels Bann) mussten ohne Barmherzigkeit sterben, welche, nach dem Ausweis von zwei oder drei Zeugen, des Herrn Wort verachteten und seine Gebote außer Acht ließen; so auch die, welche ein Gräuel in Israel trieben und andern Göttern dienten. Denn Mose sagte, dass sie dem Herrn ein heiliges Volk sein sollten (4Mo 5,2; 2Mo 12,48; 5Mo 17,6; 2Mo 19,6).

Desgleichen ebenfalls im neuen Wesen Christi; denn seine Gemeinde oder Kirche ist eine Gemeinschaft der Heiligen oder Versammlung der Gerechten, wie solches auch die nicänischen Patres vor etlichen hundert Jahren mit uns bekannten; und wie Adam nur eine Eva hatte, die Fleisch von seinem Fleisch und Bein von seinem Gebein war, Isaak nur eine Rebecca, die seinem eigenen Geschlecht angehörte; und Christus nur einen Leib, der himmlisch und aus dem Himmel und in allen seinen Gliedern gerecht und heilig war; so auch hat er nur eine Eva nach dem Geist, nur eine Rebecca, die sein geistlicher Leib, seine Gemeinde, Kirche und Braut ist, nämlich die gläubigen, wiedergebornen, demütigen, barmherzigen, der Sünde abgestorbenen Kinder in dem Reich und Haus seines Friedens; saubere, keusche Jungfrauen in dem Geist; heilige Seelen, die von seinem göttlichen Geschlecht, die Fleisch von seinem Fleisch und Bein von seinem Gebeine sind.

Daraus denn, nach Inhalt der heiligen Apostel Lehre, klar und offen hervorgeht, dass kein Halsstarriger, Zankmacher oder Sektiererischer, der wider die Lehre der Gottseligkeit Ärgernis und Zwietracht anrichtet; noch diejenigen, welche nicht in Christi Lehre bleiben, sondern ein anstößiges, fleischliches Leben führen; neugierige, vorwitzige, faule Gesellen, die sich durch anderer Leute Tisch und Börse leckerhafte Tage verschaffen, nicht in Christi heiliger Wohnung, Stadt, Kirche, Heerlager, Tempel und Leib, d. h. in seiner Gemeinde, Platz finden dürfen, sondern wir sollten sie mit Einstimmigkeit ausschließen und zur Bewahrung unsrer eigenen Seelen und zu ihrer Besserung, nach Regel und Anweisung der Schrift, scheuen und meiden. Getreue Kinder, seid gewarnt; schrecklich ist das Wort, welches Johannes spricht:

»Wer übertritt und bleibt nicht in der Lehre Christi, der hat keinen Gott.« (2Joh 9)

und noch an einem andern Ort:

»Wer Sünde tut, der ist vom Teufel.« (1Joh 3,8)

3. Die Ursache, warum uns dieser Bann durch die Schrift befohlen wird. Johannes lehrt und spricht, dass Gott die Liebe ist. Wie nun Gott die Liebe ist, so beweist er auch die Natur von dem, was er ist, nämlich die Liebe. Dass dieses wirklich die Wahrheit ist, kann deutlich wahrgenommen werden an der Schöpfung und Unterhaltung aller Kreaturen, an der Herstellung von Adam und Eva, an der Bewahrung Noah und seiner Söhne vermittelst der Arche während der Sündflut; an dem Segen, welchen Abraham, Isaak und Jakob von ihm empfingen, an der Erlösung Israels aus Ägypten, an der Sendung Mose und der Propheten; am allermeisten aber an der heiligen Menschwerdung unseres Herrn Jesu Christi, seines Sohnes; an seiner gnädigen, kräftigen Lehre, seinen Bitten und Tränen, seinem Kreuz, Blut und Tod; auch an der Offenbarung seines heiligen Geistes und Aussendung seiner heiligen Apostel.

Da es denn offenbar ist, dass Gott die Liebe ist und ewig bleiben wird, auch von Anfang an die herrliche Frucht seiner Liebe an seinen Kindern, auf die schon bezeichnete Weise, bewiesen hat, so geht auch diese seine Absonderung aus seiner Liebe hervor, obgleich dieselbe so schrecklich und schwer ist und an den halsstarrigen, sich nicht bekehrenden Sündern einen so furchtbaren Ausgang hat, wie schon erwähnt. Denn weil er der weise und allwissende Gott ist, der allein mit seinen feuerflammenden Augen aller Menschen Herzen und Nieren durchblickt, ihre Wege wiegt und uns, die wir seine Geschöpfe und Werke sind, aufs Beste kennt und weiß, was für schwache, zerbrechliche Geschirre wir sind; ja, dass ein Teil von uns dem schwächsten Winde der Verführung nicht widerstehen kann, sondern sogleich von demselben bewegt wird und bald durch das verderbte Leben der Gottlosen sich beflecken lässt, so hat er uns durch seine väterliche Liebe und übergroße Barmherzigkeit, als seinen armen, schwachen Kindern, dieses Mittel der Absonderung durch seinen heiligen Geist und heiliges Wort zuerst dagegen verordnet und zu dem Ende anbefohlen, dass wir die unruhigen, halsstarrigen Zänker samt den anstößigen, fleischlichen Schandtreibern von seiner heiligen Gemeinde, Kirche und seinem Haus des Friedens ausschließen und dieselben nach Inhalt der heiligen Schrift, bis zur Zeit ihrer Bekehrung, scheuen und meiden sollen, auf dass sie uns nicht, mittels ihrer geschmückten, glatten Worte, von der Festigkeit, die wir in Christi Wahrheit haben, abbringen; denn ihre falsche Lehre frisst um sich wie der Krebs (2Tim 2,17); auf dass nicht die Gräuel Treibenden mit ihrem unreinen, schändlichen Leben uns verderben oder uns bei denen, die außerhalb sind, einen bösen Namen geben. Seht, dieses ist die erste Ursache warum der Bann uns von des Herrn Geist mit einem so großen Ernste in seinem heiligen Wort befohlen und gelehrt ist. Ob nicht, dieser Ursache willen, der Bann ein besonderes Liebeswerk Christi und für alle Frommen von großem Nutzen, Dienst, Kraft und großer Frucht ist, darüber will ich alle treuen Herzen in der Furcht Gottes nachdenken lassen.

Die andere Ursache ist, dass alle diejenigen, welche das heilige Wort und rechten Weg wiederum verlassen haben, die, in der Welt verirrt, den heiligen Bund verachten, ihre empfangene Taufe und die Verheißung der Gerechtigkeit nichtig machen, wiederum den falschen Propheten Gehör geben, die Welt lieben und den breiten Weg des Fleisches wandeln oder Zank, Zwietracht, Spaltungen und verkehrte Dinge unter den Frommen anrichten, durch dieses Mittel des Bannes erschreckt, sich wiederum von Herzen bekehren, Einigkeit und Frieden suchen und so von der Satansschlinge ihrer Zänkerei und dem gottlosen, schlüpfrigen Leben vor dem Herrn und seiner Gemeinde los und frei werden mögen. Seht, das ist die andere Ursache warum uns dieser Bann von des Herrn Geist in seinem heiligen Wort mit so großem Ernst befohlen und gelehrt ist. Ob derselbe nicht auch, in Ansehung der Ursache zu demselben, als ein besonderes, gutes und großes Werk seiner Liebe angesehen werden muss und mit dem ersten Bann und seiner Bedeutung für die Frommen von gleicher Kraft, Frucht, von gleichem Dienst und Nutzen ist, wenn die Abtrünnigen nur seinen Zweck in der rechten Furcht Gottes wahrnehmen wollen, überlassen wir gleichermaßen allen treuen, gottesfürchtigen Herzen zu entscheiden. Ja, wer diese vorgesagtenUrsachen recht nach der Schrift erkennen und sehen kann, hat den rechten Grundstein des heiligen Banns nach meinem Bedünken schon gefunden.

Wenn wir nun in Betracht ziehen, dass dieser von der Schrift uns anbefohlene Bann zwei solche bedeutungsvolle, nötige und wichtige Ursachen hat, so werden wir dadurch auch veranlasst, wenn unser Rühmen des christlichen Namens ein richtiges ist, diesen offenbaren, deutlichen Befehl, diese Ordnung und Lehre Christi und seiner heiligen Apostel als ein hochlöbiges, nützliches und gutes Werk großer Liebe ordentlich zu lehren und in bereitwilligem Gehorsam und Demut zu befolgen; daraus erhellt nun auch, dass diejenigen sich an der heiligen Apostel Wort und ihrer großen Liebe, an der Treue und Liebe der Gemeinde und am allermeisten an ihren eigenen Seelen schwer versündigen, welche diese nützliche, göttliche Ordnung in der Verkehrtheit ihres ungehorsamen Fleisches ein Zankwerk des Teufels nennen und dieselbe durch ihre gottlose Lästerung, gleich wie mit Füßen, in den Schlamm und Kot treten. Vermessen ist der Mensch der seinen Gott strafen oder seinem Wort widersprechen und es meistern will. Denkt unserer Unterweisung nach!

4. Der rechte apostolische Bann kennt kein Ansehen der Person. Liebe Brüder, es ist uns ohne Zweifel bewusst, dass es ein sehr geschärftes und ernstes Gebot der heiligen Schrift ist, ja, eines der wichtigsten Gebote unter denen der zweiten Tafel, dass wir Vater und Mutter ehren sollen und dass, nach dem Gesetz Mose, alle sterben mussten, die ihren Eltern fluchten, sie misshandelten oder ihnen ungehorsam waren. Es ist uns ferner bewusst, dass das Band der unbefleckten, ehrenhaften Ehe in Christi Reich und Herrschaft so befestigt ist, dass kein Mann sein Weib, noch ein Weib ihren Mann um irgendeiner Ursache willen verlassen und sich anderweitig verehelichen darf (versteht richtig, was Christus sagt), es sei denn des Ehebruchs halber (Mt 19,9). Paulus, dieser Lehre sich anschließend, sagt, sie sollten so gänzlich miteinander verbunden und sich eigen sein, dass der Mann nicht Macht über seinen Leib, noch das Weib Macht über ihren Leib habe (1Kor 7,4).

Diese beiden Regeln, sowohl die erste auf die Eltern Bezug habende, sowie auch die zweite, die Ehe betreffend, stehen fest und sind unantastbar und dürfen von keinem Menschen weder verändert noch zu irgendeiner Zeit gebrochen werden, solange als wir sie, in Gott und mit Gott, mit gutem Gewissen, wie diese Regeln erfordern, ohne Übertretung des heiligen Worts unbehindert halten und befolgen können; kann solches aber nicht geschehen, so erscheint es klar und unwidersprechlich, dass nicht das Geistliche dem Fleischlichen, sondern das Fleischliche dem Geistlichen weichen muss.

Um des Herrn willen bitte ich daher alle Frommen, die mit uns in Christo Jesu durch den Geist des Friedens und den Glauben an sein teures Blut geheiligt sind, mit gottesfürchtigen, verständigen Herzen und auf eine unparteiische und geistliche Weise, die folgenden Ursachen oder Gründe wohl zu erwägen; denn dieselben liegen schwer auf unserm Gemüt und möchten sie darum gerne allen unsern lieben Glaubensgenossen, deren Los es sein dürfte, hiervon berührt zu werden (wovor der gütige Herr sie ewig bewahren möge), in christlicher Bescheidenheit vortragen und ohne den jungen und schwachen Gewissen Anstoß zu geben, in treuer Liebe einschärfen. Alle, die Gott fürchten, mögen richten über das, was ich lehre.

Die erste Ursache ist, dass wir wahrhaftig durch Gottes Geist und Wort erkennen, dass die himmlische Ehe, zwischen Christo und unseren Seelen, kraft unsers Glaubens und durch seinen unschuldigen Tod und teures Blut gemacht ist und dass dieselbe mit Bereitwilligkeit unverletzt gehalten werden muss, im Gehorsam gegen den einzigen und ewigen Bräutigam; aus welchem Grunde man auch weder Vater noch Mutter, weder Sohn noch Tochter, weder Mann noch Weib, ja, weder Leben noch Tod als einen Grund gelten lassen darf, seinem Worte auch nur im Allergeringsten ungehorsam zu sein oder zurückzuweichen; denn Gott der Herr will, soll und muss allein der Gott unserer Gewissen und der einzige Herr unserer Seelen bleiben und nicht unser Vater oder unsere Mutter, unser Mann oder unser Weib, wie in guten klaren Buchstaben gesehen werden kann.

