2.670  Noch ein Brief von Hans Bret, geschrieben an seine geliebte Mutter, den 19. Juli 1576.

Die unaussprechliche Gnade, Frieden und Barmherzigkeit Gottes, unseres himmlischen Vaters, der ein Vater voller Gnade und Wahrheit ist, durch das bittere Leiden und Sterben unseres einigen Heilandes und Seligmachers Christi Jesu, der uns von allen unsern Sünden und Ungerechtigkeiten abgewaschen und gereinigt hat, wie auch die Kraft des Heiligen Geistes, zur Vermehrung deines Glaubens und um allen Feinden der Wahrheit zu widerstehen, wünsche ich dir, meine liebe herzgründliche Mutter, zum Heile deiner Seele, Amen.

Meine geliebteste Mutter, die ich von Herzen liebe, meine auserwählte Mutter, die mich mit Pein und Schmerzen geboren hat, von welcher ich hergekommen bin, ich, dein Sohn, der ich gegenwärtig um des Wortes der Wahrheit willen zu Antwerpen auf dem Steine gefangen und geschlossen bin, empfehle mich dir aus dem Grunde meines Herzens und danke dir, meine liebe Mutter, für die große Wohltat, die du an mir, von meiner Geburt an, bis auf diese Stunde bewiesen und daß du für meinen Unterhalt Sorge getragen hast und noch Sorge für mich trägst; insbesondere danke ich dir, meine geliebteste Mutter, daß du für meiner Seele Seligkeit Sorge trägst, wie ich aus dem tröstlichen Briefe ersehe, den du an mich geschrieben hast.

Ach, als ich den Brief zu lesen anfing und bemerkte, daß er von dir war, meine Mutter, da überfielen mich die Tränen, so daß ich, um der vielen Tränen willen, die aus meinen Augen flossen, den Brief kaum lesen konnte, denn ich meinte, ich würde von dir keine Nachricht mehr erhalten; ich war durch deine tröstliche Unterweisung sehr erfreut, und weil du dem Exempel Tobias nachgefolgt bist, der seinem Sohne auch eine Unterweisung gab.

Ach, ich danke, ja ich danke dir, meine liebe Mutter, daß du mich so zur Standhaftigkeit und Freimütigkeit, den Namen Christi zu bekennen, ermahnst, was ich mit des Herrn Hülfe zu tun hoffe, der allein mein Helfer und meine Stärke ist, um den Gewaltigen und Fürsten dieser Welt, den Geistern der Luft, wie Paulus sagt, ja diesen Isabelspriestern zu widerstehen, die nach dem Blute der Frommen dürsten, die in den Wegen des Herrn wandeln, die nach Gottes Wort den engen Weg zu betreten und ihr eigenes Leben zu verlassen suchen, wie auch die Sünde, die Ungerechtigkeiten und die fleischlichen Lüste, und die dem Herrn, nach dem Willen Gottes, in Gerechtigkeit und in Heiligkeit, zu gefallen suchen.

Diese werden verschmäht, verachtet und verfolgt, ja gefangen, ihr Loos ist, getötet zu werden, weil sie auf solche Weise auf dem Wege zu wandeln suchen, daß sie dem Herrn gefallen mögen; darum sagt auch Esdras: Der Weg ist eng, und kann ohne Gefahr nicht bewandelt werden. Dieses sollen wir wohl überlegen.

Sieh, es waren zwei Brüder in der Welt, nämlich Kain und Abel; Abel suchte den engen Weg zu bewandeln und dem Herrn mit seinem Opfer zu gefallen, was der Herr ansah und Ihm wohlgefiel, weil er, samt seinem Opfer, gut war. Kain opferte dem Herrn, aber sein Opfer gefiel dem Herrn nicht (weil er böse war); darum sah der Herr sein Opfer nicht an; da ward Kain zornig über seinen Bruder Abel, und tötete ihn.

