22  Ein Brief Menno Simons an Margaretha, Gattin des Reinhold Edes

Meine auserkorene, teuerste Schwester in Christo Jesu, viel Barmherzigkeit, Gnade und Friede sei mit dir! Geliebteste Schwester, die ich stets aus Herzensgrund in Christo geliebt habe, dem Schreiben deines lieben Mannes entnehme ich fürs Erste, dass du den ganzen Winter hindurch ein krankes und elendes Kind gewesen bist, was mir herzlich leid tut. Doch wir beten ja täglich: Heiliger Vater, dein Wille geschehe. Dadurch übergeben wir unsern Willen in den des Vaters, auf dass er mit uns tue, wie es in seinen gebenedeiten Augen wohlgefällig ist. Trage darum das dir auferlegte Kreuz mit willigem Herzen, denn dies ist sein väterlicher, guter Wille mit dir und ist alles zu deinem Besten, auf dass du dein ganzes innerliches Wesen von allen vergänglichen Dingen abkehren und dich nur zum ewigen und lebendigen Gott wenden mögest. Seid getrost, in Christo Jesu, denn nach dem Winter kommt der Sommer und nach dem Tod das Leben. O meine Schwester, freue dich, dass du eine wahre Tochter deines lieben Vaters bist. Bald wird das zugesagte Erbe seiner herrlichen Verheißungen da sein, es ist noch um ein kleines Weilchen zu tun, spricht des Herrn Wort und der da kommt, wird kommen und sein großer Lohn wird mit ihm sein. Der allmächtige, barmherzige Gott und Herr, vor welchem du deine Knie zu seiner Ehre gebeugt und ihn nach deiner Schwachheit gesucht hast, schenke dir ein fügsames und geduldiges Herz, erträgliche Schmerzen, liebliche Erquickung und eine gnädige Genesung oder eine gottselige Erlösung, durch Jesum Christum, welchen wir auch allesamt täglich mit dir erwarten, meine liebe Schwester und Kind in Christo Jesu.

Zweitens ersehe ich, dass du oft von deinem Gewissen beschwert wirst, weil du nicht in der Vollkommenheit, welche die Schrift uns vorstellt, wandelst noch gewandelt hast. In Betreff dieser Sache will ich meiner Schwester zu einem brüderlichen Troste mit des Herrn wahrem Wort und ewiger Wahrheit Folgendes schreiben: Paulus sagt:

»Die Schrift hat es alles unter die Sünde beschlossen […]« (Gal 3,22)

Salomo sagt:

»Es ist kein Mensch auf Erden, der Gutes tue und nicht sündige.« (Pred 7,20)

Und an einer andern Stelle:

»Ein Gerechter fällt sieben Mal und steht wieder auf.« (Spr 24,16)

So auch Mose:

»Herr, Herr, Gott, barmherzig und gnädig und geduldig und von großer Gnade und Treue! Der du bewahrst Gnade in tausend Glied und vergibst Missetat, Übertretung und Sünde und vor welchem niemand unschuldig ist.« (2Mo 34,6–7)

O meine Schwester, merke, er sagt, dass niemand vor Gott unschuldig ist. Auch David:

»Und gehe nicht ins Gericht mit deinem Knechte; denn vor dir ist kein Lebendiger gerecht!« (Ps 143,2)

Lassen wir Salomo noch einmal sprechen:

»Wenn sie an dir sündigen werden (denn es ist kein Mensch, der nicht sündigt) […]« (1Kön 8,46)

Jesaja sagt:

»Aber nun sind wir allesamt wie die Unreinen und alle unsere Gerechtigkeit ist wie ein unflätig Kleid.« (Jes 64,5)

Christus Jesus sagt:

»Niemand ist gut, als Gott allein!« (Mt 19,17; Mk 10,18)

Paulus spricht:

»Das ich nicht will, tue ich […]« (Röm 7,15)

Jakobus sagt:

»Denn wir fehlen alle mannigfaltig.« (Jak 3,2)

Und Johannes:

»So wir sagen, wir haben keine Sünde, so verführen wir uns selbst und die Wahrheit ist nicht in uns.« (1Joh 1,8)