Die zweite Ursache ist, dass die treuen Apostel Johannes und Paulus uns so gründlich lehren, dass man zum Ersten die Abfälligen darum meiden soll, damit sie uns mit ihrer unreinen, verführerischen Lehre und ihrem ungöttlichen, fleischlichen Leben nicht versäuern, noch in die Gemeinschaft ihrer bösen Werke einflechten sollen, wie auch in den Ursachen des Banns oben schon erklärt ist; und da wir nun deutlich sehen, dass uns niemand schneller und vollständiger versäuern und beflecken kann, als unsere eigenen Väter, Mütter, Männer, Weiber oder Kinder, wenn dieselben selbst verderbt sind, was besonders des täglichen Austausches ihrer Gesinnungen und der natürlichen, gegenseitigen Liebe halber geschieht; und weil überdies Mann und Weib ein Leib sind, so weiß ich in der Tat nicht, wie sie den Schlingen des Todes entgehen können, wenn sie des Herrn heilige Worte und treuen Rat in dieser Hinsicht nicht mit allem Fleiß wahrnehmen; denn jetzt hört man sie beten und seufzen, dann wiederum zürnen und streiten; jetzt lästern und schelten sie, dann wieder weinen und jammern sie. Ach Kinder, seid gewarnt! Ihre Tränen sind Krokodilstränen und ihre Zunge ist, wie Jakobus sagt, von der Hölle entzündet. Ich schweige noch davon, dass ihrer etliche zu aller Abgötterei und den falschen Propheten laufen, Christi heilige Worte, Sakramente und Ordnung heftig angreifen und des Antichristen Gräuel höchlich anempfehlen; dazu ist auch deren etlicher Leben nichts als eitel Geiz, Pracht, Übermut, Fressen, Saufen; und wie schändlich etliche mit ihren armen Weibern leben, besonders wenn sie trunken und voll sind, laß ich den Herrn selber richten. Dass jemand inmitten solcher mutwilligen, verkehrten, fleischlichen und gottlosen Gräuel leben könnte, ohne in seinem Glauben, seiner Liebe und Salbung verletzt zu werden, mit solchen garstigen, unreinen, anklebenden Pechgeschirren Umgang haben könnte, ohne in seinem Gewissen von ihnen besudelt zu werden, darüber will ich alle, die ein Verständnis von des Herrn heiligem Wort haben, in der Salbung ihres Geistes nachdenken lassen.

Die dritte Ursache ist, dass uns Paulus lehrt, wie man die Abfälligen auch zweitens darum meiden soll, damit sie durch die Beschämung solcher Meidung nachdenken und so eine rechte Buße über ihr böses Leben oder ihre sektiererische Lehre fühlen mögen. Da wir nunmehr wissen, dass dieses mit Bezug auf den Bann des heiligen Geistes Grund und Zweck ist, so gehört es sich auch und ist schriftgemäß, dass wir seinem göttlichen Rat, guten Willen und ernstlichen Befehl, seiner Liebe und Lehre in allem Gehorsam und aller Liebe nachkommen, bezöge dieser Befehl sich gleich auf unseren geliebten Vater, Mutter, Mann, Weib oder Kinder und zwar nicht weniger, sondern umso mehr an diesen, weil sie unsere liebsten Freunde, ja, unser eigen Fleisch und Bein sind und man sie durch keine gottseligen Mittel, als allein durch dieses, wieder auf den Weg der Heiligung bringen kann. Denkt über unsere Unterweisung reiflich nach.

Die vierte Ursache ist: Da wir wahrhaftig erkennen, dass die Schrift nur eine Art der Ausschließung oder des Bannes erwähnt, welcher Bann sich nicht allein auf die geistliche Gemeinde, Abendmahl, Hand und Kuss des Friedens erstreckt, sondern auch auf die fleischliche Gemeinschaft, nämlich Essen, Trinken, täglichen Umgang und Wandel Bezug hat (1Kor 5,10–11), so ist es klar, dass, wollte der Vater nun seinen Sohn oder der Sohn seinen Vater, der Mann sein Weib oder das Weib ihren Mann nur in geistlicher Hinsicht meiden und nicht in der fleischlichen, so müssten zwei Arten des Bannes in der Schrift genannt sein; der eine würde sich dann nur auf die geistliche Gemeinschaft erstrecken, der andere aber auf beide, die geistliche und die fleischliche Gemeinschaft; das ist klar wie das Licht des Tages! Noch einmal, denkt diesem Gegenstand nach.

Die fünfte Ursache ist: Die frommen Eltern samt der Gemeinde willigen in den Bann über ihre abfälligen Kinder ein und heißen denselben gut; desgleichen tun fromme Kinder in Betreff ihrer abfälligen Eltern, fromme Männer bezüglich ihrer abfälligen Weiber und fromme Weiber betreffs ihrer abfälligen Männer und zugestehen und stimmen überein, dass mit denselben nach der Schrift verfahren wird; wollten sie dieselben nur in geistlicher Beziehung meiden, so würden sie dadurch ihr mitsamt der Gemeinde ausgesprochenes Urteil schwächen und vernichten, würden das Seelenheil ihrer liebsten Freunde nicht mit einem solchen Ernst und geistlicher Liebe suchen, wie ihnen von des Herrn Wort und Geist befohlen ist und ihre Freunde würden dennoch tief in der Gefahr des Verderbens bleiben. Um derselben aber unbehindert zu entgehen, ist dieser Bann allen Frommen, dem Manne sowohl als dem Weib, den Eltern ebenso wie den Kindern, durch des Herrn Wort in Gestalt eines klar ausgedrückten Befehls gelehrt und nachgelassen. Wiederum sage ich, denkt dieser Sache nach.

Die sechste Ursache ist, dieweil ich nahezu dreihundert verheiratete Personen zu meinen Zeiten gekannt habe, die ihres Herrn und seiner heiligen Apostel Ordnung, Rat, Lehre, Willen und Befehl der Meidung nicht untereinander wahrnahmen und so mit in Abfall und Verderben gelaufen sind. Wir stehen, o Gott, bestürzt da bei dem Gedanken, dass ein solches Übel vielleicht teilweise unserm Stillschweigen zuzuschreiben sei. Es ist deshalb mein Vornehmen in Zukunft bemüht zu sein so zu handeln, während die Seelsorge für die Gemeinde, wiewohl unwürdiger Weise, uns obliegt, dass wir, soviel wir vermögen, der schweren Verderbnis und dem Abfall nach dem apostolischen Rat und Wort gegensteuern mögen; dass wir die Verordnung in Betreff des Bannes, zwischen Eltern und Kindern, sowohl als zwischen Mann und Weib und andern, unbehindert, rein und vollständig lehren und festhalten und zwar gegenüber allen unsern lieben Brüdern, sollten Umstände solches erfordern; und dieses erstens darum, um unsere eigenen Seelen frei zu machen und an dem großen Tage Christi unbeschuldigt vor Gott und seinen Heiligen zu stehen; und zweitens, dass niemand sich entschuldigen und sagen möge, das wurde mir niemals gesagt.

Seht, auserwählte Brüder in dem Herrn, dies sind nun die wichtigsten Artikel und vornehmsten Ursachen, die uns auf das Stärkste dringen, dass wir gern diesen Grund lehren und in Gebrauch bringen sollten. Gibt es nun unter dem ganzen Himmel einen einzigen Menschen, sei er wer, wo und was er wolle, gelehrt oder ungelehrt, jung oder alt, unsres Glaubens oder das Gegenteil, Mann oder Weib, der uns wahrheitsgemäß lehren kann, dass die Ehe des Geistes, mit Christo im Glauben gemacht, der auswendigen Ehe im Fleisch, von Menschen gestiftet, weichen muss? Oder dass ein Mann sein Weib oder ein Weib ihren Mann nicht verführen oder verderben kann? Oder dass ein frommer Mann nicht verpflichtet ist, die Seligkeit seiner abfälligen Frau nach dem Rat, Grund und Befehl der heiligen Schrift zu suchen oder die fromme Frau die ihres abfälligen Mannes?

Oder dass zwei Arten des Bannes in der Schrift sind, von denen sich der eine nur auf die geistliche Gemeinschaft erstreckt, der andere aber sowohl auf diese wie auch auf die fleischliche Gemeinschaft Bezug hat? Oder dass der fromme Ehegenoss nicht mitsamt der Gemeinde in die Absonderung seines abfälligen Ehegenossens einstimmen darf? Oder dass die Schrift in dieser Hinsicht eine Ausnahme zu Gunsten des Mannes oder Weibes, der Eltern oder Kinder macht?

Oder dass die geistliche Liebe der fleischlichen Liebe weichen müsse? Bejahenden Falls begehren wir mit ganzem Herzen diese unsere Lehre zu verlassen, unsern Irrtum zu bekennen und mit allem Eifer vor der ganzen Welt das Gegenteil zu lehren, wie es christlich und recht ist; denn wir werden nicht durch Lästern, Lob, Ehre oder Schande beeinflusst, sondern wir trachten allein nach der Ehre Gottes und Christi und der ewigen Seligkeit eurer Seelen; aus welchem Grunde wir auch von vielen Menschen als ein wehrloser Abscheu, als Kehricht und Kot betrachtet werden.

Kann man solches aber nicht tun (und es ist sicher genug, dass man es nimmermehr kann), so ist erstlich meine herzliche Bitte und brüderliche Ermahnung an alle die, welche über diese Sache irrtümliche Ansichten haben dürften, nicht ungebührlich und in Folge eines unreinen und verkehrten Gemütszustandes sich dagegen aufzulehnen, indem sie den Stein und seine Bauleute verunglimpfen; noch irgendwelche zu überreden dem Worte ungehorsam zu sein oder sie in die Gefahr des Abfalls und Verderbens zu bringen, auf dass sie nicht fremde Sünden auf sich laden; sondern des Herrn gutem Willen und nützlicher Ordnung seine gebührende Ehre und Preis auch in dieser Hinsicht geben; das anstößige Auge ihres Unverstandes ausreißen, ein gesundes Urteil nach der Wahrheit fällen, die Sünde von der Gemeinde abwenden und dadurch des Herrn unwidersprechliches, klares Wort, Rat und Befehl in demütigem Gehorsam mit allen Frommen beobachten und beflissen sein mögen, dieselben in aller Bescheidenheit zu handhaben und zu befestigen.

Zweitens bitte ich alle die, welche der unverständigen Lästerung ihr Nachdenken zuwenden, die Sache unparteiisch und im göttlichen Lichte zu betrachten und zu berücksichtigen, dass nicht nur der Bann von der Welt gehasst wird, sondern auch alle Werke und Einsetzungen Christi, wie die rechte evangelische Taufe und das Abendmahl, das Leben und der ganze wahre Gottesdienst; ja, sie werden als Gräuel, Laster und Schande betrachtet und sie schämen sich nicht, angetrieben durch einen Hass der Wahrheit, alle Frommen verfluchte Ketzer, Wiedertäufer, Rottengeister, Huren und Buben zu heißen; sie an vielen Orten um Gut und Blut zu bringen, wie deutlich wahrnehmbar, wiewohl die Frommen von Gott so geehrt werden, dass er sie für seine auserwählten Kinder erkennt und annimmt, ja, für seine Söhne und Töchter, seinen Augapfel, für seine Braut und Gemahl; und sie begabt mit dem Erbe des unvergänglichen Lebens; denn es gibt nichts unter dem weiten Dom des Himmels, das sie mehr denn Gott oder gleich Gott lieben; wie sie kräftig und öffentlich vor der ganzen Welt bezeugen und dartun. So ist es auch in dieser Sache. Denn wo kann es eine größere Liebe Gottes geben, wo kann ein löblicheres Bekenntnis gefunden werden, als dort, wo man willig und bereit ist, nicht allein sein zeitliches Gut, Gemach, Ehre und seine Wohlfahrt, sondern auch seinen allerliebsten Freund, den man auf Erden hat, aus aufrichtiger Furcht Christi, im Gehorsam seiner ewigen und heiligen Wahrheit, biszur Zeit seiner Bekehrung zu meiden. Die reine Erkenntnis Gottes und der unverfälschte Gehorsam seines heiligen Wortes gebiert keine Laster, keine Schande.

Zum Dritten bitte ich alle lieben Brüder insgemein, dass sie doch stets mit nüchternen, klugen Sinnen bedenken möchten, zu welchem Zweck sie ihre Schultern unter das sanfte Joch des allmächtigen und lebendigen Gottes beugen, damit sie in angemessener Weise im allerheiligsten Bunde seiner Gnade vor ihm und allen Menschen wandeln; und mit ihren Ehegenossen in einer solchen Frömmigkeit, Liebe, Einigkeit und solchem Frieden leben, wie es sich für diejenigen gehört, die da wissen, dass man in der Ewigkeit nimmermehr von Bannen und Ausschließen, sondern von der aufrichtigen, christlichen Frömmigkeit, Lust und den göttlichen Freuden sprechen und hören wird. Denkt über alles nach, das wir euch anweisen.

