2.711  Ein Testament von Bartholomäus Panten, an sein Töchterlein, welches nach des Vaters Tod von den Pfaffen ins Kloster getan worden ist; der Herr lasse es noch auf den rechten Weg kommen.

Mein liebes Kind, höre die Unterweisung deines Vaters und vergiss sie nicht, wenn dich Gott aufwachsen lässt und du zu deinem Verstand kommst; denke daran, wie ich dir vorgegangen bin, nach meinem geringen Vermögen, im Elend, welches Gott geklagt sei, um durch die enge Pforte einzugehen; denn die Pforte ist weit und der Weg ist breit, der zur Verdammnis führt, und viele sind, die dadurch eingehen; und die Pforte ist eng und der Weg schmal, der zum Leben führt, und es gibt nur wenige, die ihn finden. Hüte dich vor den falschen Propheten und denen die in Schafskleidern zu dir kommen; aber inwendig sind sie reißende Wölfe; an ihren Früchten sollst du sie erkennen; man kann keine Trauben von den Dornen lesen, noch Feigen von den Disteln. Mein liebes Kind, ich sage, daß es unmöglich ist; darum gib doch Achtung auf ihre Früchte, denn es stimmt keineswegs mit der heiligen Schrift überein, daß man jemanden um seines Glaubens willen fange, ihn seiner Güter beraube und töte; solches hat ja weder Christus getan, noch seine Jünger, sondern sie haben selbst von den Ungläubigen leiden müssen, und sind von ihnen getötet worden, wie es klar am Tage liegt, daß Christus selbst unter die Übeltäter gerechnet und wie ein Lamm zum Tode verstummt.

Darum, mein liebes Kind, befleißige dich, diesem Hirten nachzufolgen, wenn du anders eins von seinen Schafen sein willst, denn Petrus zeugt von ihm: Christus hat für uns gelitten und uns ein Beispiel hinterlassen, daß wir seinen Fußstapfen nachfolgen sollten, der keine Sünde getan hat und in dessen Mund kein Betrug erfunden worden ist, welcher nicht wieder schalt, als Er gescholten ward, nicht drohte, als Er litt; Er stellte es aber dem anheim, der recht richtet. Also, mein liebes Kind, ist der Herzog des Glaubens vorangegangen, wie uns Paulus bezeugt; so sollen denn auch wir, weil wir solche Wolke der Zeugen um uns haben, alles von uns ablegen, was uns beschwert, und die Sünde, die uns anklebt; und lass uns auf den Herzog des Glaubens und den Vollender Jesum Christum sehen, welcher, da Er wohl hätte Freude haben mögen, das Kreuz erduldete, und die Schande nicht achtete und zur Rechten auf dem Stuhl Gottes gesessen hat. Denkt an den, der ein solches Widersprechen von den Sündern wider sich erduldet hat, daß ihr nicht in eurem Mute matt werdet und ablasst, denn ihr habt noch nicht bis aufs Blut der Sünde widerstanden.

So nimm denn, mein liebes Kind, dieses zu Herzen; auch ist meine väterliche Bitte an dich, wenn du zu deinem Verstand kommst, daß du dich zu denen halten wollest, die Gott fürchten, die die Allergeringsten unter allen Völkern und dennoch die rechte Versammlung und Gemeinde Gottes sind, die ihre Regel nach der Ordnung des Herrn und dem Gebrauch der heiligen Apostel eingerichtet haben, nämlich eine Taufe, die auf den Glauben gegründet ist und empfangen werden muss, wie Christus befohlen hat und im Evangelium Matthäus geschrieben steht: Geht hin und lehrt alle Völker, und tauft sie im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes, und lehrt sie halten alles, was ich euch befohlen habe; auch im Evangelium Markus: Geht hin in alle Welt, predigt das Evangelium allen Kreaturen; wer glaubt und getauft wird, soll selig werden; desgleichen in den Geschichten der Apostel: Da Petrus dieselbe an vielen bedient hat, welches Glaubensbekenntnis nicht allein mit dem Mund geschehen soll, sondern auch mit dem Herzen begriffen und mit den Werken bewiesen werden muss, wie Johannes den Pharisäern und Sadduzäern bezeugt, als er sie zu seiner Taufe kommen sah, wenn er sagt: Ihr Ottergezücht, wer hat denn euch geweissagt, daß ihr dem zukünftigen Zorn Gottes entfliehen werdet? Tut rechtschaffene Früchte der Buße! Daraus kann man leicht einsehen, daß das Bekenntnis nicht genug sei, sondern daß auch die Reue des Herzens mit guten Werken bewiesen werden müsse, daß man den alten Menschen mit seinen bösen Werken zuerst ablegen und daß solches mit einem reinen Glauben geschehen müsse, wie Philippus zu dem Kämmerer sagt: Glaubst du von ganzem Herzen, so mag es wohl geschehen, denn alles auswendige Getön ohne Erneuerung des Geistes kann Gott nicht gefallen. Das Abendmahl aber halten wir zum Gedächtnis des bittern Leidens und Todes des Herrn, wie an die Korinther ausgedrückt wird: Ich habe es von dem Herrn empfangen, was ich euch gegeben habe, denn in der Nacht, da der Herr verraten war, nahm Er das Brot, dankte und gab es seinen Jüngern und sagte: Nehmt, esst, das ist mein Leib, der für euch gebrochen wird, solches tut zu meinem Gedächtnis; so oft ihr von diesem Brot esst und von diesem Kelch trinkt, sollt ihr des Herrn Tod verkündigen, bis daß Er kommt. Soll man nun seinen Tod verkündigen, bis Er kommt, so ist er nicht täglich in der Messe, noch in ihrem Götzendienst, noch in ihrem Abgott, mit welchem sie die Kranken in ihrer Not besuchen, wo Er nach ihren Äußerungen sein soll; das ist fern von der Wahrheit.

