4.5  Von dem wahren, christlichen Glauben

Wir lehren und glauben und das durch die Kraft und Gewalt der ganzen Schrift, dass der ganze Christus Jesus, von oben und von unten, von innen und von außen, sichtbar und unsichtbar, Gottes erstgeborener und eingeborener, eigener Sohn ist, das unbegreifliche ewige Wort, wodurch alle Dinge geschaffen sind, der erstgeborene aller Schöpfung; durch des allmächtigen, ewigen Vaters ewigen Geist und starke Kraft, über aller Menschen Verstand und Wissenschaft, in Maria, der reinen Jungfrau, ein wahrhaftiger Mensch geworden und aus lauter Barmherzigkeit und Gnade von dem Vater uns gesandt und gegeben wurde; das ausgedrückte Bild des unsichtbaren Gottes und der Glanz seiner Herrlichkeit. Wir lehren und glauben, dass derselbe erstgeborene und eingeborene Gottes Sohn, Christus Jesus, unser einziger und ewiger Messias, Prophet, Lehrer und Hohepriester ist, der das geforderte und befohlene Gesetz für alle seine Gläubigen (da sie solches durch die Schwachheit ihres Fleisches nicht vermochten) vollbracht hat; der uns seines Vaters guten Willen und gutes Wohlgefallen gelehrt, uns als ein unsträfliches Vorbild vor uns gewandelt hat, der sich freiwillig für unsere Sünden am Kreuz geopfert hat, zu einem süßen Geruch vor dem Vater. Durch welchen wir alle, die solches aufrichtig glauben, Vergebung unserer Sünden haben und Gnade, Gunst, Barmherzigkeit, Freiheit, Friede, das ewige Leben, einen versöhnten Vater und einen freien Zugang zu Gott, in dem Geist. Und dies alles durch sein Verdienst und Blut, seine Fürbitte und Gerechtigkeit und nicht durch unsere Werke. Siehe, das ist die eigentliche Summe unseres Glaubens von Christus unserem Seligmacher, Gottes Sohn.

Alle die dies für gewiss und wahrhaftig in ihren Herzen glauben können und sind durch Gottes Wort in ihren Herzen und Geist versiegelt, die werden an dem innerlichen Menschen verändert, empfangen die Furcht und Liebe des Herrn, gebären aus ihrem Glauben Gerechtigkeit, Frucht, Kraft, ein unsträfliches Leben und ein neues Wesen, wie Paulus sagt, nämlich, mit dem Herzen glaubt man zur Gerechtigkeit. Durch den Glauben, sagt Petrus,reinigt Gott unsere Herzen. Und so folgen die Früchte der Gerechtigkeit stets aus einem aufrichtigen, ungefälschten, frommen Christenglauben. Habt darauf Acht.

Denn alle die, welche das gerechte Urteil Gottes und seinen ewigen Zorn über alle Sünde und Bosheit erkennen und im Geiste nicht daran zweifeln, sehen auf die gefallenen Engel, auf die erste verdorbene Welt, auf Sodom und Gomorra und auf das ungehorsame, widerspenstige Israel und dann sehen sie auf seinen unschuldigen Sohn, der von keiner Sünde wusste und in dessen Mund kein Betrug gefunden wurde; wie er um unserer Sünde willen sich erniedrigte, dass er der elendste unter allen Menschen wurde; ja, dass er so geschlagen und geplagt wurde, dass er unschuldig am Kreuz hängend zu seinem Vater rief:

»Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen!« (Mt 27,45)

Alle, sage ich, die dieses in ihrem Herzen mit Bestimmtheit glauben, werden sicherlich vor aller Ungerechtigkeit fliehen wie vor dem Zahn der Schlange; sie wenden sich von allen Sünden ab und scheuen sie viel mehr als ein brennendes Feuer oder ein schneidendes Schwert; denn ihr ganzes Gemüt und Gewissen bezeugt ihnen, dass, wenn sie mit Wissen und Willen wider Gottes Gesetz und Wort sündigten, Christus nicht in einem reinen und guten Gewissen empfingen, nach dem Fleische lebten, des Herrn mahnende Stimme verachteten, sie dem schrecklichen, ewigen Urteil und Zorn ihres Gottes verfallen würden.