Viertens bitte ich alle die, welche zu irgendeiner Zeit diese schwere Bestrafung auf sich ziehen sollten, dass sie sich in der reinen Furcht Gottes wohl vorsehen wollen, damit sie nicht das eigensüchtige, verkehrte und träge Fleisch mehr denn Christum suchen, noch dasselbe mit Feigenblättern decken und dadurch des Herrn Zorn, welcher alle Lügen, alle Heuchelei und Schalkheit bedroht, erwecken, dass er sie schlage mit Verblendung und Verkehrtheit und ihnen Teil mit den Heuchlern gebe; sondern dass sie durch die Kraft eines wahren Glaubens in Christo Jesu sich selbst ritterlich überwinden mögen und dem in willigem Gehorsam vollständig nachkommen, was ihnen der heilige Geist auch in dieser Beziehung durch sein heiliges Wort gelehrt hat. Ach, lasst uns über diese Sache reichlich nachdenken.

Schließlich bitte ich alle Ältesten, Lehrer, Diener und Vorsteher, in der Liebe Christi, dass sie doch diese ganz wichtige Sache nicht mit ruchlosem, hartem und unverständigem Sinn, sondern in aller Furcht Gottes, christlicher Bescheidenheit und rechter väterlicher Sorge, im wahren apostolischen Sinn, lehren und treiben wollen; nicht zu schnell, auch nicht zu langsam, nicht zu hart und nicht zu gelinde; auf dass sie die jungen, zarten Böcklein nicht kochen, dieweil sie noch ihrer Mutter Milch saugen, sondern dass sie die neuen, weichen Ähren von ihres Landes Früchten erstlich bei dem himmlischen Feuer einer reinen, unverfälschten Liebe reisen; in dem Mörser des heiligen Worts zerstoßen; das Öl des heiligen Geistes, der uns zu allem Gehorsam Christi einen guten Willen gibt, darauf tröpfeln; den wohlriechenden, reinen Weihrauch des aufrichtigen, festen Glaubens, aus dem alles folgen muss und welcher dem Herrn ein angenehmer Geruch ist, darauf legen und so dem Herrn zu einem angenehmen Speisopfer in seinen heiligen Tempel bringen. In getreuer Liebe nehmt wahr, was meines Ermahnens Grund ist.

5. Dass man die erkannten, anstößigen, fleischlichen Sünder und Verbannten Gottes von der Gemeinde absondern und so zu einer genugsamen Buße mit der Schrift weisen soll. Ehe ich aber mit der Erklärung dieses Artikels fortfahre, will ich den Leser erstlich darauf aufmerksam machen, dass ich vor etwa achtzehn Jahren eine Ermahnung im Druck erscheinen ließ, in welcher ich keinen Unterschied der Sünde machte, sondern in Folge meiner Unerfahrenheit und noch nicht bestandenen Prüfungen sie alle insgesamt auf drei Ermahnungen wies. Ich sage Unerfahrenheit, denn nach meinem besten Wissen hörte oder erfuhr ich zu jener Zeit nichts von irgendwelcher Hurerei, Ehebruch und dergleichen unter den Brüdern; ich hielt es auch für unmöglich dass diejenigen, die sich mit uns auf die Bahn der Gerechtigkeit begeben hatten, Lust oder Neigung zu solchen groben Gräueln haben könnten, woher ich auch die Sache noch nicht mit Ernst überdacht hatte. Seht, es ist vor Gott die Wahrheit, was ich schreibe.

Desgleichen schrieb ich ein Buch im Jahre 1549, welches denjenigen eine Erwiderung gab, die den Bann allein auf die geistliche Gemeinschaft ausdehnen wollten und uns überall mit lästernden Worten anklagten, dass wir einen harten, grausamen, unbarmherzigen und pharisäischen Bann gebrauchten.

Schließlich berühre ich diesen Gegenstand mit kurzen Worten gegen Gellius Faber; und habe bis auf den heutigen Tag in meinen gedruckten Schriften keinen Unterschied in dem Bann gemacht, konnte ihn auch nicht machen, das bekenne ich freimütig, denn ich war in dieser Sache nicht genügend unterrichtet, solange dieselbe keine Streitfrage war und sich dadurch meiner Aufmerksamkeit aufdrängte. Da ich nun aber den Grund des Zanks und Streits oft gehört und Umstände desselben auf der Waage des heiligen, göttlichen Worts sorgfältig gewogen habe, haben die sechs folgenden Gründe mir in dieser Sache die stärkste Versicherung gegeben (dem Helfer aller bedrängten Seelen sei Preis für seine Gnade), dass wir aus des Herrn heiliger Kirche alle anstößigen, fleischlichen Sünder, als da sind Hurer, Ehebrecher, Trunkene, zu einer öffentlichen Beschämung und Strafe ihrer groben Schande, mit ihren gottlosen, bösen Werken auch ohne vorhergehende Ermahnung, kraft des heiligen, göttlichen Worts, von des Herrn heiliger Gemeinde absondern und so zu der Buße weisen sollen. Ich sage, kraft des Worts; denn es ist zum Ersten offenbar, wie Paulus lehrt, dass weder die Hurer noch Ehebrecher, weder Weichlinge noch Knabenschänder, weder die Geizigen noch Trunkenen, weder Lästerer noch Diebe oder Räuber Gottes Reich erben werden (1Kor 6,10), sondern dass ihr Teil der ewige Tod und feurige Pfuhl sein wird.

Da es nun klar ist, dass das sie verdammende Urteil Gottes bereits durch seinen ewigen Geist und sein starkes Wort, im Himmel und auf Erden, über sie gefällt ist; dass sie sich selbst ausgeschlossen und infolge ihrer gottlosen Werke die Gemeinde verlassen haben; dass sie nicht wie ehemals Fleisch von Christi Fleisch und Glieder an seinem heiligen Leibe sind, sondern fleischlich und teuflisch geworden sind; ja, sich wiederum zu Hunden und Schweinen und zu Knechten der Sünde gemacht haben; so würden wir das gerechte Urteil des allmächtigen und großen Gottes für unrecht und nicht bindend erklären – jenes Urteil, das durch seine heiligen Apostel aus seinem eigenen Geist und Wort über solche anstößigen, gräulichen Menschen ausgesprochen ward – wollten wir selbst noch diejenigen ermahnen, welche bereits Kinder des Teufels sind, wollten wir sie als Brüder betrachten und sie mit des Herrn Frieden grüßen, ja, solche grobe Übertreter als Kinder Gottes und Mitgenossen Christi behandeln, auf leere Versprechungen hin ohne ein Anzeichen der Frucht einer wahren, aufrichtigen Buße. Ich wollte, dass wir alle unparteiisch und in der Furcht Gottes recht nachdenken möchten, wie eine solche große Verachtung Christi und seines gerechten Urteils nach der Schrift bestehen kann.

Zum andern ist es offenbar, dass alle uns Missgünstigen mit großem Fleiß und Ernst darauf hinstreben und lauern, wie sie nur einen kleinen Splitter in uns finden könnten, weil sie uns um der Wahrheit willen so bitter hassen, damit sie denselben zu einem großen Balken machen und an uns gröblich lästern mögen. Wollten wir solche offenbare, anstößige Schande zulassen und solche gottlosen, verurteilten Menschen als unsre lieben Brüder aufnehmen, ohne dass bei ihnen die Frucht einer wahrhaften Buße bemerkbar wäre, auf ein bloßes Versprechen hin, welches vielleicht mehr aus fleischlicher Scham oder Heuchelei entspringt, als aus irgendwelcher Furcht Gottes; wollten wir das Friedensbrot unverfälschter, christlicher Liebe bei des Herrn heiligem Abendmahl mit ihnen brechen und auf diese Weise durch die Tat bezeugen, dass sie Mitgenossen unserer Kirche sind; dann würden wir ohne Zweifel die schöne, in Christo geehrte Braut allen Gottlosen aussetzen und unsern Feinden zu einem Hohn hingeben. Möge der barmherzige Gott uns bewahren, dass wir niemals solches denken, geschweige tun mögen! Ach, gebt auf diese Sache Acht!

Zum Dritten ist es offenbar, dass man mit diesen drei Ermahnungen in Betreff solcher groben, anstößigen Übertreter viele und große Heuchler machen würde; denn ich habe erfahren, dass in neuerer Zeit etliche gewesen sind, die ihre Büberei und Schande so lange im Verborgenen trieben, bis Zeit und Umstände sie nicht länger verbergen konnten; ja, wenn man etliche, wie ich erfuhr, nicht durch große Klugheit ausgefunden hätte, würden sie, fürchte ich, wohl in ihrem alten Wandel verblieben sein; als es aber an den Tag kam, da hörte man Heulen und Weinen. Denn wer könnte fort und fort so gänzlich verfinstert sein, dass wenn er seines Nächsten Weib, Tochter oder Magd entehrt oder ihn um Geld und Gut beraubt hätte und dabei ergriffen, zur Rede gestellt und ermahnt wäre, nicht sagen würde, es ist mir leid, dass ich das getan habe. Da uns die Erfahrung solche Zustände mehr und mehr vorführt, so ist es auch billig und mit der Schrift übereinstimmend, dass wir solchen groben, unverschämten Hausschändern keinen Stuhl mehr hinsetzen, keine Ruhekissen machen, noch sie in ihren gottlosen Händeln und Wesen mit den falschen Propheten länger dulden; sondern wir sollen sie dahin weisen, wohin sie der heilige Geist Gottes mit der Schrift weist, nämlich aus der Gemeinde; auf dass wir nicht des Herrn in seinem Wort über solche Leute ausgesprochenes Urteil verkleinern und damit die Gemeinde der Gnade, der süße Teig Christi, des gesalbten Königs und Priesters Gottes, ihren herrlichen Geruch und ihre Würde behalten möge; und auch damit die Übertreter dahin gebracht werden mögen, dass sie vor Gott und der Gemeinde aufrichtige Buße tun und ihr Opfer und ihre Gabe wieder mit einem gesäuberten, reinen und neuen Gewissen, als die wahrhaft gereinigten Heiligen Christi, auf den Altar der Versöhnung in seinem heiligen Tempel legen mögen. Ach, denkt über unsere Unterweisung nach!

Viertens ist offenbar, dass uns Paulus lehrt einen ketzerischen Menschen zu meiden nachdem er einmal oder zweimal ermahnt worden ist, ohne sich zu bessern (Tit 3,10). Da uns nun des Herrn heiliger Geist nicht weiter dringt, als nur einmal oder zweimal solche zu ermahnen, deren etliche dem äußern Schein nach noch ein frommes Leben führen und andere derselben vielleicht nicht anders wissen, als dass ihr Wandel der rechte ist – wie, ihr Lieben, wie sollte man dann diejenigen dreimal ermahnen müssen, die sich nicht allein nicht schämen geradezu gegen Gottes Wort zu sündigen, sondern die ebenfalls wider das klare Gesetz der Natur handeln? Die vorsätzlich ihres Nächsten Weib, Tochter oder Magd verführen und berüchtigte Trinkhäuser und unzüchtige Orte des Gräuels besuchen? In Kürze, alle diese sind durch den Geist und das Wort des Herrn zum ewigen Tode verurteilt, so sie sich nicht bekehren.

Es würde ja auch, meines Bedenkens, ein gar zu ungereimtes Ding sein, so man der Sache mit verständigem Sinn recht nachdenkt, dass man solchen unlenksamen, gräulichen Schandtreibern, die bereits unter dem Urteilsspruch der Verdammnis stehen, noch mit dreien Vermahnungen vor der Absonderung nachlaufen sollte; und wenn sie sich gleich der ersten und auch noch der andern weigerten, dass man sie dennoch für Brüder in der Gemeinde halten sollte, bis auf das dritte Mal; würden sie dann aber sagen, dass es ihnen Leid wäre, so sollten sie unsere Brüder bleiben; wo nicht, so sollte man ihnen alsdann erst vor der Gemeinde aus Gottes Wort verkündigen, dass sie keine Gemeinschaft mehr an Christo hätten, sondern nach der Schrift verdammte Leute wären. Alle, die von Gott gelehrt sind, lasse ich unparteiisch richten, wie eine solche Lehre und Handel nach des Herrn Recht und Wort bestehen kann.

Zum Fünften ist offenbar, so viel ich in meiner Geringheit richten kann, dass auch der heilige Paulus das fünfte Kapitel des ersten Briefs in einem solchen Sinn und Verstand, wie hier erzählt, an die zu Korinth geschrieben hat; denn er sagt:

»Nun aber habe ich euch geschrieben, ihr sollt nichts mit ihnen zu schaffen haben; nämlich, so jemand ist, der sich lässt einen Bruder nennen und ist ein Hurer oder ein Geiziger oder ein Abgöttischer oder ein Lästerer oder ein Räuber, mit den selbigen sollt ihr auch nicht essen!« (1Kor 5,11)

Er erwähnt nicht einmal einer Ermahnung, geschweige denn zweier oder dreier, sondern er sagt: »Ein wenig Sauerteig versäuert den ganzen Teig,« welches ohne Zweifel wahr ist; denn Tatsachen haben mehr als genügenden Beweis geliefert, wie häufig, dieser gottlosen Leute halber, die Frommen für einen üblen Geruch gehalten werden, die andernfalls vielen ein lieblicher Wohlgeruch sein würden.

