4.11  Von dem Glauben des Hauptmannes zu Kapernaum

Es begab sich zu einer Zeit, als der Herr Jesus zu Kapernaum einging, dass einer von des Hauptmannes Knechten, den derselbe sehr lieb hatte, krank lag. Als er nun hörte, dass Jesus da sei, verschaffte er sich die Einwilligung einiger der Juden Ältesten, die er mit der Bitte an Jesum sandte, dass er zu ihm kommen und seinen kranken Knecht gesund machen wolle; und Jesus ging mit ihnen. Als sie nun nicht weit von des Hauptmannes Haus waren, sandte er etliche von seinen Freunden und ließ ihm sagen: Ach Herr! Bemühe dich nicht, ich bin nicht würdig dass du unter mein Dach eingehst (hier merke seine Demut) und habe mich auch selbst nicht würdig geachtet, dass ich persönlich zu dir käme, sondern sprich nur ein Wort, so wird mein Kind gesund werden. Er erkannte, dass sich alles unter Christum und sein Wort beugen müsse und sprach: Ich bin auch ein Mensch, einer andern Obrigkeit untertan und habe Kriegsknechte unter mir, zu dem einen sage ich: Gehe hin, so tut ers und zu dem andern: Komme her, so kommt er und zu meinem Knecht: Tue das, so tut er es. Als ob er zu Christo sagen wollte: Siehe Herr, ich bin nur ein Mensch und muss dem Rat zu Rom dienen, dennoch habe ich solche Macht über meine Knechte, dass sie tun müssen, was ich ihnen gebiete; aber du Herr, bist ein solcher Herr, dass sich alle Gewaltigen vor dir beugen und alles im Himmel und auf Erden dir unterworfen ist. Da du nun der Krankheit und dem Tod gebietest, so müssen sie dir wohl gehorsam sein und mein Kind verlassen. Und wiederum, so du der Gesundheit und dem Leben gebietest, müssen sie wohl zu ihm kommen. Darum ist es unnötig, dass du in deines unwürdigen Dieners Haus kommst; allein Herr, sprich du nur ein einziges Wort und mein Kind wird wieder gesund werden. Da nun Jesus diese Worte hörte, verwunderte er sich dessen und sprach zu dem ihm nachfolgenden Volk:

»Ich sage euch, solchen Glauben habe ich in Israel nicht gefunden!« (Lk 7,9)

Siehe, treuer Leser! Hier hast du diesen Hauptmann als ein lebendiges Vorbild, von dem du lernen musst, dass sich ein aufrichtiger, wahrer Christenglaube vor seinem Gott demütigt, an Gottes Macht nicht zweifelt und wie liebreich und barmherzig er stets mit armen Dienstboten (gleichviel ob männlichen oder weiblichen Geschlechts) verfährt. Von ganzem Herzen ward er bewegt und mitleidig über seinen armen Diener und trug solche Sorge für ihn, dass er sich nicht verdrießen ließ die Ältesten der Juden zu bemühen, zu Christo zu senden und zu bitten, dass er doch seinem kranken Diener helfen wolle. Allen falschen Christen zur Beschämung und Schande und besonders vielen Reichen, deren etliche unbarmherziger und härter über ihre Knechte und Mägde sind, als sie (mit Erlaubnis gesagt) über ihre Hunde, ihr Vieh und ihre Tiere sind; denn sobald sie nur ein wenig krank werden, dass sie die Bürde der ihnen auferlegten Arbeit nicht mehr zu tragen vermögen, müssen sie sogleich ohne alle Barmherzigkeit zur Türe hinaus und in irgendeine Herberge oder zu ihren Eltern oder Freunden gesandt werden, welche vielleicht selbst keinen Bissen Brot noch ein Bett im Hause haben. Andere wieder müssen sich einen Stellvertreter verschaffen, um während ihrer Krankheit ihre Arbeit zu tun und müssen denselben aus ihrem kleinen verdienten Lohn bezahlen. Auch kommt es oft vor, dass, wenngleich die Dienstboten während sie gesund sind ihre Obliegenheiten mit harter und anhaltender Arbeit erfüllen, dennoch einige unbarmherzige Blutsauger diese Armen, welche wachen müssen, wenn sie schlafen; arbeiten, wenn sie ruhen; laufen, wenn sie befehlen und stehen, wenn sie sitzen, auf eine Weise behandeln, infolge welcher entweder der größere Teil ihres schwer verdienten Lohnes entwendet oder ein Schimpf auf sie geworfen wird; einmal sagen sie, ist ein Löffel verloren, ein ander Mal ist eine Schüssel zerbrochen; kurzum, es wird immer übel von ihnen gesprochen und niemals ist man zufrieden. Ja, einige von ihnen würden sie gern mit Wasser oder Stroh speisen und sie mit der Peitsche und Spreu bezahlen, grade wie sie es mit den Zugochsen und Pferden tun, wäre es nicht der Fall, dass sie sich vor den Menschen fürchteten und schämten, denn vor Gott den sie leider nicht kennen, würden sie sich sicherlich nicht schämen. O wehe über eine solche heidnische Tyrannei und unbarmherzige Härte!