Dieses glaubte der fromme und alte Gesetzeskundige Eleasar (2Makk 6,18) und die gottesfürchtige, tugendsame Mutter mit ihren sieben Söhnen (2Makk 7,1), die drei getreuen Jünglinge in dem feurigen Ofen, der liebe Daniel und die schöne, keusche Susanna, das edle Vorbild aller frommen Frauen (Dan 13). Sie zogen vor, eine kleine Weile hier der Tyrannen Zorn und Grimm zu dulden, als zu sündigen und dadurch den Zorn Gottes für immer auf sich zu laden.

»Der Gerechte (sagt die Schrift) lebt seines Glaubens.« (Hab 2,4)

Denn der rechte evangelische Glaube, der das Herz vor Gott aufrichtig und fromm macht, der rührt, verändert, dringt und treibt den Menschen so, dass er allezeit das Böse hasst und gern dem, das recht und gut ist, nachkommen will. Ja, gleich wie es nicht vonnöten ist, dass man einen recht verständigen, weisen Menschen warnen oder ermahnen darf sich nicht den Hals abzuschneiden, kein Gift zu nehmen, nicht von einem hohen Turm herabzuspringen oder in tiefes Wasser zu laufen, weil er weiß, dass er, wenn er solches täte, dem Tode nicht entrinnen würde; ebenso wenig ist es vonnöten, dass man diejenigen, die von Herzen glauben, dass der Sünden Lohn der Tod ist; dass die Trunkenen, Lügner, Hurer, Ehebrecher, Geizigen, Götzendiener, Gottesverächter, Neidische, Blutvergießer, Meineidige, Diebe und dergleichen Sünder mehr, Christi Reich nicht besitzen sollen, ermahnen oder warnen soll, dass sie sich nicht betrinken, nicht huren sollen usw. Denn die göttliche Furcht, die aus einem solchen Glauben hervorgeht, warnt, ermahnt, züchtigt, treibt und erschreckt sie so, dass sie nimmermehr solche fleischlichen, gottlosen Werke bewilligen, noch viel weniger tun sollten. Denn ihr Glaube, durchs Wort im Geist versiegelt, lehrt sie, dass das Ende davon der Tod ist.

Wir müssen sonach mit dem Herzen glauben, wie Petrus sagt; das heißt, wir müssen so an dem Wort hängen, dass wir es nicht nur empfangen, sondern dass es sich unserem Herzen einprägt, dass wir uns niemals davon abwenden oder abwenden lassen, sondern dass der Glaube in unserem Herzen immer tiefere Wurzeln schlägt, auf dass wir durch seine Kraft, Gott aus allem Vermögen fürchten und unsere Sünden recht büßen mögen. Denn die gründliche, ungeheuchelte Furcht treibt die Sünde aus, auch ist es unmöglich ohne Gottesfurcht gerechtfertigt zu werden.

Hier merke, welch eine herrliche, schöne Frucht des Glaubens die Furcht des Herrn ist; denn sie ist die eigentliche Kraft, welche die Sünde der Gläubigen austreibt, begräbt, tötet, vertilgt und zunichte macht, welches dann der erste Teil einer wahrhaften Buße ist, wie uns mit der Taufe der Gläubigen dargestellt und bezeichnet wird.

»Die Furcht des Herrn ist der Weisheit Anfang; das ist eine feine Klugheit; wer danach tut, des Lob bleibt ewiglich.« (Ps 111,10)