Zum Sechsten ist offenbar, dass Paulus diesen Grund nicht allein so lehrte, sondern auch mit einem klaren Beispiel an dem unreinen Korinther, der mit seiner eigenen Stiefmutter unziemlich zu Hause saß, in der Tat bewies; denn er richtete ihn ohne irgendwelche vorhergehende Vermahnung, nach seinem ungöttlichen, bösen Werk und sonderte ihn auf Grund seines Herrn Geist und Wort von der Gemeinde ab und übergab ihn dem Teufel, welchem er bereits durch seine unnatürliche, abscheuliche Unkeuschheit verfallen war, auf dass, infolge dieses schweren Urteils und der großen Beschämung, er sein unreines, schändliches Fleisch mit seinen bösen Lüsten töten und begraben möchte und seine Seele selig werde am Tage des Herrn Jesu; ward auch nicht eher wieder angenommen, als nach einem Jahr oder noch längerer Zeit, wie uns die Geschichte unterrichtet und bis sie sahen, dass seine Reue eine solche sei, dass zu befürchten stand, er möge unter der schweren Last derselben und in großer Traurigkeit gänzlich niedersinken.

Und es würde, meiner Meinung nach, sich gehören, dass man solche offenbaren, fleischlichen Schandflecken, die dem heiligen Wort eine alle Maßen übersteigende Lästerung antun und durch ihren gottlosen, gräulichen Wandel solche schwere Trübsal über alle Frommen bringen, nicht so bald wieder annehmen sollte, wiewohl sie, dem äußern Scheine nach, mit bittern Klagen und schönen Versprechungen kommen mögen; sondern wir sollten die Früchte ihrer Buße eine Zeitlang beobachten; denn es ist nicht immer Buße, ob man schon sagt: ich habe gesündigt; sondern Buße ist ein umgekehrtes, verändertes, frommes und neues Herz; ein zerbrochenes, zerschlagenes und reuiges Gemüt, aus denen die Tränen der Aufrichtigkeit fließen und ein offenes Bekenntnis, ein wahres Abkehren vom Bösen, ein ernstlicher und aufrichtiger Hass der Sünden und ein unsträfliches, frommes, christliches Leben; das ist die Buße die vor Gott Geltung hat. Ach, ich bitte euch, verschafft euch eine richtige Kenntnis der Sünde, sowohl als auch der Buße. Seht euch vor.

Seht, meine getreuen Brüder, hier habt ihr nun meine wichtigsten Schriften, Reden und Ursachen, die mich auf das Allermeiste bewegen, dass ich dieser Sache in reiner Furcht Gottes etwas tiefer nachgedacht habe. Ich sage darum, gleichwie ich oben in der Absonderung zwischen Mann und Weib bereits einmal gesagt habe: Ist jemand unter dem ganzen Himmel, er sei wer oder was er wolle, der mich durch göttliche Wahrheit lehren kann, dass ein offenbarer oder heimlicher Hurer, Ehebrecher, Trunkener etc. so lange noch ein Glied an des Herrn heiligem Leibe bleiben darf, als er nicht zuvor zwei- oder dreimal ermahnt worden ist; oder dass das von Paulus und in vielen andern Teilen der Schrift über solche tödlichen Gräuel ausgesprochene Urteil des heiligen Geistes der Bedingung von zwei oder drei Ermahnungen unterworfen sei; oder dass wir keine Ursache zu befürchten haben, dass sich die Frommen der Lästerung aussetzen würden, wenn sie nichts weiter als ein mündliches Versprechen, sich zu bessern, erlangt hätten; oder dass wir mittels der Macht der Schlüssel selbst diejenigen behalten können, welche Gott bereits durch das Wort seiner Wahrheit ausgeschlossen hat; oder dass es mit der Schrift vereinbar ist, dass die Gemeinde das Ungewisse, d. h. ohne Vorhandensein einer aufrichtig scheinenden Buße, mit Christi heiligem Geist und Wort richten und sowohl die Heuchler als die wahrhaft Bußfertigen als Brüder behalten und grüßen darf; oder dass die Gemeinde Gottes Gnade, Barmherzigkeit, Frieden und das ewige Leben denjenigen mit Wahrheit und Kraft der Schrift verkündigen möge, über welche bereits, ihrer tödlichen und bösen Werke halber, seine Ungnade, sein Fluch, Zorn und Strafe des ewigen Todes ergangen ist; oder dass der Gräuel oder die Sünde, um welcher willen sie in den Bann getan wurden, sie nicht zum Tod führt; oder dass der Geist der Gnade mit einem aufrichtigen Glauben und wahrhafter Buße, die vor Gott gilt, den Übertreter der Verheißung des Lebens mehr versichert, als die äußerliche Gemeinschaft mit der Kirche. Wenn irgendjemand uns von diesem allem überzeugen kann, so begehren wir von Herzen ihm darin zu folgen und unsere Ansichten darin zu ändern und zu verwerfen.

Kann man aber solches nicht tun, und es ist unmöglich, dass man könnte, so bitte ich alle diejenigen, welche über diesen Grund besorgt sind, dass sie sich doch der eitlen Tröstung und den falschen Propheten nicht gleich machen, welche die Hände der Boshaften stärken, die Wand mit falschem Kalk bestreichen und lehren Friede! Friede! so doch kein Friede da ist (Hes 13,10); sondern dass sie des Herrn Urteil, welches in seiner göttlichen Gerechtigkeit entsprang, unverändert lassen wollen, die betrüglichen Kissen und Trostpfühle den Gottlosen entreißen und Christi heiligen Weinberg, Stadt, Haus, Tempel, Leib, Kirche und Gemeinde nach besten Kräften sauber und rein halten; dass sie auf das Gewisse bauen und den unbußfertigen Sünder mit der Schrift zur Buße weisen, wie schon angemerkt. Handelt treulich, denkt dieser Sache nach und lernt Weisheit.

6. Von den heimlichen Sündern, welche in ihrem Innern wiederum von des Herrn Geist ermahnt und zu einer aufrichtigen Reue und wahrhaften Buße gebracht werden. Der große Wunsch meines Herzens ist, dass ein jeder Gott so fürchten und erkennen möchte, um im Geist und in der Wahrheit mit David zu sagen:

»Wo soll ich hingehen vor deinem Geist? Und wo soll ich hinfliehen vor deinem Angesicht? Fähre ich gen Himmel, so bist du da. Bettete ich mich in die Hölle, siehe so bist du auch da. Nähme ich Flügel der Morgenröte und bliebe am äußersten Meer; so würde mich doch deine Hand daselbst führen und deine Rechte mich halten; spräche ich: Finsternis möge mich bedecken, so muss die Nacht auch Licht um mich sein; denn auch Finsternis nicht finster ist bei dir und die Nacht leuchtet wie der Tag, Finsternis ist wie das Licht; denn du hast meine Nieren in deiner Gewalt, du warst über mir im Mutterleibe.« (Ps 139,7–13)

Und mit Jesaja:

»Wehe die verborgen sein wollen vor dem Herrn, ihr Vornehmen zu verhehlen und ihr Tun in Finsternis halten und sprechen: Wer sieht uns? Und wer kennt uns?« (Jes 29,15)

Merkt auf seine Drohung: »Wehe!«

Auserwählte Brüder, nehmt wahr: niemand unter dem weiten Dom des Himmels kann sich in irgendeinem Winkel der Erde so verbergen, dass die Flammenaugen des Herrn ihn nicht sehen oder dass seine vergeltende Hand ihn in seiner Bosheit nicht finden könnte. Ja, der geringste Gedanke ist nicht in unserm Herzen verborgen, den Augen des Herrn ist er offenbar. Ich warne daher alle und jeden, sich aus allen Kräften vor der Sünde zu hüten, sie sei eine geheime oder öffentliche; denn wird die Sünde nicht aufrichtig gebüßt, wird der ewige Tod ihr Teil und Lohn sein. Das mögen alle unachtsamen, stolzen Sünder wohl bedenken.

Dieses schreibe ich allen unsern lieben Brüdern zu einer christlichen Warnung, auf dass sie des Herrn Urteil, sowohl heimlich als offenbar von Herzen fürchten und die Sünde mit aller Sorgfalt vermeiden mögen. Denn ob wir schon hier vor den Menschen nicht gestraft noch von ihnen gesehen werden, so können wir doch Gottes Augen und seiner Strafe nicht entgehen. Ach dass wir alle dies verstehen möchten!

Sollte es sich aber zutragen, dass irgendjemand heimlich wider Gott sündigte, wovor seine Kraft uns alle bewahren wolle und sollte der Geist der Gnade, der die Buße hervorruft, wiederum in seinem Herzen wirken und es mit aufrichtiger Buße erfüllen, so haben wir darüber nicht zu urteilen, denn es liegt zwischen ihm und Gott. Und weil es offenbar ist, dass wir unsere Gerechtigkeit und Seligkeit, die Vergebung unserer Sünden, Genugtuung, Versöhnung und das ewige Leben nicht in dem Bann, noch durch den Bann suchen und finden, sondern allein in Christi Gerechtigkeit, Fürbitte, Verdienst, Tod und Blut, so gibt es auch nur zwei Endzwecke, warum der Bann in der Schrift befohlen ist und diese beziehen sich nicht auf ihn. Weil, erstens, seine Sünden heimlich sind, so kann kein Ärgernis daraus entstehen. Und zweitens, weil sein Herz mit Reue geschlagen und sein Leben ein bußfertiges ist, so ist es überflüssig, dass man ihn durch Beschämung zur Reue bringe. Auch haben wir keinen Befehl Christi, nach welchem wir ihn noch härter strafen oder vor der Gemeinde beschämen dürfen. Denkt auch über diese Anweisung nach.

7. Was ist der wahre Sinn der Schriftstelle in Mt 18, wo Christus spricht: »Sündigt aber dein Bruder an dir …« Unser einziger und ewiger Hohepriester und Lehrer, Christus Jesus, kannte ohne Zweifel unsere arme, unvollkommene und schwache Natur, infolge welcher, so es an Fleiß und Wachsamkeit mangelt, wir oftmals gegenüber unserm Nächsten uns vergehen; aus welcher Ursache er auch lehrt und spricht:

»Sündigt aber dein Bruder an dir, so gehe hin und strafe ihn zwischen dir und ihm allein. Hört er dich, so hast du deinen Bruder gewonnen. Hört er dich nicht, so nimm noch einen oder zwei zu dir, auf dass alle Sache bestehe auf zweier oder dreier Zeugen Mund; hört er die nicht, so sage es der Gemeinde; hört er die Gemeinde nicht, so halte ihn als einen Heiden und Zöllner.« (Mt 18,15–17)

Worauf Petrus ihn fragt:

»Herr, wie oft muss ich denn meinem Bruder, der an mir gesündigt hat, vergeben? Ist es genug siebenmal? Spricht Jesus zu ihm: Ich sage dir, nicht siebenmal, sondern siebzigmal siebenmal!« (Mt 18,21–22)

Diese Worte Christi lehren zum Ersten offenbar, so sich jemand aus Ruchlosigkeit, Gebrechlichkeit, Unbedachtsamkeit, Jugend oder aus irgendwelchem Missverständnis an seinem Bruder versündigen sollte, dass derselbige ihn alsdann nicht in seinem Herzen hasse noch sein Vergehen ungerügt übersehe; sondern er soll ihn aus wahrer, brüderlicher Treue ermahnen und in Liebe strafen, auf dass sein lieber Bruder nicht weiter falle noch verderbe, sondern dadurch zurechtkomme und auch er um seinetwillen (wie Mose sagt) keine Schuld trage. Auch ist es aller Rechtgläubigen Art und Neigung, niemand um irgendwelches an ihnen geschehenen Unrechts zu hassen, sondern sie trachten von ganzem Herzen danach, den Übertreter zu unterweisen und auf den rechten Weg der Liebe zu bringen; denn ein wahrer Christ kennt keinen Hass.

