4.6  Von dem Glauben Noahs

Die heilige Schrift zeugt von Noah, dem Sohn Lamechs, dass er Gnade vor dem Herrn fand, da er ein frommer Mann war ohne Veränderung und ein göttliches Leben führte zu seiner Zeit. Petrus nennt ihn einen Prediger oder Lehrer der Gerechtigkeit. Hoch und herrlich ist das Zeugnis, welches diesem Mann in der Schrift gegeben wird.

Als nun alles Fleisch vor Gott den Weg des Verderbens ging und der Erdboden voller Bosheit war; die Kinder Gottes auf der Menschen Töchter sahen, dass sie schön waren und zu Frauen nahmen welche sie nur wollten und sich von Gottes Geist nicht mehr wollten strafen lassen, da sprach der Herr: Ich will ihnen noch Zeit geben hundert zwanzig Jahre; und gab Noah einen Befehl, dass er eine Arche, ein Schiff oder eine Kiste bauen sollte, damit er und sein Haus von der zukünftigen Sintflut und Strafe errettet werden möchten. Denn Gott, der Herr, wollte die ganze Welt mit Wasser verderben. Noah glaubte des Herrn Wort mit ganzem Herzen und hielt es fest versiegelt in seinem Gemüt, gleich als ob er die zukünftige Strafe schon mit Augen gesehen hätte. Er fing zu bauen an, wie ihm befohlen wurde, denn er glaubte mit ganzem Herzen, dass die angedrohte Strafe kommen werde. Und da nun die bestimmten Jahre vollendet waren und die ungehorsame, böse Welt sich nicht besserte, musste des Herrn Wort vollendet werden. Noah ging mit den Seinen in die Arche ein und nahm mit sich allerlei reine und unreine Tiere, wie ihm denn der Herr befohlen hatte. Und noch an demselben Tage, da er in die Arche ging, erschlossen sich die Gründe der großen Tiefe, öffneten sich die Fenster des Himmels und es regnete vierzig Tage und vierzig Nächte, bis die höchsten Berge des ganzen Erdbodens fünfzehn Ellen hoch mit Wasser bedeckt waren und alle Kreaturen auf dem ganzen Erdboden, die den Atem des Lebens in sich hatten, wie Menschen, Tiere, Vögel und Gewürm ausgerottet und im Wasser umgekommen waren. Noah und seine Familie, samt allen Tieren, welche er mit sich in der Arche hatte, wurden dort erhalten durch die Kraft und Gnade des allmächtigen Gottes, dem Noah mit ganzem Herzen vertraute.

»Durch den Glauben (sagt Paulus) hat Noah Gott geehrt, und die Arche zubereitet zum Heil seines Hauses, da er einen göttlichen Befehl empfing von dem, das man noch nicht sieht; durch welchen er verdammte die Welt, und hat ererbt die Gerechtigkeit, die durch den Glauben kommt.« (Hebr 11,7)

O liebliches Beispiel! O herrliches Vorbild eines sicheren und festen Glaubens. Denn weil er seinem Gott glaubte, war er aufrichtig, fromm, unwandelbar. Er glaubte an die gedrohte Strafe, gleich als ob er sie vor Augen gehabt hätte und, durch den ewigen Geist Christi, ermahnte und warnte er die ungläubigen, ungehorsamen Geister oder Menschen, die in ihren Sünden gefangen lagen, zur Buße und Besserung. Er fürchtete des Herrn Wort, denn er zweifelte nicht, dass es geschehen müsse, wie der Herr gesprochen hatte. Er wusste wohl, dass des Herrn Wort mächtig sei, wie der Prophet sagt:

»O Herr! Du hast geredet im Anfang der Schöpfung, und des ersten Tages gesprochen: Es werde Himmel und Erden, und durch dein Wort ist ein vollkommenes Werk geworden.« (2Esr 6,38)

Und da er nun wohl vierzig, achtzig oder hundert Jahre lang gepredigt und gebaut hatte (wie lange diese Zeit des Bauens und Predigens währte, wird uns in der Schrift nicht berichtet), wurde er durch langes Warten nicht im Glauben schwach, indem er wohl wusste, dass Gott seine Strafe über die Unbußfertigen und Unbekehrten ergehen lassen müsse, weil er solches zuvor ihm angesagt hatte; und dass er ihn und die Seinen in seiner Barmherzigkeit und Gnade bewahren würde, weil er ihm solches zugesagt und verheißen hatte, denn es ist unmöglich, dass Gott lüge (Hebr 6,18).

Gleich wie Gott der Herr den frommen Noah warnte und zu ihm sagte:

»Alles Fleisches Ende ist vor mir gekommen, denn die Erde ist voll Frevels von ihnen; und siehe da, ich will sie verderben mit der Erde!« (1Mo 6,13)

, so hat er uns nunmehr durch seinen eigenen, gesegneten Sohn, durch seine heiligen Apostel und Propheten, mit seinem heiligen Wort treulich gewarnt und gesagt: So ihr nicht Buße tut; aus Gott nicht geboren werdet; an Christus nicht glaubt; in seinen Geboten nicht wandelt; euer böses Leben nicht bessert; fremden Göttern dient; hoffärtig, stolz, ehrgeizig, hurerisch, blutdürstig, neidisch, ungerecht, eitel, irdisch, fleischlich und teuflisch seid, müsst ihr in euren Sünden sterben; könnt ins Reich Gottes nicht kommen; müsst verdammt und in den feurigen Pfuhl geworfen werden; den unerträglichen, ewigen Jammer, das Weh und die Pein, mit allen Verdammten und Teufeln ererben und dürft keinen Teil noch Gemeinschaft in Christi Reich haben, in alle Ewigkeit.

