4.13  Von dem Glauben des Schächers oder Mörders

Die Evangelisten lehren, dass zwei Übeltäter mit Christo gekreuzigt wurden, einer zu seiner rechten, der andere zu seiner linken Hand.

»Der Übeltäter einer, die da gehenkt waren, lästerte ihn und sprach: Bist du Christus, so hilf dir selbst und uns; der andere strafte ihn und sprach: Und du fürchtest dich auch nicht vor Gott, der du doch in gleicher Verdammnis bist? Und zwar wir sind billig darinnen; denn wir empfangen, was unsere Taten wert sind; dieser aber hat nichts Ungeschicktes gehandelt. Und sprach zu Jesus: Herr, gedenke an mich, wenn du in dein Reich kommst! Und Jesus sprach zu ihm: Wahrlich ich sage dir, heute wirst du mit mir im Paradies sein!« (Lk 23,39–43)

Guter Leser, gib besonders Acht auf das, was ich schreibe. Wenn wir dieses Übeltäters Bekenntnis wohl erwägen, werden wir erstaunen über die große Kraft, gute Art, reiche Frucht, geistliche Vision, treibende Liebe und freimütige Bekenntnis seines Glaubens. Denn es ist offenbar, dass er ein sehr ruchloser, gottloser Mensch gewesen sein muss, der seinen Gott weder erkannte noch fürchtete, der in allen Sünden und aller Bosheit wandelte, seinem Nächsten sein Gut raubte und sein Blut vergoss. Matthäus und Markus nennen ihn einen Mörder und Lukas nennt ihn einen Übeltäter. Dies scheint er in der Tat gewesen zu sein, denn er bezeugte selbst, dass er um seiner Missetaten willen sterben müsse.

Nichtsdestoweniger aber ereignete es sich, als dieser an einem zwischen Jerusalem und dem Berg Calvarth errichteten Kreuz hängende Schächer in seiner letzten Not das süße Wort Gottes aus des Herrn Mund vernahm, dasselbe in ihm so mächtig wirkte, dass er im Innersten seines Herzens gerührt und verändert wurde, was ihn veranlasste von Stunde an seines Nächsten Seligkeit zu suchen und seinen lästernden Mitgenossen zu strafen, zu dem er sagte: Fürchtest du Gott nicht? Er erkannte seine eigene Sünde und Bosheit indem er sagte: Wir empfangen, was unsere Taten wert sind; er war aber überzeugt, dass der verurteilte Jesus (welcher von den Hohepriestern, Pharisäern und Schriftgelehrten verdammt war, gleich den gottlosen Missetätern am Kreuz zu sterben und vom Volk verleugnet und zum Tode verurteilt wurde) unschuldig, gerecht, rein und ohne Sünde war, denn er sagte: Dieser hat nichts Ungeschicktes gehandelt. Außerdem suchte er auch bei Jesus Gnade und Barmherzigkeit, obgleich es der menschlichen Vernunft geschienen haben musste, dass demselben jede Barmherzigkeit und Gunst bei Gott und den Menschen gänzlich versagt sei. Denn er war zu dieser Zeit der Allerverworfenste und Verachtetste unter allen Menschen, wie der Prophet klagt (Jes 53,6); dennoch wendete sich der Schächer an keinen andern im Himmel oder auf der Erde, als an diesen unschuldigen, gelästerten, verbannten und gekreuzigten Jesum; mit vollem Vertrauen zu ihm tretend, als zum Thron der göttlichen Gnade, auf dass er die Vergebung seiner Sünden bei ihm finden möchte, indem er sagte: »Herr, gedenke an mich, wenn du in dein Reich kommst.«