Zweitens lehren uns diese Worte, dass derjenige, welcher gefehlt hat, die Vermahnung seines Bruders in Liebe aufnehmen und sich wiederum von Herzen mit ihm versöhnen sollte; gleichwie er noch an einer andern Stelle lehrt, indem er spricht:

»Darum wenn du deine Gabe auf dem Altar opferst und wirst allda eindenken, dass dein Bruder etwas wider dich habe; so lass allda vor dem Altar deine Gabe und gehe zuvor hin und versöhne dich mit deinem Bruder!« (Mt 5,23–24)

In dieser Hinsicht ist es auch aller Rechtgläubigen Art und Salbung, d. h. derer, die aus dem heiligen Samen göttlicher Liebe geboren sind, dass, wenn sie einem Bruder zu nahe treten, sie weder Ruhe noch Frieden in ihren Herzen finden, bis sie wiederum vollständig in Christo Jesu mit ihm versöhnt sind und zwar ohne alle Heuchelei. Denn wir sind ein Same und Geschlecht des Friedens, Kinder der Liebe, die ihr Christentum in der Kraft beweisen und mit der Tat bezeugen, dass sie Gott erkennen. Diejenigen aber, welche nicht desgleichen tun, haben Jesu Wort, das sie richtet. Denn obschon die erste Übertretung an sich selbst keine Todsünde sein mag, würde sie doch dem Übertreter im Laufe der Zeit, wenn er nicht auf die Liebe Acht hat, von derselben entfremden und ihn fleischlich machen, dass er zuletzt, seines Kaltsinnes halber, eine so harte Strafe tragen müsste. Denn es ist mehr als klar, dass er seinem Bruder Unrecht tut, die Ermahnung seiner Liebe verstößt, wider die christliche Liebe handelt, die Gemeinde Gottes verachtet, des Herrn Wort verwirft und dass er lieber in seiner Übertretung mit störrischem Sinn verharren will, lieber auf dem krummen Weg des Unrechten wandeln will, ja, lieber Christi Reich und Volk verlassen will, als sein halsstarriges, stolzes Fleisch in diesem Punkte erniedrigen und sich mit seinem lieben Bruder, wider den er gesündigt hat, nach des Herrn Wort, in der Liebe wiederum versöhnen sollte. Recht sind Pauli Worte: »Fleischlich gesinnt sein ist der Tod.« Ach, habt Acht darauf.

Drittens, wenn der fehlende Bruder die brüderliche Ermahnung desjenigen Bruders, gegen den er gefehlt hat, in Liebe aufnimmt, sich in aller Demut versöhnt und ferner den Fehltritt nicht widerholt, so soll ihm derselbe nicht gedacht werden, sondern er soll herzliche Vergebung erhalten, hätte er gleich mehr gesündigt, als es vielleicht der Fall ist. Denn gleichwie Gott uns alle unsere Sünden vergibt durch Christum, so müssen auch wir unserm Nächsten alle Sünden, die er wider uns begeht, vergeben in Christo. Und wir dürfen keinen Hass, kein Rachegefühl gegen ihn beherbergen, sollte er sich gleich niemals bessern. Das rechte Vorbild haben wir an Stephanus, seinem Zeugen. So ist auch die gute Art und Salbung aller deren, die aus Gott geboren werden, dass sie ihre Seelen in Geduld und Frieden besitzen, ihr Gewissen rein und unverderbt erhalten, ihr Gebet ungehindert, ihre Liebe unzerbrochen, ihren Glauben heilsam und unverfälscht und ihr Gemüt in der Gnade fest und unverändert bewahren, wie die Welt sie auch immer behandeln möge.

Aus diesem allem geht klar hervor, dass diese drei verschiedenen Ermahnungen, von denen Christus spricht, erstens zwischen Bruder und Bruder allein, zweitens vor Zeugen und drittens vor der Gemeinde, sich nicht auf alle anstößigen, fleischlichen Sünder erstrecken, über die der Urteilsspruch ewigen Todes bereits ergangen ist; sondern sie beziehen sich allein auf die täglichen Vergehen zwischen Bruder und Bruder und zwar der sieben folgenden Ursachen halber.

Erstens sagt er: Wenn aber dein Bruder an dir gesündigt hat Merkt was er sagt: An dir, nicht wider Gott; denn alle Sünden, die er wider dich begeht, magst du ihm vergeben, sofern als es nur dich angeht; nicht aber was Gott angeht.

Zweitens sagt er: …so geh hin und weise ihn zurecht unter vier Augen. Merkt: unter vier Augen. Und ich hoffe, dass alle, die den Sinn der heiligen Schrift verstehen, zugeben werden, dass einer offenbaren Missetat oder Sünde keine heimliche, sondern eine öffentliche Bestrafung gehört.

Drittens sagt er: …damit jede Sache auf der Aussage von zwei oder drei Zeugen beruht. Merkt dass er sagt: zwei oder drei Und dass eine offenbare Übertretung keiner Zeugen bedarf, sondern ihr eigener Beschuldiger und Zeuge ist, ist klar wie die Mittagssonne.

Viertens sagt er: …so sage es der Gemeinde. Bemerkt: der Gemeinde Doch wäre es ganz unnötig, eine wohlbekannte Schande denjenigen mitzuteilen, die davon volle Kenntnis haben. Diese Schlussfolgerung müssen alle für richtig anerkennen, die eine gesunde Vernunft besitzen.

Fünftens sagt er auch in Lk 17: Und wenn er siebenmal am Tag gegen dich sündigte Bemerkt, er sagt: …gegen dich sündigte Dass aber ein Christ siebenmal des Tages – geschweige denn siebzigmal siebenmal – sich an seinem Bruder, viel weniger noch an Gott, tödlich versündigen sollte, ist unmöglich.

Sechstens sagt er: …und siebenmal am Tag wieder zu dir käme und spräche: Es reut mich! Merkt, er sagt: …und siebenmal am Tag wieder zu dir käme Meine Meinung ist, dass, so jemand zwei- oder dreimal des Jahres, nicht zu sagen täglich, zu uns käme, um unsere Kisten oder Geldbeutel zu bestehlen oder unsern Weibern, Töchtern oder Mägden Schande anzutun und allemal sagte: Ach Bruder, es reut mich; ihm schnell gesagt werden würde, dass er ein arger Bösewicht und ein gottloser Schurke sei. Wiederum sage ich, gebt Acht.

Siebtens sagt er: …so sollst du ihm vergeben. Merke er sagt: So sollst du ihm vergeben. Die Schrift aber lehrt deutlich, dass niemand die Sünde (sinnbildlich dargestellt durch die zehntausend Pfund, welche man dem Könige schuldete) vergeben kann, als allein Gott. Und dass wir lediglich im Stande sind hundert Pfennige zu bezahlen, die wir unserm Bruder schulden, wie uns der Herr in seiner Parabel mit aller Klarheit lehrt.

Seht, in diesem Sinn bleibt die heilige Schrift für uns heilsam und unverändert, sie fährt fort ihre Ordnung zu handhaben wenn, wo ein Bruder sich wider den andern vergeht, drei Ermahnungen gegeben werden ehe der Bann erfolgt (Mt 18,15–18); einen Ketzer ermahnt ein- oder zweimal (Tit 3,10); einen anstößigen, fleischlichen Sünder, der bereits durch Gottes Wort verurteilt ist, gar nicht (1Kor 13).

Überlege unparteiisch, vorurteilsfrei und in wahrer Liebe, was der Grund der heiligen Schrift sei.

8. Dass wir mit Davids Sünde, Buße und Vergebung die Wahrheit nicht verkehren, sondern dass wir dieselben nach dem Sinn der Schrift richtig verstehen müssen. Es ist offenbar, dass gräuliche, fleischliche Sünden, wie Hurerei, Ehebruch und dergleichen, aus der Blindheit des Herzens entspringen; dass sie das Resultat unreiner, entzündeter Leidenschaften und fleischlicher Lüste sind, trotzdem sie vielleicht scheinbar nur in einer Übereilung ihren Anfang genommen haben mögen. Ein vortreffliches Beispiel in dieser Hinsicht liefert uns eine Episode im Leben Davids; denn wiewohl er ein Mann nach dem Herzen Gottes war und durch die Kraft seines Glaubens den von ganz Israel gefürchteten Riesen Goliath erschlug und das Lamm aus den Rachen von Löwen und Bären errettete, ward er dessen ungeachtet durch das Gesicht seiner Augen in seinem Fleische so bezaubert, dass er ein großer und abscheulicher Sünder wurde; denn sobald er seiner Begierde nachgab, ward auch die Sünde begangen und sein Herz, welches ehemals ein Tempel des heiligen Geistes gewesen ist, war so verblendet und betört, dass er ohne alle Furcht aus der einen tödlichen Sünde in die andere verfiel; ja, es scheint, dass er nicht einmal an den Herrn dachte, der ihn aus so vielen Gefahren errettet, ihn zu so hohen Ehren berufen und mit einem so vorzüglichen Geiste beschenkt hatte. Denn da ihm verkündigt wurde, dass Bathseba von ihm schwanger wäre, suchte er seine schändliche Tat durch List zu verbergen; ließ Uria in einem solchen Schein aus dem Felde holen, als ob er lediglich Kriegsangelegenheiten von ihm erfahren und mit ihm besprechen wollte; forderte ihn zweimal auf in sein Haus zu gehen, aus welcher Ursache ist leicht zu verstehen. Nachher lud er ihn zu einem Festmahl ein, dabei volle Aufrichtigkeit heuchelnd, damit er Gelegenheit habe Uria trunken zu machen; im trunkenen Zustand würde er seines Weibes Schmach nicht bemerken und würde die Schande Davids decken. Als ihm aber alle diese schlauen Anschläge missglückten, übergab er diesem wahrhaft frommen Manne einen gottlosen, verräterischen Brief, nach dessen Inhalt Joab ihn an einen solchen Platz stellen sollte, wo die Gefahr getötet zu werden am größten sei, auf dass er erschlagen werde.

Seht, so erzeugte in Davids Fall eine Gottlosigkeit die andere, sobald er der Lust seiner Augen nachgab und der Sünde einen Platz einräumte. Ja, er ward dermaßen in seinem entzündeten Fleisch verblendet und fiel so der Gottlosigkeit anheim, dass, nach der Strenge des Gesetzes, wäre er nicht der Zepterträger gewesen, er sich den Bann des Todes zwiefach zugezogen haben würde; erstens, weil er ein Ehebrecher war; zweitens, weil er am unschuldigen Blute schuldig war.

Hochmütig fuhr er fort in diesen Gräueln zu leben, bis der Prophet zu ihm kam und mittels eines Gleichnisses ihm so klüglich seine Schuld vor Augen führte, dass David sein eigenes Urteil fällte; nämlich, wert des Todes. Als er des Propheten Wort vernahm, der mächtig zu seinem Herzen sprach, ward er gerührt, suchte Gnade und kehrte sich ohne Verzug zu Gott mit einem zerbrochenen, reuigen Herzen; beweinte bitterlich seine große Schuld und erkannte vor dem Herrn, dass er wider ihn gesündigt habe; seufzte und betete in seinem Schmerz, indem er sagte,

»O Gott, sei mir gnädig nach deiner Güte und tilge meine Sünde nach deiner großen Barmherzigkeit; wasche mich wohl von meiner Missetat und reinige mich von meiner Sünde.« (Ps 51,3–4)

»Schaffe in mir, Gott, ein reines Herz und gib mir einen neuen und gewissen Geist. Verwirf mich nicht von deinem Angesicht und nimm deinen heiligen Geist nicht von mir.« (Ps 51,12–13)

Daher ward er auch wiederum von dem Propheten getröstet, der zu ihm sagte: »So hat auch der Herr deine Sünde hinweggenommen; du sollst nicht sterben!« Trotzdem aber hatte er um derselben willen eine harte Strafe zu ertragen, denn, sagte Nathan: »Nun soll auch von deinem Haus das Schwert nicht weichen ewiglich, weil du mich verachtet hast.«

»So spricht der Herr: ›Siehe, ich will Unglück über dich erwecken aus deinem eigenen Hause und will deine Weiber nehmen vor deinen Augen und will sie deinem Nächsten geben, dass er bei deinen Weibern schlafen soll an der lichten Sonne; weil du mich verachtet hast.‹« (2Sam 12,11)

Merkt, er sagt: »Weil du mich verachtet hast.«

Und seht, auf diese Weise führte Davids Ruchlosigkeit zu einer großen Verachtung Gottes und gestaltete sich zu einer gefährlichen und schweren Sünde. Wahr sind die Worte Jakobi:

»Danach, wenn die Lust empfangen hat, gebiert sie die Sünde; die Sünde aber, wenn sie vollendet ist, gebiert den Tod.« (Jak 1,15)

So verhält es sich auch im neuen Wesen Christi; denn da wir die gräulichen, fleischlichen Übertreter nicht, gleich dem frühern Israel, mit Feuer, Steinen oder mit dem Schwert strafen sollen, sondern allein mit dem Bann, wie es allen durch Gott Unterwiesenen bekannt ist, so ist es nun auch unsere Pflicht, dieselben mit ihren gottlosen Werken dahin zu weisen, wo die Schrift sie hinweist, nämlich in den Tod und Zorn Gottes, wie der heilige Nathan dies betätigte in seiner vorerwähnten Ermahnung des ehebrecherischen und blutschuldigen David. Wenn sie dann mit einem so schrecklich schweren Urteil, welches in Übereinstimmung mit der Schrift über sie ausgesprochen ward und in der Absonderung von den Frommen besteht, durch Gottes Gnade in ihren Herzen geschlagen werden und wiederum mit dem bußfertigen David von aufrichtiger Reue ergriffen werden, so dass man in allen ihren Worten, Werken und ihrem ganzen Leben deutlich wahrnehmen kann, dass sie der barmherzige Vater wieder in Gnaden aufgenommen, mit seinem Geist begabt und die Sünde von ihnen genommen hat, alsdann und nicht eher (versteht wohl was ich sage) haben wir auch dasselbe Wort der Verheißung, damit wir sie wiederum trösten und des Herrn Gnade ihnen verkündigen mögen, nämlich: »So hat auch der Herr deine Sünde hinweggenommen; du sollst nicht sterben!« »Dir sind deine Sünden vergeben; geh hin in Frieden;« denn dass ein wahrhaft aufrichtiger Bußfertiger ohne göttlichen oder menschlichen Trost bleiben sollte, ist unmöglich. O denkt über alles Gesagte recht ernstlich nach.

