8  Der 25. Psalm, gebetsweise ausgelegt

Vers 1: Meine Seele habe ich erhoben zu dir, o Herr, ich vertraue auf dich, darum werde ich nicht zu Schanden.

O herrschender Herr, Herr des Himmels und der Erde, ich nenne dich Herr, obgleich ich nicht wert bin dein Diener geheißen zu werden, denn von meiner Jugend auf habe ich nicht dir, sondern deinem Widersacher, dem Teufel, mit Fleiß gedient; dennoch aber zweifle ich nicht an deiner Gnade, denn in dem Worte deiner Wahrheit finde ich, dass du ein reicher, gütiger Herr bist, allen, die dich anrufen. Darum rufe ich zu dir, o Herr, erhöre mich; erhöre mich, o Herr! Mit vollem Vertrauen und einem sichern Gemüt erhebe ich – nicht mein Haupt oder meine Hände, gleichwie die Heuchler in der Synagoge tun – sondern meine Seele. Ich habe sie erhoben, sage ich, nicht zu Abraham, denn er hat uns nie gekannt, noch zu Israel, denn er hat von uns nichts gewusst, sondern allein zu dir, denn du bist unser Herr und Vater, du bist unser Erlöser, das ist dein Name von Alters her. Darum ist es, lieber Herr, dass ich auf dich vertraue, denn ich weiß wahrhaftig, dass du ein getreuer Gott bist, über alle, die dir vertrauen. Bin ich in der Finsternis, so bist du mein Licht; bin ich im Kerker, so bist du mit mir; bin ich verlassen, so bist du mein Trost; bin ich im Tode, so bist du mein Leben; wenn sie mir fluchen, wirst du mich segnen; wenn sie betrüben, wirst du mich erfreuen; wenn sie mich töten, wirst du mich erwecken, und so ich im finstern Tal wandle, so wirst du allezeit bei mir sein. Recht ist es, o Herr, dass ich meine betrübte und elende Seele zu dir erhebe, deiner Verheißung vertraue und mich nicht schäme.

Vers 2: Laß meine Feinde meiner nicht spotten; laß keinen, der sein Vertrauen auf dich setzt, zu Schanden werden.

O Herr der Heerschaaren! O Herr aller Herren! Mein Fleisch ist schwach, mein Elend und meine Not sind groß; dennoch fürchte ich das fleischliche Spotten meiner Feinde nicht; aber ich fürchte mehr und mehr, ich dürfte deinen anbetungswürdigen, erhabenen Namen verleugnen und von deiner Wahrheit abweichen, so dass sie, hoch erfreut über meine Schwachheit und Übertretung, meiner spotten und sagen würden: Wo ist nun sein Gott? Wo ist nun sein Christus? und somit deine göttliche Ehre durch mich gelästert werde. O Herr bewahre mich; bewahre mich, o Herr! Denn meine Feinde sind mächtig und zahlreich, ja, mehr als des Haares auf meinem Haupte und des Grases auf dem Felde; mein unreines Fleisch findet nimmer Ruhe; Satan umringt mich wie ein brüllender Löwe, dass er mich verschlinge; die blutdürstige, rachsüchtige Welt trachtet nach meinem Leben; auch hasst, verfolgt, verbrennt und ermordet sie alle die, welche deinen Preis suchen. O ich elender Mann, ich weiß nicht wohin mich wenden, überall gibt es nur Elend, Trübsal, Jammer, Angst und Schrecken; Streit von innen, und Verfolgung von außen. Dennoch sage ich mit dem König Josaphat: Wenn ich nicht weiß wohin, so erhebe ich meine Augen zu dir und verlasse mich allein auf deine Gnade und Güte, gleich dem Abraham in Gerar, dem Jakob in Mesopotamien, Joseph in Ägypten, Mose in Midian, Israel in der Wüste, David im Gebirge, Hiskia in Jerusalem, gleich den Jünglingen im feurigen Ofen und Daniel in der Löwengrube; ja, alle gottesfürchtigen Väter haben gehofft auf dich, sie haben dein erwartet und sind nicht zu Schanden gekommen.

Vers 3: Alle losen Verächter müssen zu Schanden werden.

O herrschender Herr, gleichwie deine barmherzige Gnade über alle waltet, die dich fürchten, so ergeht auch dein grimmiger Zorn über alle die, so dich verachten, die nach ihren Lüsten wandeln und mit allen Toren in ihren Herzen sagen: Es ist kein Gott; wir haben einen Vertrag mit dem Tod gemacht, und einen Bund mit der Hölle; Gott weiß nichts von unserem Handel; schwere Wolken sind ihm eine Decke, dass er nicht merkt auf die Werke der Menschen. Wir wollen essen und trinken, morgen werden wir sterben; denn unser Leben ist kurz und voller Mühe und Arbeit und es gibt sonst keine Erquickung, wann wir von hinnen gefahren sind; wir wollen ein üppiges Leben führen, solange wir vermögen, und die Kreaturen brauchen wie es uns beliebt; den Armen wollen wir unterdrücken und den Gerechten betrügen, mit dem allerschmählichsten Tod wollen wir ihn verdammen. O lieber Herr, so irrt die ganze Welt, und ist allenthalben nichts denn Lust des Fleisches, Lust der Augen und Hochmut des Lebens, eitel Falschheit, Ungerechtigkeit und Tyrannei, wo man sich auch hinwendet; wenig sind derer, die deinen Namen fürchten. Paulus spricht: »Denn das Trachten des Fleisches ist Tod.« das Urteil ist schon gefällt, lebt man nach dem Fleisch, so muss man sterben, lehrt die ganze Schrift; wenn man sich nicht bekehrt, so ist nichts gewisser, denn dein strenger Zorn. Darum, lieber Herr, drohe, strafe, ermahne und lehre, vielleicht werden sie dennoch einmal Reue empfinden, die Wahrheit erkennen und selig werden; sie sind ja das Werk deiner Hände, nach deinem Bilde geschaffen, teuer erkauft; laß sie nicht zu Schanden werden, gleichwie Kain, Sodom, Pharao und Antiochia zu Schanden wurden, mit allen denen, die dich verachtet haben ohne Grund.

Vers 4: Herr, zeige mir deine Wege, und lehre mich deine Steige.

O Herr der Heerschaaren, ich erkenne durch das Wort deiner Gnade, dass es nur einen einzigen Weg gibt, der zum Leben führt; und dieser ist für das Fleisch enge und schmal, einen Fuß breit, wie Esra sagt, mit Dornenhecken und Gefahren auf allen Seiten umringt; er wird von wenigen gefunden und von noch wenigeren beschritten; er ist gleich einem tief im Acker liegenden Schatz, den niemand finden kann als der, dem derselbe von deinem Geist gezeigt wird. Lieber Herr, es gibt keinen Weg, denn du allein; alle, die durch dich wandeln, werden die Pforten des Lebens finden. Auch gibt es noch einen andern Weg, der dem Fleisch sehr lieblich erscheint und dem Anscheine nach sanft, eben und breit ist; aber sein Ende führt zum Tod. Auf diesem Weg wandelt die ganze Welt ohne Furcht oder Bedenken; und ziehen das Vergängliche dem Unvergänglichen, das Böse dem Guten und Finsternis dem Licht der Welt vor. Sie wandeln alle den verkehrten, breiten, krummen Weg; sie werden müde in dem Wege der Ungerechtigkeit, und erkennen des Herrn Wege nicht. Es ist wohl wahr, der Weg des Irrtums scheint den Toren recht vor ihren Augen, aber ich erkenne durch deinen Geist und dein Wort, dass es der gewisse Weg zu der Hölle Abgrund ist. Darum bitte ich, lieber Herr, sei mir elendem Sünder gnädig, weise mir deinen Pfad und lehre mich deine Wege; denn dein Weg ist der rechte Weg, gottselig und lieblich, demütig, keusch, voll Frieden und alles Guten, und wird meine Seele leiten ins ewige Leben.

Vers 5. Leite mich in deiner Wahrheit und lehre sie mich: denn du bist der Gott, der mir hilft; täglich harre ich dein.

O Herr, Herr! Meine Tränen, sagt David, sind meine Speise Tag und Nacht. Mein Herz erzittert in meinem Leibe, meine Kräfte verlassen mich und das Licht meiner Augen wird trübe und das der unzählbar vielen Gefahren und Schlingen halber, die meiner Seele gestellt werden. Ich bin in steter Furcht, ich dürfte durch menschliche Missgriffe oder vermöge der Verführung Satans von dem Weg deiner Wahrheit gelenkt werden. O Herr, die Schlauheit der Gelehrten ist groß; Satan braucht seine Kunst meisterhaft; etliche lehren nichts als Lehren und Gebote der Menschen, die dann unfruchtbare und faule Bäume sind. Etliche rufen nichts als Gnade, Geist und Christus, zertreten gleichwohl deine Gnade täglich, betrüben deinen heiligen Geist und kreuzigen deinen Sohn mit ihrem eitlen, fleischlichen Leben, wie offenbar am Tag ist. Etliche, die schon einmal früher aus Babylon, Ägypten und Sodom entronnen und unter das Joch und Kreuz Christi getreten waren, sind wiederum dermaßen vom Teufel verschlungen und von den falschen Propheten verführt, gleich als ob sie dein Wort und deinen Willen niemals erkannt hätten. Ja, sieben ärgere Geister sind leider zu ihnen hineingekommen, und der letzte Irrtum ist größer als der erste geworden. Sie decken sich gleichwohl mit deinem heiligen Wort und deiner Ordnung indem sie vorgeben, solches sei dein Wohlgefallen, Wort und Willen, wiewohl du niemals es gedacht, noch viel weniger es gewollt hast; weswegen ich sehr bekümmert und voll Trauer und Herzeleid bin, indem ich wohl weiß, dass dein wahrhaftiges Wort nicht eine verführerische Lüge, wie sie lehren, sondern die rechte Wahrheit ist, die dein untrüglicher Mund auf Erden bezeugt und in dieser betrübten Welt gelehrt hat. Alle, die aus der Wahrheit sind, hören deine Stimme als die Stimme ihres alleinigen Hirten und wahrhaftigen Bräutigams; aber vor der Stimme des Fremdlings fliehen sie, aus Furcht, sie möchten betrogen werden. O Herr! Gedenke deines betrübten und armen Dieners; du bist ein Erforscher aller Herzen, du kennst mich, du weißt, dass ich nichts als deinen Willen suche und begehre. Darum, lieber Herr, richte mich nach deiner Wahrheit und lehre sie mich; denn du bist mein Gott und Herr allein, mein Seligmacher; außer dir kenne ich keinen andern mehr; du bist allein meine Hoffnung, mein Trost, Schild, Burg und Festung, darauf ich mich mit gewissem Vertrauen verlasse und sie täglich in meiner Angst, Trübsal, Not und meinem Elend erwarte.

