4.9  Von Josuas und Kalebs Glauben

Josua und Kaleb gingen durch den Glauben über den Jordan und in das verheißene Land. Denn als Mose die zwölf Späher aussandte das Land zu besehen und zu erkunden, sprach er:

»Zieht hinauf an den Mittag, und geht auf das Gebirge; und beseht das Land, wie es ist, und das Volk, das darinnen wohnt, ob es stark oder schwach, wenig oder viel ist; und was für ein Land ist, darinnen sie wohnen, ob es gut oder böse sei; und was für Städte sind, darinnen sie wohnen, ob sie in Gezeiten oder Festungen wohnen; und was für Land sei, ob es fett oder mager sei, und ob Bäume darinnen sind, oder nicht. Seid getrost, und nehmt der Früchte des Landes. Es war aber eben um die Zeit der ersten Weintrauben.« (4Mo 13,17–20)

Sie gingen hinauf und spähten das Land, gleichwie Mose ihnen aus des Herrn Mund befohlen hatte; und nach vierzig Tagen kamen sie wieder zu Mose und Aaron und zu der ganzen Gemeinde in der Wüste Paran zu Kadesch, sie brachten mit sich Weintrauben, Granatäpfel und Feigen und sagten:

»Wir sind ins Land gekommen, dahin ihr uns sandtet, darin Milch und Honig fließt, und dies ist ihre Frucht; ohne dass stark Volk drinnen wohnt, und sehr große und feste Städte sind; und sahen auch Enaks Kinder daselbst. Kaleb aber beschwichtigte das Volk gegenüber Mose, und sprach: Lasst uns hinauf ziehen, und das Land einnehmen; denn wir mögen es überwältigen. Aber die Männer, die mit ihm waren hinauf gezogen, sprachen: Wir vermögen nicht hinaufzuziehen gegen das Volk, denn sie sind uns zu stark; und machten dem Lande, das sie erkundet hatten, ein böses Geschrei unter den Kindern Israel und sprachen: Das Land, dadurch wir gegangen sind zu erkunden, frisst seine Einwohner; und alles Volk, das wir drinnen sahen, sind Leute von großer Länge. Wir sahen auch Riesen daselbst, Enaks Kinder von den Riesen; und wir waren vor unsern Augen wie die Heuschrecken, und so waren wir auch vor ihren Augen!« (4Mo 13,27–28; 30–33)

»Da fuhr die ganze Gemeinde auf, und schrie, und das Volk weinte die Nacht; und alle Kinder Israel murrten wider Mose und Aaron, und die ganze Gemeinde sprach zu ihnen: Ach dass wir in Ägypten gestorben wären, oder noch sterben in dieser Wüste! Warum führt uns der Herr in dieses Land, dass unsere Weiber durchs Schwert fallen, und unsere Kinder ein Raub werden? Ist es nicht besser wir ziehen wieder nach Ägypten? Und einer sprach zu dem andern: Lasst uns einen Hauptmann aufwerfen, und wieder nach Ägypten ziehen. Mose aber und Aaron fielen auf ihr Angesicht vor der ganzen Versammlung der Gemeinde der Kinder Israels; und Josua und Kaleb, die auch das Land erkundet hatten, zerrissen ihre Kleider, und sprachen zu der ganzen Gemeinde der Kinder Israel: Das Land, das wir durchwandelt haben zu erkunden, ist sehr gut; wenn der Herr uns gnädig ist, so wird er uns in dasselbe Land bringen, und uns geben, das ein Land ist, da Milch und Honig darin fließt. Fallt nicht ab vom Herrn, und fürchtet euch vor dem Volk dieses Landes nicht; denn wir wollen sie wie Brot fressen. Es ist ihr Schutz von ihnen gewichen; der Herr aber ist mit uns, fürchtet euch nicht vor ihnen. Da sprach das ganze Volk, man solle sie steinigen.« (4Mo 14,1–10)

Siehe, lieber Leser, darum dass diese zwei treuen Männer Gottes Wort und zugesagte Verheißung von ganzem Herzen glaubten und sich auf seine allmächtige Kraft, auf seine väterliche Barmherzigkeit und großen Wunder so unbedingt verließen, als ob sie dieselben bereits empfangen hätten und nun den gräulichen Unglauben sahen und das bittere Murren ihrer Mitbrüder hörten, die seine allmächtige Majestät so verkleinerten, gleich als ob er nicht mächtig wäre zu geben, was er ihnen verheißen hatte oder sie durch seine zugesagte Verheißung und Worte betrogen hätte – darum sind sie ganz wehmütig und traurig geworden und haben ihre Kleider zerrissen, wie gehört ist. Und deshalb sind sie allein die zwei, die von sechsmal hunderttausend Mann, die mit Mose aus Ägypten gezogen waren, in das verheißene Land kamen. Die anderen sind alle miteinander, in der Zeit von vierzig Jahren, in der Wüste ausgerottet und verfallen, haben das zugesagte Erbteil nicht empfangen, da sie an den allmächtigen starken Gott, den Gott ihrer Väter, Abrahams, Isaaks und Jakobs, nicht glaubten, der sie durch so große Zeichen und Wundertaten durch das rote Meer geführt und so gnädig in der Wüste erhielt und bewahrte.