Der Hauptmann nennt seinen Diener sein Kind, womit er seine väterliche Liebe und sein demütiges Herz zu seinem armen Knecht zeigte. Denn wiewohl er der Herr war und in hohen Ehren stand, hat er sich gleichwohl in seinem Herzen nicht über seinen armen Diener erhoben, da er wohl erkannte, dass sie beide von einem gleichen Gott erschaffen und von einem Samen hergekommen und geboren waren. Aber was für eine Freundlichkeit und Liebe solch heidnische Christen ihren armen Dienstboten manchmal erweisen, lehren uns leider ihre offenbaren Taten!

Wie kläglich werden diese armen Kinder von ihrer etlichen verachtet. Wie manches schändliche Wort müssen sie von ihnen hören, und wie manchen schweren Streich müssen auch etliche tragen. Das verhasste Keifen und Austeilen böser Worte währt vom Morgen bis an den Abend; auch gibt es etliche, welche ihre Dienstmädchen prostituieren; ja, was soll ich noch weiter sagen – gleich wie die armen, magern Esel von den prächtigen, fetten Pferden, wie der schmutzige Kiesel von der schönen Perle, so werden diese armen Kinder von vielen, ganz besonders von den Reichen, angesehen und behandelt. Ach Leser, es ist noch alles viel ärger, als ich beschreiben kann; es wäre wohl einmal Zeit, dass sie diesen Dingen nachdenken und der Nächstenliebe bessere Rechnung tragen möchten.

Der Hauptmann erniedrigte sich von ganzem Herzen vor dem Herrn und achtete sich nicht würdig, dass Christus unter sein Dach kommen sollte. Aber unsere hoffärtigen, stolzen Heiden brüsten sich, aufgeblasenen Herzens und stolz erhobenen Hauptes, dünkelhaft und üppig, ihres Geschlechts oder ihres Reichtums, ihrer Weisheit oder aller ihrer Kunst und Schönheit etc. Aber den unschuldigen, demütigen Christum, der da spricht: Lernt von mir, denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig, dessen Namen, Wort, Tod und Blut sie sich fälschlich rühmen, haben und kennen sie nicht.