Vers 6: Herr gedenke an deine Güte und große Barmherzigkeit, die von Anfang der Welt gewesen ist.

O Herr der Heerschaaren, wenn ich in den barmherzigen Wassern deiner Gnade schwimme, so finde ich, dass ich sie weder ergründen noch ausmessen kann, denn dein Erbarmen ist größer, als alle deine Werke. Wer ist, o Herr, jemals mit einem frommen Herzen zu dir gekommen, den du verstießest? Wer hat dich je gesucht und nicht gefunden? Wer begehrte jemals Hilfe von dir und erlangte sie nicht? Wer hat jemals um deine Gnade gefleht ohne zu empfangen? Und wer rief dich jemals an, und blieb unerhört? Ja, lieber Herr, wie viele hast du in Gnaden angenommen, die nach deiner strengen Gerechtigkeit anderes verdient hätten. Adam wich von dir, und glaubte der Schlange Rat, er übertrat deinen Bund und ward als ein Kind des Todes vor dir befunden; deine väterliche Güte aber hat ihn nicht verstoßen, sondern in Gnaden wieder gesucht, gerufen, gestraft, seine Blöße mit einem Rock von Fellen bekleidet und mit dem verheißenen Samen so barmherzig getröstet. Paulus, dein auserwähltes Rüstzeug, wütete gleich einem brüllenden Löwen und reißenden Wolf auf deinem heiligen Berge; dennoch umschien ihn deine Gnade und erleuchtete ihn in seiner Blindheit; vom Himmel kam seine Berufung, du erwählst ihn zu einem Apostel und Diener in deinem Haus. So auch ich, lieber Herr, ich, der Größte unter allen Sündern, der Geringste unter allen Heiligen, bin unwert dein Kind oder Knecht genannt zu werden, denn ich habe gegen den Himmel gesündigt, und vor dir. Doch obgleich ich deinem erhabenen, teuren Wort und heiligen Willen in früherer Zeit mit offenen Augen und aus allen Kräften widerstrebte, und mit vollem Verständnis wider dieselben disputierte, lehrte und lebte, meines Fleisches Gemach und eigenen Preis eifriger suchte, als deine Gerechtigkeit, Ehre, Wahrheit und dein Wort; gleichwohl hat deine väterliche Gnade mich elenden Sünder nicht verlassen, sondern mich in Liebe angenommen; in einen andern Sinn bekehrt, mit deiner rechten Hand geführt und mit deinem heiligen Geist gelehrt, bis dass ich einen freiwilligen Streit wider die Welt, das Fleisch und den Teufel begonnen habe und mich lossagte von allem Gemach und Frieden, aller Lust, Herrlichkeit und Wohlfahrt des Fleisches und mich unter das drückende Kreuz meines Herrn Jesu Christi freiwillig begab, damit ich dereinst, mit allen Streitern Gottes und Jüngern Christi, das verheißene Reich und Erbe erlangen möge. Noch einmal sage ich, deine Barmherzigkeit ist größer als alle deine Werke; darum, lieber Herr, komme mir zur Hilfe, stehe mir bei und tröste mich, tröste mich elenden Sünder. Meine Seele ist in des Todes Nöten, und die Gefahren der Hölle umringen mich; hilf Herr, und bewahre mich, und zürne nicht, gedenke an deine große Güte, deren sie alle teilhaftig geworden sind, die auf deinen heiligen Namen und gnadenreiche Barmherzigkeit gehofft haben, die von Anbeginn der Welt gewesen sind.

Vers 7: Gedenke der Sünden meiner Jugend nicht, noch meiner Übertretung, sondern gedenke mein nach deiner Barmherzigkeit, um deiner Güte willen.

O herrschender Herr, »ich bin aus sündigem Samen gezeugt, und meine Mutter hat mich in Sünden empfangen.« Ich bin aus einem unreinen, sündigen Fleisch entsprungen, der böse Samen ist durch Adam gesät in meinem Herzen, und viel Jammer ist daraus entsprossen. Ich elender Sünder habe meine Gebrechen nicht erkannt, so lang sie mir durch deinen Geist nicht gezeigt wurden. Ich meinte ein Christ zu sein; da ich mich aber recht besah, fand ich, dass ich gänzlich irdisch und fleischlich und außerhalb deines Wortes sei; mein Licht war Finsternis, meine Wahrheit Lügen, meine Gerechtigkeit Sünde, mein Gottesdienst eine offenbare Abgötterei und mein Leben war der sichere Tod. O lieber Herr, ich erkannte mich selber nicht, ehe ich mich in dem Licht deines Wortes betrachtete; da lernte ich mit Paulus meine Blindheit, Blöße, Unreinigkeit und meine angeborene böse Art völlig zu erkennen, und sah ein, dass nichts Gutes in meinem Fleische wohnte; alles, von der Fußsohle bis aufs Haupt, war voll von Wunden und Striemen und Eiterbeulen. Ach, ach, mein Gold war Schaum, mein Weizen war Spreu, alle meine Dienste waren lauter Verführung und Lügen. Ich wandelte vor dir in den Trieben meines Fleisches; fleischlich waren meine Gedanken, meine Worte und Werke ohne Gottesfurcht; wachend oder schlafend war ich unrein, und mein Gebet war Heuchelei. Kurz, alles was ich tat, war Sünde. O Herr! Gedenke doch der Sünden meiner Jugend nicht, die ich wissentlich und unwissentlich so oft begangen habe, noch meiner täglichen Übertretung, der ich mich durch meine große Schwachheit leider immerdar schuldig mache, sondern gedenke meiner nach deiner großen Barmherzigkeit; ich bin blind, erleuchte mich; ich bin nackt, bekleide mich; ich bin verwundet, mache mich heil; ich bin tot, erwecke mich. Ich kenne kein Licht, Leben und Arznei, außer dir; nimm mich in Gnaden an, schenke mir deine Barmherzigkeit, Gunst und Treue, um deiner Güte willen, o Herr.

Vers 8: Der Herr ist gut und fromm, darum unterweist er den Sünder auf dem Wege.

O Herr der Heerschaaren, wiewohl ich von meiner Jugend an so unrecht vor dir gewandelt habe, dass ich mich schäme, meine Augen zu dir zu erheben, der du im Himmel bist, trete ich dennoch vor deinen Gnadenthron; denn ich weiß dass du barmherzig und gut bist, und willst nicht den Tod des Sünders, sondern dass er sich bekehre und das Leben habe. Du sandtest deinen getreuen Diener Mose, der Israel durch der Engel Dienst das Gesetz erteilte, auch deine Knechte, die Propheten, die den Weg der Buße predigten und dem Volk das Brot des Lebens brachen; sie straften die Sünde mit allem Ernst, riefen überall deine Gnade aus und lehrten den rechten Weg; dein scharf durchschneidendes Wort war in ihrem Munde, ihr Leben leuchtete wie der goldene Leuchter, sie waren wie grünende Ölbäume, wie ein angenehmer Geruch köstlicher Spezereien, ja, wie die schönen Berge mit Rosen und Lilien bepflanzt; aber sie wollten ihrer nicht, sondern stießen sie von sich in ihrem Grimm, verhöhnten und verfolgten sie und überlieferten sie dem Tode; dennoch ward der Brunnen deiner Güte nicht erschöpft, vielmehr sandtest du deinen lieben Sohn, das teuerste Pfand deiner Gnade, der dein Wort predigte, deine Gerechtigkeit erfüllte, deinen Willen vollbrachte, unsere Sünden trug, sie mit seinem Blut auslöschte und Versöhnung erlangte; der Teufel, Hölle, Sünde und Tod überwand; Gnade, Barmherzigkeit, Gunst und Friede allen denen verschaffte, die aufrichtig an ihn glauben; sein Gebot ist das ewige Leben; als Boten und Prediger des Friedens sandte er seine Apostel aus, welche diese Gnade durch die ganze Welt verbreiteten; sie leuchteten gleich hell scheinenden Fackeln vor allen Menschen, auf dass sie mich und alle verirrten Sünder auf den rechten Weg führen möchten. O Herr, nicht mir, sondern deinem Namen sei Preis und Ehre; ihre Worte liebe ich; ihrem Brauch folge ich; deinem lieben Sohn Christus Jesus, den sie mir gepredigt haben, glaube ich; seinen Willen und Weg suche ich; deine überfließende, große Liebe erkenne ich, nicht durch mich, sondern durch dich, o Herr, denn du bist gut, und ich böse; du wahrhaftig, ich lügenhaft; du gerecht, und ich ungerecht; unterweise mich, lieber Herr, in dem rechten Weg, unterweise mich, denn ich bin ein Schaf deiner Weide; nimm mich auf deine Hut, unter den Schatten deiner Flügel; bedecke mich, denn ich werde sehr gequält, bin elend und jämmerlich und bis in den Tod betrübt.

Vers 9: Er leitet die Elenden recht, und lehrt die Elenden seinen Weg.

