35  Zweiter Brief von Menno Simons

Eine Tröstung an seine sehr geliebten Brüder und Schwestern in Christo Jesu zu Amsterdam und Umgebung, dass sie einander in der Pestzeit besuchen und den Tod nicht fürchten sollten, weil dieser nichts als ein Übergang zu einem besseren Leben sei.

Viel Barmherzigkeit, Gnade und Friede sei mit euch!

Der Herr sprach zu Martha:

»Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, der wird leben, ob er gleich stürbe. Und wer da lebt und glaubt an mich, der wird nimmermehr sterben.« (Joh 11,25–26; Hebr 11,19)

Auserwählte Brüder und Schwestern im Herrn, da ich höre, dass das Feuer der Pestilenz um euch herum ziemlich hoch auflodert und ich wohl weiß, dass alles Fleisch sich vor dem Tode entsetzt (Jes 38,10) und dass das Absterben unserer Freunde der Natur schwer fällt, so habe ich mich durch die Liebe, welche ich zu euch und allen Frommen trage, gedrungen gefühlt, euch, die ihr mit dem himmlischen Lichte umschienen und in die Gemeinschaft Christi berufen seid, mit einem kleinen Trostbrief zu bitten (1Joh 2,1), dass ihr doch jetzt und zu allen Zeiten mit allem Fleiß auf des Herrn Zukunft wachen (Lk 12,36) und euer ganzes Leben lang, Herz, Gemüt und Tun auf den Tod bereiten wollt, denn Paulus sagt:

»Es ist gesetzt, dass alle Menschen einmal sterben müssen.« (Hebr 9,27)

Auch Sirach sagt:

»Alles Fleisch verschleißt wie ein Kleid, denn es ist der alte Bund: Du musst sterben!« (Sir 14,17; Ps 39,6)

Und wenn wir nun mit einer neuen, wiedergebornen (1Joh 3,9) und bußfertigen Seele fest an ihm, nämlich an Christo halten, seinem Worte wahrhaft glauben, seinen lieblichen Fußstapfen getreulich nachfolgen und uns von seinem heiligen Geist regieren lassen (Röm 8,14) und das alte Leben der Sünde töten, ja, Welt, Fleisch und Teufel in jeder Hinsicht absterben, Gottes Reich und seine Gerechtigkeit, Wort, Willen, Wahrheit, Preis und Ehre von ganzem Herzen suchen und ohne Anstoß auf allen seinen Wegen wandeln, dann werden wir mit ihm, in ihm und durch ihn ewig leben (Joh 11,26) und werden nicht beschämt werden vom zweiten Tode (Offb 2,11; Röm 5,5), ungeachtet wir vorher tot waren in Sünden, gleichwie auch die andern, voll von allerlei Geiz, Unkeuschheit, Hoffart, Hass, Neid, Abgötterei und Bosheit und Kinder der Hölle und des Teufels gewesen sind (Kol 2,13; Eph 2,3,11).

Denn es ist den wahren Bußfertigen und Rechtgläubigen durch Christi Tod alles vergeben, mit seinem Blute bezahlt (1Pt 1,18–19; Röm 5,9) und mit dem einzigen Friedeopfer seines unschuldigen bittern Todes versöhnt. Paulus sagt:

»So ist nun nichts Verdammliches an denen, die in Christo Jesu sind, die nicht nach dem Fleisch wandeln, sondern nach dem Geist. Denn das Gesetz des Geistes, der da lebendig macht in Christo Jesu, hat mich frei gemacht von dem Gesetz der Sünde und des Todes.« (Röm 8,1–2; Gal 5,1)

Seid darum bereitwillig und dankbar und gebt ihm den Preis (Ps 117,1; Röm 15,11), ihm, der euch durch das Wort seiner Kraft von der Gewalt der Sünde und des Todes befreit und mit dem Geist seiner Gnade zu dem Erbe seiner Herrlichkeit berufen hat. Noch einmal sage ich: Gebt ihm den Preis (Ps 103,1–2) und zwar mit einem gottseligen, reinen Gewissen und einem unsträflichen, heiligen Leben, im Glauben heilsam, fest und unbefleckt in der Liebe, in der Hoffnung lebendig und im Gebet brünstig, mit dem Kleide der Gerechtigkeit an eurer Seele recht geschmückt, mit dem schönen Bande der Vollkommenheit im Geiste umgürtet (Kol 3,14), Öl in euren Lampen habend und nüchtern und wacker, auf dass, wenn der rechte Hausvater, der herrliche König und Bräutigam unserer Seele kommt, er euch nicht schlafend finde und euch, eures unvorbereiteten Zustandes wegen, in die ewige Finsternis stoße, zur Türe hinausschließe und euch euren Teil mit den Heuchlern gebe. Noch einmal: Seid nüchtern und wacht. Schafft, während es Tag ist, auf dass euch nicht die finstere Nacht überfalle (1Pt 5,8; Joh 12,35). O bedenkt, was der Sinn ist!

Herzensgründlich treue Brüder, seid stark im Herrn, freimütig und von Herzen wohl getrost, denn all euer Tun, Leben und Sterben steht in des Herrn Hand (Röm 14,8); ja, alle eure Haare sind gezählt (Mt 10,30) und ohne ihn kann nicht ein einziges von eurem Haupte fallen; die Zahl eurer Tage ist vor ihm (Ps 139,16), ja, die Zeit eures Lebens ist bei Handbreiten von ihm gemessen. Darum fürchtet euch nicht, sondern dient einander willig in der Not und lasst es euch nicht verdrießen, die Kranken zu besuchen, denn mit solchem werdet ihr in der Liebe befestigt werden, wie Sirach 7,35 lehrt; auch ist es die Art der ungefälschten Liebe, unser Leben für unsere Brüder zu lassen, wie Johannes bezeugt (1Joh 3,16). O bedenkt, was ich sage.

