24  Ein Brief Menno Simons an die Gattin des Leonhard Bouwens

Meine Allergeliebteste in Christo Jesu Gnade und Friede!

Werte, treue Schwester in dem Herrn, das Innerste meiner Seele ist bekümmert über dich und zwar weit mehr, als ich schreiben kann; denn ich werde berichtet von unsern teuersten Brüdern, dass du dich nur sehr schwer darein schicken kannst, das Verlangen und Bitten, welches die arme, betrübte und hirtenlose Gemeinde an deinen lieben Mann gerichtet hat, aus freien Stücken zu bewilligen. Ich kann dich dafür auch nicht hart tadeln, wenn ich nur auf das Fleisch und nicht auf den Geist und die Liebe sehe. Aus Leonhards und Helmichts Worten ersehe ich, dass ihr der Hoffnung wart, ich würde Leonhard des Dienstes entbinden. Geliebteste Schwester in Christo Jesu, ich hoffe durch Gottes Gnade, dass ich dich von Herzen mit göttlicher Liebe in Gott liebe und bereit stehe, euch und allen Frommen mit meinem Blute zu dienen, wenn es die Not erfordert. Doch, liebe Schwester, wer bin ich, dass ich dem heiligen Geiste widerstehen sollte? Es ist dir gewiss wohl bekannt, dass nicht ich, sondern die Gemeinde ohne mein Wissen ihn zu diesem Dienst gebeten und berufen hat. Da nun die Gemeinde dies so ernstlich von ihm begehrt und vielleicht die Stimme seines Gewissens ihm verbietet, dieses Begehren abzuschlagen, wie soll denn ich mich diesem widersetzen? Ich kann ja in Leonhard nichts finden, welches mir auf die Schrift gegründete Ursache gäbe, davon abzuraten oder es aufzuheben.

Herzensgründliche, treue Schwester, es betrübt mich über alle Maßen, dass ich dich in dieser Sache nicht befreien kann, denn die Traurigkeit und Betrübnis deines Fleisches schneidet mir durch die Seele, so oft ich daran denke. Allein die Liebe zu Gott und unsern armen Brüdern geht allem andern vor. Gewiss bist du vom Herrn dazu berufen und hast dich mit der wirkenden Kraft deines Glaubens freiwillig darein ergeben, nicht dir und deinem Fleische, sondern Christo Jesu und deinen Brüdern dein Leben lang zu leben und zu dienen. Ich hoffe, dass du es aus vollem Herzen gelobt hast, es kostedich denn Geld, Gut, Leib oder Leben. Du siehst aber sicher deutlich vor Augen, wie dringend die Not es jetzt erfordert. Gedenke deshalb an die Tage deiner Erleuchtung und komme dem, das du dem Allerhöchsten nicht aus Zwang, sondern freiwillig gelobt hast, in Demut und Gehorsam nach.

O geliebte Schwester, sehe doch die traurige Verlassenheit und das Elend deiner lieben Brüder an. Die geistlichen Väter sind die Verräter unserer Seelen, die Wächter sind blinde Führer und die Hirten offenbare Wölfe geworden. Die Mauern Jerusalems liegen danieder und die Steine des Heiligtums liegen zertreten an allen Straßenecken. Groß ist die Plage Israels; wohl mögen wir mit Jeremia und Esra aus tiefem Herzen bitterlich seufzen und weinen und unsere Tränen über die Wangen fließen lassen. Ja, das Innerste unserer Seele muss von der großen Not unserer lieben Brüder ergriffen werden, wenn wir den großen Hunger und Durst vieler frommen Herzen, das verfluchte Verführen der verkehrten Geister und zerstörenden Sekten und sonst noch mancherlei Jammer und Elend uns zu Gemüte führen. Da der barmherzige Herr unserm lieben Bruder seine göttliche Erkenntnis geschenkt, ihn mit seinem heiligen Geiste erleuchtet und mit Sprache und Weisheit begabt hat, so dass die Brüder großen Gefallen an ihm finden, ihn von Herzen lieben und die ihm verliehene Gabe begehren, so würde mir, wenn du aus Rücksicht auf Fleisch und Blut solchem widerstehen und es nicht zugeben wolltest, deine Handlungsweise nicht anders erscheinen, als wenn du deine Brüder in Todesnot, in Wassers- oder Feuersgefahr oder in Elend und Kummer sähest, dieselben aber, weil dein Vorteil auf dem Spiel stünde, nicht retten noch ihnen Hilfe leisten wolltest.