O herrschender Herr, deine gottselige Gnade hat mich umschienen; dein göttliches Wort hat mich gelehrt; dein heiliger Geist hat mich getrieben, bis dass ich den Stuhl der Spötter, den Rat der Gottlosen und den Weg der Sünder verlassen habe. Ich bin gottlos gewesen, und habe das Panier der Ungerechtigkeit getragen manches Jahr; der Erste war ich in aller Torheit; unnütze Worte, Eitelkeit, Spielen, Saufen, Fressen, waren mein Zeitvertreib alle Tage; Gottesfurcht war nicht vor meinen Augen; dazu war ich auch ein Herr und Fürst in Babel geworden; ein jeglicher suchte und begehrte mein, die Welt liebte mich und ich die Welt; der erste Platz war mein bei den Gastmahlen und in Synagogen, den Vorgang hatte ich vor allen Menschen, auch vor den Greisen; ehrerbietig war mir jedermann; wenn ich redete, schwiegen sie; wenn ich winkte, kamen sie; wenn ich sie hinweg sandte, liefen sie; was mir beliebte, das taten sie, meine Worte triumphierten in allen Sachen, der Wunsch meines Herzens war erfüllt; sobald ich aber das alles mit Salomo für Eitelkeit und mit Paulus für Schaden achtete, das hoffärtige, gottlose Leben dieser Welt verließ, dich und dein Reich suchte, das ewig bleiben wird, habe ich allenthalben das Gegenteil gefunden; zuvor war ich geehrt, nun bin ich entehrt; zuvor lieb, nun verhasst; zuvor ein Freund, nun ein Feind; zuvor weise, nun ein Tor; zuvor fromm, nun böse; zuvor ein Christ, nun ein Ketzer; ja, ein Gräuel und Missetäter bin ich einem jeglichen geworden. O Herr tröste mich, bewahre deinen betrübten Diener, denn ich bin über die Maßen arm und elend; meine Sünden erheben sich wider mich, die ganze Welt hasst und verspottet mich; Herren und Fürsten verfolgen mich; die Gelehrten fluchen und schimpfen mich; meine liebsten Freunde verlassen mich, und die, welche mir früher nahe standen, halten sich jetzt fern von mir; wer will sich über mich erbarmen und sich meiner annehmen? Elend bin ich, lieber Herr, erbarme dich meiner und nimm mich an mit Ehren; es gibt niemand, der mich bewahren kann, als du allein; darum bitte ich, lieber Herr, neige dein Ohr zu meiner Bitte, leite mich mit deiner rechten Hand, führe mich auf rechter Straße, auf dass meine Füße sich nicht an den dunklen Bergen stoßen. Ich sehe, dass die Menschenkinder nicht recht lehren und tun, Heuchelei und Betrug finde ich in allem Fleisch; die verführerischen Sekten sind groß und zahlreich; ein jeglicher behauptet das Seine, gleich als ob sie auf einen Felsen gebaut hätten; dennoch haben sie deine Wahrheit nicht. Darum, lieber Herr, lehre mich, und verwirf mich nicht von deinem Angesicht, denn ich bin elend; ich wandle mitten unter Löwen und Bären, die meine Seele zu verschlingen und von dem Weg der Wahrheit abzubringen suchen. O Herr stärke mich, o Herr erhalte mich, auf dass ich auf deinen Wegen bleibe, denn ich weiß wahrhaftig, dass sie die ungefälschte, reine Wahrheit und die gewissen Wege des Friedens sind.

Vers 10. Alle Wege des Herrn sind Güte und Wahrheit, denen, die seinen Bund und sein Zeugnis halten.

O Herr der Heerschaaren, sie rühmen sich alle deiner Gnade und Güte, ungeachtet dessen, dass sie in allem ihrem Tun offenbar als Kinder der Ungnade erfunden werden; sie lügen und betrügen, essen und trinken unmäßig, treiben Unzucht und brechen die Ehe; sie geizen, rupfen, fluchen und schwören ohne alles Maß, und bedecken dann alles mit deiner Gnade und dem Blut Christi; ein jeder singt und ruft: die Barmherzigkeit des Herrn ist groß, Christus ist für unsere Sünde gestorben, unsere Arbeit ist Unrecht und Sünde. Dies ist wohl wahr, lieber Herr, dennoch aber weiß ich, dass sie keinen Teil mit dir haben, dass ihre Hoffnung eitel ist, ihre Arbeit ohne Frucht, und ihre Werke unnütz sind; ja, ihre Hoffnung ist wie eine dürre Distelblume, die von dem Wind hinweg geweht wird; sie werden keinen Teil an deinem Reich haben, denn sie bleiben unbußfertig und glauben deiner Wahrheit nicht. Ach, sie erkennen nicht, dass deine Gnade ewig über diejenigen währt, die dich fürchten und deinen Bund halten. Deine Güte, sagt David, ist deinen Heiligen vorbehalten und dein Aufsehen deinen Auserwählten; deine Augen sehen auf die Gerechten, und deine Ohren neigen sich zu ihrem Gebet; aber dein Angesicht ist über die, so Böses tun, dass du ihr Gedächtnis ausrottest von der Erde. Dein Freund bin ich, wenn ich tue, was du mir befohlen hast. Es ist wahr, lieber Herr, dass Christus uns gegeben ward und dass er für uns starb; aber nicht in solcher Weise, dass wir hinfort nach unsern Lüsten und sündhaftem Willen leben mögen, sondern vielmehr nach deinem guten Willen und Wort, und nach deinen Geboten. Ich weiß, lieber Herr, dass du nicht weniger gerecht als gut bist, die Bösen hasst du, und die Frommen hast du lieb, den Guten bist du ein Freund, aber den Bösen wirst du zu seiner Zeit als ein gerechter Richter erscheinen. Was forderte das reine Blut des ewigen Bundes von Kain und Juda, weil sie deine Gnade verachteten und sich von dem Verdienst deines lieben Sohnes ausschlossen? Was nützt es Pilatus und Herodes, Hannas und Kaiphas, dass sie den gnadenreichen Brunnen deiner Güte, Christum Jesum, mit Augen sahen, ja, mit den Händen berührten, da sie dennoch das fleckenloseLamm, den König aller Ehren, unschuldig zum Kreuz verdammten und zum Tod verurteilten! Aber die deinen Bund halten und dein Zeugnis bewahren, gleichwie Abel, Henoch und Noah, Abraham, Isaak und Jakob zu ihren Zeiten taten, denselben sind deine Wege nichts als Friede und Freude, ja, lauter Barmherzigkeit, Güte und Treue.

Vers 11: Um deines Namens willen, Herr, sei gnädig meiner Missetat, die da groß ist.

O Herr, Herr! Ich bitte mit dem heiligen David, strafe mich nicht in deinem Zorn und züchtige mich nicht in deinem Grimm. Denn ich weiß, dass meine Wunden unrein, stinkend und eiternd sind; meine Sünden haben mich wie eine schwere Last gedrückt, da ist kein Friede in meinem Gebein. Aus dem Grund meines Herzens demütige ich mich mit dem lieben Daniel. O lieber Herr! O du großer und schrecklicher Gott! Ich habe gesündigt, unrecht vor dir getan, bin gottlos gewesen und abfällig geworden; habe nicht in deinen Geboten und Rechten gewandelt, habe deine Gnade verachtet, dein heiliges Wort verstoßen, deinen lieben Sohn gekreuzigt, deinen heiligen Geist betrübt und unrecht gehandelt in allen meinen Werken. O Herr, die Menge meiner Sünden erschreckt mich, ich weiß kein Übel, dass ich nicht getrieben habe. Neidisch war ich mit Kain, stolz und unrein mit Sodom, unbarmherzig mit Pharao, widerspenstig mit Korah, unzüchtig mit Simri, ungehorsam mit Saul, abgöttisch mit Jerobeam, heuchlerisch mit Joab, hoffärtig mit Nebukadnezar, geizig mit Bileam, trunken mit Nabal, trotzig mit Sanherib, gotteslästerlich mit Rapsace, blutdürstig mit Herodes, lügenhaft mit Hannas. Ich sage mit Manasse, dem König, dass meiner Sünden mehr als des Sandes am Meer und der Sterne am Himmel sind; Nacht und Tag quälen sie mich, nichts Gutes wohnt in meinem Fleisch. Es ist alles Ungerechtigkeit und Sünden, was es sucht und wonach es strebt; nicht was ich will, sondern was ich nicht will, das tue ich; ich elender Mensch weiß nicht, wo ich mich hinkehren soll; gehe ich zu mir selber, so finde ich vieles Straucheln, unreine Lüste, ein Fass der Sünden; gehe ich zu meinem Nächsten, so hat er nichts womit er mir helfen kann; denn nur dein Wort allein heilt alle Dinge. Der Lohn der Sünden, sagt Paulus, ist der Tod, aber deine Gnade ist das ewige Leben. Diese Gnade suche ich, diese Gnade begehre ich; denn sie ist allein das Pflaster, welches meine kranke Seele heilen kann. Dieses gebrauchte das sündhafte Weib (Lk 7), sobald sie wahrnahm, in welchem heilsbedürftigen Zustande sie war; dieses gebrauchte auch David, als er Uria unschuldig getötet und dessen Weib Bathseba entehrt hatte. Groß war seine Qual, er sah seine Bosheit und sprach: »Ich habe wider den Herrn gesündigt.« Er begehrte Arznei. Er sagte:

»O Gott, sei mir gnädig nach deiner großen Güte; wasche mich von meinen Sünden, und reinige mich von meiner Bosheit.« (Ps 51,3–4)

Von Stunde an klang das gnadenreiche Wort des Propheten in seinen Ohren: Deine Sünde ist von dir genommen. Sein Herz ward befriedigt; deinen Namen hat er gepriesen, deine Barmherzigkeit weit ausgerufen, und deine Gnade hoch über alle deine Werke gelobt. O Herr! O lieber Herr! Ich betrübter Sünder leide an derselben Krankheit, bin derselben Arznei bedürftig und suche keinen Trost, als bei dir allein; darum verschließe nicht deine Barmherzigkeit, o Herr, um deines heiligen Namens willen. Hilf mir, auf dass ich dir danken und dich preisen möge ewiglich. Wasche ab alle meine Sünden und sei gnädig in aller meiner Missetat, denn sie ist sehr groß.