Ferner, alle welche mit einem aufrichtigen, festen, gläubigen Herzen die große Sorgfalt und Fürsorge Gottes (ich rede hier von ihm nach menschlicher Weise) für uns begreifen können und seine unbegrenzte Güte, Barmherzigkeit und Liebe, die er so väterlich durch Jesus Christus an uns bewiesen hat, indem er seinen einzigen Sohn nicht schonte, durch den er Himmel und Erde und das Meer mit seiner ganzen Fülle geschaffen hat, sein unbegreifliches, ewiges Wort, seine Macht und Weisheit; sondern gab ihn her und erniedrigte ihn, ließ ihn hungern, dürsten, lästern, fangen, verspotten, in sein heiliges Angesicht speien, geißeln, mit Dornen krönen, verurteilen, kreuzigen und töten, auf dass wir durch seine Krankheit und Striemen zur Gesundheit, durch seine Armut zum Reichtum, durch seine Verachtung zur Herrlichkeit, durch seine Verfluchung zum Segen, durch seine Strafe zur Gnade, durch sein Blut zur Vergebung, durch sein Opfer zur Versöhnung und durch seinen Tod zum ewigen Leben kommen sollten. Auch schuf er alle Kreaturen zu unserem Nutzen und machte sie uns untertan. Er schenkt uns Winter und Sommer, Hitze und Kälte, Nacht und Tag, Regen und Dürre; sandte uns seine heiligen Apostel mit seinem heiligen Wort, begabte uns mit seinem Geist; erleuchtet, regiert, ermahnt, straft und tröstet; gab uns das notwendige Obdach, die erforderliche Nahrung und bewahrte und erhielt uns in seiner Gnade mitten unter dem verkehrten, löwischen Geschlechte. Ich sage noch einmal, wer dies so von Herzen glauben, begreifen und erfassen kann, der mag nimmermehr, weder durch Engel noch durch Teufel, weder durch Leben noch Tod, verhindert werden; sondern er wird und muss wiederum diesen barmherzigen Vater, der so große Gnade und Liebe an uns armen Sündern bewiesen hat, aus dem Innersten seiner Seele lieb haben; ja, ihn preisen, ehren, ihm danken, dienen und gehorsam sein, Zeit seines Lebens.

Denn das ist der Gläubigen höchste Lust und Freude, in ihrer Schwachheit nach des Herrn Willen und Wort zu wandeln und zu leben und wo die ungefälschte, reine Liebe Gottes ist, da können auch niemals die freiwilligen, gerne geleisteten Dienste dieser Liebe fehlen, nämlich das Halten seiner Gebote. Salomo spricht:

»Denn die ihm vertrauen, die erfahren, dass er treulich hält; und die treu sind in der Liebe, lässt er ihm nicht nehmen.« (Weish 3,9)

Und dies sind Pauli Worte:

»In Christo Jesu gilt weder Beschneidung noch Unbeschnittensein etwas, sondern der Glaube, der durch die Liebe tätig ist.« (Gal 5,6)

Dass nun die Liebe eine wirkende Kraft und Natur hat, mag an der natürlichen Liebe klar gesehen werden; denn man darf keine vernünftigen Eltern ermahnen, ihre Kinder mit Essen und Trinken, mit Kleidung, Schuhen und anderer Notdurft zu versorgen, sondern die natürliche Liebe wird sie selbst dazu antreiben. Derselbe Fall findet bei Mann und Frau statt, wenn dieselben sich mit einer aufrichtigen, ehelichen Liebe lieben. Sie lassen sich nicht verdrießen, gutwillig einander zu dienen und einander in allem behilflich zu sein, wie es auch billig ist, weil sie ein Fleisch sind. So ist auch die Art und Natur der heiligen, göttlichen Liebe; denn all die, so durch die rechte, wahrhaftige Erkenntnis der vorerwähnten Wohltaten durch den Glauben mit dem Vater und seinem Sohn Christus Jesus in der Liebe und im Geist eins sind, die darf man nicht viel ermahnen, dass sie dem Herrn dienen, Gottes Reich suchen, Taufe und Abendmahl nach der Ordnung der Schrift gebrauchen und Herz und Zungen zwingen sollen, des Herrn Gesetz und Willen mit ganzem Ernst nachzudenken; dass sie Christus gehorchen, ihm folgen, weder Gold noch Silber, weder Geld noch Gut, weder Frau noch Kind, weder Leib noch Leben, mehr als Christus und sein Wort zu lieben. Denn die wirkende Art der innigen Liebe Gottes, welche aus einem reinen Herzen, guten Gewissen und einem aufrichtigen Glauben entspringt, treibt, bewegt und wirkt solchergestalt in ihrem Herzen, dass sie mit Leib, Seele, Gut und Blut bereit stehen zu tun, was Christus ihnen befohlen und zu unterlassen, was er ihnen verboten hat, wie man (Gott sei Lob) täglich solches an unzähligen frommen Herzen bemerken kann.