Denke an Lot in Sodom, wie sie sein Haus durch ihre Bosheit überfielen, und mit den Engeln, die in sein Haus eingegangen, Buhlerei treiben wollten; ebenso musste Abraham sein Vaterland verlassen und in einem fremden Land wohnen, in welchem er ein Fremdling war, und in Hütten wohnen musste. Betrachte auch Isaak, der auf den Wegen seines Vaters Abrahams wandelte und dem Herrn diente; er ward von den Philistern gehasst, denn sie verstopften den Brunnen, den sein Vater Abraham gegraben hatte; ja, sogar das genügte ihnen nicht, sondern der König Abimelech befahl, daß er seine Wohnung verlassen müsste.

Jakob wurde von seinem Bruder Esau gehasst und verfolgt, welcher ihn zu töten suchte.

Joseph ward von seinen Brüdern in die Grube geworfen, und den Ismaeliten verkauft, welcher auch lieber der Frau des Hofmeisters entfliehen und seinen Mantel zurücklassen, als ihre Begierde befriedigen wollte.

Also auch, liebe Mutter, will ich lieber mein Leben lassen, als nach ihrem Befehl handeln. Die Kinder Israel haben auch viel Leiden gehabt; sollte ich alles erzählen, was noch an allen Propheten Gottes geschehen ist, so möchte das Papier nicht ausreichen. Solche und dergleichen Exempel, nämlich von Christo, dem Herzog des Glaubens, wie Er in diesem Leben verfolgt worden ist, stärken mich; ja, Er war kaum geboren, so musste seine Mutter Maria mit Ihm flüchten; Sie hat Ihn in der Armut auferzogen, ja, Er selbst war arm, denn Er spricht: Die Vögel des Himmels haben Nester, und die Füchse Höhlen, aber des Menschen Sohn hat nicht, wohin er sein Haupt lege. Sieh, wie es weiter mit Ihm ergangen, sie haben Ihn gekreuzigt, seine Füße und Hände durchbohrt; man tränkte Ihn mit Essig und Galle und durchstach Ihm seine Seite mit einem Speer, woraus Blut und Wasser geflossen ist.

Merke darauf, so ist es unserem Hauptmann Christo Jesu ergangen, auf solche Weise hat Er seine Tage in Armut und Schmach geendigt; Er ist gegeißelt, geschlagen, verspottet, mit einer Dornenkrone auf seinem Haupt gekrönt worden. Ach, ich kann sein Leiden nicht genug erzählen, was Er um uns arme Menschen ertragen hat, um uns selig zu machen! Diese Pharisäer aber schämen sich nicht, Ihm seine Ehre zu nehmen, und sagen, daß wir durch die Taufe selig werden, denn der Herr Christus heiligt und reinigt von den Sünden. Ach, wie bin ich betrübt, wenn ich das höre! der Herr vergebe es ihnen, ja, wäre Christus selbst da, sie würden Ihn auch noch töten.

So haben wir denn ein Exempel an unserem Hauptmann Christus, ja, an seinen lieben Aposteln; Paulus hat auch vieles um des Namens Christi willen erlitten; bedenke, wie viele ihrer noch nach Christi und der Apostel Zeiten bis auf diesen heutigen Tag gelitten haben.

Weil denn nun, meine geliebte Mutter, so viele gelitten haben, und wir, wie Paulus sagt, einen Haufen von Zeugen um uns haben, so sage ich mit Paulus: Ich freue mich in meinem Leiden, daß ich um Christi willen leide. Darüber freue dich denn auch, daß Christus mich, deinen Sohn, den du geboren hast, einen armen, unwürdigen Menschen, würdig achtet, um seines heiligen Namens willen zu leiden; deshalb verlangt mich, von diesem Fleisch erlöst und bei Christo zu sein, an den ich jetzt glaube, wiewohl ich Ihn nicht sehe; aber dann werde ich Ihn anschauen und die Freude genießen, die in keines Menschen Herz gekommen ist und keine Zunge aussprechen kann, die große Freude, die den Frommen bereitet ist; sie werden mit weißer Seide angetan werden, sie werden mit der Krone des ewigen Lebens gekrönt werden, sie werden auf dem Berge Zion sitzen und das neue Lied singen, sodass ich mit David sagen kann: Ein Tag bei dem Herrn ist besser, als hier tausend Tage in Freuden und Ergötzlichkeit.