Vers 12: Wer ist der, der den Herrn fürchtet? Er wird ihn unterweisen den besten Weg.

O herrschender Herr, dein Weg ist der Weg des Friedens; selig ist der, der darauf wandelt, denn Barmherzigkeit, Liebe, Gerechtigkeit, Demut, Gehorsam und Geduld findet man auf dieser Straße. Wer sie beschreitet, der bekleidet die Nackten, speist die Hungrigen, labt die Durstigen, beherbergt den Elenden, straft, droht, tröstet und ermahnt; der ist nüchtern, ehrbar, keusch, recht und schlicht; er gibt keinen Anstoß und sein Ende ist das ewige Leben; aber derjenigen, die solchergestalt in den Wegen Gottes wandeln, gibt es leider nur wenige. Ja, ich fürchte, lieber Herr, dass es unter Tausenden kaum zehn gibt, die diesen Weg finden; kaum fünf, die ihn wandeln; es bleibt, wie es im Anfang war, als es nur vier Menschen auf Erden gab, von welchen die Schrift zeugt, dass zwei ungehorsam waren und der Dritte seinen Bruder ermordete. Es waren nur acht Gerechte, da die Welt ertrank, der eine verspottete noch seinen Vater. In Sodom und Gomorra, mit ihren angrenzenden Städten, waren vier gerechte Personen, die eine sah zurück und ward in eine Salzsäule verwandelt.

Es gingen mehr als sechsmal hunderttausend streitbare Männer aus Ägypten, von welchen aber nur zwei in das gelobte Land kamen; nicht, lieber Herr, dass sie alle verdammt wurden die auf dem Weg starben, aber um ihres Unglaubens willen erlangten sie nicht das ihnen allen verheißene Land Kanaan. Gleicher Gestalt, o lieber Herr, ist auch uns das ewige Land verheißen, wenn wir den Weg wandeln, den du für uns erwählt hast. Nun aber wandeln sie den krummen Weg des Todes; und gleich wie jene nicht das zeitliche Kanaan ererbten, so werden auch diese das ewige nicht ererben. O Herr, ich mag wohl seufzen und sagen: Wer ist, der den Herrn fürchtet? Wer ist, der Verstand hat? Wer ist, der nach Gott frägt?

»Sie sind alle abgewichen und allesamt untüchtig worden; da ist keiner der Gutes tue, auch nicht einer. Ihr Schlund ist ein offenes Grab; mit ihren Zungen handeln sie trüglich; Otterngift ist unter ihren Lippen. Ihre Füße sind eilend, Blut zu vergießen; in ihren Wegen ist eitel Unfall und Herzeleid; und den Weg des Friedens wissen sie nicht; es ist keine Furcht Gottes vor ihren Augen.« (Röm 3,12–18)

Alles was man bei ihnen findet, besteht in Lügen und Untreue; deine Gerechtigkeit verachten und verspotten sie; dennoch singen und sprechen sie viel von deiner Wahrheit und rühmen sich deines hohen Namens, wiewohl nicht eine einzige reife Traube an ihrem Weinstock gefunden werden kann, noch irgendwelche gute Frucht an ihren Bäumen. Die dich aber fürchten, o Herr, weichen von allem Bösen, denn deine Furcht, spricht Sirach, treibt die Sünde aus, und ist ein Anfang der Weisheit. Deine Augen sehen auf die, die dich fürchten; dein heiliger Geist leitet sie; deine gnädige Hand bewahrt sie; sie werden weder erschrecken noch zittern, denn du bist ihr Beschützer und Schirm vor der mittägigen Hitze; du hast ihre Sündenschuld erlassen; sie vor den Folgen ihres Falles errettet; du erleuchtest sie und erfreust ihre Seelen; gibst ihnen Gnade, Segen und reichen Frieden. Wer dich fürchtet, der wandelt rechtschaffen in allen seinen Wegen, denn du unterweist ihn in dem Weg, den du erwählt hast.

Vers 13: Seine Seele wird im Guten wohnen, und sein Same wird das Land besitzen.

O Herr der Heerschaaren! Das ist eine schließliche Belohnung derer, die dich erkennen, dass ihre Seelen im Guten wohnen sollen, und in dem Paradies ihres Gottes, auf dem Berge Zion, in dem himmlischen Jerusalem, in der Gemeinde des lebendigen Gottes, in der Versammlung der Gerechten, die in dem Himmel angeschrieben sind. Sie sind von der Hölle, Sünde, dem Tod und Teufel erlöst, und dienen vor dir, in Freude und Fröhlichkeit ihrer Herzen, ihr Leben lang; sie schlafen alle ohne Furcht, denn du bist ihre Stärke und Schild; sie ruhen unter dem Schatten deiner Flügel, denn sie sind dein; sie friert nicht, denn du erwärmst sie mit den Feuerstrahlen deiner Liebe; sie hungert nicht, denn du speist sie mit dem Brot des Lebens; sie dürstet nicht, denn du labst sie mit dem Wasser des heiligen Geistes; ihnen mangelt nichts, denn du bist ihr Schatz und Reichtum; sie wohnen in dem Haus des Friedens, in der Hütte deiner Gerechtigkeit und in sicherer Ruhe. Ihre Lust haben sie in deinem Gesetz, und reden von deinem Wort Tag und Nacht, mitten unter allen Völkern; sie waschen ihre Seelen in dem klaren, lautern Wasser deiner Wahrheit, sie beschauen ihr Gewissen in dem klaren Spiegel deiner Weisheit; ihre Gedanken sind recht und schlecht; ihre Worte sind die der Gnade, mit Salz gewürzt. Ihre Worte sind lautere Wahrheit und Treue, das Licht ihrer Frömmigkeit leuchtet stets um sie her. Was sie suchen, finden sie; was sie begehren, erlangen sie; ihre Seelen wohnen in der Fülle deiner Güter, der Tau deiner Gnade hat sie besprengt; der Acker ihres Gewissens trägt Wein und Öl über alle Maßen; und obgleich sie in ihrem Fleisch bisweilen viel Jammer, Elend und Trübsal tragen müssen, so wissen sie dennoch wohl, dass der Weg des Kreuzes der des Lebens ist. Sie schämen sich nicht den Weg des Kreuzes zu gehen, und des Herrn Waffen zu tragen. Sie gehen geduldig mit Christo in den Kampf und streiten ritterlich, bis dass sie den Preis errungen und die verheißene Krone empfangen haben. Nichts kann ihnen im Wege stehen, denn sie sind Teilhaber an deinem Geiste geworden und haben deine Süßigkeit geschmeckt. Sie wanken und weichen nicht; ihr Haus steht auf einen festen Stein gebaut; sie sind wie Pfeiler in deinem heiligen Tempel; sie haben von deinem verborgenen Himmelsbrot gegessen. O Herr, dir sei Preis! Deine Furcht bleibt stets vor ihren Augen, in deinem Weg wandeln sie, darum wird ihre Seele im Guten wohnen und ihr Same, von dem heiligen Geist und Wort geboren, wird das Land der Lebendigen besitzen, darin du und deine Auserwählten in fröhlicher Herrlichkeit regieren in alle Ewigkeit.

Vers 14: Das Geheimnis des Herrn ist unter denen die ihn fürchten, und seinen Bund lässt er sie wissen.

O Herr, Herr, die Gedanken meines Herzens erschrecken mich; mein ganzes Inneres erzittert, weil ich mit Esra erkenne, dass so viele unnütz und vergeblich geboren werden. Was soll ich sagen lieber Herr? Soll ich sagen, dass du die Bösen zu dem Bösen verordnet hast, gleichwie etliche tun? Das sei ferne. Ich weiß, dass du das ewige Prinzip des Guten bist, und dass darum nichts Böses bei dir gefunden werden kann; wir sind das Werk deiner Hände, geschaffen in Christo Jesu zu guten Werken, dass wir darinnen wandeln sollen. Wasser und Feuer, Leben und Tod hast du unserem Willen anheimgestellt. Du willst nicht den Tod des Sünders, sondern dass er sich bekehre und das Leben habe. Du bist das ewige Licht, darum hasst du alle Finsternis an mir. Du willst nicht, dass jemand verloren gehe, sondern dass er Buße tue, zu der Erkenntnis deiner Wahrheit komme, und selig werde. O lieber Herr, wie jämmerlich haben sie deine unaussprechlich große Güte, deine ewige Barmherzigkeit und deine allmächtige Majestät in dieser Hinsicht gelästert, indem sie dich, o Gott aller Gnaden und Schöpfer aller Dinge, zu einem solchen grausamen Teufel gemacht haben; nämlich, dass du eine Ursache alles Bösen sein solltest, der du ein Vater des Lichts genannt wirst (Jak 1,17). Es ist offenbar, dass aus Gutem kein Böses, aus Licht keine Finsternis, aus dem Leben nicht der Tod, und aus Gott kein Teufel hervorgehen kann; dennoch aber wollen sie ihr verstocktes Herz und fleischliches Gemüt deinem Willen zuschreiben, damit sie keine Ursache haben, den breiten, gemächlichen Weg zu verlassen, sondern einen Deckmantel für ihre Sünden haben; solches geschieht darum, weil sie weder deine göttliche Güte erkennen, noch ihre eigene angeborene Bosheit. O Herr Gott, du hast uns mit ewiger Liebe geliebt, du hast uns auserwählt ehe die Welt gegründet ward, dass wir unsträflich und heilig vor dir sein sollen in der Liebe, ohne zu achten was wir von dem treuen Paulus in Bezug auf Esau, Pharao und Israel geschrieben finden; er hat es alles zu unserm Besten getan, damit wir nicht uns, sondern seinem Namen die Ehre beimessen. Was haben wir elende Sünder, dessen wir uns rühmen könnten? Was haben wir, das wir nicht von dir empfangen haben? Ja, es ist doch aus deiner Fülle alles was wir haben, dessen danken dir alle, die dein Wort erkennen. O lieber Herr, das Geheimnis deines heiligen Worts wird nicht den Reichen, den Edlen, noch den Weisen sondern den armen, einfältigen, kleinen Kindern gegeben. Christus sprach:

»Ja, Vater, so ist es wohlgefällig gewesen vor dir.« (Mt 11,26)

Jesaja sagt, dass du den Elenden ansehen willst und den, der zerbrochenen Geistes ist, und der sich fürchtet vor deinem Wort. Darum, lieber Herr, bitten wir Elenden, leite uns in deiner Wahrheit, lehre uns deine Geheimnisse, mache uns recht die Kraft deines Bundes kund, den du gänzlich ohne unseren Verdienst, aus lauter Huld und Gnade, in Christo Jesu mit uns gemacht hast, damit du unser seiest, und wir dein. Denn dein Geheimnis wird bei denen gefunden, die dich fürchten, und sie lässt du deinen Bund wissen.