Was nun die Menschwerdung unsers Herrn Jesu Christi betrifft, so glauben wir davon, wie die heilige Schrift bezeugt; ich bin mit dem Bekenntnis Petri zufrieden, denn als Christus seine Jünger fragte, was die Leute sagten, wer Er wäre, so sagten einige: Jeremia, Elia oder einer von den Propheten; Christus aber fragte ferner: Was sagt denn ihr, wer ich sei; da antwortete Petrus: Herr, du bist der Sohn des lebendigen Gottes; desgleichen auch, wie Nathanael bezeugt: Du bist der König von Israel. Paulus sagt: Da wir mit Gott versöhnt sind durch den Tod seines Sohnes, als wir noch Feinde waren, wie viel mehr sollen wir selig werden durch sein Leben, nachdem wir versöhnt sind; auch sagt Johannes: Das Blut Jesu Christi, seines Sohnes, macht uns von allen Sünden rein, und in den Geschichten der Apostel steht: Gott hat sein Kind Jesum erweckt. Hat Er nun sein Kind auferweckt, so muss es ja tot gewesen sein; auch steht im Jesaja geschrieben: Eine Jungfrau ist schwanger und wird einen Sohn gebären. Hat sie nun Ihn empfangen, so ist das mein Glaube, daß sie nicht mehr empfangen hat, als sie gebar; ich bin auch mit dem Werk Gottes zufrieden, wie es zugegangen ist. Daß ich glauben sollte, daß Er von ihrem Fleisch und Blut sei, davon habe ich kein Zeugnis in heiliger Schrift, und bin daher mit dem zuvor angeführten Bekenntnis zufrieden, Ferner gebrauchen wir nach der Lehre Christi und der Apostel einen Bann, womit man die Ungezogenen strafen soll, die ihren Glauben in ungebührliche Werke verwandeln (wie Christus und Paulus bezeugen), und zwar bei denen, die sich unter die Gemeinschaft der Heiligen begeben haben, und mit ihnen zu einem Leibe getauft, nachher aber wieder in fleischliche Werke verfallen sind, als in Ehebruch, Hurerei, Totschlag, Völlerei, Abgötterei und dergleichen.

Darum, mein liebes Kind, wenn du zu Verstande kommst, so zögere nicht, das Kreuz aufzunehmen, so lieb dir deine Seele ist, denn es steht geschrieben: Wer zu mir kommt und hasst nicht Vater, Mutter, Schwester, Bruder, Weib, Kind, ja, dazu sein eigenes Leben, der kann nicht mein Jünger sein; und wer nicht sein Kreuz aufnimmt und mir nachfolgt, der kann nicht mein Jünger sein. Deshalb muss man alles um des Herrn willen verlassen, denn Christus sagt ferner in demselben Kapitel: Wer nicht alles verleugnet, was er hat, kann nicht mein Jünger sein.

Darum, mein liebes Kind, sieh nicht auf den großen Haufen, sondern denke an die Zeiten Noahs, wie wenig errettet worden sind, als die Welt durch die Sündflut unterging, und daß nur drei in den fünf Städten Sodom und Gomorrha übergeblieben seien.