Ich meine, dass dieses wohl mit Recht ein wahrhafter Christenglaube und wahrhaftige, würdige Frucht der Reue und Buße heißen mag; und es war dem Herrn auch nicht anders, als eine Erkühlung seiner durstigen Seele, als eine Linderung seiner tiefen Wunden, als eine Tröstung seiner schweren Plage und als eine Erquickung seines bittern Leidens und Sterbens, dass er zur selben Stunde das tröstliche, freudenreiche Wort der göttlichen Gnade und des ewigen Friedens aussprechen durfte, nämlich: Fürchte dich nicht, den alle deine Sünden, die du vormals in deiner Unwissenheit begangen hast, sind alle zugedeckt, in Ewigkeit sollen sie weder bei mir, noch bei meinem Vater gedacht werden; mein unschuldiges Blut setze ich dafür zum Pfande; darum sei getrost, was du begehrt, hast du bereits empfangen: »Heute wirst du mit mir im Paradies sein.«

Siehe, mein Leser, hier hast du in diesem Schächer ein schönes Exempel eines aufrichtigen Christenglaubens mit dem ihm eigentlich zugehörenden Eigenschaften, seiner Art, Natur, Kraft und seinen Früchten. Mit welchem Schächer viele unnütze, eitle Verächter sich in ihrem sündlichen, unbußfertigen Leben schmeicheln und trösten, indem sie bei sich selbst denken und sagen: Gott ist barmherzig; er weiß wohl dass wir Adams Kinder sind und nicht alle so leben können, wie die Schrift lehrt und es haben will, hoffen dennoch durch seine Gnade mit dem Schächer selig zu werden. Und wissen die armen Kinder nicht, dass ihnen der Schächer zu einem schweren Urteil sein wird, weil sie des Herrn Wort so oft hören und es nicht glauben, noch demselben gehorsam sind. Ach Leser! Laß uns mit Gott nicht spotten und scherzen, es wird vielen, fürchte ich, misslingen, was sie in dieser Sache meinen und hoffen.

Noch einmal sage ich, dass alle mutwilligen Verächter, die solches in ihren Herzen sagen oder denken, durch dieses Schächers Glauben gerichtet und ewig beschämt vor dem Herrn stehen müssen. Denn sobald er das Evangelium der Gnade hörte, nahm er es in einem reinen und guten Gewissen durch den Glauben an und ward bußfertig, erneut und fromm. Diese aber hören es von Jahr zu Jahr, sehen so viele schöne Früchte täglich vor ihren Augen, nämlich, dass es mit Gut und Blut so herrlich bezeugt wird; bleiben aber dessen ungeachtet ungläubig und verstockt in ihren Sinnen; sie verwerfen die anklopfende Gnade, widerstreben dem einwirkenden Geist, verachten das gepredigte Wort und treten die angebotene Gabe mit Füßen. Sagt, wo ist die Schrift, mit welcher man solche unverständigen und schändlichen Verächter in ihrer Sterbestunde trösten oder ihnen des Herrn Gnade und Friede zusagen und verkündigen kann?

Ich fürchte, dass sie die unfruchtbare, dürre Erde sind, wovon Paulus spricht, die den Regen des heiligen, göttlichen Worts oftmals empfängt und doch gleichwohl nichts als Disteln und Dornen trägt; weshalb sie untüchtig und dem Fluche nahe ist und zuletzt verbrannt werden wird.

Sie sind diejenigen, über welche Salomo klagt und spricht:

»Wie lange wollt ihr Albernen albern sein und die Spötter Lust zu Spötterei haben und die Ruchlosen die Lehre hassen? Weil ich denn rufe, und ihr weigert euch; ich recke meine Hand aus, und niemand achtet drauf, und lasst fahren allen meinen Rat, und wollt meiner Strafe nicht: so will ich auch lachen in eurem Unfall, und eurer spotten, wenn da kommt, das ihr fürchtet. Dann werden sie mir rufen, aber ich werde nicht antworten.« (Spr 1,22–28)

Denn weil sie nicht auf das Licht achten, während es scheint, so wird er es gar finster und dunkel machen (Jer 13,26.)