Vers 15: Meine Augen sehen stets auf den Herrn, denn er wird meinen Fuß aus dem Netze ziehen.

O herrschender Herr, ich sage mit dem Propheten: »So du willst Sünde zurechnen, Herr, wer wird bestehen?« Ich elender, großer Sünder habe mit vollen Lüsten mein Herz gekehrt zu aller Torheit, zu Gold und Silber, zu Pracht und Übermut, zu einem fremden und verbotenen Fleisch. Ich habe meine Augen gekehrt zu offenbaren Abgöttern, zu Holz und Steinen und viele Jahre ihnen gedient, auf allen hohen Bergen und unter allen grünen Bäumen, wie der Prophet sagt. Meine Abgötter richteten sich nach der Zahl der Tage. Ich habe meine Knie gebeugt vor einem geschnittenen und gegossenen Bild, und gesagt: Erlöse mich, du bist mein Gott; ich suchte das Gesicht bei den Blinden, das Leben bei den Toten, und Hilfe bei denjenigen, die sich selber vor dem Staub, Rost, den Dieben und Würmern nicht zu bewahren vermochten. Ja, ich habe zu einer schwachen, verderblichen Kreatur gesagt, die aus der Erde gewachsen, in der Mühle gebrochen, von dem Feuer gebacken war, die ich mit meinen Zähnen zerbissen und mit meinem Bauch verzehrt habe, nämlich zu einem Mund voll Brot: du hast mich erlöst; gleichwie Israel zu dem goldenen Kalb:

»Das sind deine Götter, Israel, die dich aus Ägypten geführt haben!« (2Mo 32,4)

O Gott, solchergestalt habe ich elender Sünder mit der babylonischen Hure gebuhlt viele Jahre; denn ich meinte, sie wäre eine ehrbare, ehrliche, keusche Frau, eine Königin der Gerechtigkeit, die herrlich, heilig und angenehm wäre vor deinen Augen, denn ich sah sie geziert mit Purpur und Scharlach, mit Gold, Edelgestein und Perlen, einen goldenen Becher in ihrer Hand, gewaltig über alle Könige auf Erden; darum wusste ich nicht, dass sie so über die Maßen der Lustseuche verfallen war; dass in einem solchen schönen Becher ein so großer Gräuel enthalten war; dass sie eine solche unverschämte, schändliche Hure und Mörderin war, die den Erdboden verführte, die Auserwählten verfolgte und das Blut der Heiligen trank. Aber nun habe ich ihre abscheuliche Schande mit meinen Augen gesehen und bin sehr erschrocken, dieweil ich dich, o lebendiger Brunn, so lange verlassen und mich der unnützen Pfützen getröstet habe, die kein Wasser geben können; dass ich deine Ehre den Bildern und Kreaturen gegeben und das Geschöpf vielmehr denn den Schöpfer geehrt habe, der gelobt ist in Ewigkeit. Es ist auch zum Teil durch die Betrüglichkeit meiner Augen geschehen, weil ich durch den herrlichen Schein des vorerwähnten Weibes in meinem Herzen bezaubert stand. Aber nun, lieber Herr, sehen meine Augen stets auf dich, bis dass ich von dir erhört werde; ich sehe stets auf den Stuhl deiner Gnaden mit festem Vertrauen, bis dass ich Barmherzigkeit und Gnade bei dir erlange; denn du allein bist es, der mir in meiner Versuchung helfen und meine verstrickten Füße aus dem gottlosen Netz der Sünde erlösen kann.

Vers 16: Kehre dich zu mir, und sei mir gnädig, denn ich bin einsam und elend.

O Herr der Heerschaaren, meine Sünde, Schuld und Übertretung verberge ich nicht vor dir, sondern bekenne unverhohlen, dass ich meine vergangenen Jahre nach dem Willen der Heiden zugebracht, und mit ihnen gewandelt habe in allerlei gottlosen Lüsten, in Stolz und Übermut, in Fressen und Saufen und in jämmerlicher, blinder Abgötterei. Ich tat alles, was meinem bösen Fleisch gefiel; war ein Kind des Zorns, gleichwie die andern; dein heiliger Name war mir ein Spott; dein Wort war mir eine Fabel; auf deine Gnade gestützt, vollführte ich jede Art der Bosheit; ich war gleich wie die übertünchten Gräber, auswendig sittsam, keusch, mild; es gab niemand, der an meinem Wandel ein Fehl finden konnte; inwendig aber war ich voller Totengebeine und allen Unflats; von außen war mein Becher rein, aber inwendig war er voll Raubs und Fraßes. Was meine heimlichen Bestrebungen anbelangt, so muss ich mich schämen, dieselben zu erwähnen; alle meine Gedanken waren unsauber, eitel, stolz, ehrgeizig und gottlos; Ungunst, Hass, Neid, Rache und Feindschaft hatte ich in meinem Herzen; meine Begierde neigte sich zu allem Bösen, ich sündigte ohne Maßen; ich fürchtete weder Gott noch den Teufel, weder Gesetz noch Evangelium, weder Hölle noch Himmel; es gab nichts, das mich erschrecken konnte; ich achtete weder dein, noch deines Worts; meine Laufbahn war die der Bosheit; ich suchte nichts als die Freundschaft und Liebe dieser Welt. Ich machte mich solcher Abscheulichkeiten, als des Ehebruchs, der Hurerei etc. vor den Menschen nur deshalb nicht schuldig, weil ich ihre Gunst und meinen guten Ruf zu verlieren fürchtete, nicht aus Furcht vor dir; außerdem wurde meine Eitelkeit Kurzweil, meine Trunkenheit Fröhlichkeit, meine unreine Lust Liebe, meine offenbare Sünde Gebrechlichkeit, meine Hoffart Ehrbarkeit, und meine Abgötterei ein rechter Gottesdienst genannt; aber all mein Handel, heimlich oder öffentlich, war vor deinen Augen nicht verborgen. So habe ich betrübter Sünder mein Leben zugebracht und habe dich, o Gott der Gnaden, nicht für meinen Gott, Schöpfer und Erlöser erkannt, bis dein heiliger Geist mich durch dein Wort gelehrt, mir deinen Willen eröffnet und mich zum Teil zur Erkenntnis deiner Geheimnisse geführt hat; nun sehe ich ein, wie unehrlich ich vor dir gewandelt habe; nicht anders, als ob ich in dein Angesicht gespien, dich gröblich beleidigt und als einen Toren verspottet hätte. O Herr, lieber Herr, einsam und elend bin ich, meine Sünden sind zahlreich und groß, mein Gewissen nagt mich, meine Gedanken erschrecken mich, mein Herz klagt und seufzt, weil ich so gräulich vor dir gesündigt habe; meine Sünden haben mich von dir geschieden, dein Angesicht vor mir verborgen, und deinen Zorn über mich gebracht; ja, eine Speise und ein Brand der Hölle bin ich geworden; je länger und größer aber meine Betrübnis, desto stärker und köstlicher war mir der Trost deines Wortes, welches mich deine Barmherzigkeit, Gnade, Huld und die Erlösung von meinen Sünden durch Christum, deinen lieben Sohn, unsern Herrn, lehrte, und solches ungeachtet dessen, dass ich dich zuvor weder erkannt noch gefürchtet hatte. Diese Verheißung befriedigt mich, diese Verheißung erfreut mich, diese Verheißung führt mich mit dem sündigen Weibe zu deinen gesegneten Füßen, mit einem gewissen Vertrauen und freien Gemüt, wohl wissend, dass du deinen wiederkehrenden Sohn nicht mit Ungnaden von dir stoßen wirst, wiewohl ich dein väterliches Erbe und Gut so unehrlich mit Huren und Buben in fernen fremden Landen, in meiner Ungerechtigkeit verzehrt habe. Mein Gott, kehre nun das liebliche Angesicht deines Friedens zu mir, ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir; lege die Hand deiner Gnaden auf mich, sei mir armem, betrübtem Sünder gnädig, denn ich bin einsam und elend.

Vers 17: Die Angst meines Herzens ist groß, führe mich aus meinen Nöten.

