2.706  Georg Wanger, 1591.

In eben demselben Jahre 1591, den 5. August, ist Georg Wanger, ein Schneider, um des Glaubens willen zu Lorentsi im Pustertale, in der Grafschaft Tyrol, hingerichtet worden nachdem er länger als ein Jahr gefangen gesessen hatte, denn er war den Abend vor Jacobi im Jahre 1590 gefangen genommen worden. Man brachte ihn zu Lorentsi ins Amthaus und legte ihn in ein gemeines Gefängnis. Den folgenden Tag wurde er vor den Amtmann, Richter, Schreiber und einen Pfaffen gebracht; sie wollten von ihm wissen, wer mit ihm ausgezogen wäre, wo er sich aufgehalten hätte, oder wo er zur Herberge gewesen wäre; aber er antwortete: Gott behüte mich vor solchem Übel; wir verraten unsere Feinde nicht, wie sollte ich denn meine Freunde und lieben Brüder verraten? Das will ich mit Gottes Hilfe nicht tun, denn es ist wider die Liebe des Nächsten. Der Richter setzte ihm sehr zu, sowohl mit süßen als mit harten Worten, aber der Bruder sprach: Ich habe meine gesunden Glieder von Gott empfangen, demselben will ich sie wieder aufopfern, und das mit einem guten Gewissen.

Als er nun lange zu Lorentsi gefangen gelegen hatte, und von der Obrigkeit dreimal verhört worden war, hat man ihr auf dem Schloss zu Michelsberg auf die Folter gelegt, und da er nach ihrem bösen Begehren (was wider Gott, sein Gewissen oder die Liebe des Nächsten war) nicht aussagen wollte, haben sie ihn zweimal so gepeinigt, daß man die Malzeichen wohl dreizehn Wochen lang an ihm gesehen hat.

Da er nun vierzehn Tage auf dem Schloss zu Michelsberg gesessen hatte, haben sie ihn den sechszehnten Tag im Herbstmonat nach Brixen geführt und ihn dort an eine Kette in den Turm gelegt, worin viel Ungeziefer war; auch befanden sich Scorpione ganz in seiner Nähe, sowohl auf seinem Bett als auch an der Mauer; er konnte sich nicht wohl umwenden und musste sein Haupt wegen des Ungeziefers allezeit bedeckt halten.

In neunzehn Wochen, solange er zu Brixen gefangen lag, hat man ihm zweimal den Tod angekündigt und ihn dabei ernstlich zum Abfall ermahnt; aber er sagte: Ich habe weder Lust noch Zuneigung zu dem Volk, zu welchem ihr mich treiben wollt. Wohl aber will ich mein Leben bessern, wenn ich irre, auch andere zur Besserung ermahnen, die bisher ihr Leben noch nicht gebessert haben; das halte ich für ein Werk Gottes und will es gern tun, auch das halten, was ich Gott in der Taufe zu meiner Seele Heil verheißen habe. Die Pfaffen zu Brixen haben ihn im Gefängnis oft überlaufen, auch ist er vor den Vikar oder Dompropst gefordert, zweimal vor den Obersten und zehnmal vor Mönche und Pfaffen, Edelleute und andere, welche ihn wieder zu der rechten Kirche zu führen suchten; aber er sprach: Ich habe weder die rechte Lehre noch den Glauben oder die Kirche Christi verlassen, sondern habe sie durch Gottes Gnade gefunden, dabei will ich auch bleiben. Als er nun sieben Wochen zu Brixen gelegen hatte, haben sie ihn abermals nach Lorentsi geführt, wo er ihrer Absicht zufolge nach zwei Nächten gerichtet werden sollte, aber dieser Plan wurde durch den Tod des Bischofs von Brixen vereitelt; deshalb ist er wieder nach Mühlberg geführt und bis zum fünften August auf das Schloss gefangen gelegt worden; hier hat man ihn abermals in das Richthaus zu Lorentsi gebracht, wo die Pfaffen Gericht über ihn gehalten haben. Zuerst versuchten sie, ob sie ihn vom Glauben abfällig machen könnten, aber als sie das nicht bewerkstelligen konnten, hat man ihn auf des Kaisers Befehl zum Tode verurteilt, und ihm vorgelesen, daß er von der römisch-katholischen Kirche abgefallen wäre und sich noch einmal hätte taufen lassen, daß er auch nachher gesucht hätte, andere dazu zu bringen und zu seiner ketzerischen Sekte (so nannten sie dieselbe) zu verführen. Aber der Bruder Georg sprach: Es ist keine ketzerische Sekte, sondern es ist die göttliche Wahrheit und der rechte Weg zum Reich Gottes. Hiernächst hat man ihn hinaus auf den Richtplatz geführt, wo ihn der Oberste von Lorentsi mit süßen Worten noch ernstlich ermahnt hat, daß er doch abstehen sollte, er wollte ihm so viel geben, daß er sein lebelang daran genug hätte, und wollte noch überdies am jüngsten Tage Bürge für ihn sein, wenn er unrecht daran täte. Aber der Bruder sprach: Wenn ich das täte und dich zum Bürgen für mich annehmen würde, es käme aber der Teufel und holte zunächst den Bürgen, wo sollte ich nachher meinen Bürgen und mein Unterpfand suchen? Der Oberste fühlte sich hierdurch beschämt, und ließ von ihm ab.

Es war viel Volks zugegen, worunter einige weinten; aber er bat, daß man ihm die Hände etwas auflösen wollte, daß er sie zu Gott aufheben könnte, um Ihm Dank und Lob zu geben und Ihn zu bitten, daß Er ihm Kraft geben wolle, den falschen Propheten und bösen Geistern zu widerstehen. Endlich hat er seinen Geist in die Hände Gottes befohlen, und ist um des Wortes Gottes und seiner Wahrheit willen enthauptet worden.