Ach, liebe Mutter, wer wollte hier wohl noch gerne sein, da doch solche Freude für die Frommen bereitet ist, die ewig währen soll! Da wird uns weder hungern noch dürsten, da werden wir weder Hitze noch Kälte fühlen, sodass ich mit Paulus sagen kann: Ich halte dafür, daß dieser Zeit Leiden der Herrlichkeit nicht wert sei, die an uns offenbart werden soll.

Nun denn, geliebte Mutter, wenn ich dieses betrachte, so darf es mich nicht befremden, daß ich um des Namens Christi, um seines Wortes und seiner Wahrheit willen leide, weil alle Frommen Gottes von Anfang der Welt her gelitten haben. Darum sagt Petrus: Lasst es euch nicht fremd dünken, als ob euch etwas Neues geschehe, wenn ihr durchs Feuer geprüft werdet, nämlich: Durch Trübsal, Leiden und Verfolgung, denn der Prophet David sagt: Der Gerechte muss viel leiden, aber der Herr hilft ihm aus aller Not. Paulus sagt auch recht, wenn er spricht, daß wir durch viel Leiden und Trübsal ins Reich der Himmel eingehen müssen.

Erwäge, meine liebe Mutter, welche Vertröstungen wir haben, damit, wenn es dem Herrn gefiele, unsern Glauben zu prüfen, wir in der Prüfung nicht betrübt sein möchten, denn Er sagt: Uns ist es gegeben nicht allein an Christum zu glauben, sondern auch um seinetwillen zu leiden. Paulus, ein guter Sorgeträger für die Herde Christi, hat es denen nicht verhehlen wollen, die nach Christi Wegen wandeln und den engen Weg betreten wollten, der von Wenigen betreten wird, daß sie Verfolgung leiden müssten, damit, wenn Leiden, Trübsal, Verfolgung oder Schmach kommt, es uns nicht befremden möge.

Darum sagt auch Christus: In der Welt habt ihr Angst. Er tröstet auch seine Jünger, daß sie in Trübsal nicht betrübt sein sollten, und sagt: Seid getrost, ich habe die Welt überwunden. Er lehrt seine Jünger, daß sie Trübsal oder Schmach nicht fürchten sollten, denn wenn sie alles getan haben, nämlich die Mächtigen dieser Welt, so können sie nur den Leib töten, die Seele aber können sie nicht beschädigen. Aber Er lehrt uns, wen wir fürchten sollen, nämlich den, der Macht hat, Seele und Leib in das ewige Feuer zu werfen, das ewig brennt, wo Heulen und Zähneklappern sein wird.

Ach, wie betrübt werden alsdann diejenigen sein, die die Könige und Fürsten dieser Welt mehr gefürchtet haben als den Herrn, der ein Herr aller Herren, ein Gott der Götter und ein König der Könige ist, wie David sagt, der das Herz der Könige und Fürsten dieser Welt machen und wie Scherben zertrümmern kann; warum sollten wir uns denn fürchten? denn der Herr spricht bei dem Propheten Zacharias: Wer euch antastet, der tastet meinen Augapfel an.

Betrachte, was Christus sagt: Wer euch verschmäht oder verachtet, der verachtet mich, und wer mich verachtet, der verachtet den der mich gesandt hat. Auch sagt Christus: Selig ist, wer um meinetwillen verachtet wird, denn sein Lohn ist groß in den Himmeln.

So tröste dich denn, meine geliebte Mutter, mit diesen und dergleichen Worten Christi und freue dich mit mir; danke dem Herrn und lobe Ihn, daß du würdig bist um seines Namens willen verfolgt zu werden; folge dem Rate Paulus, sei geduldig in Trübsal, anhaltend im Gebet.

Denke an den Trost Mose, womit er die Kinder Israels tröstete und sagte: Seid getrost und unverzagt; fürchtet euch nicht und lasst euch nicht vor ihnen grauen, denn der Herr wird selbst mit dir wandeln und wird die Hand nicht von dir abtun.