Da denn aus allem diesem hervorgeht, dass wir uns sämtlich als Sünder bekennen müssen, was wir auch in Wahrheit sind; und da niemand unter dem ganzen Himmel die von Gott geforderte Gerechtigkeit vollkommen vollbracht hat, als allein Christus Jesus, so kann auch niemand, und sei er auch noch so gottesfürchtig, gerecht, heilig und unsträflich, zu Gott kommen, Gnade erlangen und selig werden, ich wiederhole es, als nur durch die vollkommene Gerechtigkeit, Versöhnung und Fürbitte Jesu Christi. Wir alle, wie viel unser auch sind, müssen bekennen, dass wir in Gedanken, Worten und Werken Sünder sind. Ja, wenn wir den gerechten Christum Jesum nicht für uns hätten, es könnte weder Prophet noch Apostel selig werden. Sei deshalb frohen Mutes und getrost im Herrn. Du kannst gewiss keine größere oder mehr Gerechtigkeit von dir erwarten, als alle Auserwählten Gottes von Anbeginn gehabt haben. Du bist eine arme Sünderin in dir und durch dich, ja, sogar, kraft der ewigen Gerechtigkeit, verbannt, verflucht und zum ewigen Tode gerichtet; allein in Christo und durch Christum bist du gerecht, angenehm vor Gott, in der ewigen Gnade und von ihm als Tochter und Kind angenommen. Mit diesem haben alle Heiligen sich getröstet, Christo vertraut, ihre eigene Gerechtigkeit stets für unrein, schwach und unvollkommen angesehen und sind mit zerknirschten Herzen einzig und allein im Namen Christi vor den Thron der Gnade getreten und haben mit festem Vertrauen den Vater gebeten: O Vater!

»Vergib uns unsere Schulden, wie wir auch unsern Schuldigern vergeben!« (Mt 6,12; Lk 11,4)

Es ist ein teures Wort, das Paulus sagt:

»Da wir noch schwach waren, nach der Zeit, ist Christus für uns gestorben; ja, als wir noch gottlos waren; und preist damit seine Liebe gegen uns. Denn so wir mit Gott versöhnt sind durch den Tod seines Sohnes, da wir noch Feinde waren, vielmehr werden wir selig werden durch sein Leben, so wir nun versöhnt sind.« (Röm 5,6,8,10)

Siehe, mein auserkorenes, liebes Kind und Schwester in dem Herrn, dies habe ich dir aus dem festen Grund der ewigen Wahrheit geschrieben und hoffe und wünsche hiermit, dass du dich ganz und gar, mit allem deinem Tun, es sei denn innerlich oder äußerlich an Christo Jesu und seine Verdienste hingeben wollest, glaubend und erkennend, dass sein teures Blut allein deine Abwaschung, seine Gerechtigkeit deine Frömmigkeit, sein Tod dein Leben und seine Auferstehung deine Rechtfertigung ist; denn er ist die Vergebung für alle deine Sünden, seine blutenden Wunden sind deine Versöhnung und seine überwindende Stärke ist der Stab und Trost deiner Schwachheit, wie wir dies in vergangener Zeit nach unserer geringen Gabe manchmal mit der Schrift angewiesen und dazu ermahnt haben. Ja, mein liebstes Kind und Schwester, solange du einen Geist in dir spürst, der nach dem Guten begierig ist und das Böse hasst, obschon das Überbleibsel der Sünde noch nicht gänzlich in dir ertötet ist, wie auch alle Heiligen von Anbeginn geklagt haben, was schon gesagt worden ist, so darfst du dich versichert halten, dass du ein Kind Gottes bist und das Reich der Gnade in ewiger Freude mit allen Heiligen erwerben wirst. Johannes sagt:

»Daran erkennen wir, dass wir in ihm bleiben und er in uns, dass er uns von seinem Geist gegeben hat.« (1Joh 4,13)

Ich bitte dich herzlich, diesen Grund zur Erquickung, Stärkung und zum Trost deines beklommenen Gewissens und deiner Seele durch den Glauben recht zu erfassen und bis ans Ende daran festzuhalten. Will denn mein teuerstes Kind und Schwester mit voller Liebe dem treuen, barmherzigen und gnädigen Gott in Christo Jesu jetzt und in alle Ewigkeit anbefehlen. Er handle mit dir und uns allen nach seinem gebenedeiten Willen; sei es denn im Fleische, dass du hier noch eine kleine Weile mit deinem lieben Manne und deinen Kindern lebst oder sei es außer dem Fleische, zur Ehre seines Namens und zur Seligkeit deiner Seele – du zuerst und wir nachher oder wir zuerst und du nachher. Einmal muss geschieden sein. In der Stadt Gottes, im neuen Jerusalem, dort wollen wir einander erwarten, vor dem Stuhle Gottes und des Lammes das Halleluja singen und in vollkommener Freude seinen Namen preisen. Deinen lieben Mann und deine Kinder befehle ich dem an, der sie dir gegeben hat. Er wird es wohl mit ihnen machen. Die seligmachende Kraft des allerheiligsten Blutes Christi sei mit meinem teuersten Kinde und Schwester, jetzt und in Ewigkeit, Amen.