Und es ist somit offenbar, dass, wenn man Gott lieb haben und in seinen Geboten untertänig wandeln will, man glauben, auf seine Wohltaten wohl achten und an dem Wort seiner Verheißung mit dem Herzen hängen muss, wie gesagt ist; denn die aufrichtige Liebe ist eine sehr edle und kostbare Frucht, ist einZweig und eine Pflanze des Glaubens, aus welcher der andere Teil einer wahrhaften Buße, nämlich das unsträfliche, neue Leben herkommt, wie durch die Taufe uns dargestellt und schon vorhin von der Furcht des Herrn gesagt wurde. Ohne welche Liebe alles Wohlreden, alle Wissenschaft und aller Verstand, alles Rühmen des Glaubens, Erkenntnis, Wundertaten und Prophezeiungen, alle Almosen, Verfolgung, Kreuz und Leiden vor Gott eitel, ja, unfruchtbar und tot sind.

Wer Liebe hat, ist aus Gott geboren und kennt Gott, denn Gott ist die Liebe; und ein solcher verrichtet alle Dinge gemäß der Natur und dem Worte des Herrn, denn solche Liebe ist die Erfüllung des Gesetzes, der Gehorsam seiner Gebote, das Band der Vollkommenheit und des Friedens und ist uns dargestellt durch den herrlichen Gürtel Aarons und seiner Söhne.

»Die Liebe (sagt Salomo) ist stark wie der Tod, und ihr Eifer ist fest wie die Hölle; ihre Glut ist feurig, und eine Flamme des Herrn, dass auch viele Wasser die Liebe nicht mögen auslöschen.« (Hl 8,6–7)

Ja, so fest, stark und feurig ist die Liebe, dass sie alles übertrifft und alles überwindet und verbrennt, was sich wider Christus und sein Wort auflehnt, es sei Welt oder Fleisch, Tyrann oder Teufel, Sünde oder Tod oder was man anderes erdenken oder nennen kann; und dies alles durch die Kraft und den Geist desjenigen, aus dem sie geboren ist, Christus Jesus.

Mose ging mit der Furcht voran, dann folgte Christus mit der Liebe. Zuerst das erschreckende Gesetz, nachher das tröstende Evangelium; zuerst das Bewusstsein des Zorns in unserem Gewissen, dann das Gefühl der Gnade; zuerst Unfriede, dann Friede; zuerst Trübsal, dann Freude. Kurz, zuerst der tötende Buchstabe, dann der lebendig machende Geist.

Siehe mein Leser, ein Glaube wie dieser ist der rechte, christliche Glaube, der Gott den Vater und seinen Sohn Christus Jesus durch eine liebende Furcht und ehrfurchtsvolle Liebe preist, ehrt und herrlich, heilig und groß macht; denn durch ihn erkennen wir des Vaters uns durch Christus offenbarten Willen; durch ihn, sage ich, erkennen wir, dass alle an die Väter ergangenen Verheißungen, das Warten der Patriarchen, das ganze figürliche Gesetz und alle Prophezeiungen der Propheten in Christus, mit Christus und durch Christus erfüllt sind; dass Christus unser König, Herzog, Herr, Messias und verheißene David ist (Jer 23,5; Offb 5,5; Jes 9,5; Joh 1,1; Kol 1,15; Joh 12,35; Joh 15,1; 10,2; 1Kor 3,11; Jes 28,16; Joh 14,6; 5Mo 18,18; Joh 3,2; 15,5; Tit 2,12; Joh 3,29; 1Tim 2,5; Eph 1,22); der Löwe vom Stamm Juda; der starke Riese, der Fürst des Friedens und der Vater der zukünftigen Welt; Gottes allmächtiges, unbegreifliches, ewiges Wort und Weisheit; der Erstgeborne aller Kreaturen, das Licht der Welt, die Sonne der Gerechtigkeit, der rechte Weinstock, der Brunnen des Lebens, die rechte Tür und der erste Hirte der Schafe; der köstliche Eckstein in Zion, der rechte Weg, die Wahrheit und das Leben; der verheißene Prophet, unser Meister und Lehrer, unser Erlöser, Seligmacher, Freund und Bräutigam. Kurz, unser einziger und ewiger Vermittler, Fürsprecher, Hohepriester, Versöhner, ja, unser Haupt und unser Bruder. Und da wir dieses alles durch den Glauben erkennen, so nehmen wir auch sein Wort recht wahr, hören seine Stimme, folgen seinem Beispiel und Rat treulich nach und scheiden von dem gottlosen Wesen ab; das Herz ist verändert, das Gemüt neu geworden und wir halten uns mit Mose an die zukünftigen Verheißungen, gleich als ob wir sie vor Augen hätten und warten auf sie geduldig mit dem frommen Abraham, bis wir samt allen Auserwählten sie in Wirklichkeit erfüllt und vollendet sehen.

