2.700  Der eiste Brief von Joost Zöllner.

Gnade und Friede von Gott, unserm himmlischen Vater, durch Jesum Christum, seinen lieben Sohn, unsern Herrn und Heiland, wolle euch, mein lieber Bruder in dem Herrn, Lowys, auch Janneken, Jacumyntgen und Syntgen, meine lieben Schwestern in dem Herrn, nebst allen andern geliebten Brüdern und Schwestern in dem Herrn, mit seinem Heiligen Geist an dem inwendigen Menschen stark und kräftig machen, damit ihr das Ende eures Glaubens davon tragen mögt zu eurer Seelen Seligkeit und zum Lobe, Preise, Ehre und Dank dessen, der von Ewigkeit zu Ewigkeit lebt, Amen.

Nebst herzlichem und christlichem Gruß an euch, meine lieben Brüder und Schwestern in dem Herrn, lasse ich euch wissen, daß ich dem Fleische nach in guter Gesundheit bin, dem Herrn sei gedankt, dem Geiste nach aber ist mein Gemüt durch des Herrn Gnade willig, bei der heiligen christlichen Wahrheit zu bleiben, denn es ist weder im Himmel noch auf Erden eine andere Seligkeit zu erwarten, als durch Jesum Christum, der die Wahrheit und das Leben ist. So wisst denn, meine lieben Brüder und Schwestern, daß ich mit meinen Mitgefangenen im Herrn sehr wohlgemut bin, wiewohl wir alle drei voneinander abgesondert liegen; es hat auch der Stockmeister strengen Befehl, daß er uns nicht zusammenkommen noch miteinander reden lassen soll. Es wird zwar genau Achtung gegeben, doch finden sich Habakuks, die uns bisweilen behilflich sind, und obgleich es so genau zugeht, so haben wir doch einen sehr großen Trost, nämlich den Tröster, den Heiligen Geist, denselben Helfer und Beistand, der die heiligen Apostel in ihrer Trübsal getröstet hat, sodass ich Tag und Nacht zu dem Herrn, meinem Gott, bitte und flehe, daß Er mir gnädig beistehen und das Feld erhalten helfen wolle, damit sein heiliger Name durch mich Elenden ewig gepriesen werden möge, und Er mir das abnehme, was mir hinderlich ist. Und also habe ich mich dem ewigen allmächtigen und starken Gott übergeben durch Jesum Christum, unsern ewigen Seligmacher.

Deshalb, meine geliebtesten Freunde, hat der Herr meine Stimme erhört, und mich elenden unvollkommenen Menschen angesehen, der ich nur Staub und Asche und zu jeder Barmherzigkeit zu gering bin, indem Er mich dazu berufen hat, daß ich um seines Namens willen Trübsal, Bande, Leiden, und Versuchung haben soll; daher habe ich solch einen Mut und solche Freude, daß ich die Freude und Wonne, die mir der Herr durch seinen Heiligen Geist gibt, nicht auszusprechen vermag, sodass ich oft in meinem Herzen denke: O Herr, heißt dieses Leidwesen, Druck, Leiden und Bande oder Trübsal? Denn solange ich unwürdig in der Wahrheit gewandelt bin, habe ich noch niemals solche Freude und Wonne gehabt. Wenn ich an die ewige Freude und die großen tröstlichen Verheißungen der Seligkeit denke, die der Herr für seine Auserwählten und für alle, die bis ans Ende standhaft bleiben, zubereitet hat, daß sie dem unbefleckten Lamm Christo Jesu mit glänzenden weißen Kleidern und Palmzweigen in ihren Händen nachfolgen und außerdem noch mit der Krone des ewigen Lebens gekrönt werden, und daß Er sie zur Quelle des ewigen Lebens leiten und also alle Tränen von unsern Augen abwischen werde; wenn ich dieses alles im Geiste ansehe, so dünkt mich, mein Herz zerspringe mir vor Freuden, so mächtig ist der Herr, und so kann Er diejenigen trösten, die sich Ihm von ganzem Herzen übergeben. Denn Freunde, es ist nun so weit gekommen, daß ich alles, was zeitlich und vergänglich ist, um Christi willen für Schaden achte, so hat mir auch der Herr Gnade dadurch gegeben, daß mich keine zeitlichen Geschäfte verhindern, was ich als ein großes Geschenk von Ihm annehme.