O Herr, Herr, mein Herz weint und klagt, mein Gewissen zittert und bebt; meine Seele ist wie eine betrübte Mutter, die ihres einzigen Kind beraubt ist, und nicht getröstet werden kann, denn ich ruchloser Sünder habe so lange Jahre deine göttliche Liebe und deine väterliche Güte nicht recht gesucht, sie nicht recht erkannt, nie recht gewürdigt. Ich habe wüster gelebt als ein unvernünftiges Tier, denn dieses folgt, in Bezug auf seine tägliche Nahrung etc., nur seinem Instinkt, den es nicht überschreitet und lässt das Naturgesetz unverletzt; ich aber lebte unnützer, sündlicher, unmäßiger und ungerechter und verging mich mehr gegen die Gesetze der Natur, als mein gottloses Fleisch aus natürlicher Neigung begehrte. Es war mir bewusst, dass die Begierden meines Fleisches zum Tode führen würden; dein Geist warnte mich oft vor dem Bösen, doch wurden diese Warnungen von meinem Fleische unterdrückt. In jeder Hinsicht war ich ein Sklave der Sünden und ein geschworner Kämpfer der Ungerechtigkeit geworden. Ich trank die Sünde gleich Wasser; meine Lust war in aller Torheit und Eitelkeit, die ausgestreckte Hand deiner Gnade sah ich nicht; deine rufende Stimme hörte ich nicht; deine einladende Liebe wollte ich nicht. Kurz, ich hasste deine Erkenntnis und warf deine Furcht von mir; und nicht genug daran, lieber Herr, dass ich in meiner Unwissenheit so schlecht und gottlos handelte und wandelte, sondern ich finde jetzt noch, dass meine Gerechtigkeit wie ein unreines Kleid ist. Wenn ich meine, dass ich gehe, so falle ich; dass ich stehe, so liege ich; und dass ich etwas bin, so bin ich gar nichts. Darum, o lieber Herr, bewahre mich, denn die Angst meines Herzens ist über die Maßen groß, ja, größer als ich sagen oder schreiben kann; mir ist oftmals als einem Weib das in Kindesnöten ist; mein Angesicht ist bleich, aus Furcht vor dir; meine Hände sind auf meinen Lenden, um meines Herzens Qual willen; die Gefahr der Hölle umringt mich; das Fette und Mark in meinen Beinen vertrocknet; denn es gilt hier weder Geld noch Gut, Fleisch noch Blut allein, sondern es gilt meine elende, nackte Seele, das ewige Leben, oder den ewigen Tod; ich bitte darum, verlass mich nicht, lieber Herr, sondern öffne die Augen deiner Barmherzigkeit und sieh an meine schwere Last und große Angst, stehe mir bei und errette mich aus allen meinen Nöten.

Vers 18: Sieh an meinen Jammer und mein Elend, und vergib mir alle meine Sünde.

O herrschender Herr, wenn die Gerechten zu dir rufen, so erhörst du sie, und errettest sie aus ihrer Not; du bist nahe bei denen, die zerbrochenen Herzens sind, und hilfst denen, die ein zerschlagenes Gemüt haben; die Opfer, die Gott gefallen, sind ein geängstigter Geist; ein geängstigtes und zerschlagen Herz wirst du, Gott, nicht verachten. Du hast deinen lieben Sohn gesandt, gesalbt mit deinem heiligen Geist, den Armen das Evangelium zu verkündigen, die zerstoßenen Herzen zu heilen, den Gefangenen zu predigen, dass sie los sein sollen, und den Blinden das Gesicht, und den Zerschlagenen, dass sie frei und ledig sein sollen; und zu predigen das angenehme Jahr des Herrn (Lk 4,18); zu trösten alle Traurigen, zu versorgen die Wehmütigen in Zion, dass ihnen Zierde für die Asche, Freudenöl für Traurigkeit und schöne Kleider für einen betrübten Geist gegeben werden. Er verkündigte Erlösung allen denen, die beschwert und beladen sind und mit getreuem Herzen zu ihm kommen; er ladet alle Durstigen zu dem Wasser des Lebens ein; all unsere Sünden trug er an dem Holz, an seinem Leibe; und unsere Schuld tilgte er mit seinem Blut; gleichwie einst Mose durch Sinnbilder und im figürlichen Sinne tat, als er das unreine Israel mit dem Blut von Ochsen und Böcken und der Asche der jungen Kuh besprengte; unter dem Gesetz wurde beinahe alles durch Vergießen von Blut gereinigt (4Mo 19; Hebr 9). Hatte das figürliche Blut nun eine solche Kraft, dass es zur Reinigung des Fleisches heiligen konnte, um wie viel mehr wird das reine Blut deines lieben Sohnes, der sich selber unbefleckt durch den ewigen Geist opferte, unsere Gewissen von den toten Werken reinigen. O lebendiger Gott, durch die Verdienste deines Sohnes und den Reichtum deiner Gnade empfangen wir die Vergebung unserer Sünden; ja, durch sein Blut versöhntest du alles hier auf Erden und oben im Himmel. Ich erkenne daher, lieber Herr, dass ich kein Mittel wider meine Sünden habe oder kenne – denn weder Werke noch Verdienst, weder Taufe noch Abendmahl sind von Belang, wiewohl alle aufrichtigen Christen sich derselben als Zeichen deines Wortes bedienen und sie in hohen Ehren halten – als allein das teure Blut deines lieben Sohnes, welches du mir geschenkt hast, und der mich elenden Sünder aus lauter Gnade und Liebe von dem eitlen Wandel meines vorigen Lebens barmherzig befreit hat; darum, o Gott der Wahrheit, bei welchem keine Lüge gefunden wird, gedenke der Worte deines Propheten, die er in deinem Namen geredet hat, nämlich:

»So der Gottlose sich bekehrt von allen seinen Sünden die er getan hat, und hält alle deine Rechte, und tut recht und wohl, so soll er leben, und nicht sterben; es soll aller seiner Übertretung, so er begangen hat, nicht gedacht werden.« (Hes 18,21–22)

O mein Gott, sieh nicht auf mich, sondern auf den ewigen Melchisedek, Christum Jesum, den du zu einem Hohenpriester über dein Haus gesetzt hast; auf den gesegneten König deiner Gerechtigkeit, der keinen Anfang noch Ende der Tage gehabt hat und ein Hoherpriester bleibt in Ewigkeit; der sich selber keine Ehre beimaß, sondern, dem Aaron gleich, von dir ordiniert wurde; der mit lauter Stimme und Tränen zu dir rief und von dir erhört wurde, weil er dich in Ehren hielt – um seinetwillen erhöre mich, um seinetwillen nimm mich an, um seinetwillen sei mir gnädig und tröste deinen betrübten Diener. Ich habe keinen Trost, weder im Himmel noch auf Erden, als dich allein; erbarme dich über meinen großen Jammer und Elend; mein unreines, sündliches Fleisch quält mich, meine böse Art ficht mich an; außerdem bin ich deines Wortes wegen bei allen Menschen ein Auswurf, ein Abschaum und ein Beiname geworden. Alle, die von mir hören, schütteln ihre Häupter über mich; auswendig und inwendig finde ich keine Ruhe. Ich sage noch einmal, meine Sünden streiten gegen mich, meine Seele ist in Trübsal und Schmerzen; darum, lieber Herr, bitte ich nicht um Gold und Silber, denn sie können mir nichts nützen am Tage des Zorns, auch nicht um ein langes Leben, das doch allezeit den verkehrten Weg geht; aber das bitte und begehre ich von dir allein, aus meines Herzens Grund, dass du mich elenden Sünder anschaust mit den gnädigen Augen deiner Barmherzigkeit, dass du dich über meine große Not erbarmst, mich mit deinem heiligen Geist tröstest und hinweg nimmst alle meine Sünden.

Vers 19: Siehe, dass meiner Feinde so viele sind, und hassen mich aus Frevel.