Es liegt uns deshalb ob in der Schrift solche Unterscheidungen zu machen, dass wir nicht die Sünde, Buße und Vergebung Davids der ruchlosen, blinden Welt zu einem ermutigenden Beispiele geben mögen; dass wir nicht die anstößigen, fleischlichen Sünder, nämlich die Verbannten Gottes, auf ein leeres Versprechen der Besserung hin, als Brüder aufnehmen mögen; denn sie sollten eine solche Buße zeigen, welche die Gemeinde von ihrer Aufrichtigkeit genügend überzeugt. Denn wir müssen nicht auf das Ungewisse mit der Welt, sondern auf das Gewisse mit Nathan trösten und bauen, so wir die Sünder nicht mit Lügen schmeicheln und des Herrn Urteil ganz verkleinern wollen.

9. Von Petri unbedachtem Fall und ungesäumtem Aufstehen. Herzlich geliebte Brüder, nehmt wahr, wir haben angewiesen und erklärt, dass die gräulichen, fleischlichen Sünden gemeinhin aus entzündeter Fleischeslust herrühren und auf diese Weise kann es sich zutragen, dass Sünden unbedachter Weise oder aus Missgriff oder Übereilung begangen werden können. In dieser Hinsicht haben wir ein gutes Beispiel an Petrus, denn als der Herr zu ihm sprach:

»Simon, Simon, der Satan hat eurer begehrt, dass er euch möchte sichten, wie den Weizen; ich aber habe für dich gebeten, dass dein Glaube nicht aufhöre. Und wenn du dermaleins dich bekehrst, so stärke deine Brüder.« (Lk 22,31–32)

Worauf er vertrauensvoll antwortete: »Und wenn sie sich alle ärgerten, so wollte doch ich mich nicht ärgern.« »Herr ich bin bereit, mit dir ins Gefängnis und in den Tod zu gehen!«

Petrus wollte alles mit seinem Meister wagen, wie er meinte; aber sobald er allein stand, konnte er nicht eine einzige Frage einer Magd ertragen; er verleugnete Christum öffentlich, obgleich er den Abend zuvor gesagt hatte, dass er mit ihm sterben wollte. Ja, er war so entsetzt, furchtsam und erschrocken, dass er anfing sich selbst zu verfluchen und zu schwören, dass er Christum nicht kenne.

O Gott! Da lag nun der freimütige, kühne Petrus, der harte, feste Stein zerbrochen. Und wiewohl er von dem himmlischen Vater selbst gelehrt war und von Christo, so konnte er gleichwohl diesen geringfügigen Stoß nicht ertragen. Seht, so sind wir Menschen nichtig, elend, arm, krank und ohnmächtig, besonders in einer so dringenden Not, wenn wir nicht durch den Geist Gottes gestärkt werden. Was war aber die Veranlassung? Petrus musste einsehen lernen, wie es mit ihm steht, der auf seine eigene Stärke vertraut und nicht in aller Gottesfurcht auf Christum und seine Gnade. Außerdem lernte er, gegen seinen armen, gefallenen Bruder barmherzig und mitleidig zu sein, der sich wiederum von Herzensgrund bekehrte und ohne alle Heuchelei von seinem Fall aufstände.

Es scheint mir, dass dieses wohl mit Recht eine unversehene Übereilung Petri genannt werden kann. Denn er beherbergte zuvor nicht einen einzigen Gedanken in seinem Herzen, dass er seinen Herrn und Heiland verleugnen wollte. Auch erhob er sich von diesem Fall zur selbigen Stunde, ging hinaus und weinte bitterlich; und am dritten Tage ward er wiederum von des Herrn heiligen Engeln mit dem Evangelium getröstet.

Nehmt auch wahr, wie Paulus lehrt:

»Liebe Brüder, so ein Mensch etwa von einem Fehltritt übereilt würde (bemerkt, er sagt übereilt), so helft ihm wieder zurecht mit sanftmütigem Geist, die ihr geistlich seid. Und sieh auf dich selbst, dass du nicht auch versucht werdest!« (Gal 6,1)

Bemerkt, er sagt: übereilt würde

Auserwählte Brüder in dem Herrn, ich möchte euch daher in aller Liebe und mit Hinweisung auf die Worte Pauli und den Fall Petri bitten und in Christo Jesu treulich ermahnen, dass ihr, von dem Geist der Weisheit erleuchtet, doch vor allen Dingen einen Unterschied zwischen Fallen und Liegen machen wollt; denn wer in irgendeiner Todsünde verbleibt – und Liegen ist ein Zustand des Verbleibens, der Ruhe – ist bereits von der Schrift verurteilt; wenn aber jemand unversehens in Sünde fällt, von dem sagt der Prophet: »Wo ist jemand, so er fällt, der nicht gerne wieder aufstände?« Und Paulus sagt:

»Helft ihm wieder zurecht.« (Gal 6,1)

Es ist darum wohl gut und billig, dass wir uns in rechter Weise vorsehen, damit wir einen armen, unbedachtsamen Sünder, der nunmehr gerne aus seiner traurigen Lage geholfen und gerettet werden möchte, nicht noch tiefer erniedrigen und drücken, sondern dass wir ihm in christlicher Sanftmut die Hand unsrer Liebe reichen, ihn aufrichten und ihm seine Bürde tragen helfen, so viel wir vermögen und so weit unser Gewissen und das Wort Gottes es uns zulassen. Ach, seht euch vor, handelt nicht zu voreilig in einem solchen Fall, auf dass ihr nicht auch versucht werdet, wie Paulus sagt. Lasst den heiligen Petrus euch eine Ermahnung sein, damit ihr euch nicht selber verliert durch euren stolzen Sinn.

»So aber sich jemand lässt dünken, er sei etwas, so er doch nichts ist, der betrügt sich selbst!« (Gal 6,3)

Kurz,

»darum, wer sich lässt dünken, er stehe, mag wohl zusehen, dass er nicht falle!« (1Kor 10,12)

Denn es gibt der Fallstricke mehr, als wir wahrnehmen können; diejenigen, welche denselben zu entgegnen verlangen, müssen der Sünde gestorben und wiedergeborne, wahre Christen sein, müssen beständig im Gebet sein, auf ihren Wandel Acht haben, fleißig wachen und sich von des Herrn heiligem Geist regieren und leiten lassen; oder aber sie sind bereits dem Netz des Todes verfallen. Ach, lasst uns darüber nachdenken.

Ein jeder unterwerfe sich selbst einer genauen Prüfung, ob er, seit der Zeit seiner Bekehrung, nicht vor seinem Gott gefallen und ein schadhaftes Geschirr geworden ist. Er, welcher wähnt, er mache davon eine Ausnahme, der werfe den ersten Stein. Wer sich aber nicht gänzlich frei fühlt, der stärke mit Petrus seinen schwachen Bruder, der vielleicht nicht halb so tief gefallen ist wie er.

Da es denn einleuchtend ist, dass zwischen Fallen und Liegenbleiben, zwischen unbedacht sich vergreifen und mit Vorbedacht sündigen, ein Unterschied besteht, so will ich die Erwägung solcher Sünden, darüber des Herrn Volk bekümmert und betrübt ist, wenn solche vorkommen sollten, dem Geist, der Salbung, Beratschlagung, Gottesfurcht und Liebe der Gemeinde anheimstellen. Erachten sie dieselben des Bannes wert, so mögen sie nach Anweisung der Schrift verfahren. Im andern Fall aber, wo nur eine unversehene, unvorsätzliche Übereilung oder Fall vorliegt, da sollen sie den Sünder oder Übertreter mit einem sanftmütigen Geist, durch die Liebe, wieder zurecht helfen. Dies ist mit dem treuen Apostel, Vater, Lehrer und Vorgänger Paulus mein Ermahnen an alle Frommen. Diese Worte sind voll Geist und Kraft:

»Sieh auf dich selbst, dass du nicht auch versucht werdest!« (Gal 6,1)

10. Wie man den Spruch:

»So jemand unter euch irren würde von der Wahrheit …« (Jak 5,19)

recht nach der Schrift verstehen soll. Zum Ersten lehrt uns das vernünftige Gesetz der Natur dass, so man seines Nächsten Haus oder Gut in Flammen sähe, ihn krank oder gebrechlich an seinem Leib oder sein Weib, seine Kinder oder sein Vieh in irgendwelcher Gefahr sähe, man ihm in seinem Unfall gerne helfen und die Hand in der Not reichen sollte.

So sagt auch Mose:

»Wenn du deines Bruders Ochsen oder Schaf siehst irre gehen, so sollst du dich nicht entziehen von ihnen, sondern sollst sie wieder zu deinem Bruder führen.« (5Mo 22,1)

Überdies lehrt Christus:

»Welcher Mensch ist unter euch, der hundert Schafe hat und so der eines verliert, der nicht lasse die neunundneunzig in der Wüste und hingehe nach dem verlorenen, bis dass er es finde?« (Lk 15,4)

Bemerkt denn, wie das Gesetz der Natur, die Anweisungen Mose und Christi uns eine so große Liebe und Selbstsuchtlosigkeit lehren; nicht nur gegen die Menschen allein, sondern auch in Bezug auf Gut und Vieh. Demnach gehört es sich auch dass wir, die aus dem heiligen Samen der Liebe geboren werden, die Seele unsers Nächsten in treuer Liebe wieder zu gewinnen suchen sollen, dessen Füße wir auf dem Weg der Sünde, dem Tode zueilen sehen. Hier sagt Jakobus:

»Liebe Brüder, so jemand unter euch irren würde von der Wahrheit und jemand bekehrte ihn, der soll wissen, dass wer den Sünder bekehrt hat von dem Irrtum seines Weges, der hat einer Seele vom Tode geholfen und wird bedecken die Menge der Sünden.« (Jak 5,19–20)

Hier möchten wir alle frommen Herzen um Jesu willen bitten, dass sie einen Unterschied machen wollen zwischen denen, die unwissend irren und jenen, die den Weg der Sünde und des Todes vorsätzlich beschreiten; damit die Worte Jakobi nicht eine Auslegung erhalten, welche sie zu einem falschen Trost und einer irrigen Stütze für leichtfertige und verfinsterte Sünder machen würde; denn es ist klar, dass solche bereits von der Schrift zum Tode verurteilt sind, wie schon wiederholt gesagt. Aber wenn etwa einige von unsers Vaters Kleinen, nämlich von Christi Schafen, irren und ihre Ohren nach falscher Lehre kehren, die mit schönen Worten geschmückt ist, sich allmählich, infolge ihrerLüste, von der Wahrheit abführen lassen, ihre Füße auf den breiten Weg zu setzen beginnen und ihre Herzen wieder allgemach dem Geiz, der Pracht und dem Hochmut zuneigen; wenn sie etwa ein Gelüst nach ihres Nächsten Haus, Weib, Tochter, Magd oder nach leichtfertiger, eitler Gesellschaft haben sollten, in ihrem Glauben kalt und stumpf werden, nicht Lust zur Wahrheit haben und bereits den Irrweg einschlagen, trotzdem sie meinen, noch auf dem rechten Wege zu gehen – so sollten wir solche Irrende nicht verloren gehen lassen, sondern sie aus allen unsern Kräften und nach allem unserm Vermögen suchen; nicht nur mit einer Vermahnung oder zwei, wie mit Ketzern getan wird (Tit 3,10), auch nicht dreimal allein, wie man bei Übertretungen zwischen Bruder und Bruder tut (Mt 18), sondern so viele Male, als der Herr dazu Gnade und Geist gibt, bis dass sie sich wiederum in allen Dingen zur Wahrheit kehren, vom Irrtum abwenden und wieder den rechten Weg betreten oder bis sie zu reißenden, beißenden Hunden oder unreinen Schweinen werden. Ja, meine Brüder, wer einen solchen armen, irrenden Sünder wieder mit der Wahrheit erreichen, von dem Weg seines Irrtums bekehren und so zu Christi Herde bringen kann, der hilft seiner Seele von dem Tode und deckt die Menge der Sünden, womit er leider schon allzu sehr befleckt und besudelt war. Aber vor wem? Vor den Menschen oder vor Gott? Nicht vor den Menschen sondern vor Gott; denn man kann unmöglich vor den Menschen das verbergen, was sie sehen und was sich vor ihren Augen zuträgt, wie offenbarer Ehebruch, Hurerei, Mord, öffentliche Abgötterei, Trunkenheit etc. Die Abgötterei Aarons mit dem goldenen Kalb, die ruchlose Tat Davids in Bezug auf Uria und Bathseba und die Verleugnung, zu welcher sich Petrus hinreißen ließ, liefern dafür den Beweis. Denn obschon sie aufrichtig bereuten und ihre Sünden vor dem Angesicht Gottes gedeckt waren, waren und blieben sie doch der ganzen Welt eine Warnung und Ermahnung und als Beispiel seiner Gnade über alle, die tiefe und wahre Buße fühlen. Über dieses Decken der Sünden sagt David:

»Wohl dem, dem die Übertretungen vergeben sind, dem die Sünde bedeckt ist. Wohl dem Menschen, dem der Herr die Missetat nicht zurechnet!« (Ps 32,1–2)

Hiermit will ich nun dem Nachdenken aller mit Gottes Wort Bekannten die Beurteilung überlassen, ob diese Worte Jakobi, wie hier erläutert, nicht rein und heilsam sind; denn die des Bannes wert sind, würden ausgeschlossen, die Irrenden wieder gesucht werden, der Wirkungskreis der Liebe würde ungeschmälert bleiben und die Bußfertigen würde man vom Tode retten. Sowohl ihre geheimen als offenbaren Sünden würden vor Gott zugedeckt werden und alles würde nach der Schrift gehandhabt werden. Nehmt in treuer Liebe wahr, was des heiligen Wortes Sinn ist.