Darum, meine Lieben und Werten, erfreut euch und ergötzt euch mit mir im Geiste, und dankt dem Herrn, daß Er eurem schwachen Bruder so gnädig beisteht, mit seinem Geist und Wort. Euch alle, die ihr diesen meinen Brief sehen oder lesen hören werdet, bitte ich aus brüderlicher Liebe, daß ihr die Knie eures Herzens zum Allerhöchsten beugen wollt, daß Er uns durch seinen Geist stärken wolle, damit wir das Werk, das Er in uns angefangen hat, zu seinem heiligen Preise ausführen möchten, denn Freunde, wir versehen uns nichts anders, als daß wir aufgeopfert werden, insbesondere ich und Michael, und das um gewisser Ursachen willen, die wir in unserem Verhör bekannt haben. Sie fragten mich zunächst nach meinem Alter; ich sagte: Ungefähr fünfzig Jahre. Sie fragten, ob ich wiedergetauft wurden sei; ich antwortete: Nein; aber ich setzte hinzu, daß ich mich auf das Bekenntnis meiner Sünden, welche mir herzlich leid wären, und auf mein Glaubensbekenntnis an Jesum Christum, daß Er der lebendige Sohn Gottes sei, im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes hatte taufen lassen; das wurde niedergeschrieben. Sie fragten, wie lange es her sei; ich sagte: Sechsundzwanzig Jahre vergangene Christmeß. Sie wunderten sich, daß ich so lange regiert hätte. Frage: Hast du eines Dieners Dienst zu verwalten, oder hast du nicht darin gestanden? Ich bekannte freimütig, daß ich in dem Dienst stände, obgleich, sagte ich, ich dessen nicht würdig wäre. Ferner fragten sie mich, ob ich das Wort der Ermahnung täte oder nicht getan hätte; ich sagte: Nein. Sie fragten mich, ob nicht kürzlich ein Mann da gewesen wäre, welcher draußen gepredigt hätte; ich schwieg. Nach einigen Erörterungen sagte ich ihnen, es sei uns nicht von Gott erlaubt, jemanden zu belästigen oder zu beschweren. Zuletzt sagten sie mir, wie sie wüssten, daß Jan Weber in der Stadt gewesen sei, und daß man ihn heimlich Nachts aufgenommen hätte, und daß ihrer drei oder vier aufgenommen worden seien. Sie sagten auch mit kurzen Worten, daß es unsere Schwester bekannt habe, die mit uns gefangen saß, denn sie hatten sie gefoltert; sie fragten mich auch, ob Hans in meinem Hause zur Herberge gewesen wäre; sie wussten schon Bescheid davon, darum konnte ich nichts dagegen sagen, sondern musste es gestehen. Sie sagten, solches sei verboten; ich antwortete, es wäre mir nicht leid, daß ich ihn beherbergt hätte, und wenn es noch zu tun wäre (sagte ich), ich wollte es noch gern tun. Das nahmen sie übel auf, daß es mir nicht leid wäre. Sie fragten mich auch, ob ich den Rat oder meine Zustimmung dazu gegeben, nach dem Jan Weber zu schicken; ich sagte, ja, von ganzem Herzen. Das wurde auch übel aufgenommen, wiewohl ich wenig darauf gebe, denn sie deuten alle Dinge aufs Ärgste. Sie gingen sodann zu den Herren des Rates, wie ich nachher gehört habe; überdies müssen sie sich noch bei Hofe mehr Rats erholen.