Darum, meine Mutter, sind unserer Feinde auch viele und bin ich auch hier mitten in der Feinde Hand, so will ich doch mit dem Propheten David sagen: Herr, nun Du bei mir bist und mein Helfer bist, so fürchte ich mich nicht, wenn auch Tausend um mich wären. Ferner mit dem Propheten David: Der Herr ist mein Licht und Heil, vor wem sollte ich mich fürchten? Der Herr ist meines Lebens Kraft, vor dem sollte ich erschrecken oder mich fürchten? Und wenn mich auch der Tod überfiele, so fürchte ich mich nicht, denn der Herr ist bei mir ewig, daß Er mich stärke; ferner: Er ist mein Bollwerk; ich fürchte mich nicht und wenn auch die Erde zusammenstürzte und die Berge mitten ins Meer fielen.

Darum, meine liebe Mutter, dringe mit mir mit Gewalt durch die enge Pforte; das ist, durch Leiden und Verfolgung, denn Christus sagt: Das Himmelreich leidet Gewalt und die Ihm Gewalt antun, reißen es zu sich; ich hoffe es auch mit Gewalt einzunehmen durch die Stärke, die mir der Herr verleiht, der Grausamkeit dieser grausamen Löwen zu widerstehen, die mit dem Blut der Frommen nicht zufrieden sind, sondern durch ihre listigen Worte und Schmeicheleien, ja, mit Lügen (nach dem Rate ihres Vaters, des Teufels, wie Christus sagt: Denn er ist ein Lügner und Betrüger von Anfang der Welt) ihre Seelen zu verschlingen und zu verderben und sie ihres Erbteils, nämlich des ewigen Lebens, zu berauben suchen, welches sie durch das vergossene Blut Christi, unseres eigenen Heilandes und Seligmachers erlangen. Aber dem Herrn sei ewiges Lob und Dank, daß Er uns bewahrt und befreit, daß sie unsere Seelen nicht beschädigen können, denn wenn sie alles getan haben, was sie können, so haben sie nicht mehr Macht, als das zeitliche Leben zu nehmen, welches ich gerne um Christi willen lasse, denn ich weiß und bezweifle nicht, daß mir der Herr ein besseres geben werde, welches Er allen Frommen verheißt, die sich nicht geschämt haben, sein Wort und seine Wahrheit vor diesem ehebrecherischen Geschlecht zu bekennen. Darum sagt Christus: Wer sein Leben um meinetwillen verliert, der wird es wieder finden, nicht ein vergängliches Leben, sondern, das ewig währen wird; ein unvergängliches Leben, ein Leben, das in ewigen Freuden bestehen wird. Darum, meine liebe Mutter, verlangt meine Seele nach solchem Leben; sollte auch Fleisch und Blut an einem Pfahl bleiben, so achte ich es nicht (ehe ich mich meines Erbteils, nämlich des ewigen Lebens, um ein wenig zeitliches Leben berauben lassen sollte). O nein! das sei fern, denn ich achte nicht das Sichtbare, sondern das Unsichtbare, das ewig Unvergängliche. Ach, meine auserwählte Mutter, denke nicht, daß etwas sei, das mir meine Seligkeit rauben werde, denn Paulus sagt: Wer will uns scheiden von der Liebe Gottes? Weder Hölle, Teufel noch Tod, Christus hat alles überwunden, sodass ich sagen kann: O Hölle! wo ist dein Sieg? O Tod! Wo ist dein Stachel? Christus hat den Tod überwunden, Christus hat dem Satan den Kopf zertreten, sodass er nur in die Fersen beißen kann, welches er denn auch tut; aber es ist nichts. Wer will, sagt Paulus, die Auserwählten Gottes beschuldigen? Gott ist hier, der gerecht macht, wer will verdammen; Christus ist hier, der gestorben ist.

So sei denn, meine liebe Mutter, mit mir und allen Frommen Gottes (wie Paulus sagt) mit dem Harnisch Gottes an deinem Leib gewappnet, und habe den Helm des Heils auf deinem Haupt und das Schwert des Geistes in deiner Hand; vor allen Dingen aber ergreife den Schild des Glaubens, womit du alle feurigen Pfeile des Bösewichts auslöschen kannst, denn der Prophet sagt: Habe guten Mut; du wirst zuletzt dem Teufel auf seine Schultern treten.