So verhält es sich leider mit etlichen noch heutigen Tages. Sie haben das liebliche Land geschaut und die köstlichen Früchte gesehen und gekostet; sind durch das Wort des Herrn erleuchtet worden, haben einen Vorgeschmack der himmlischen Gaben gehabt, sind des heiligen Geistes teilhaftig geworden, haben das süße Wort Gottes geschmeckt und die Kraft der zukünftigen Welt und haben die Freundlichkeit des Herrn angeschaut; da sie aber nicht mit Gott sondern mit ihrem ungehorsamen, widerspenstigen und üblen Fleisch zu Rate gehen, welches stets sein eigenes Vergnügen sucht und nimmermehr des Herrn Kreuz tragen will, so schauen sie auch mit fleischlichen Augen und sehen, dass so viele mächtige Tyrannen und befestigte Städte sich wider sie erheben, dass sie eine wilde Wüste passieren und viele hohe Berge zu übersteigen haben, dass sie Ehre, Geld, Gut, Frau, Kind, Leib und Leben zum Raube geben müssen. Daher kommt es, dass sie wider Mose und Aaron zu murren anfangen und Josua und Kaleb zu steinigen suchen. Sie verursachen ihren armen Lehrern und Führern, die sie mit treuer Liebe auf Christi Geist, Wort und Vorbild weisen und die reine Wahrheit verkündigen, unerträgliche Kränkungen. Sie verleumden und verunglimpfen sie über alle Maßen; wählen sich hier und da ihren eigenen Hauptmann, falschen Lehrer und Propheten, der sie mit schönen Worten und in gutem Schein wieder nach Ägypten führt. Denn das Zeitliche haben sie über das Ewige erwählt und fürchten die sträflichen Menschen mehr, denn den unsträflichen, ewigen Gott, der aller Welt Schöpfer und Herr ist. Sie sprechen mit dem ungläubigen, fleischlichen Israel in ihren Herzen: wir sind nicht mächtig hinauf zu ziehen wider das große und starke Volk und vermögen nicht Christi Lehre, Ordnung und Leben, in rechtem Gehorsam nachzukommen; denn die ganze Welt ist wider uns, alle Herren und Fürsten verfolgen uns, die Prediger und Pfaffen lästern und schelten uns, wir müssen aller Welt Schimpf und Spott sein und sind viel zu schwach solchen Jammer und solche Last zu tragen, weshalb sie sie auf den Herrn werfen wollen. So denken sie und irren sich; denn ihre ungläubigen, fleischlichen Herzen haben sie so verblendet, dass sie Gottes gerechtes Urteil nicht erkennen; weder hoffen, dass ein heiliges Leben belohnt werden, noch die Ehre achten, welche eine unsträfliche Seele haben wird.

Lieber Leser, sieh dich vor, denn so wahrhaftig als der Herr lebt, sage ich dir, dass alle diejenigen, die des Herrn Wort so verwerfen, wiederum an ihren Gott ungläubig werden und so irdisch und fleischlich gesinnt werden; dass sie diejenigen fürchten, die sie billig solchergestalt nicht fürchten sollen und den, welchen sie fürchten sollten, nicht fürchten; welche mehr an die vergängliche Kreatur denken, wie: Haus, Hof, Land, Gold, Silber, Frau, Kinder, Leib und Leben, als an den unsterblichen Gott und sein ewiges Reich und haben ein größeres Verlangen sich des dunklen Ägyptens dieser gottlosen Welt für eine Spanne Zeit in Sorglosigkeit zu erfreuen, als das liebliche, fruchtbare Land zu ererben und ewigen Frieden mit Gott zu haben. Solche müssen alle in der Wüste sterben und, so sie sich nicht von ganzem Herzen bekehren, werden nimmermehr zu seiner Ruhe eingehen (Hebr 4,1).

Die aber mit Josua und Kaleb fest an des Herrn Wort halten, an Christus fest glauben, wie die Schrift sagt, fest in ihren Herzen durch den heiligen Geist versiegelt sind, dass ihr Gott nicht in einem einzigen Wörtlein fehlen, sondern zu seiner Zeit erfüllen wird, was er verheißen hat; die sich nicht durch die Pforten des Totenreichs überwältigen, noch durch die listigen Lügen und Trugphilosophie der Gelehrten verführen lassen; die sich nicht vor der Tyrannei der Blutdürstigen fürchten; nicht von fleischlichen Lüsten überwunden werden können; sich nicht bezaubern lassen durch den schönen Schein solcher Propheten, sondern demütig auf der rechten königlichen Heerstraße wandeln; Christus, ihrem Hirten und Führer, nachfolgen; alle ihre Wege nach seinem Geist, Wort und unsträflichen Vorbild richten; weder zur Rechten noch zur Linken abweichen; siehe, das sind diejenigen, welche das geistliche verheißene Land, die ewige Ruhe, den ewigen Frieden, Gottes ewiges Reich und Glorie, mit allen Heiligen und Gläubigen sieghaft einnehmen und in der Gnade mit Christus ewiglich ererben werden, wie Josua und Kaleb das äußerliche figürliche Land durch den Glauben eingenommen und mit ihren Kindern nach ihnen geerbt haben. Ach Kindlein glaubt!

»Alle Dinge (sagt Christus) sind möglich dem, der da glaubt.« (Mk 9,23)