Dieses ist ein kurzer Bericht; es sollte mir wohl schwer fallen, alles zu beschreiben, weil meine Gerätschaft zu gering war. Ich wollte, daß man diesen Brief, oder die Abschrift davon, an die von Harlem senden möchte. Es war einmal ohne mein Wissen von denen von Harlem ein Brief gesandt worden, welcher in Michael Buyses Hause gefunden worden ist; derselbe hat mich sehr beschwert; es war wegen hundert Pfund, welche an die Armen gesandt waren, und die ich empfangen haben sollte, und auch noch ein Testament über vierundzwanzig Pfund von Joost Daems; ich antwortete darauf, daß ich den Brief niemals gesehen hätte, wie denn dem auch so ist; aber diese Briefe haben große Betrübnis angerichtet.

Ich habe so viele Briefe empfangen als irgendein Mann in Flandern und Brabant, aber alles, was etwas zu bedeuten hatte, davon machte ich mich frei, doch Trübsal und Bande müssen von etwas herkommen. Überdies sei dem Herrn gedankt, ich quäle mich nicht mehr damit; ich bin mit allem zufrieden, wie es mir der Herr zugesandt hat. Gott der Herr lässt es so geschehen, damit Er dadurch prüfen möchte, ob etwas in meinem Herzen läge, woran Er einen Missfallen hätte, oder ob ich etwas mehr lieben möchte, als Ihn, denn der Herr ist ein eifriger Gott und will allein der Liebste sein; Er ist dessen auch wohl wert, denn Er hat uns teuer erkauft, nämlich mit dem teuren Blut seines Sohnes, unsers Herrn Jesu Christi. Darum müssen wir auch in der Kraft unseres Glaubens beweisen, daß wir Ihn mehr lieben, als Mann, Weib oder Kind, Haus, Äcker, Gold, Silber, und das letzte und höchste Pfand, welches unser eigenes Leben ist.

Wenn man so auf den Prüfstein gelegt wird, so wird erkannt, worauf man gebaut habe, es sei Gold, Silber, Edelsteine oder Holz, Heu oder Stoppeln, denn eines jeden Werk wird dann offenbar werden, wie durchs Feuer. Darum rate ich euch, mein lieber B. und S. in dem Herrn, die ihr nun in der Freiheit wohnt, daß ihr doch tapfer aufwachsen wollt; es könnte wohl geschehen, daß bei euch auch Verfolgung entstehen möchte, wie nun in Flandern, denn diese Freiheit haben wir sieben Jahre auch gehabt. Darum sollen alle rechtschaffenen Ritter Christi Jesu sich allezeit mit den Waffen der Gerechtigkeit bereit machen, und den Helm des Heils, sowie den Panzer der Gerechtigkeit anziehen und sich mit dem Gürtel der Wahrheit, und mit dem Schwert des Geistes, ja, auch mit dein Schild des Glaubens bewaffnen, womit man alle feurigen Pfeile des Bösewichts auslöschen kann. Aber Freunde, die Trägen lassen vielleicht bisweilen ihre Waffen in einem Winkel stehen, wo sie dann leicht verrosten können; sobald es nun die Not erfordert zu streiten, wenn nämlich der Feind (der wie ein grimmiger Löwe um uns herumgeht) uns auf den Hals kommt, jawohl, dann würde man sie wohl im Winkel ganz verrostet aufsuchen, und so würde uns der Feind mit List überfallen. Darum gibt Paulus einen guten Rat, wenn er sagt: Wacht, steht fest im Glauben, seid männlich, und lasst alle Dinge in der Liebe geschehen.

Freunde, ich wollte wohl mehr schreiben, aber ihr seid selbst von Gott gelehrt, und wie euch die Salbung alles lehrt, so ist es wahr, und wie sie euch gelehrt hat, so bleibt dabei. Ich will euch hiermit dem Herrn und dem Wort seiner Gnade empfehlen. Haltet mir mein keckes Schreiben zu gut.

Wisst Brüder, daß ich meiner Tochter einen Testamentsbrief geschrieben habe, wenn wir etwa hier nicht lange mehr leben sollten.

Von mir, Joost Zöllner, eurem schwachen Bruder in dem Herrn, den 13. Januar 1589, gefangen um der Wahrheit willen.