»Es ist aber der Glaube (spricht Paulus) eine gewisse Zuversicht dessen, das man hofft, und nicht zweifelt an dem, das man nicht sieht.« (Hebr 11,1)

Auch sagt er weiter: »Hoffen auf was man sieht, ist keine Hoffnung.« »Gott (spricht Christus selbst) ist ein Geist.« Sein Wort und seine Gnade sind geistlich; die Verheißung des neuen Testaments ist geistlich; sein Reich und Herrschaft sind geistlich; und darum muss man auch alle Dinge durch einen reinen, aufrichtigen und festen Glauben, mit einem offenen Herzen und geistlichen Augen beurteilen und ansehen; aber wir mögen wohl mit Paulus sagen, dass der Glaube nicht jedermanns Ding ist (2Th 3,2).

Alle diejenigen nun, die ihre Ohren vor dem strafenden, drohenden und tötenden Gesetz verstopfen; ihren Gott nicht fürchten wollen; auch das gnadenreiche Evangelium Christi verwerfen; ihn nicht lieben, ihre Augen vor dem Licht der Gerechtigkeit verschließen und den rechten Weg weder sehen noch wandeln wollen; ihre Herzen verstocken und des gerechten Herrn Urteil, Zorn und Ungnade, auch seine Barmherzigkeit und Wohltaten und große Gnade nicht erkennen wollen, die sind ungläubig; denn sie verwerfen Christus Jesus und gehen stolz und mutwillig den verkehrten Weg; sie erwählten sich selber eine Gerechtigkeit und Mittel der Gnade, wider Gottes Wort; des Herrn Weisheit achten sie für Torheit; seine Wahrheit für Lügen; sein Evangelium für Verführung; das tugendsame, christliche Leben für Raserei; den rechten Gebrauch seiner Sakramente für Ketzerei. Offenbare Abgötterei, der Menschen Gebot, Aberglaube und abscheuliche, geschmückte Lügen sind ihr höchster Trost und bester Gottesdienst; ihr Bauch ist ihr Gott; die Welt ist ihnen lieber als der Himmel; alle ihre Lust ist auf Geiz, Habsucht, Hochmut, Pracht, Gold, Silber, Geld und Gut gerichtet; ihr Kaufen und Verkaufen geschieht mit Betrug und Schalkheit; das gemeine Leben ist Trinken, Spielen, Fluchen, Schwören, Hassen, Zank, Fechten, dem Fleisch und seinen Lüsten folgen; sie verleumden und suchen ihres Nächsten Unglück, Unehre, Schande und Schaden. Kurz, sie sprechen mit dem Narr in ihren Herzen:

»Es ist kein Gott.« (Ps 14,1)

Und wiewohl sie mit ihrem Munde sich Gottes rühmen, seinen Namen mit den Lippen preisen, äußerlich ihre Knie vor ihm beugen und sagen, dass sie mit Christi Tod und Blut erlöst sind, so ist dies alles doch nur Heuchelei, denn sie tun es aus gewohnter Verstellung, nicht Kraft des inneren Glaubens, in Macht und Wahrheit. Sie sind diejenigen, von denen geschrieben steht:

»Sie sagen, sie erkennen Gott; aber mit den Werken verleugnen sie es, da sie sind, an welchen Gott Gräuel hat, und gehorchen nicht, und sind zu allem guten Werk untüchtig.« (Tit 1,16)

Und dies darum, weil sie Christus und seinen Worten nicht glauben und solcher Ende der Tod sein wird, wie er sagt: »Wer nicht glaubt, wird verdammt werden.« Ja, er ist bereits verdammt.