Darum, meine Mutter, wenn du etwas anders von mir als die Wahrheit hören solltest (denn der Teufel ist listig, und geht mit vielen Lügen um, um die Frommen zu betrüben), so gib ihm kein Gehör, wie ich denn auch das Vertrauen zu dir habe, daß du tun werdest, denn mein Gemüt ist unverändert, wofür ich dem lebendigen Gott danke, dem Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, sein Name sei gelobt von Ewigkeit zu Ewigkeit durch seinen einigen Sohn Christum Jesum, unsern Seligmacher, der mich unwürdigen, verachteten Menschen, mit seinem Heiligen Geist stärkt, allen Feinden der Wahrheit zu widerstehen, die mich meiner Seligkeit zu berauben suchen, wozu sie doch keine Macht haben, denn der Herr ist meine Stärke, wie der Prophet sagt: Er ist mein Psalm, ich werde mit Freuden Wasser aus dem Brunnen des Seligmachers schöpfen; auch sagt der Herr durch den Propheten Jesaja: Ich bin der Herr, dein Gott, der deine rechte Hand stärkt und zu dir spricht: Fürchte dich nicht, ich helfe dir, spricht der Herr, dein Erlöser. So fürchte dich denn nicht, du Würmlein Jakob, ihr armer Haufen Israel; ich helfe dir, spricht der Herr, vor wem sollten wir uns denn fürchten, denn der Herr hat es gesagt.

Darum fasse Mut mit mir, meine Mutter, um mit Josua und Kaleb die großen starken Riesen, die Fürsten dieser Welt zu überwinden, und nicht zu fürchten, und so das Land der Verheißung, das Reich der Himmel, einzunehmen. Vor wem sollte ich mich fürchten, da wir solche herrlichen Vertröstungen haben, daß diejenigen, welche sich auf den Herrn verlassen, nicht zu Schanden werden sollen? denn der Prophet sagt, daß der Herr den Frommen nicht verlassen werde bis in den Tod; ja, der Herr spricht durch den Propheten Jesaja: Mag auch ein Weib ihres Kindes vergessen, daß sie sich nicht über die Frucht ihres Leibes erbarme, und wenn sie es täte, so will ich doch deiner nicht vergessen, denn in diese meine Hände habe ich dich gezeichnet, spricht der Herr. Bedenke ferner, wie der Herr bei dem Propheten Maleachi redet, wenn er sagt: Der Herr hat einen Denkzettel, worin Er alle gezeichnet hat, die Ihn fürchten, und Er wird ihre Seelen vom Tode erlösen. Wohl dann denen, die den Herrn gefürchtet haben, denn David sagt: Selig ist der Mann, der den Herrn fürchtet; die sich nicht geschämt haben, in den Wegen des Herrn zu wandeln, deren Namen sind im Himmel in das Buch des Lebens geschrieben. Darum freue dich mit mir, meine Mutter; ich wollte dir wohl noch etwas schreiben, daß du allezeit in den Wegen des Herrn wandeln wollest, von denselben nimmermehr abzuweichen, und viele zur Erkenntnis der Wahrheit zu bringen; aber es mangelt mir an Papier. Ich bitte dich, meine liebe und werte Mutter, nimm dieses geringe schlichte Schreiben von mir zum Besten auf, denn ich schreibe dir aus Liebe, und teile dir von der kleinen Gabe mit, die der Herr durch seine unaussprechliche Gnade mir unwürdigem Menschen gegeben hat.