So scheide dich denn, mein liebes Kind, von diesem geistigen Sodom, damit du auch ihrer Sünden nicht teilhaftig werden mögest und nichts von ihren Plagen empfangest; auch steht 2Kor 6: Geht aus von ihnen und rührt nichts Unreines an, sagt der Herr, dann will ich euch aufnehmen und euer Vater sein, spricht der allmächtige Herr. Da wir nun solche Verheißungen haben, meine Geliebteste, so sollen wir uns von allen Befleckungen des Fleisches und des Geistes selbst reinigen und mit der Heiligung in der Furcht Gottes fortfahren, denn die Zeit wird kommen, daß diejenigen, die ihr Leben ungebührlich zugebracht haben, es beklagen werden, wenn sie sagen werden: Es ist Friede, es ist keine Gefahr; dann wird sie das Verderben schnell überfallen wie der Schmerz ein schwangeres Weib, und sie werden nicht entfliehen.

Darum, mein liebes Kind, sagt Paulus: Seid nicht in der Finsternis, damit euch der Tag nicht wie ein Dieb überfalle; ihr seid sämtlich Kinder des Lichtes und Kinder des Tages; wir sind nicht von der Nacht, noch von der Finsternis, darum lass uns nicht schlafen wie die andern, sondern lass uns wachsam und nüchtern sein; denn die da schlafen, die schlafen des Nachts, und die da trunken sind, die sind des Nachts trunken; wir aber, die wir im Tage sind, sollen wachsam und nüchtern sein; auch sagt Petrus: Seid nüchtern und wacht, denn der Teufel, euer Widersacher geht umher wie ein brüllender Löwe und sucht, welchen er verschlinge; dem widersteht fest im Glauben, und wisst, daß eure Brüder, die in der Welt sind, dieselben Leiden auch ertragen müssen.

Ebenso glauben wir auch eine Auferstehung dos Fleisches, einen jüngsten Tag über Gute und Böse, Gerechte und Ungerechte, sodass alle, die im Grab liegen, die Stimme des Sohnes Gottes hören werden, und diejenigen, die Gutes getan haben, werden zur Auferstehung des ewigen Lebens hervorgehen, diejenigen aber, die Übles getan haben, zur Auferstehung des Gerichts.

Darum, mein liebes Kind, richte deine Gänge nach der heiligen Schrift, sie wird dir die rechte Wahrheit zeigen, denn wer sucht, der findet, wer da klopft, dem wird aufgetan. Darum bitte den Herrn um Hilfe und Beistand, denn Er ist ein Geber alles Guten, damit du nach diesem Leben die liebliche Stimme hören mögest: Kommt her, ihr Gesegneten meines Vaters, ererbt das Reich, das euch von Anfang der Welt bereitet ist, denn ich bin hungrig gewesen, und ihr habt mich gespeist, ich bin durstig gewesen, und ihr habt mich getränkt, ich bin nackend gewesen, und ihr habt mich gekleidet, ich bin ein Gast gewesen, und ihr habt mich beherbergt, ich bin gefangen gewesen, und ihr habt mich besucht.

So übe dich denn hierin, mein liebes Kind, und habe hierin deine Lust; folge dem Rat des Tobias, hast du viel, so gib viel, hast du wenig, so gib wenig, und das mit treuem Herzen.

Ach mein liebes Kind, denke an das, was ich dir geschrieben habe, und sei den Leuten allezeit treu und gehorsam in allem, was nicht gegen die Wahrheit ist; sei fleißig in deiner Arbeit, bescheiden, freundlich und sanftmütig, denn die Frucht des Geistes ist allerlei Güte, Gerechtigkeit und Wahrheit.

Hiermit befehle ich mein liebes Kind dem Herrn und denen, die Gott fürchten.

Dieses ist geschrieben von mir, deinem Vater Bartholomäus Panten, auf denselben Tag, als ich um des Namens des Herrn willen gepeinigt wurde, sowohl vor als nach der Folter.

Alle, die ihr dieses lest oder lesen hört, bedenkt es und verwundert euch nicht, wenn dergleichen geschieht, denn der Apostel Petrus sagt: Meine Liebsten, verwundert euch nicht, als ob euch etwas Neues geschähe, sondern freut euch darin, daß ihr der Leiden Christi teilhaftig seid, damit ihr auch zur Zeit der Offenbarung seiner Herrlichkeit Freude und Wonne haben mögt, wenn ihr anders um des Namens Christi willen hier geschmäht werdet, Amen. Von mir, Bartholomäus Panten.