Was Paulus sagt ist recht, nämlich:

»Ohne Glauben ist es unmöglich, Gott zu gefallen; denn wer zu Gott kommen will, der muss glauben, dass er ist, und denen, die ihn suchen, ein Vergelter sein wird.« (Hebr 11,6)

O ein offenes Herz! O ein tiefer Verstand! Wenn man diese Worte recht betrachtet, so mag man sich des Geistes und der Weisheit derselben wohl verwundern. Denn wenn wir der Sache reiflich nachdenken, so müssen wir ja vor dem Herrn, der unsere Herzen und Nieren prüft, bekennen, dass wir mit dem Herzen nie geglaubt haben, dass Gott ist; und dass wir daher ein eitles, gottloses Leben geführt haben. Denn es kann nicht fehlen, dass wer von Herzen glaubt, dass Gott ist, auch glaubt, dass sein Wort wahrhaftig ist, dass der Lohn der Sünden der Tod ist, dass alles nackt und bloß vor seinen Augen und vor ihm nichts verborgen ist. Dass wir von allen unsern Gedanken, Worten und Werken, an dem Tage seiner Offenbarung vor seinem Gericht Rechenschaft geben müssen. Und so man dieses alles glaubt, fängt man an, sich vor einem so allwissenden und gerechten Richter zu entsetzen, ja, aus tiefster Seele zu erschrecken und zu zittern.

Zum Zweiten sage ich: Alle die von Herzen glauben, dass Gott ist, die glauben auch, dass er wahrhaftig ist und darum auch niemand wider sein Wort selig machen wird; denn er ist der Gott der Wahrheit und sind keine Lügen in ihm. Sein ausgesprochenes Wort besteht und kann weder gebogen noch gebrochen werden; diejenigen nun, welche dies glauben, fangen an seine Gerechtigkeit zu fürchten; sie werfen alles falsche Stückwerk hinter sich, alle falsche Verheißungen, alle Pfühle und Kissen der falschen Propheten und suchen den Herrn, der sie erkauft hat. Sie werden klein in ihren eigenen Augen, denn das Herz wird erniedrigt. Sie seufzen und weinen, bitten und jammern, klopfen und rufen vor dem Thron der Gnaden, bis dass sie erhört, mit dem Wort seines Friedens, mit der Verheißung seiner Gnade und mit dem Öl seines heiligen Geistes gesalbt, aufgerichtet und getröstet sind.

Zum Dritten sage ich: alle, die da glauben, dass Gott ist, die glauben auch, dass er gnädig und barmherzig ist; dass er uns seinen eigenen Sohn gesandt und geschenkt hat, der uns den rechten Weg gelehrt, das Gesetz für uns erfüllt, des Vaters Zorn versöhnt und uns mit seinem teuren Blut und bitteren Tod erlöst hat; der die Hölle und den Teufel, die Sünde und den Tod überwunden und uns Gnade, Gunst, Barmherzigkeit und das ewige Leben erworben hat; und die traurig bekümmerten Herzen, welche vorhin durch das schreckliche und drohende Gesetz nichts als Gottes Zorn und den ewigen Tod sehen konnten, wurden darum wieder erquickt. Sie werden freimütig, friedsam und fröhlich in dem Geist, empfangen einen fröhlichen Mut und werden mit ihrem Haupt und Seligmacher so vereinigt, verbunden und ihm einverleibt, als durch Gottes Geist und die reine, unverfälschte Liebe eingepflanzt und verbunden, dass sie mit ihm ein Herz, ein Geist und eine Seele sind; auch in ihrer Schwachheit so denken, sprechen und leben, wie er sie in seinem Worte gelehrt und ihnen anbefohlen hat. Sie verleugnen und scheuen alle falsche Lehre, allen Unglauben, alle falschen Sakramente, alle Abgötterei; ziehen aus den befleckten Rock der Sünden, welcher das verkehrte, böse Leben ist, welches aus dem Fleisch herkommt. Sie suchen die Lehre und Sakramente, die ihnen von Christus befohlen sind; den Gottesdienst, der ihnen in der Schrift gelehrt und das unsträfliche, fromme Leben, das aus Gott ist. Denn sie sind durch den Glauben in dem inwendigen Wesen ihres Herzens verändert, umgekehrt und neu geworden; denn sie haben ein versiegeltes, versichertes Gewissen, welches ihnen bezeugt, dass Gott ist, ja, dass er gerecht und wahrhaftig, barmherzig und voll Güte ist. Und darum begehren, suchen und tun sie, sowohl in- als auch auswendig, nur das, was sie durchs Wort erkennen Christi und seiner heiligen Apostel Nachlass und Lehre zu sein.