11. Wie man den letzten Teil des zwölften und den Anfang des dreizehnten Kapitels der zweiten Epistel an die Korinther verstehen soll. Aus Pauli an die Korinther geschriebenen Briefen geht klar hervor, dass es unter jenem Volke viele Sekten und Parteien gab, von denen sich etliche rühmten Kephisch, die andern Paulisch und die dritten Apollisch zu sein. Darüber strafte sie Paulus liebreich und ermahnte sie einig in Christo zu bleiben. Auch schreibt er im elften Kapitel desselben Briefes:

»Wenn ihr zusammenkommt in der Gemeinde, höre ich, es seien Spaltungen unter euch; und zum Teil glaube ich es, denn es müssen Rotten unter euch sein, auf dass die, so rechtschaffen sind, offenbar unter euch werden.« (1Kor 11,18–19)

Auch waren einige unter ihnen, welche sagten, es gäbe keine Auferstehung der Toten (1Kor 15,12); weshalb er auch befürchtete, dass er sie bei seinem Eintreffen nicht so finden würde, wie er gewünscht hätte, noch sie ihn, wie sie gewünscht haben würden; und dass mehr Zank als Einigkeit, mehr Bosheit als Liebe, mehr Zorn als Sanftmut, mehr Streit als Friede, mehr Ohrenblasen als Bestrafung der Bosheit, mehr Aufblähen als Demut und mehr Unruhe als Stille unter ihnen herrschen würden. Solches ist gemeinhin der Fall, wo die Hohen und in ihren Herzen Stolzen, welche den friedlichen, demütigen Geist Christi weder kennen noch lieben, in hohem Ansehen stehen und über die einfachen Leute Autorität erlangt haben, welche geschmückten Worten größere Wichtigkeit beimessen, als dem Geist und der Kraft. Gegenwärtiges schreibe ich in aufrichtiger, unverfälschter Liebe, ohne alle Ansehung der Partei. Schenk uns, o Gott, deine Gnade, damit wir dieses einzusehen vermögen.

Ferner finden wir auch, dass es unter ihnen einige Unbußfertige gab, nämlich Eigensüchtige, Geizige, Streitsüchtige, Hurer und Unzüchtige. Aus diesem Grunde war er besorgt, dass er bei seiner Ankunft wiederum große Betrübnis haben würde derjenigen halber, die zuvor gesündigt und für die Unreinigkeit und Unzucht, welche sie getrieben haben, noch keine Buße getan hatten. Denn es ist offenbar, dass die Unzucht zu jener Zeit bei den Heiden so vorherrschend war, dass die heiligen Apostel sich genötigt sahen, die Brüder unter den Heiden in einem allgemeinen Konzil zu ermahnen und zu strafen, wie ersehen werden kann (Apg 15; Röm 1; 1Kor 5,6–7).

Daraus erhellt deutlich, dass zu jener Zeit etliche von ihnen der Hurerei und Unreinigkeit, welche bei ihnen in großem Maße vorherrschend waren, wenig Gewicht beilegten, weshalb auch die apostolische Lehre von dem Bann nicht besonders wahrgenommen wurde. Dies kann aus Pauli eigenen Worten und Verweis ersehen werden, da er sagte:

»Ihr seid aufgeblasen.« (1Kor 5,2)

In ihrem achtlosen Ungehorsam ließen sie das Gute und Böse sich unter ihnen einnisten, so dass der getreue Mann Gottes sie mit scharfen Worten strafte indem er sagte:

»Komme ich zum dritten Mal zu euch, so soll in zweier oder dreier Zeugen Munde bestehen allerlei Sache. Ich hab es euch zuvor gesagt und sage es euch zuvor, als gegenwärtig, zum andernmal und schreibe es nun im Abwesen denen, die zuvor gesündigt haben und den andern allen: wenn ich abermal komme, so will ich nicht schonen!« (2Kor 13,1–2)

Aus diesen harten Worten Pauli erhellt zur Genüge, dass zu jener Zeit – wiewohl solche gottlosen Menschen, wie Hurer, Unzüchtige, Sektierer in der Gemeinde gehalten wurden – die Gemeinde trotzdem seinem Schreiben bezüglich des Bannes wenig Achtung schenkte; denn es ist klar, wenn die Historiker recht zeugen, dass wohl mehrere Jahre verstrichen waren, ehe Paulus zum letzten Male zu ihnen reiste und es wäre wider alle Schrift und Vernunft anzunehmen, dass sie mittlerweile diese Menschen mit Pauli Bewilligung beibehalten haben sollten. Es ist unverkennbar, dass er alle solche Schandtaten, mit Mund und Schrift, oftmals hart an ihnen strafte und auf den Bann wies, wie schon erwähnt; dennoch aber warfen sie den stinkenden Sauerteig, der dem heiligen, göttlichen Wort zuwider ist und der Gemeinde zur Schande gereichte, nicht fort. Er schrieb und fasste seine Meinung in die Worte, dass er alle die, welche öfters gesündigt, niemals aber Buße dafür getan hatten, auch jene, deren Sünden sich aus neuerer Zeit herschrieben, bei seinem zweiten Eintreffen, sollte er sie, nach Aussage von einem, zwei oder drei Zeugen, in irgendwelcher Gottlosigkeit finden, nicht schonen werde.

Es ist ebenfalls klar, dass er diese Bestrafung nicht im Verborgenen diesem oder jenem zusandte, sondern er schrieb sie öffentlich an die ganze Gemeinde zur Strafe ihres Ungehorsams, wie auch wir unwürdiger Weise zuweilen tun, indem wir das Wort des Herrn lehren; und es gibt auch nicht einen Buchstaben der uns befiehlt solche einmal, zweimal oder dreimal zu ermahnen; sondern er warnt sie alle in guten, deutlichen Worten, dass bei seinem Hinkommen er ihnen ihre verdiente Strafe wissen und tragen lassen werde. Unbeweglich und fest sind seine Worte, dass wir mit den Hurern, Geizigen oder Abgöttischen etc. keine Gemeinschaft haben, auch mit ihnen nicht essen sollen. Ach, denkt nach über diese Anweisungen der Schrift (1Kor 5).

12. Dass wir Christi Urteil und Gericht unsträflich nach der Schrift führen und seine Schlüssel recht gebrauchen müssen. Auserwählte Brüder in dem Herrn, da ich in Betreff dieses Punktes in meiner Zeit bei vielen ein großes Missverständnis und Unverstand gefunden habe, da etliche von ihnen, soweit ich in meiner Demut beurteilen kann, zu streng und andere wiederum zu gelinde verfuhren; wodurch einige unserer Mitglieder oftmals in keine geringe Betrübnis versetzt wurden; und da ich nun den wahren apostolischen Bann getreulich und in reiner, unverfälschter Liebe, ohne alle Parteilichkeit, erklärt habe, darum treibt mich dieselbe Liebe ferner an, einige Bemerkungen beizufügen, bezüglich der Schlüssel und ihres gehörigen Gebrauchs, denn dieselben stehen mit dem Bann in Zusammenhang; so dass niemand, durch Unwissenheit verleitet, mit dem Antichristen sich vermessen in Christi Stuhle setze, niemand seinem eignen Gutdünken, Sinn und Vornehmen, sondern seines Herrn Christi und der heiligen Apostel Ordnung, Lehre und Befehl, ohne irgendwelche Rücksicht auf Fleisch, Partei oder eigene Weisheit zu nehmen, in dieser Hinsicht folge und ausführe; auf dass er nicht verwerfe, den Gott durch seine Gnade selig macht und auch nicht selig spreche, den er in seiner Gerechtigkeit verwirft; denn ihm allein gehört das Recht des Bindens und Entbindens zu, wie wir in der Folge noch eingehender vortragen werden. Denkt unserer Anführungen nach.

Erstlich ist hervorzuheben, dass es dieser Schlüssel zwei gibt, nämlich, der Schlüssel zum Binden und der Schlüssel zum Entbinden; gleichwie der Herr zu Petrus sagt:

»Ich will dir des Himmelreichs Schlüssel geben. Alles, was du auf Erden binden wirst, soll auch im Himmel gebunden sein; und alles was du auf Erden lösen wirst, soll auch im Himmel los sein.« (Mt 16,19)

Ein ander Mal, nach seiner Auferstehung von den Toten, sprach er in ähnlicher Weise zu seinen Jüngern:

»Nehmt hin den heiligen Geist, welchen ihr die Sünden erlasst, denen sind sie erlassen; und welchen ihr sie behaltet, denen sind sie behalten.« (Joh 20,23)

Zum andern muss man bemerken, dass der Schlüssel der Bindung anders nichts ist, als das Wort und die Gerechtigkeit Gottes; das anweisende, fordernde, dringende, erschreckende und verdammende Gesetz des Herrn, damit und dadurch sie alle unter dem Fluch, der Sünde, dem Tode und Zorn Gottes beschlossen werden, die Christum, das einzige und ewige Mittel der Gnade, durch den Glauben nicht annehmen, seine Stimme nicht hören und seinem heiligen Willen nicht folgen noch ihm gehorsam sind.

Auf der andern Seite wiederum ist der Schlüssel der Entbindung das freudenreiche, liebliche Wort der Gnade; das vergebende, tröstende und entbindende Evangelium des Friedens, damit und dadurch sie alle von dem Fluch, der Sünde, dem Tod und Zorn Gottes entbunden werden, die Christum in seinem Wort mit einem festen Vertrauen auf sein unschuldiges Blut und Tod, mit einem wiedergebornen, neuen, bekehrten, freimütigen, fröhlichen und gläubigen Herzen in der Kraft annehmen, ihn fürchten, lieben, hören, ihm folgen und gehorsam sind.

Drittens ist zu bemerken, dass dieser bindende Schlüssel Christi seinen Dienern und seinem Volk dazu gegeben ist, damit sie allen irdischen, fleischlichen, verhärteten und unbußfertigen Herzen ihre große Sünde, Ungerechtigkeit, Blindheit und Bosheit, dazu auch Gottes gerechten Zorn, Urteil, Strafe, die Hölle und den ewigen Tod, kraft desselben vorstellen und sie dadurch erschrocken, demütig, zerknirscht, reumütig, traurig, in ihren eigenen Augen klein und tief betrübt vor Gott machen mögen. Darum er auch in seiner Kraft oder Tugend der Rute eines starken Treibers, einem harten Hammer, einem Nordwind, einem traurigen Sänger und einem beißenden, reinigenden Wein verglichen wird (Jer 23,29; Hl 4,16).

Dahingegen ist der Schlüssel zur Lösung dazu gegeben, auf dass die Diener und das Volk Christi damit solche zerschlagene, bekümmerte, traurige und reumütige Herzen, wie vorhin erwähnt, die vermöge des ersten Schlüssels ihre tiefen, tödlichen Wunden und Gebrechen fühlen und die Bezauberung wahrnehmen, in welche sie versetzt waren, zu der geistlichen kupfernen Schlange, zu dem Thron der Gnaden, zu dem offenen Brunnen Davids und zu dem barmherzigen, mitleidsvollen Hohepriester, unserm einzigen und ewigen Sühnopfer, Christo Jesu, führen und dadurch die gefährlichen, tödlichen Geschwüre und Striemen, ja, auch der höllischen Schlange Biss heilen mögen. Darum er auch in seiner Kraft und Tugend dem tröstlichen Ölblatt der Taube Non, der Salbe aus Gilead, der Stimme einer Turteltaube, dem Südwind, dem fröhlichen Pfeifer und einem linden, süßen Öl verglichen wird (1Mo 8,11; Jer 8,22; Hl 4; Lk 10,34).