Denn eines wisst ihr wohl, nämlich, dass ein guter, tugendhafter Sohn, Knecht oder Braut sich vor der Ankunft des Vaters, Herrn oder Bräutigams nicht fürchtet, sondern eitel Verlangen und Hoffnung ist, solange er nicht da ist, denn Johannes sagt:

»Furcht ist nicht in der Liebe, sondern die völlige Liebe treibt die Furcht aus.« (1Joh 4,18)

Ihr wisst auch, dass ein müder Arbeiter nach Ruhe und eine traurige Seele nach Trost großes Verlangen trägt und ich zweifle nicht, dass meine lieben Kinder mit einem ruhigen Gewissen in Gott versiegelt sind, dass er euer Vater und ihr seine Kinder, Christus Jesus euer Herr und ihr seine Knechte und er euer Bräutigam und ihr seine Braut seid und dass ihr um seines gebenedeiten und herrlichen Namens willen, welchen ihr der ganzen Welt zur Unterweisung, Belehrung und Bestrafung, auf dass sie sich mit einer wahren Buße zu ihrem Gott bekehren sollen, ohne Heuchelei an eurer Stirne vortragen und bekannt machen sollt, so überaus viel Elend, Mühe, Angst, Lästerung und Schande von dem unartigen und trägen Geschlechte leiden müsst, wie man überall sieht (Jes 59,15; 2Tim 3,12).

Wir sollten uns darum billig vor dem Tode, der dochnichts als eine Ruhe von der Sünde und der Eingang zu einem bessern Leben ist, nicht fürchten, noch uns über unsere Freunde, die in Gott entschlafen sind, grämen, wie die tun, welche nicht auf den Lohn der Heiligen hoffen; sondern wir sollten alsdann unsere Häupter voll Freude aufrichten und, mit den Lenden unseres Gemüts mit dem Bande der Wahrheit aufgeschürzt (Eph 6,14), nach dem himmlischen Kanaan ausgezogen werden, um mit unserm einzigen und ewigen (merkt: ewigen) Josua – Christo Jesu – das beigelegte Erbe und Reich einzunehmen (Lk 22,29) und von dem arbeitsvollen, mühseligen Wege unserer harten Pilgerreise, welchen wir in der ungebahnten, grausamen Wüstenei dieser wilden Welt, solange wir hier sind, täglich fortsetzen müssen, befreit zu sein (Offb 14,13). Alsdann werden wir in ewigem Frieden ruhen.

O auserwählte Brüder und Schwestern, wie hoch und herrlich sind diejenigen von Gott begabt, die hier in Gnaden von dem Leib der Sünde entbunden, von dem eitlen Wesen aller vergänglichen Dinge erlöst, in die heiligen Hütten des Friedens aufgenommen und zu diesem ewigen großen und heiligen Sabbatstag berufen sind (Offb 21,25). Die alte, krumme Schlange soll sie dort nicht mehr in die Ferse stechen oder beißen; ja, keine Pein oder Qual soll mehr an sie gelangen und ihr letzter Feind, welches der Tod ist, wird von ihnen verschlungen oder überwunden sein (1Kor 15,26). Ihre Tränen sind dann weggewischt und ihre Seelen in gewisser Ruhe und Frieden im Paradiese und Lustgarten der Gnaden, in Abrahams Schoß, unter dem Altare Gottes (Offb 6,9). Sie sind aus großer Trübsal auf den Berg Zion gekommen, in den Lustgarten der Gnaden, in Abrahams Schoß, unter dem Altare Gottes Lammes und warten nun fortan, bis die Zahl ihrer lieben Mitbrüder erfüllt sein wird (Offb 6,11), um alsdann zugleich mit der Herrlichkeit Christi verklärt zu werden (Phil 3,21; 1Joh 3,2); um zu leuchten wie die Sonne (Mt 13,43) und so zu dem ewigen Hochzeitsfest, welches allen Auserwählten durch Christi Blut und Tod im Himmel bereitet ist (Mt 25,34), in ewiger Freude einzugehen.

O wie überaus heilig und selig diejenigen sind, die von Christo zu diesem Festtag berufen und mit unbefleckten, reinen Kleidern dazu gekommen sind. O singt das angenehme, freudenreiche Halleluja in eurem Herzen und dankt ihm (Kol 1,12), dass er dies durch den Geist seiner Liebe in ewiger Gnade an ihnen vollbracht und euch zum gleichen Lose mit ihnen erwählt hat. Bedenkt dies und seid getrost zu dieser Zeit. Doch genug. Fürchtet aber euren Gott von Herzen (Mt 10,28), dient ihm in der Wahrheit, haltet Einigkeit, Liebe und Frieden untereinander, wacht und betet (Mt 26,40), wandelt unsträflich, führt euren Streit geduldig, trachtet nach dem Besten und jagt dem Guten nach, seid untereinander freundlich, unterwerft euch willig euren Vorgängern und gehorcht ihnen (1Th 5,12–13; Hebr 13,7,17) und gedenkt ihrer und meiner in euren Gebeten. Der große Gott des Friedens, unser barmherziger Vater, durch seinen gebenedeiten Sohn, Christum Jesum, segne euch jetzt und zu allen Zeiten zu mehr Gerechtigkeit in voller Liebe.

Von mir, Menno Simons, eurem Mitbruder und Liebhaber eurer Seelen in der Wahrheit, gegenwärtig in leidlicher Gesundheit, den 14. November.