Der Schächer glaubte sobald als er hörte. Ach, dass sie auch so täten! Und den Spruch Davids bedächten:

»Heute, wenn ihr seine Stimme hören werdet, so verstockt eure Herzen nicht, wie in der Verbitterung geschah!« (Hebr 3,15)

Der Schächer hörte nur einmal und glaubte; und diese hören es so manchmal, und glauben dennoch nicht. Er hörte und ward verändert; aber diese hören und bleiben was sie sind, verstocken ihre Herzen noch je länger desto mehr.

Der Schächer strafte seinen lästernden Mitgesellen und ermahnte ihn, dass er Gott fürchten sollte; aber diese blasphemieren und lästern alle treuen Herzen, die solches tun und haben lieb die, so die Wahrheit hassen und derselben feind sind.

Der Schächer bekannte seine Schuld und Bosheit freimütig, ohne alle Scheu; aber diese, wie geizig, trunken, prunkend, wie unkeusch, unsauber, neidisch und abgöttisch sie auch sein mögen, bekennen weder Schuld noch Sünde und wenn man sie zur Besserung und Buße ermahnt, sagen sie: Ja, was haben wir getan?

Der Schächer erkannte, dass Christi Reich nicht weltlich wäre, denn er sagte: Wenn du in dein Reich kommst; aber diese haben ihre ganze Lust in Gold und Silber, in Essen und Trinken, in Pracht und Übermut und in dem vergänglichen, sichtbaren Reichtum dieser Welt, achten des unsichtbaren, ewigen Reichtums nicht, den Christus allen seinen Gläubigen aus Gnaden geschenkt und mit dem Vergießen seines teuren Blutes verdient hat.

Der Schächer bekannte den armen, verurteilten, gekreuzigten Jesus vor allen Obersten, Priestern, Pharisäern und vor allem Volk und zwar als seinen Seligmacher und Herrn; diese aber verleugnen seine allmächtige Majestät, seine himmlische Herkunft und Herrlichkeit und missachten sein Urteil, Wort, Gebot, seine Ordnung, Sakramente, Verheißung und seinen Geist, obgleich er sich als ein triumphierender Fürst und Überwinder zu seines Vaters rechter Hand gesetzt und alle Gewalt und Macht im Himmel und auf Erden ihm vom Vater in ewiger Glorie übergeben ist.

Der Schächer suchte Barmherzigkeit, Gnade und Vergebung seiner Sünden von Christus zu empfangen; diese von ihren Predigern, Pfaffen und Mönchen, durch Messen, Beichten, Absolution, Brot und Wein, Weihwasser und dergleichen Aberglaube und Gräuel mehr.

Der Schächer hörte, dieweil er an Christus glaubte, die lieblichen Worte: »Heute wirst du mit mir im Paradies sein!« Diese aber, weil sie an Christus nicht glauben, müssen die schrecklichen, unerträglichen, schweren Donnerworte vernehmen: »Geht von mir, ihr Verfluchten, in das ewige Feuer.« Denn ungleich ist der Glaube gewesen, ungleich wird auch der Lohn sein. Das mögen alle Verächter zu Herzen nehmen.

Und so wird letztlich (nehmt wahr) dieser arme bußfertige Sünder, mit dem sie sich in ihren Sünden zu verteidigen und zu trösten suchen, in dem Gericht des allmächtigen und großen Gottes wider sie aufstehen und sie vor dem Angesicht seiner Majestät beschuldigen und verdammen. Denn wiewohl sie oftmals den süßen Klang des göttlichen Wortes vernommen, so fühlten sie doch niemals dankbar, lernten und glaubten es auch niemals mit offenen und erneuerten Herzen; der Schächer aber hörte es nur einmal und glaubte es von Stund’ an. Ach, liebe Kinder, seht euch vor und sucht Christus, dieweil er noch gefunden werden mag und ruft ihn an, dieweil er noch nahe ist, auf dass sein Zorn nicht entflamme und euch das Feuer seines Grimmes nicht verzehre.