O Herr der Heerschaaren, da ich mit der Welt eins war, redete und tat ich wie die Welt und die Welt hat mich nicht gehasst; aber sobald ich den mir gezeigten Brief aufaß, ist derselbe, obgleich er süß wie Honig in meinem Munde war, doch in meinem Bauch sehr bitter geworden, denn es stand darin geschrieben Klage, Ach und Wehe (Hes 2,10). Da ich der Welt diente, hat die Welt mich belohnt; sie haben mich alle gepriesen, gleichwie die Vorväter die falschen Propheten. Seitdem ich aber der Welt mit einer gottseligen Liebe entgegen komme und ihre Seligkeit und Wohlfahrt von Herzen suche, sie mit deinem heiligen Wort ermahne, strafe und lehre und sie auf den gekreuzigten Christum Jesum hinweise, ist sie mir ein schweres Kreuz und wie bittere Galle geworden; und so feindselig ist ihr Hass, dass nicht nur ich allein, sondern auch alle, die mich liebten und mir Barmherzigkeit und Gunst erwiesen, an etliche Orten Banden und Tod erwarten mussten. O lieber Herr, ich bin in ihren Augen verächtlicher als ein offenkundiger Dieb und Totschläger; ich bin gleich wie ein verlassenes Schaf in der Wüste dieser Welt, den reißenden Wölfen preisgegeben, von ihnen gejagt und in den Tod gehetzt. Bin ich nicht gleich einem Hoffnungslosen; verlassen und hilflos wie ein Schiff auf hoher See, ohne Mast, Segel oder Ruder, und von allen Stürmen und Wellen einher getrieben? Mein Fleisch hätte beinahe gesagt: Ich bin betrogen, dieweil ich das ungerechte, ruchlose Volk so herrlich, reich, glücklich und in so großer Ruhe und Frieden finde, während die Gottesfürchtigen so viel Hunger, Durst, Zwang und Kummer leiden müssen; ihre Wohnung ist unsicher, mit Mühe gewinnen sie ihr Brot; sie werden verflucht, verspottet, verfolgt und als ein Gräuel und Anstoß von allen Menschen gehasst. O lieber Herr, meine Feinde sind zahlreich und groß, ihre Herzen brüllen wie die grimmigen Löwen, ihre Worte sind tödliche Pfeile, ihre Zunge ist allezeit wider mich; einmal schilt man mich einen argen Verführer, dann wiederum bin ich ein verfluchter Ketzer, wiewohl ich durch deine Gnade nichts als die unumstößliche Wahrheit habe. So bin ich nun ihr Todfeind, weil ich sie auf den rechten Weg weise. O Herr! Ich schäme mich meiner Lehre vor dir und deinen Engeln nicht, noch weniger vor dieser widerspenstigen Welt, denn ich weiß wahrhaftig, dass ich dein Wort lehre. Ich habe nichts anderes gelehrt als eine wahre Buße, das Absterben unseres sündlichen Fleisches und das neue Leben, welches aus Gott ist. Ich habe den rechten, wahrhaftigen Glauben an dich und deinen geliebten Sohn gelehrt, damit er durch die Liebe tätig und kräftig werde. Ich habe Christum Jesum gelehrt und dass er für uns gekreuzigt ward, wahrer Gott und wahrer Mensch sei, welcher, auf eine unbegreifliche, unaussprechliche und unbeschreibliche Weise von dir geboren und welcher dein ewiges Wort und deine Weisheit, der Glanz deine Herrlichkeit und das ausgedrückte Bild deines Wesens ist und zur erfüllten Zeit durch die Kraft deines heiligen Geistes in Maria, der unbefleckten Jungfrau, wahrhaftiges Fleisch und Blut, ja, ein sichtbarer, fühlbarer und sterblicher Mensch ward; Adam und seinen Nachkommen in allem gleich, ausgenommen die Sünde; aus dem Geschlecht oder Samen Abrahams und Davids geboren, gestorben, begraben, wieder auferstanden, gen Himmel gefahren und so unser einziger und ewiger Fürsprecher, Mittler, Fürbitter und Erlöser bei dir geworden. Haben dieses nicht alle Propheten, Apostel und Evangelisten von Anfang mit großer Klarheit gelehrt, so will ich gerne meine Schande und Strafe tragen. Ich habe keine andere Taufe, kein anderes Abendmahl und keine andere Ordnung gelehrt, als die, welche der wahrhaftige Mund unsers Herrn Jesu Christi und die offenbaren Exempel und Gebräuche seiner heiligen Apostel uns nachgelassen haben; ich lasse unerwähnt die zahlreichen Beweise, welche in dieser Beziehung durch die Geschichte und die Gelehrten sowohl der ersten als der gegenwärtigen Kirche geliefert werden. Da ich nun meine Lehre mit deinem klaren, unaussprechlichen Wort und mit der Ordnung deines Sohnes bewähre, wer kann mich strafen und in Wahrheit überzeugen, dass ich ein Verführer sei? Lehrt nicht die ganze Schrift, dass Christus die Wahrheit ist und ewig bleiben soll? Ist nicht die apostolische Kirche die rechte, christliche Kirche? Wir wissen, dass alle menschlichen Lehren Schaum und Spreu sind, und dass der Antichrist die Lehre Christi verfälscht und verwüstet hat; warum hassen sie mich denn, da ich die rechte, reine Lehre Christi und seiner Apostel in reinem Eifer unverfälscht lehre und erkläre? Hasst doch niemand des Antichristen Gegenpartei, als die, welche seine Glieder sind. Hätte ich Christi Wort nicht, wie gerne würde ich wollen, dass man es mich lehre, denn ich suche es mit Furcht und Zittern; dies Bewusstsein schützt mich vor Betrug. Ich habe deiner heiligen Wahrheit durch deine Gnade geglaubt und dieselbe durch deinen heiligen Geist angenommen als das gewisse Wort deines Wohlgefallens; es wird mich auch nicht betrügen in Ewigkeit. Lasst sie schreiben und rufen, drohen und disputieren; lasst sie pochen, trotzen und groß reden, ausrotten, verfolgen und töten, wie es ihnen beliebt; dein Wort wird triumphieren und das Lamm den Sieg behalten. Ja, ich bin dessen sicher und gewiss, dass ich mit dieser meiner Lehre, die dein Wort ist, am Tage der Offenbarung Christi nicht allein die Welt, sondern auch die Engel urteilen und richten werde. Und ob ich schon mit meinen lieben Mitbrüdern in den Grund ausgerottet und wir alle von der Erde hinweg genommen würden, so wird dennoch dein Wort ewig die Wahrheit bleiben. Wir sind nicht besser als unsere lieben Mitgenossen, die vor uns gewesen sind. Dennoch aber wird die Zeit kommen, wenn sie deine Macht wahrnehmen und vielleicht auch zu spät auf ihn sehen werden, den sie so grausam durchstachen. O Herr! Mit welchem ungerechten Hass hassen sie mich; wen habe ich mit einem einzigen Wort verunglimpft? Wen habe ich um einen Pfennig gekürzt? Wessen Gold oder Silber, Kuh oder Kalb, Ochsen oder Esel habe ich begehrt? Ich habe alle Menschen lieb gehabt mit reiner Liebe bis in den Tod; dein Wort und Willen habe ich sie gelehrt und den Weg der Seligkeit mit großem Fleiß und Ernst durch deine Gnade ihnen angewiesen; darum sind meiner Feinde so viele, und hassen mich aus Frevel.

Vers 20: Bewahre meine Seele, und errette mich, und laß mich nicht zu Schanden werden, denn ich traue auf dich.

O Herr, Herr! Das Wort Pauli erschreckt mich, der da spricht: »Wer da steht, der sehe zu, dass er nicht falle; wer da meint er sei etwas, so er doch nichts ist, betrügt sich selber«, denn alles Fleisch, von deinem Geist verlassen, ist doch gänzlich blind in geistlichen Dingen, ja, ist der Sünde und dem Tode verfallen, wie ich öffentlich in meinen Bemerkungen über David und Petrus hervorgehoben habe; denn obgleich David ein großer Prophet und ein Mann nach deinem Herzen war, getreu in allen deinen Wegen, wo blieb aber dessen ungeachtet seine Keuschheit, seine Liebe, seine Demut und die Furcht vor seinem Gott? Sank er nicht zu einem öffentlichen Ehebrecher, Mörder und Prahler herab, bis dein Geist ihn wiederum durch das Wort des Propheten erleuchtete und er erkannte, wie tödlich er gesündigt und wie töricht er vor dir gehandelt hatte? Auf ähnliche Weise trug es sich auch mit Petrus zu; er anerkannte Christum, deinen lieben Sohn, nicht mittels Fleisch und Blut, sondern durch den Geist deiner Gnade, wurde von Christo ein Stein und Fels genannt, war bereit mit Christo ins Gefängnis und in den Tod zu gehen; die Versuchung kam, dein Geist wich eine kurze Zeit von ihm; da konnte er nicht die geringfügige Bemerkung einer Magd ertragen, sondern verleugnete Christum, und schwur, dass er ihn nicht kenne; sobald aber Christus ihn ansah, und dein Geist zurückkehrte, erkannte er seinen Fall, weinte bitterlich und predigte später öffentlich Christi Name unter allen Völkern, ohne darauf Rücksicht zu nehmen, dass ihm solches unter Androhung von Gefängnis, Geißeln, etc. aufs Strengste verboten war. Er antwortete offenherzig, dass man Gott mehr gehorchen müsse, denn den Menschen. Ich bitte darum, lieber Herr, bewahre doch meine arme Seele, die mit einem so teuren Schatz erkauft ist, dass ich nicht von deiner Wahrheit weiche; denn wiewohl ich nun mit Petrus denken mag, dass ich mein Leben für dich hingeben könnte, und mit Paulus, dass mich weder Trübsal noch Angst, weder Verfolgung noch Hunger, weder Blöße noch Gefährlichkeit oder Schwert von deiner Liebe scheiden könne, so bin ich gleichwohl mir selber noch nicht genug bekannt. All mein Vertrauen setze ich in dich; ich habe noch nicht bis auf das Blut widerstanden, und wiewohl ich zwar ein wenig aus dem Kelch deines Leidens getrunken habe, habe ich gleichwohl das Äußerste noch nicht geschmeckt; nur wenn Kerker und Banden gelitten, Marter und Tod, Feuer und Schwert angedroht werden, alsdann wird das Gold vom Holz, das Silber vom Stroh und die Perlen von den Stoppeln geschieden werden. Verlasse mich darum nicht, lieber Herr, denn es geschieht, dass selbst Bäume, welche die tiefste Wurzel geschlagen haben, vom Sturmwind aus der Erde gerissen und die hohen, festen Berge durch die Heftigkeit des Erdbebens gespalten werden. Hätten nicht Hiob und Jeremia, diese an Geduld reichen Männer, beinahe in der Versuchung gestrauchelt und wider deinen Willen gemurrt?

Darum, lieber Herr, lass mich nicht über mein Vermögen und meine Kräfte versucht werden, denn du bist getreu und gut, auf dass ich in meiner Seele nicht zu Schanden werde; ich bitte nicht für mein Fleisch; ich weiß dass es doch einmal leiden und sterben muss; sondern das bitte ich allein, stärke mich in meinem Streit, komme mir zur Hilfe und bewahre mich; zeige mir einen Ausweg in meiner Versuchung; erlöse mich und lass mich nicht zu Schanden werden, denn ich vertraue allein auf dich.

Vers 21: Schlecht und recht, das behüte mich: denn ich harre dein.