Nun, meine Brüder, hieraus erseht ihr, welches die eigentliche Art und Natur eines wahrhaften, christlichen Glaubens ist und welch ein großes Geheimnis, welch eine Bedeutung und Kraft und welch einen Geist solche kurze Worte in sich schließen, nämlich: Er muss glauben, dass Gott ist. Wer an ihn glaubt, hat das ewige Leben (Joh 3,15).

»Wer da glaubt und getauft wird, der wird selig werden!« (Mk 16,16)

Wer auf ihn traut wird nicht zuschanden werden (Röm 10) und dergleichen Schriftstellen mehr. Denn darin werden wir uns nimmer täuschen, dass, wo ein wahrer, aufrichtiger, christlicher Glaube ist, da auch ein abgestorbener Mensch, eine neue Schöpfung, eine aufrichtige Buße und ein aufrichtiger, wiedergeborener, unsträflicher Christ ist. Man lebt da nicht mehr nach den Lüsten der Sünden, sondern nach dem Willen dessen, der uns mit seinem Blut erkauft, mit seinem Geist gezogen und mit seinem Wort geboren hat, nämlich Christus Jesus.

Aber wo man den Glauben nur allein in dem Munde hat und wo keine Gerechtigkeit, Veränderung, kein neues Gemüt, noch bußfertiges Leben eintritt, da ist nichts als Unglaube, Heuchelei und Lügen, wie viel man auch von der Schrift reden oder darüber disputieren mag. Diese Regel steht fest und soll nimmermehr gebrochen werden:

»Lebt ihr nach dem Fleisch, so werdet ihr sterben müssen.« (Röm 8,13)

Alle die nun in Pracht und Übermut leben, in Fressen und Saufen, Ehebruch, Hurerei, Geiz, Hass, Neid, Geilheit, Betrügerei oder dergleichen Sünden mehr; die des Herrn heiligen und hohen Namen, Wort, Willen und auch seine Gemeinde lästern; ihren Nächsten verunglimpfen, verleumden, um Ehre, Name, Wohlfahrt, Leib und Gut bringen; bei des Herrn Leiden, Wunden, Sakramente, Kreuz und Tod fluchen und schwören sind ungläubige Heiden und keine gläubigen Christen. Dies ist klarer als der helle Tag, denn ihre Früchte bezeugen vor der ganzen Welt, dass sie nicht der rechte Ölbaum oder Weinstock sind, von welchem man die rechten, reifen Früchte brechen oder sammeln kann; denn wo man sich auf Lehre und Gebote der Menschen vertröstet, eine fremde Taufe, ein fremdes Abendmahl und fremden Gottesdienst gebraucht und übt, die uns Christus nicht gelehrt hat; Vergebung der Sünden durch fremde Mittel, wie z. B. durch Weihwasser, Messen, Beichten, Wallfahrten, etc. zu erlangen sucht und einen verkehrten, krummen Weg wandelt, da kann ein Glaube an Christus und sein Wort nicht vorhanden sein, wie alle bekennen müssen, die auch nur die natürlichen Gaben menschlicher Vernunft besitzen. Aber alle, die Christus als den Sohn Gottes und sein Wort als die rechte Wahrheit erkennen und bekennen, dass seine Gebote das ewige Leben sind, die suchen keinen anderen Gottesdienst, kein anderes Mittel der Versöhnung, auch keinen anderen Weg und kein anderes Leben, als ihnen Christus, Gottes eigener Sohn, durch das Wort seiner Wahrheit vorgeschrieben und gelehrt hat.