Meint ihr, o ihr verkehrten Verächter, dass ihr den Glauben, die Buße, Reue und Gnade Gottes nehmen oder empfangen mögt, wenn es euch beliebt oder gefällt? Ach nein! Der heilige Paulus spricht:

»Gleichwie sie nicht geachtet haben, dass sie Gott erkenneten, hat sie Gott auch dahin gegeben in verkehrten Sinn.« (Röm 1,28)

Dieses Urteil wird über alle stolzen Verächter ergehen. Kinder, gebt darauf Acht.

Merkt ein Gleichnis: Es ist ein sehr reicher Potentat, Kaiser oder König, den ich durch große Unwissenheit mein Leben lang gehasst habe. Der hat sich so über mich erbarmt, dieweil ich ein so armer Mann bin, dass er mir, durch seinen treuen Diener, nicht alleinseine Gunst und Freundschaft, sondern auch eine sehr große Summe Gold, viele köstliche Gesteine und schöne Kleinodien, aus lauter Liebe und Barmherzigkeit, hat anbieten lassen; aber ich bin so mutwillig und undankbar, dass ich dieses gütigen und wohlmeinenden Fürsten treue Diener, die mich ebenfalls von Herzen lieben, für die große Wohltat nicht allein Essen und Trinken versage, sondern sie auch mit Schmach und Schande zur Tür hinaus treibe, Kot und Steine nach ihnen werfe, sie ins Gefängnis führe und in Banden lege, sie um Leib und Leben bringe und nehme dann die angebotenen Gaben und werfe sie in ein Privet, trete sie mit Füßen etc.; dann laß ich dem Fürsten sagen: »Deine Geschenke mag ich jetzt nicht, wenn du aber nach einem Jahr oder vielleicht nach zehn, mir wieder solche Gaben sendest, so dürfte ich mich dann möglicherweise besinnen und sie vielleicht annehmen, auch dir für deine Gunst danken.« Nun will ich euch alle urteilen lassen, ob es billig wäre, dass dieser Fürst seine Gaben wiederum anbieten sollte, trotzdem ich ihn und seine Diener so unwürdig behandelt habe; oder ob er nicht vielmehr seine Gnade in Ungnade, seine Liebe in Zorn umwandeln und meine undankbare, freche Tyrannei und stolze Verachtung vergelten und zu seiner Zeit mit Härte an mir strafen sollte? Ich vermute, ihr werdet mir seine Strafe und nicht seine Gnade zusagen müssen.

So geht’s auch mit euch zu, o ihr Verächter! Der barmherzige, große Herr, dessen Reich und Gnade unermesslich sind, hat sich über unsere große Blindheit und tödliche Armut (wiewohl wir seinen heiligen Willen von der Wiege an gehasst haben) jetzt in dieser schrecklichen, letzten Zeit wiederum gnädig erbarmt und hat uns seinen lieben Sohn mit seinem heiligen Wort, Geist, Verdienst, Vorbild und mit seiner Ordnung durch seine treuen Diener, in aller Klarheit vorgetragen; uns seine Gnade, Friede, ewiges Leben, Reich, Erbe, Freude, Herrlichkeit, samt der Vergebung unsrer Sünden angeboten; uns arme, fruchtlose Bäume so lange Jahre gedüngt und umgraben. Er ruft und lehrt auch noch alle Tage durch seine Auserwählten, die ihr Gut und Blut, Leib und Leben williglich dafür hingeben; er erweckt den Vater wider seinen Sohn und den Sohn wider seinen Vater, die Mutter wider ihre Tochter und die Tochter wider ihre Mutter, ein Hausgesinde wider das andere, und einen Freund wider den andern. Etliche lässt er in fremde Länder vertrieben werden, in Trübsal, Kummer, Elend, Angst, Mangel und Ungemach, in Gebirge, Wüsten, Höhlen und Klüften der Erde. Er gibt Zeichen an der Sonne, dem Mond und den Sternen, am Himmel, sendet Erdbeben, Krieg, Pestilenz, neue Krankheiten, teure Zeit und unerhörte Wunder hienieden auf Erden, damit er uns, gleichwie eine Henne ihre Jungen unter die Flügel seiner Liebe versammeln und uns, gleichwie ein treuer Hirt seine Lämmer und Schäflein, zu dem rechten Stall seiner Gnade bringen möge; ja, in die Schlafkammer seines Bundes führen und mit dem Mund seines Friedens küssen, uns von aller unsrer Unreinigkeit waschen und uns ihm zu seiner Braut vermählen möge. Er will uns aus dem Reich der Hölle und des Todes erlösen und in das Reich des Himmels und des ewigen Lebens einführen. Kurz, er will uns von der Macht der Finsternis und des Teufels entbinden und uns als seine auserwählten Kinder und Erben annehmen und heiligen.