Liebe Schwester, liebe doch deine lieben Brüder, wie Jesus Christus uns geliebt hat. Solltest du auch um deiner Brüder willen deiner Güter beraubt werden, erinnere dich, dass Christus Jesus die Herrlichkeit seines allmächtigen Vaters und die Gesellschaft der Engel um unsertwillen eine Zeit lang verlassen hat, auf dass wir ein ewig währendes Erbe im Himmel haben möchten. Solange wir leben, werden wir Gutes genug haben, wenn wir nur Gott fürchten, von allen Sünden ablassen und wohl tun. Ja, meine Schwester, sei frohen Mutes und tröste dich nur, die ewige Wahrheit hat uns die Seligkeit verheißen. Wenn wir das Reich Gottes suchen und seine Gerechtigkeit, so wird uns schon alles andere, was zu unserer Notdurft gehört, gegeben werden. Bist du für deines Mannes Fleisch bekümmert, so gedenke und glaube, dass unser Leben nach Handbreiten abgemessen ist, dass Leben und Tod in des Herrn Hand steht und dass ohne den Willen unseres himmlischen Vaters nicht ein Haar von unserm Haupte fällt. Er bewahrt uns wie seinen Augapfel. Elia, Elisa, David, Daniel, Sadrach, Mesach und Abednego, Petrus und Paulus, sind alle den Händen der Tyrannen entronnen und niemand hat ihnen ein Haar krümmen können, solange der bestimmte Tag und die Stunde nicht gekommen war. Denn solange der barmherzige Vater mehr Gefallen an unserm Leben als an unserm Tode hat, können sie uns nichts anhaben; wenn dem Herrn aber unser Tod wohlgefälliger ist als unser Leben, so werden wir auch ihren Händen nicht entgehen. O liebe Schwester, wenn unser lieber Bruder seinen Brüdern auch nicht diente, so hat er sich dennoch schon vor etlichen Jahren in Todesgefahr, Druck, Elend, Schmach, Verfolgung, Bangigkeit, Beraubung, Wasser, Feuer und Schwert begeben; und hätte er sich schon nicht durch die Taufe unter das Kreuz begeben und frei und ungehindert in allen Ländern und unter allen Menschen herumgehen können, so ist ihm dennoch die Zeit nicht bekannt, wann er die Hütte des Fleisches ablegen und vor seinem Gott erscheinen muss. Darum, liebe, treue Schwester, sei stark im Herrn, fasse guten Mut und befehle dich dem allerhöchsten Gott an, der Himmel und Erde in seiner Hand hält, der dir und deinem Mann Leib und Seele gegeben, euch im Worte seiner Gnade berufen, mit dem Blute seines gebenedeiten Sohnes erkauft und erlöst und mit seinem heiligen Geiste gewaschen, geheiligt, gereinigt und erquickt hat. Seine Barmherzigkeit ist über allen seinen Werken. Er kennt deinen Ausgang und Eingang, dein Sitzen, Gehen und Stehen; ja, du warst vor ihm, ehe du noch in deiner Mutter Leibe gebildet warst. Er kennt Herz und Nieren und weiß, was unsere Brüder suchen. Liebe Schwester, stärke doch deinen Mann und schwäche ihn nicht; denn dies wird von uns gefordert, dass, gleichwie wir Gott lieben, wir auch unsere lieben Brüder lieben sollen. Kurz, zeige dich gegen deinen Nächsten, wie Christus Jesus sich gegen dich gezeigt hat; denn nach dieser einzigen, gewissen und festen Regel muss der ganze christliche Handel und Wandel abgemessen und gerichtet werden.

Siehe, werte, treue Schwester, wenn nun die Gemeinde unsern lieben Bruder zu diesem Amt undDienst beruft, so kann ich sicherlich mit gutem Gewissen nicht dagegen streiten oder ich müsste das Fleisch, dein Fleisch, mehr als Christum Jesum, meinen Herrn und Heiland, und meine herzensgründlichen lieben Brüder lieben. Der allmächtige, barmherzige Herr handle in dieser Sache nach seinem göttlichen Wohlgefallen und lenke meiner lieben Schwester das Herz, sich gelassen in seinen heiligen, gebenedeiten Willen zu fügen. Ich danke meiner lieben Schwester von Herzen für die Gabe deiner Liebe, die du mir geschickt hast. Der Herr vergelte dir mit himmlischem Reichtum zur ewigen Herrlichkeit. Meine Frau grüßt dich recht herzlich mit des Herrn Frieden. Der Herr Jesus Christus sei mit meiner geliebten Freundin und Schwester in Ewigkeit, Amen. Menno Simons, dein Bruder im Herrn, im Jahre 1553.