2.76  Offrus Gritzinger, im Jahre 1538.

In eben demselben Jahre wurde auch Offrus Gritzinger, ein Diener des Worts in der Grafschaft Tyrol gefangen genommen; man suchte ihn auf den Bergen und in den Tälern, man forschte nach ihm auf den Brücken und an andern Orten; auch haben sie viel Geld auf Offrus gesetzt wer ihn entdecken konnte; ferner haben sie auch Kundschafter und Verräter ausgesandt, die sich anstellen sollten, als wollten sie fromm werden. Als sie seiner habhaft geworden, haben sie ihn auch nach Brixen geführt und daselbst nicht weit von Leonhard Lochmayer gefangen gelegt, so dass sie miteinander haben reden können; hier hat dieser Leonhard bei Offrus seinen Fall aufs Tiefste beklagt, und dieserhalb große Reue und Herzeleid gezeigt; es hat ihn aber Offrus sehr getröstet und ihm nach einer aufrichtigen Reue und wahren Buße im Namen des Herrn Vergebung seiner Sünden angekündigt, ja ihn durch seine Fürbitte wieder im Glauben aufgerichtet und als Mitglied und Bruder aufgenommen.

Nicht lange darauf, als man den Bruder Offrus, den treuen Diener des Herrn und seiner Gemeinde durch mancherlei Verhandlungen sehr versuchte und ihm mit schwerer Pein drohte, wenn er seine Brüder nicht bekannt machen würde, welche noch nicht vertrieben waren, insbesondere diejenigen, die ihn beherbergt und ihm Gutes getan hatten, so hat er zu ihnen gesagt: Ich habe mich übergeben, um alle Pein und Leiden durch die Kraft Gottes zu ertragen, welche ein Mensch bis in den Tod leiden kann, ehe ich euch solches sagen und einen Verräter abgeben wollte; ich habe es zuvor wohl gewusst, dass es mir so gehen würde; ich bin nun in eurer Gewalt, tut, was euch Gott zulässt; wollt ihr mit mir unbarmherzig umgehen, so könnt ihr es tun; Gott wird euch wohl finden; ich weiß nichts zu sagen oder anzubringen. Hierauf haben sie ihm mit Bedrohungen zugesetzt und zu ihm gesagt, wenn er für die Wahrheit einstände, so wollten sie ihn bei der Wahrheit ermahnt haben, dass er die Wahrheit reden und an den Tag bringen wolle. Hierauf sprach der Bruder Offrus: Ich kenne euch wohl mit eurer Wahrheit, ihr hört es, was ich euch gesagt habe.

Auch haben sie ihn gefragt, ob dem nicht so wäre, dass wenn sich unsere Zahl vermehren würde, wir uns gegen sie aufwerfen und sie, wenn sie uns nicht beitreten, erwürgen würden? Er hat ihnen geantwortet: Würden wir solches tun, so wären wir keine Christen, sondern nur dem Namen nach Christen; wenn ihr auch wahre Christen wärt, so würdet ihr auch niemanden martern, töten oder umbringen.

Dann haben sie ihn gebunden und aufgewunden, dann aber schnell wieder heruntergelassen und dem Peinigen Einhalt getan, ihn auch bedroht und gesagt, warum er seine Glieder so zerreißen lassen wollte, worauf er geantwortet: Ich bin in euren Händen, tut mir, wie euch Gott zulässt, ihr könnt mir doch nicht mehr als das Leben nehmen, also sind sie an ihm verzagt worden.

Nach acht Tagen haben sie ihn abermals aufgewunden, wiewohl gelinder; aber er sprach zu ihnen: Ich habe es euch einmal gesagt, was ich euch sagen kann, nur wisset dieses, dass euch Gott um eurer Grausamkeit willen wohl finden wird; also sind sie wieder verzagt geworden, haben ihn fernerhin zufrieden gelassen und ihn nicht mehr gepeinigt; auch ist er in Folge der Marter erkrankt, dass er um desto weniger redete.

Nach acht Tagen kamen sie abermals zu ihm und beriefen ihn zweimal vor sich; aber sie verweilten nicht lange bei ihm, weil er ihnen ihre Büberei, Schalkheit und Ungerechtigkeit vor Augen stellte.

Er ist aber daselbst nach vielen Leiden und Trübsalen von den Pilatuskindern zum Tode verurteilt, lebendig ins Feuer gestellt und zu Asche verbrannt worden; er hat also als ein christlicher Held von seiner Lehre und Wandel mit seinem Blute ein standhaftes und ritterliches Zeugnis abgelegt und dieselbe versiegelt; so geschehen Allerheiligen Abend, im Jahre 1538; und obwohl er zuvor in großer Bedrängnis gewesen, und mit dem Tode gekämpft hat, so ist er doch damals, als er zum Tode hinausging, guten Muts und von Herzen fröhlich gewesen.

Den Leonhard Lochmayer, weil er zuvor Pfaffe gewesen, haben die Pfaffen beschützt, dass er nicht mit Offrus getötet worden ist; denn sie wollten ihm zuvor ihre verfluchte Einweihung wieder abnehmen; Gott aber, welcher ihre Ratschläge verhindern wollte, fügte es so, dass der Weihbischof, welcher das Werk verrichten sollte, selbst starb; also ist er einige Tage nach Offrus mit dem Schwerte gerichtet worden und hat als ein rechter Priester sich selbst Gott zur angenehmen Gabe geschenkt und aufgeopfert und seine Wahrheit bis in den Tod bezeugt.