An euch aber ist es leider alles miteinander vergebens, denn, wie schon gesagt ist, seine angebotene Gnade und Worte verachtet und verwerft ihr; seine treuen Knechte und Diener verfolgt und tötet ihr; das unsträfliche, fromme Leben, mitsamt dem freimütigen Bekenntnis seiner Heiligen, tadelt und lästert ihr; alle seine großen Zeichen, seltsamen Wunder und väterliche Strafe verachtet ihr und euer Angesicht ist gleich der Huren Angesicht und eure Herzen sind von der Härte eines Diamanten; ihr schämt euch weder noch wollt ihr euch bekehren, sondern sprecht mit allen verkehrten Verächtern: »Hebe dich von uns, wir wollen von deinen Wegen nicht wissen. Wer ist der Allmächtige, dass wir ihm dienen sollten? Oder was sind wirs gebessert, so wir ihn anrufen?«

Da ihr nun so undankbar, ja, ganz unnütz und freventlich wider euren Gott erfunden werdet, der so große Barmherzigkeit von Anfang an uns bewiesen hat und auch noch täglich beweist, dass ihr alle seine väterlichen Ermahnungen, Züchtigungen, Lehren und Gebote, den Gehorsam gegen sein heiliges Wort, das unschuldige Blut seiner Heiligen, mitsamt allen seinen großen Kräften und Wundertaten, so ganz und gar verwerft, ja, eitle Verführung und Ketzerei achtet; auf die Zeiten der Gnaden nicht merkt; Christus Jesus mit seinem heiligen Geist, Evangelium, Glauben, Sakrament, Tod, Blut und seiner neuen Geburt, mit allen seinen andern geistlichen Reichtümern und himmlischen Gaben, so unwürdig unter eure Füße tretet und den allmächtigen, unsterblichen, einigen und ewigen Gott nicht fürchtet, sucht, lieb habt, ehrt, dankt noch dient und dennoch hofft, dass ihr mit dem Schächerselig werden wollt, so sage und warne ich euch in getreuer Liebe, weil es noch Zeit und Tag ist: Eure Hoffnung wird euch betrügen, denn wenn ihr ihn meint zu finden, so wird er sich vor euch verbergen; er wird sein Angesicht im Bösen wider euch setzen und nicht im Guten, wie die Schrift sagt:

»Sie werden mich suchen und nicht finden, zu mir rufen und ich werde sie nicht erhören.« (Spr 1,28)

Ich bitte und ermahne darum alle meine Leser insgemein: Hört doch, dieweil ihr noch Ohren habt und seht, dieweil ihr noch Augen habt; versteht, dieweil ihr noch Herzen habt; wacht und wirkt, dieweil ihr noch Zeit und Tag habt; auf dass eure Ohren, Augen, Herzen, Zeit und Tag nicht auf einmal genommen und Taubheit, Blindheit und ein unbußfertiges, verstocktes Gemüt und Sinn euer Teil werden.