Der Hauptman glaubte, dass Christus mächtig und gewaltig sei, alles was ihm gut dünke mit seinem Wort auszurichten; aber diese elenden, verfinsterten Leute achten dessen nicht mehr, als sie eine Fabel von Lucian oder Esop achten würden. Daher es auch kommt, dass sie ein so unbußfertiges, fleischliches Leben führen und solche abgöttischen Sakramente und falschen Gottesdienste gebrauchen, auch so weit von der rechten königlichen Straße abweichen und entfernt sind; dennoch wollen sie die rechte apostolische Kirche und die gläubige Gemeinde Christi sein; abergleichwie Christus von dem Hauptmann bezeugt, dass er einen solchen Glauben in Israel nicht gefunden habe; so möchte man im Gegenteil auch wohl von diesen Menschen sagen, dass ein so unbekümmerter, grausamer, hoffärtiger, stolzer und unbarmherziger Unglaube selbst nicht unter den Heiden, die niemals Christo Wort gehört, gefunden werden kann. Seht, so lässt der gerechte Herr diejenigen irren und in einen blinden verstockten Herzenszustand verfallen, die sein heiligstes Wort so gering achten und seine väterliche Gnade, Güte und Erkenntnis, wie auch seinen Geist und Glauben hassen und verwerfen.

Aber nicht so unter euch, meine Allerliebsten. Nehmt diesen getreuen, frommen Hauptmann zum Vorbild, auf dass ihr ihm in seinem Glauben, seiner Liebe und Demut und in seinen Tugenden gleich werdet; und tragt auch eine solche Sorge für eure Dienstboten, als er für die seinen trug; unterweist sie, lehrt sie, ermahnt sie und straft sie mit einem väterlichen Geist, so oft sie nicht recht tun; geht ihnen voran mit einem unsträflichen Leben, in aller Gerechtigkeit und Frömmigkeit; habt auch bisweilen ein wenig Mitleiden mit ihrer sauren schweren Arbeit; tröstet sie in ihrer Armut; tröstet sie (sage ich) und betrübt sie nicht; gebt ihnen ihre gebührliche Notdurft, Speise und ihren verdienten Lohn und verkürzt sie nicht; steht ihnen vor in allen redlichen Sachen; zankt nicht mit ihnen, wenn sie keine Schuld haben, auf dass sie nicht kleinmütig werden; entlasst sie auch nicht vor der Zeit, sondern lasst sie frei und unbeschädigt ausdienen, wie es festgesetzt ward, auf dass des Herrn Name nicht gelästert werde; haltet euch allezeit freundlich gegen sie und wenn sie schwach und krank sind, so hegt und dient ihnen; bestellt andere an ihre statt, ohne ihren Schaden, bis dass sie der Herr hinnimmt oder wieder gesund macht; mitleidig und barmherzig seid über sie und kommt ihnen zu Hilfe in allen ihren Nöten; erhebt eure Herzen nicht über sie und verachtet sie nicht in ihrer Kleinheit, denn sie sind auch eures Fleisches und eure Brüder. Kurz, erweist ihnen eine Liebe, gleich der, welche Christus Jesus an uns bewiesen hat. Gedenkt auch alle Zeit, dass wir einen Herrn im Himmel haben, vor dessen Gericht wir erscheinen und von allen unsern Werken Rechenschaft geben müssen.

So sie aber mutwillig und halsstarrig sind und eure Gebote und Worte nicht hören wollen; eurer Ermahnung und eurem Rat nicht folgen; wollen regieren und nicht dienen; versäumen ihre Zeit und arbeiten nicht fleißig; sind untreu, widerspenstig oder mürrisch; verderben bübisch euer Haus und Kinder etc., so kommt mit ihnen überein und ordnet, was ihren verdienten Lohn anbelangt, vor zwei oder drei Zeugen, auf dass die Schuld nicht auf eurer Seite sei und dem Wort Gottes keine Schande gemacht werde. In solchen Fällen lasst sie frei ihren Weg gehen, auf dass ihr euer gutes Gewissen um ihretwillen nicht beschädigt und euer Haus und eure Kinder nicht verdorben werden. Ja, meine Brüder, dass ihr euren armen Mietlingen, Knechten und Mägden solltet tun, gleichwie ihr begehrt, dass euch geschehen soll, so ihr zu derselben Stellung als sie berufen wärt, lehren euch das Gesetz und die Propheten.