2.709  Der erste Brief von Bartholomäus Panten, geschrieben an seinen Bruder Carl, der zu Harlem wohnte.

Nebst zugeneigtem Gruße an dich, meinen geliebten Bruder (wobei ich auch deiner Hausfrau und Hausgenossen gedenke), lasse ich euch wissen, daß ich durch des Herrn Gnade, dem Leibe nach, noch wohl sei, und was den Geist betrifft, so ist mein Gemüt fest darin, mit des Herrn Hilfe bei der Wahrheit zu bleiben bis ans Ende, was ich euch auch wünsche. Ferner, mein geliebter Bruder, benachrichtige ich dich, daß ich jetzt nebst einem andern Mann und einer Frau, um des Zeugnisses unseres Herrn Jesu Christi und der Wahrheit des Evangeliums willen zu Gent gefangen sei und daß nämlich der Mann und ich gepeinigt worden sind, was ich unwürdig gelitten habe; sie haben auch gedroht, uns noch mehr Leiden anzutun; aber Petrus sagt: Fürchtet euch nicht vor ihrem Drohen, und erschreckt nicht, sondern heiligt Gott, den Herrn, denn sie können nicht mehr tun, als ihnen von Gott zugelassen ist; ebenso sagt auch Paulus an die Korinther: Wir wissen, wenn das irdische Haus dieser Wohnung zerbrechen wird, daß wir einen Bau haben, von Gott erbaut, ein Haus, nicht mit Händen gemacht, das ewig ist im Himmel, und deshalb sehnen wir uns auch nach unserer Behausung, die vom Himmel ist, und uns verlangt, daß wir damit überkleidet werden, jedoch so, daß wir bekleidet und nicht bloß erfunden werden, denn, während wir in der Hütte sind, sehnen wir uns und sind beschwert.

Darum, mein lieber Bruder, sehe ich keinen andern Ausweg, um zum ewigen Leben zu gelangen, als durch das Kreuz, das uns von Gott aufgelegt ist; das müssen wir tragen, wie Christus sagt: Wenn mir jemand folgen will, der verleugne sich selbst, nehme sein Kreuz auf sich, und folge mir nach, denn, wer sein Leben erhalten will, der wird es verlieren, wer aber sein Leben um meinetwillen verliert, der wird es finden. Was nützt es dem Menschen, wenn er auch die ganze Welt gewönne und nehme doch Schaden an seiner Seele? oder was kann ein Mensch geben, daß er seine Seele erlöse? Aber das Leiden dieser Zeit ist nicht zu vergleichen mit der Herrlichkeit, die an uns offenbart werden soll; darum (sagt Paulus) werden wir nicht müde, denn, obgleich unser auswendiger Mensch vergeht, so wird doch der inwendige von Tag zu Tag erneuert, denn unsere Trübsal, die zeitlich und leicht ist, schafft uns eine ewige und über die Maßen gewichtige Herrlichkeit, die wir nicht auf das sehen, was sichtbar ist, denn, was sichtbar ist, das ist zeitlich, aber was unsichtbar ist, das ist ewig. Wisse, daß ich von den Jesuiten und Pfaffen, auch von dem Stadtschreiber Anfechtung gehabt habe, aber mit Gottes Hilfe habe ich allen Stürmen bisher widerstanden, und hoffe, daß er fernerhin durch seinen Geist und seine Kraft, ohne welche wir nichts vermögen, mir helfen werde, denn von mir selbst habe ich nichts als lauter Schwachheit, Elend und Unvollkommenheit, was ich vor Gott mit Tränen beklagt und Ihn gebeten habe, daß Er ohne seine Gnade nicht mit mir ins Gericht gehen wolle, denn vor Ihm wird keine lebendige Seele in Unschuld bestehen.

Hiermit befehle ich dich Gott; sei der Worte Paulus eingedenk, wenn er sagt: So ermahne nun euch ich Gefangener in dem Herrn, daß ihr wandelt, wie es eurem Beruf gebührt, worin ihr berufen seid, mit aller Demut und Sanftmut, mit Geduld, und ertragt einer den andern in der Liebe, und seid fleißig zu halten die Einigkeit im Geist, durch das Band des Friedens, ein Leib und ein Geist; und an die Kolosser: Ertragt einander, und vergebe einer dem andern, wenn jemand eine Klage hat wider den andern; gleichwie Christus euch vergeben hat, so auch ihr. Über alles aber zieht an die Liebe, die das Band der Vollkommenheit ist; und der Friede Gottes regiere in euren Herzen, zu welchem ihr auch berufen seid in einem Leib, und seid dankbar; ferner an die Galater: So wir im Geist leben, so lasst uns auch im Geist wandeln; lasst uns auch nicht eitler Ehre geizig sein, uns untereinander zu entrüsten und zu hassen. Liebe Brüder, wenn ein Mensch etwa von einem Fehler übereilt würde, so helft ihm wieder zurecht mit sanftmütigem Geist, die ihr geistig seid, und siehe auf dich selbst, damit du nicht auch versucht werdest. Einer trage des andern Last. Wenn sich aber jemand dünken lässt, er sei etwas, der betrügt sich selbst; darum prüfe ein jeder sein eigenes Werk, und alsdann wird er an sich selbst Ruhm haben, und nicht an einem andern, denn ein jeder wird seine eigene Last tragen; ferner bei Jak 5,19: Meine Brüder, wenn jemand unter euch von der Wahrheit sich verirren wird, und jemand bekehrt ihn von dem Irrtum seines Weges, der hat einer Seele vom Tode geholfen, und wird die Menge der Sünden bedecken; und Petrus sagt: Vor allen Dingen habt untereinander eine brünstige Liebe, denn die Liebe bedeckt die Menge der Sünden; auch sagt Johannes: Wer nicht recht tut, und wer seinen Bruder nicht lieb hat, ist nicht von Gott, denn das ist die Botschaft, die ihr gehört habt von Anfang, daß ihr einander lieben sollt, nicht wie Kain, der vom Argen war und seinen Bruder tötete.

Darum, meine lieben Brüder, seid untereinander freundlich und herzlich, und vergebe einer dem andern, wie Gott euch durch Christum vergeben hat. Auch sagt Paulus: Ermahnt die Ungezogenen, tröstet die Kleinmütigen, tragt die Schwachen, seid geduldig gegen jedermann, seht zu, daß niemand Böses mit Bösem vergelte, sondern jagt allezeit dem Guten nach, sowohl untereinander, als gegen jedermann.

Hiermit sage ich dir, mein lieber Bruder, gute Nacht, wenn wir einander nicht mehr sehen sollten.

Geschrieben in meinen Banden, von mir, Bartholomäus Panten, an Carl Panten, meinen Bruder.