O herrschender Herr, o Gott, als der Ackersmann guten Samen auf seinen Acker gesät hatte, kam, da die Leute schliefen, sein Feind und säte Unkraut zwischen den Weizen; und als die Kinder Gottes kamen und vor den Herrn traten, kam der Satan auch unter ihnen (Hi 1,6); wo Christus ist, da ist auch der Teufel nahe bei, wie ich während meiner kurzen Jahre wahrgenommen habe; dein heilsames Wort, dein gnadenreiches Evangelium, das die rechte Speise meiner Seele ist und ihr die Kraft zum ewigen Leben verleiht – das Evangelium, welches so viele Jahre hindurch gleich einer eitlen Fabel, einer grundlosen Erdichtung vom Antichristen zertreten gewesen ist, ist nun wiederum durch deine barmherzige Gnade von etlichen in der Kraft angenommen, geglaubt und erkannt; der höllische Löwe oder Behemoth brüllt jetzt mit grimmigem Zorn, geht rings umher und sucht sie zu verschlingen; hat weder Ruhe noch Rast, indem er wohl weiß, dass sein Reich und seine Herrschaft dadurch zum Untergang und Fall kommen muss; er gebraucht all seine Kunst und List, verstellt sich zum Engel des Lichts; diejenigen, welche er durch dein Wort verloren hat, lockt er wiederum durch unreine Lehre in sein Netz und seine Schlinge, und hat den heilsamen, reinen Inhalt der Schrift, durch die falschen Propheten und unverständigen Lehrer, in einen fleischlichen und verführerischen Sinn verändert; hat das Schwert und die andere Waffen gut geheißen, und einen rachsüchtigen Geist gegen die ganze Welt hervorgerufen; überdies hat er offenbaren Ehebruch eingeführt unter der Decke der Gebräuche der jüdischen Väter; hat auch ein buchstäbliches Reich samt König errichtet, nebst noch andern Schanden, vor denen sich ein wahrhaftiger Christ entsetzen und schämen muss. Aber alles was du nicht gepflanzt hast, soll zu Schanden werden. O Herr, bewahre mich, schlecht und recht in deiner Wahrheit, dass ich nichts glaube noch lehre, als was deinem heiligen Willen und Wort gleichförmig ist: einen rechten Glauben, eine wahrhafte Liebe, eine rechte Taufe und Abendmahl, ein unsträfliches Leben und eine schriftgemäße Absonderung derjenigen, die Ärgernis durch Lehre und Leben anrichten. Bewahre mich, lieber Herr, vor aller Ketzerei und allem Irrtum, bewahre mich, wie du in deiner Gnade bis hierher getan hast; laß mich und meine lieben Mitbrüder dich von ganzem Herzen suchen, lieben und fürchten; der Obrigkeit in allen zeitlichen Angelegenheiten, die nicht wider Gottes Wort sind, Gehorsam leisten, denn solches, spricht Paulus, ist angenehm und gut vor dir; bewahre uns vor des Teufels Betrug, der uns einen andern König nach dem Geist lehren will, denn den wahrhaftigen König von Zion, Jesum Christum, der mit dem eisernen Zepter seines Worts über deinen heiligen Berg regiert; der ein König aller Könige und ein Herr aller Herren ist; gesessen zu deiner rechten Hand in dem Himmel; erhaben über alle Fürstentümer, Gewalt, Macht, Herrschaft, und alles, was genannt werden mag, nicht allein in dieser Welt, sondern auch in der zukünftigen; dem alles unter seine Füße getan ist, der alle Gewalt hat im Himmel und auf Erden; vor dem sich alle Knie beugen müssen, und alle Zungen bekennen, dass er der Herr ist, zum Preis seines großen Namens. O lieber Herr, bewahre mich recht und schlecht unter deinem Kreuz, dass ich dich und dein heiliges Wort in der Anfechtung nicht verleugne, nicht deine göttliche Wahrheit und Willen mit Gleisnerei, mit Lügen und mit zweifelhaften, finstern Worten verdecke, auf dass ich mit allen Heiligen in der Erscheinung deines lieben Sohnes, meines Herrn Jesu Christi, das verheißene Reich, Erbe und den Lohn empfangen möge, welche wir mit gewissen Herzen und vollem Vertrauen, aus der Verheißung deiner Gnade, täglich hoffen und erwarten.

Vers 22: Gott erlöse Israel aus aller seiner Not.

O Herr der Heerschaaren, nun da ich meine Sünde vor dir bekannt, für meine Übertretung gebeten, deine Barmherzigkeit gepriesen und deine Gnade begehrt habe, muss ich auch mit David bitten für meine Brüder; denn ich sehe Israel zerstreut und irrend gleichwie die Schafe ohne einen Hirten; und der liebliche Weinberg des Herrn ist verwüstet und von allen Menschen zertreten worden; der auserwählte Samen Abrahams, das Haus Jakob, ist wiederum ein Leibeigener und gefangener Dienstknecht in dem schweren Dienst des Pharaos in Ägypten geworden; das königliche Haus Juda ist nach Babylon hinweg geführt mitsamt seinen heiligen Geschirren, welche von Belsazar und seinen Kebsweibern auf so schamlose Weise missbraucht werden. Jerusalem, das Sinnbild des Friedens, das mit einer Taube verglichen wurde, ist in eine unmenschliche Verschlingerin unschuldigen Blutes verwandelt und in eine reißende Löwin; sie, die eine Fürstin unter den Nationen war, die Stadt des großen Königs, hat keinen König mehr, ja, keine Bürger, keine Mauern, ist eine öde Wüste geworden; der Tempel des Herrn, das Haus des Gebets, in welchem billig der rechte Gottesdienst gehalten werden sollte, ist eine offenbare Mördergrube geworden, eine Höhle der Löwen, Bären, Wölfe, Basilisken, Drachen und Schlangen, ein Haus aller Abgötterei; ja, ein Bett der Unzucht für die Ehebrecherin Isebel. Die Braut Christi, die herrliche Kirche, die mit hoher Zierde dem König zu Ehren geschmückt war, ist gänzlich in eine schändliche Hure verwandelt worden. Die Arche des Herrn, der Ruhm Israels, ist von den Philistern erbeutet und in den Tempel Dagon geführt. Was nützt eine lange Klage? Juda ist Babylon, Kanaan ist Ägypten und Palästina ist Sodom geworden, und der ewig gesegnete König aller Ehren, Christus Jesus, wird täglich für einen Toren gehalten und als ein Narr verspottet; seine heiligen Apostel, die lieben Zeugen deiner Wahrheit, müssen mit ihrer Lehre als Lügner vor allen Menschen zurückweichen; sein gestrickter oder gewirkter Rock, den die Schrift nicht zerteilt haben wollte, ist in vier oder fünf Stücke zerrissen worden; der Antichrist regiert und herrscht in allen Ländern mittels dem Predigen seiner Lügen, und dein Wort wird mit Gewalt verworfen und verboten; ich mag mich gegen Aufgang, Niedergang, Mittag oder Mitternacht wenden, so finde ich allenthalben nichts denn lauter Widerspenstigkeit, Verkehrtheit, Blindheit, Geiz, Hochmut, ein gieriges Fressen und Saufen, Pomp und Pracht, Hass, Neid und gottloses Wesen. Ich finde (sage ich) Gewalt, falsche Lehre und einen unreinen, verführerischen Gebrauch deiner Sakramente überall in der Welt; ich finde, dass der Einfluss der Tyrannen, welcher stark und mächtig ist, an den Höfen aller Fürsten triumphiert; dass die Gelehrten wie das Tier reden, dass sie ehrgeizig, habsüchtig, wollüstig, irdisch und fleischlich gesinnt sind und je nach den Lüsten und Begierden der Menschen lehren; dass es kaum irgendwelche gibt, die nach der Wahrheit suchen, und diejenigen, welche es tun, müssen dein Kreuz tragen; deshalb sind auch meine Wangen Tag und Nacht von Tränen benetzt, untröstlich ist meine Seele; mein Mund begehrt weder Speise noch Trank. Wohl mag ich mit dem Propheten Micha nackt und bloß einhergehen; wie die Drachen klagen und wie die Strauße trauern; denn der Plage Israels ist kein Rat. Ich mag wohl wehmütig mit Esra klagen und sprechen:

»Unsere Heiligung ist verlassen, und unser Altar niedergerissen, und unser Tempel zerstört, und unser Saitenspiel liegt darnieder. Unser Gesang schweigt, und unser Frohlocken hat ein Ende; das Licht unseres Leuchters ist erloschen, die Lade unseres Bundes ist entkommen, und unser Heiliges verunreinigt; und der Name, so über uns angerufen, ist fast verunheiligt; und unsere Kinder haben Schmach gelitten, und unsere Priester sind verbannt, unsere Leviten sind in das Gefängnis geführt, und unsere Jungfrauen sind geschändet, und unsere Weiber mit Gewalt geschwächt, und die Gerechten, die unter uns sind, weggeführt, und unsere kleinen Kinder sind getötet, und unsere Jünglinge dienstbar, und unsere Starken sind schwach geworden; und was das Allergrößte ist, Zion ist seiner Ehre beraubt, denn sie ist denen in die Hände gegeben, die uns hassen.« (4Esr 10,21–23)

O Gott, o Gott, erlöse Israel aus seiner Not! Sieh an unsern schweren Jammer und Elend mit den Augen deiner Barmherzigkeit, laß uns los aus dem eisernen Ofen Ägypten, führe uns aus dem Land der Chaldäer; laß die heilige Stadt wieder auf ihrer alten Stätte erbaut werden, mitsamt ihren Mauern und Pforten; laß deinen verfallenen Tempel wieder hergestellt und aufgerichtet werden, dessen Steine auf allen Straßen zertreten liegen. Versammle deine irrenden Schafe; empfange deine wiederkehrende Braut, die so boshaft mit den fremden Buhlen gehandelt hat. O Gott Israels, schaffe in uns ein reines Herz, das nach deinem gesegneten Wort und Willen begierig ist. Sende rechte Arbeiter in deine Ernte, die das Reife abschneiden und zur rechten Zeit einsammeln; rechte Baumeister, die uns einen guten Grund legen, auf dass in den letzten Tagen dein Haus herrlich werden möge und über alle Berge scheinen, damit viele Völker dorthin gehen und sagen mögen:

»Kommt, lasst uns auf den Berg des Herrn gehen, zum Hause des Gottes Jakob, dass er uns lehre seine Wege, und wir wandeln auf seinen Steigen!« (Jes 2,3)

– damit wir in Friede und Freiheit unsers Gewissens vor dir unser Leben lang wandeln mögen, unter einer frommen Obrigkeit und unsträflichen Lehrern; mit einer christlichen Taufe, wahrhaftigem Abendmahl, gottseligem Leben und rechter Absonderung, auf dass du in uns, als in deinen lieben Kindern, in rechter Kraft mögest geehrt und gepriesen werden ewiglich, durch deinen lieben Sohn Jesum Christum, unsern Herrn; dem selbigen und dir, o Vater, samt deinem heiligen Geist, sei Preis und ewiges Reich, Amen.