Daraus geht deutlich hervor, dass, wo der aufrichtige und wahre Glaube ist, welcher vor Gott gilt, eine Gabe Gottes ist und aus dem Hören der heiligen Schrift hervorgeht, durch den blühenden Baum des Lebens, voll allerlei köstlicher Früchte der Gerechtigkeit, als Furcht und Liebe Gottes, Barmherzigkeit, Freundlichkeit, Keuschheit, Nüchternheit, Demut, Freimütigkeit, Wahrheit, Friede und Freude in dem heiligen Geist; da findet man ebenfalls einen aufrichtigen, evangelischen, frommen Glauben und die wahren, frommen Früchte, nach der Art des Evangeliums.

Ich sage evangelische Frucht; denn die fremde Frucht wie Kindertaufe, Messen, Metten, Vesper, Kappen, Platten, Kirchen, Altar, Glocken kennt das Evangelium nicht, da sie weder von Gott noch durch Christus, seinen Sohn, weder durch die Apostel noch die Propheten befohlen sind, weshalb dieselben auch ein Gräuel und keine gläubige Früchte sind, gleichwie das goldene Kalb, der Dienst Baals, die Berge, Altäre und Kirchen und das Durchsfeuerlaufen ihrer Kinder bei den Israeliten waren.

Der rechte, evangelische Glauben sieht und hat allein Acht auf Christi Lehre, Zeremonien, Gebot, Verbot und unsträfliches Vorbild und schickt sich danach aus allem seinem Vermögen; denn gleichwie das Feuer seiner Natur nach nur Brand und Flammen gebiert und die Sonne nur Klarheit und Wärme, das Wasser Feuchtigkeit und ein Baum, nach seiner eingepflanzten guten Art, nur gute Früchte so auch gebiert der aufrichtige, evangelische Glaube seine aufrichtige, evangelische Frucht und das nach seiner aufrichtigen, guten, evangelischen Art; ja, gleichwie eine ehrliche, tugendsame Braut durch die Kraft und Art der natürlichen Liebe allezeit ihres Bräutigams Stimme zu hören und derselben gehorsam zu sein bereit ist und aus einem aufrichtigen, frommen Gemüt, aus Gunst, Lust und Liebe, die sie für ihn hegt, stets gegen ihn als gegen ihren allertreusten Freund und lieben Mann, den sie aus ganzem, vollem Herzen würdigt und lieb hat, handeln wird; auch bereit ist jederzeit gutwillig um seinetwillen zu leiden, was ihr begegnen oder sie treffen sollte; so verhält es sich auch mit einer aufrichtigen, wiedergeborenen, gläubigen Seele, die sich Christus Jesus, in der Gnade durch den Glauben, zu einer Braut vermählt hat; sie ist ihm durch diese feurige, brennende Liebe so einverleibt und eigen geworden, dass sie sich seiner Liebe und seinem ganzen Willen von ganzer Seele ergibt und willig ist um seines Namens willen alles zu tragen, was ihr zu irgendeiner Zeit begegnen mag; sei dieses Freude oder Trübsal, Sättigung oder Hunger, Labung oder Durst, Preis oder Unehre, gutes Gerücht oder böses Gerücht, Gefängnis oder Freiheit, in der Verbannung oder im eigenen Lande, in Gemach oder Beschwerde, in Leben oder Tod. Solch eine Seele nimmt an der Art und Natur des Bräutigams teil, ist fromm von Herzen und Gedanken; wahrhaftig in Worten und ermangelt nicht des Salzes; alle ihr Pfade sind Gerechtigkeit und Gottseligkeit; sie ist klug wie die Schlange aber ohne Falsch wie die Taube; hat ein unverfälschtes, frommes Gemüt; hat Treue, Ernst, Friede, heißes Gebet, einen unsträflichen Wandel, eine aufrichtige, reine, brüderliche Liebe und einen freiwilligen Gehorsam Christi und seines heiligen Wortes; denn der Gerechte lebt seines Glaubens, wie wir in den folgenden Beispielen aus der heiligen Schrift in unwiderleglicher Kraft und Klarheit durch des Herrn Gnade beweisen und dartun werden.