Ach Freunde nehmt wahr! Jetzt ist es heute, gestern ist vorüber und morgen ist uns nicht verheißen. Kurz ist die Zeit; seht, der Richter steht vor der Tür, darum verzieht nicht, euch zu dem Herrn zu bekehren und schiebt’s nicht auf, von einem Tag bis auf den andern; denn bald wird sein Zorn kommen und euch verderben. Späte Buße, sagt Augustinus, ist selten wahrhaftig; wo sie aber wahrhaftig ist, da ist sie nimmermehr zu spät. Tut Buße, dieweil ihr noch gesund seid und ich sage euch, spricht er, dass ihr sicher sein werdet.

Darum tut wie dieser Schächer oder Mörder getan hat; denn sobald er hörte, glaubte er. Hört auch so und glaubt gleichermaßen, denn die Augen des Herrn sehen auf den Glauben. Die da hungert und dürstet nach der Gerechtigkeit, spricht Christus, die sollen satt werden; wer da bittet, der empfängt; und wer da sucht, der findet; und wer da anklopft, dem wird aufgetan. Weigert ihr euch aber, wenn er euch sucht und seine Gnade erteilen will, so wird er sich auch wiederum weigern, wenn ihr ihn sucht und gerne seine Gnade haben wollt.

»Wer mich verachtet (spricht der Herr), der soll wieder verachtet werden!« (1Sam 2,30)

Darum, sucht dieweil es noch Tag ist, auf dass ihr finden mögt; bittet, auf dass ihr erlangen mögt; hört, auf dass ihr glauben mögt; glaubt, auf dass ihr tun mögt und tut, auf dass ihr leben mögt; denn aus dem Gehör folgt der Glaube, aus dem Glauben der Gehorsam und auf den Gehorsam die Verheißung.

Aus diesem Grunde wird auch in der Schrift alles dem Glauben beigelegt, wie die neue Geburt, die rechte Buße, die Reinigung des Herzens, die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt; der Segen, die Seligkeit und das ewige Leben; denn der Glaube ist der rechte Ursprung und das Entstehungsmittel alles Guten, wie schon genügend dargetan.

In Ansehung, dass dieses der wahre und richtige Schriftgrund ist, wie wir in Kürze erklärt haben, werdet ihr bekennen müssen, dass alle mutwilligen Verächter durch das Exempel dieses Schächers in ihrem ganzen Tun beschämt werden und dass er ihr Verkläger an dem Tag des Herrn sein wird; wie der Herr von den Niniviten und der Königin von Mittag sagt.

Aber alle, die Christi Wort hören und glauben, sich durch die Kraft des Glaubens von ganzem Herzen zu Christus bekehren; Christus mit einem unsträflichen, frommen Leben und freimütigem Bekenntnis vor der ganzen Welt bekennen; seine Gnade und Barmherzigkeit mit vollem Vertrauen suchen etc.; denselben ist er ein herrlicher Trost, ein sehr köstlicher Balsam und eine heilende Salbe in ihrem betrübten und verwundeten Gewissen geworden, daran sie Gottes unermessliche Gunst, Barmherzigkeit und Liebe über alle wahrhaft bußfertigen Sünder, wie lange und schwer sie auch gesündigt haben, offenbar sehen und erkennen mögen, auf dass sie ihre Seelen durch den Glauben mit ihm befriedigen und an Gottes Gnade, wegen des alten, sündlichen Lebens, darin sie seither so fleischlich gewandelt haben, nicht verzagen; denn der Herr versagte seine Gnade nicht noch sagte er: Nein, Schächer, deine Sünden sind zu schwer und zu zahlreich, auch hast du viel zu lange gesündigt. Sondern sobald er sein neues Herz sah und sein Bekenntnis hörte, schüttete er seine Gnade über den armen, bekümmerten Sünder aus und vergab ihm alle seine Missetaten; denn er sagte: »Heute sollst du mit mir im Paradies sein; denn wer an mich glaubt hat das ewige Leben.« Auch spricht der Prophet:

»Wenn der Gottlose sich bekehrt von seiner Ungerechtigkeit und tut Gerechtigkeit, so will ich aller seiner Ungerechtigkeit, die er getan hat, nicht mehr gedenken.« (Hes 18,21–22)