Mein Leser, nimm wahr, so wir nun diese treue Warnung Christi und seines heiligen Geistes mit dem aufrichtigen, frommen Noah wohl wahrnehmen und von ganzem Herzen glauben; glauben dass das Wort Gottes wahrhaftig und unveränderlich sei, und dass die gedrohte Strafe zu seiner Zeit kommen müsse, ob sie auch schon noch tausend Jahre verzogen würde (ich rate, dass ein jeglicher fleißig wache, denn alle, die in ihren Sünden sterben, empfangen ihre Strafe; denn die Zeit der Gnaden ist für sie dahin), so würden wir ohne Zweifel uns fürchten und bis ins Innerste unserer Seelen erschrecken vor dem in der Schrift allen Unbußfertigen und Unbekehrten angedrohten schweren Zorn und Strafe, die immer und ewig währen werden; wir würden Gott um Gnade bitten, uns mit Säcken und härenen Hemden bekleiden; wahrhafte Buße tun; das böse Leben bessern; der Gerechtigkeit nachjagen und mit unserem neuen und geistlichen Noah, Christus Jesus, in seine neue und geistliche Arche, welches seine Gemeinde ist, eintreten; stets sorgfältig und furchtsam, auf dass nicht die furchtbare Sintflut des zukünftigen Zornes Gottes uns unversehens samt allen Ungläubigen und Unbußfertigen, die weder Gott noch Christus, weder Geist noch Wort erkennen, zu irgendeiner Zeit überfalle, gleichwie die Flut die erste, verdorbene Welt überfiel, wie bereits bemerkt; ja, wir würden aufrichtig und wachend dem Kommen des Herrn entgegensehen; auf die Zeit der Gnade Acht haben; unser hochzeitliches Kleid bewahren und Öl in unsern Lampen haben, auf dass unser Haus nicht zur Unzeit besucht werde und wir nicht gleich dem Gast, der kein hochzeitliches Kleid hatte, von des Herrn Hochzeit gestoßen, in die äußerste Finsternis geworfen werden und so ewig vor der Tür bleiben müssen.

Aber weil wir des Herrn drohende Strafe, Zorn und Urteil leider nicht glauben und auf die Exempel der Schrift wenig Acht haben, so geschieht es, dass wir mit den Spöttern sagen:

»Wo ist die Verheißung seiner Zukunft? Denn nachdem die Väter entschlafen sind, bleibt es alles, wie es von Anfang der Kreatur gewesen ist.« (2Pt 3,4)

Mit uns, fürchte ich, wird es gehen, wie es mit dem Ungläubigen und Ungehorsamen zur Zeit von Noah und Lot ging, da sie eine plötzliche Strafe überfiel; solches kann jedermann, der sich über die Zukunft des Herrn unterrichten will, deutlich sehen und lesen (Mt 24; Lk 17). Darum sage ich nochmals: weil wir des Herrn drohendes Urteil und Zorn nicht glauben, sondern gering achten, darum folgt, dass wir ein ruchloses Leben führen; alles tun, was unserem bösen Fleisch gelüstet; essen, trinken, bauen, säen, mähen, heiraten, ohne alle Furcht und Sorge; geizen, Geld sammeln, Gut, Gold und Silber zusammenscharren und in unsern Herzen sagen: Es ist Friede und Freiheit, bis uns das Verderben schnell übereilt.

Ferner, ein jeglicher sehe wohl zu und wache; der Bote mit seiner peremptorischen Aufforderung steht bereits vor der Tür, und er wird sagen: »Tue Rechnung, den du kannst hinfort nicht Haushalter sein.« Könnten wir aber den zukünftigen Zorn und die Strafe, die ewig sein und kein Ende haben wird, mit dem unveränderlichen, frommen Noah, recht und fest glauben, auch gewisslich dasjenige glauben, das allen wahrhaftigen Kindern Gottes durch Christus verheißen ist, so würden wir ohne Zweifel nicht so unachtsam, schläfrig und faul erfunden werden, sondern würden mit vollem Ernst, ohne irgendwelchen Verzug, von unseren gräulichen Sünden aufstehen, uns von allen Gräueln abscheiden und das Böse mehr scheuen, als einen hungrigen, brüllenden Löwen oder einen blutdürstigen, mörderischen Feind. Wir würden auch mit offenen Augen wachen unser Leben lang, auf dass uns der gute Hausvater nicht so überfalle, wenn wir schlafen und keine Acht haben. Lasst uns auch nicht unsere Mitknechte schlagen, nicht mit den Schwelgern essen oder trinken, auf dass er uns nicht unsern Lohn und Teil mit den Heuchlern gebe. Über dieses Wachen lese man Mt 24 und Mk 13,37.