Viertens muss bemerkt werden, dass diese Schlüssel uns vom Himmel gegeben sind, von dem, der Himmel und Erde und das Meer mit seiner ganzen Fülle geschaffen hat, von des Vaters allmächtiger, ewiger Kraft, Wort und Weisheit; von dem König aller Ehren, unserm einigen und ewigen Erlöser, Fürbitter, Bräutigam, Propheten und Lehrer Christo Jesu. Darum wir uns auch in diesem Teil des Bannes wohl mit Zittern und Zagen vorsehen mögen, damit wir uns nicht durch Fleisch oder Blut, Hass oder Liebe, Gunst oder Ungunst, Feindschaft oder Freundschaft, Zank, Zwietracht oder Parteilichkeit beeinflussen lassen, sondern dieselben in wahrer Gottesfurcht, gleich wie unsers Heilandes ernsten und himmlischen Befehl, Wort und Willen in einem aufrichtigen, guten Gewissen, ohne Ansehen der Person, führen und handhaben. Denn sie sind ohne Zweifel werte Schlüssel, da sie uns vom Himmel herab von einem so erhabenen Freunde geschenkt sind. Ach, lasst euch sagen und raten!

Zum Fünften muss man bemerken, dass die Schlüssel niemand anders geschenkt sind, als denen, die von dem heiligen Geist gesalbt sind; wie denn Christus sagt: »Empfangt heiligen Geist …« Daraus geht klar hervor, dass es ein gläubiges, wahrhaftiges, bußfertiges, nüchternes, keusches, reumütiges, gerechtes, liebreiches, gehorsames, gottesfürchtiges, friedsames und geistliches Volk sein muss, merkt ein wiedergebornes Volk, das mit den heiligen Aposteln auf dem Stuhl der Gerechtigkeit sitzen, des Herrn gerechtes Urteil über alle halsstarrigen, bösen Sünder mit ihnen aussprechen und die ungläubigen, unbußfertigen, irdisch gesinnten, trunkenen, ehebrecherischen, hurischen, unkeuschen, hoffärtigen, stolzen, ungerechten, verkehrten, ungehorsamen, zänkischen oder fleischlichen Sünder, mit des Herrn Geist und Wort lehren, vermahnen, strafen, absondern und in rechter Kraft richten oder binden soll. Denn es ist mehr als klar, dass der natürliche Mensch nichts von Gottes Geist vernehmen kann; die aber geistlich sind untersuchen und richten alle Dinge recht und werden von niemand gerichtet. Ja, meine Brüder, unmöglich ist’s, dass ein Fleischlicher den andern oder ein Zänker den andern recht durch Christi Geist unterweisen, lehren, vermahnen, strafen oder kraft seines Worts von seiner Gemeinde recht nach Gottes Willen ausweisen kann. Denn ihre Früchte bezeugen, dass beide gleich unbußfertig sind, des Geistes, der Art und Natur Christi ermangeln und dem Tode und Fluch unterworfen sind.

Darum fürchtet Gott und wisst wie oder was ihr richtet. Denn so jemand einen des Bannes würdigen Sünder, etwa einen Hurer, Trunkenbold oder irgendeinen andern fleischlichen Übeltäter, mit dem Bann strafen wollte, aber selbst noch rachsüchtig, geizig, hoffärtig, stolz, aufgeblasen, ehrsüchtig, zornig, unkeusch, lügenhaft, unfriedsam, unrein, neidisch oder falschen Herzens ist und heimlich in seiner Gottlosigkeit verharrte, so würde er nach den Worten Pauli seine eigene Seele richten, denn er sagt:

»Darum, o Mensch, kannst du dich nicht entschuldigen, wer du bist, der da richtet; denn worinnen du einen andern richtest, verdammst du dich selbst.« (Röm 2,1)

Darum rate und ermahne ich alle Gottesfürchtigen insgemein, welche mit im Gericht sitzen über einen des Bannes werten Sünder, dass sie doch ihr eigenes Gewissen, Herz und Gemüt zuvor wohl prüfen und zusehen, ob sie Christi Geist haben oder nicht und auch, ob sie es aus der reinen Furcht Gottes, im Gehorsam seines Worts und aus einer aufrichtigen Liebe zu ihren Brüdern; oder ob sie es aus Heuchelei, nach dem Willen der Menschen und auf Antrieb von Fleisch und Blut tun. Denn so sie Christi Geist nicht haben, auf der Apostel Stuhl nicht sitzen und des Himmels Schlüssel nicht führen, so kann auch ihr Urteil nicht von Gott sein und wird mehr zerbrechen als bauen, auch im Grunde nichts als ein gewisses Urteil über ihre eigenen Seelen sein. Aber so sie Christi Geist haben, auf der Apostel Stuhl sitzen und führen des Himmels Schlüssel, so wird auch ihr Urteil ohne Zweifel gerecht sein; wird mit dem Christi übereinstimmen und dem Übeltäter nicht durch Eingebung von Fleisch und Blut zu nahe treten. Die von Christi Geist Unterwiesenen mögen richten, was wir zu erläutern versucht haben.

Zum Sechsten wäre noch zu bemerken, dass man diese Schlüssel nicht anders führen darf, als in dessen Namen, der sie uns anvertraut hat; durch seine Macht, das ist, mit seinem Geist und Wort; denn er ist allein der König und Fürst seiner Gemeinde, der Hirte, Lehrer und Meister unserer Seelen, vor dessen Zepter wir uns alle beugen und seiner Stimme alle gehorchen müssen, so wir selig werden wollen, wie schon erklärt.

Da er nun sowohl Gebieter als auch Geber desselben ist und da das Binden sowohl wie auch das Lösen in seinen Händen liegt und daher auch in seinem Namen, mit seinem Geist und durch sein Wort allein geschehen kann, wie erwähnt, so haben wir uns mit aller Furcht vorzusehen, damit wir nicht, durch unsere Ruchlosigkeit, unser Gutdünken oder stolzen Sinn, diejenigen lösen, welche er selbst im Himmel gebunden hat, oder diejenigen binden, die er im Himmel gelöst hat, gleichwie das Kind des Verderbens und der Mensch der Sünden mit allen seinen verführerischen und unreinen Propheten seit vielen hundert Jahren getan haben. Ach Kinder, gebt Acht.

Was daher den Schlüssel des Bindens dieses evangelischen Bannes anbetrifft, so erhellt, dass wenn ein offenbarer Hurer oder Ehebrecher mit zwei oder drei Zeugen überwiesen oder ein Knabenschänder oder Abgöttischer oder Trunkener oder Neidischer oder ein mutwilliger Zankmacher oder ein unbußfertiger, vorwitziger, fauler, leckriger und müßiggehender Tafelgast oder ein Lästerer, Dieb, Räuber oder Totschläger vor die Gemeinde gestellt wird, sie alsdann das urteilende Wort der Schrift haben, damit sie ihn von sich absondern und ausschließen und ihm durch Christi Geist verkündigen mögen, dass er nun kein Glied mehr an Christi Leib sei, keine Verheißung mehr habe, sondern dass er des ewigen Todes sterben und des Reichs der Gnaden ermangeln müsse. Kurz, dass sein endliches Teil und Los, so er sich nicht von ganzem Herzen bekehre, der feurige, brennende Pfuhl, die Hölle und der Teufel sein soll. Denn seine Werke zeugen offenbar, dass er aus dem Bösen ist.

Seht, solche sind diejenigen, über welche der erste Schlüssel Gewalt hat. Denn das gerechte Urteil Gottes und sein starkes, bindendes Wort kommen auf die zur Anwendung, die Christum wiederum verlassen, seinen heiligen Bund und sein Wort verachten, nach dem Fleisch leben, Zank und Zwiespalt anrichten, das Band der Liebe brechen, die Frommen voneinander trennen, die friedsamen, stillen Herzen beunruhigen, Ärgernis und Lästerung stiften und unterhalten, wie die offenbare Tatsache oftmals gelehrt hat und wie es vielen andern leider ebenso wie mir nur zu wohl bekannt ist. Ach! Wie hart ist er geschlagen, der mit diesem schrecklichen Bann von Christi Volk gebunden und mit diesem schweren Fluch von seinem gerechten Geist gestraft wird. O Vater, gewähre ihnen Gnade!

Ebenso verhält es sich mit dem Schlüssel der Lösung in der Ausübung des Bannes. Denn wenn ein armer, gebannter Sünder sich wiederum vor seinem Gott demütigt, reuevoll und gebrochenen Herzens mit bitteren Tränen und Schmerzen; wenn seine Sünden ihm großes Herzeleid verursachen und dieses in ihm ein ernstes Verlangen nach der Wahrheit hervorruft, wenn die verkehrten Wege der Gottlosen ihn mit Abscheu erfüllen und er wieder den Pfad der Frommen wandelt – kurz, wenn er sich in seinem ganzen Leben so führt, dass man nicht anders schließen kann, als dass des Herrn Geist ihn wiederum gesalbt und in seine Gnade aufgenommen hat und er gerne wieder bei des Herrn Volk sein möchte; so haben sie alsdann das tröstliche Wort der Verheißung, womit sie ihn wieder zu des Herrn Altar bringen, mit dem geistlichen Ysop Gottes besprengen, ihm Christi Gnade verkündigen und so wieder als ihren lieben Bruder in Christo Jesu annehmen und mit seinem heiligen Frieden begrüßen mögen. Denn so spricht der Herr durch den Propheten:

»Meinest du, dass ich Gefallen habe am Tode des Gottlosen und nicht vielmehr dass er sich bekehre von seinem Wesen und lebe?« (Hes 18,23)

Da es nunmehr aus allem diesem offenbar und unstreitig ist, dass Christus Jesus allein den Schlüssel Davids hat, der den wahrlich Bußfertigen den Himmel aufschließt, den Knoten ihrer Ungerechtigkeit auflöst und die Sünde vergibt; und wiederum, da er es ist, welcher den Himmel verschließt allen unbußfertigen und fleischlichen Sündern, sie unter sein Urteil bindet und ihnen die Sünde behält und wir weiter nichts als Verkündiger, Diener und Botschafter in seinem Namen sind, unsern Auftrag weder verkürzen noch verlängern, weder verengern noch erweitern dürfen, sondern ihn ausrichten müssen, wie wir von dem Geist gelehrt und in des Herrn Wort angewiesen sind; so geht daraus klar hervor, dass diejenigen sich gewaltig irren, die sich in ihrem stolzen Unverstand dünken lassen, dass sie irgendjemand seine Sünde (sei sie auch wider Gott begangen) zu vergeben vermögen, oder dass sie Sünden behalten können; aus fleischlichen Gründen, aus Hass oder Bitterkeit und nicht rein und allein laut Christi Geist und Wort, bannen oder absondern; oder auf der andern Seite infolge von natürlicher Liebe, Freundschaft oder Parteilichkeit, wider das Wort, behalten und ihn in seinen Sünden mit Ungewissheiten trösten, welches eine verderbliche Nachsicht wäre; denn dadurch stärken sie, nach der Weise der falschen Propheten, die Hände der Gottlosen, weil sie dadurch, dass sie solche in der Gemeinde behalten, dieselben zum Leben zu urteilen scheinen, trotzdem, dass dieselben ohne wahre Buße nicht leben dürfen. Ach Brüder, seht euch vor!

Brüder und Schwestern in der Liebe Christi, ich möchte euch allesamt hier treulich in Gott ermahnen, dass in dieser hochwichtigen, schweren und göttlichen Sache sich niemand anmaße, härter oder milder, nach höherem oder niederem Maße zu handeln, als der Geist und das Wort anweisen, in Bezug sowohl auf das Binden des ersten Schlüssels in Gerechtigkeit zum ewigen Tode, als auch betreffs der Lösung des zweiten Schlüssels in der Gnade zum ewigen Leben; auf dass er nicht durch das Fällen eines unschriftmäßigen Urteils gegen Gott und seinen Nächsten verstoße und dafür mit dem Engel des Abgrunds die Strafe seines Hochmuts tragen müsse. Merkt!

Ach, meine herzlich lieben Brüder, in welchem hohen Grade und wie wunderbar ist, meines Dünkens, derjenige von Gott gelehrt, der in dieser Hinsicht die rechte königliche Heerstraße so beschreitet, dass er die ihm anvertrauten Schlüssel in gottseliger, himmlischer Weisheit gebrauchen und seines Herrn Urteil mit einem entschiedenen, versiegelten Gewissen, nach dem rechten apostolischen Maße, zur Erbauung aller Frommen, anpassen und fällen kann.