Ferner schreibst du mir in deinem trostreichen Brief, ob ich an meinem Unterhalt Mangel hätte. Ach nein, ich habe genug, dem Herrn sei gedankt. Du schreibst auch in deinem Brief, ich sollte es schreiben, wenn ich deiner begehrte, du wolltest kommen, und solltest du es auch mit deinem Blut bezahlen müssen. Ach, meine liebe Mutter, wie sollte ich das begehren; das begehre ich nimmermehr, denn du kannst mir nicht helfen; meine Zuflucht ist allein zu dem Herrn, Er ist mein Helfer, Er gibt mir Stärke zu siegen und tapfer in den Streit zu gehen. Darum, meine Mutter, wandle doch vorsichtig, denn sie sind grausam das unschuldige Blut zu vergießen, aber sie können nicht mehr tun, als ihnen der Herr zulässt. Sollte ich mehr davon schreiben, mein Papier würde nicht ausreichen, denn ich beabsichtige dir noch zu erzählen, daß ich noch zweimal vor den Pfaffen gewesen bin, nachdem ich den Brief für dich geschrieben hatte, sodass ich in allem vier Mal vor ihnen gewesen bin; über die beiden ersten Male habe ich dir ein wenig geschrieben, und über die beiden letzten Male werde ich dir jetzt ein wenig schreiben. Das dritte Mal habe ich mit dem Chordiacon geredet, am meisten aber gegen den Ketzermeister, denn er will doch Meister sein; er heißt Pardo; wir redeten viel vom Nachtmahl; es war auch der neuangestellte Schultheiß dabei, und ein Mann, der englisch reden konnte. Ich hörte Pardo unterdessen zu, wie er vom Nachtmahl redete, was gegen das Wort des Herrn war; er fragte mich, ob dem nicht so wäre, daß Christus den Aposteln seinen eigenen Leib gegeben hätte und daß sie denselben gegessen hätten. Ich erwiderte: Er gab seinen Jüngern Brot, und was sie aßen, war Brot; und er gab seinen Jüngern Wein, und was sie tranken, war Wein, und nicht verändert, wie du sagst.

Ich bedeutete es ihnen, wie beides, nämlich das Brot und der Wein, zu verstehen sei; ich wollte es dir wohl erzählen, aber es würde mir an Papier mangeln. Da redeten wir von der Kindertaufe. Ich sagte, er sollte es mir mit der Schrift beweisen, daß Christus gelehrt habe, die Kinder zu taufen, und daß die Apostel dem nachgekommen seien und es getan hätten. Sie sagten: Christus hat es gesagt und gelehrt, Joh 3: Wer nicht wiedergeboren ist aus Wasser und Geist, der kann nicht ins Reich Gottes kommen. Ich sagte: Christus redete an dieser Stelle nicht von der Wassertaufe, sondern er lehrt von der Taufe, Mt 28 und Mk 16, und ich erzählte ihnen den Text.

Darauf sagte der Mann: Ein Narr kann nicht glauben, darum kann man ihn auch nicht taufen, deshalb ist er verdammt.

Ich sagte: Christus sagt nicht, geht hin und lehrt Narren; ich fragte dich, fuhr ich fort, kann man auch einen Narren lehren? Er antwortete mit Nein und fragte mich, ob der Narr verdammt wäre. Ich erwiderte: Ich darf niemanden richten, ich überlasse den Narren des Herrn Händen. Um es aber kurz zu machen, so fragte mich der Mann, ob ich wohl in England gewesen wäre. Ich bejahte die Frage. Was waren da, fragte er, für Menschen, die getötet wurden? Ich äußerte, sie seien von des Menno Volk gewesen. Er sagte, nein, und setzte hinzu, daß es Puritaner gewesen seien. Ich erwiderte: Nein. Er sagte, ich wäre auch von demselben Volk, ich wäre auch ein Puritaner. Ich antwortete, daß ich sie nicht kenne, es wäre das erste Mal, daß ich davon höre. Hiernächst sagte ich ihm, er sollte mir sagen, was es für ein Volk wäre, und was es für ein Glaube wäre, den sie haben, aber er wollte mir das nicht sagen. Sie redeten noch manches, aber es würde zu weitläufig sein, es alles zu erzählen.

Das letzte Mal, den 13. Juli, habe ich mit vier Pfaffen zugleich geredet, aber nicht so viel, wie zu andern Zeiten. Man fragte mich, ob ich mich nicht bessern wollte. Ich antwortete: Ja, ich begehre von Tag zu Tag von Sünden abzustehen. Nein, ob ich den geistlichen Männern und der römisch-katholischen Kirche nicht gehorchen wollte. Ich erwiderte: Ich danke dem Herrn, der mich unterrichtet, mir die Augen geöffnet und mich auf den rechten Weg gebracht hat, darum begehre ich von Ihm noch wohl unterrichtet zu werden.

Dann setzten sie eine Schrift auf, sie wollten mich den Herren übergeben, daß ich ein hartnäckiger Ketzer wäre, und daß ich ihnen nicht gehorchen wollte; sie schrieben auch, daß sie ihr Bestes getan hätten, sodass sie nicht mehr mit mir reden wollten. So bin ich denn nun der Pfaffen entübrigt und der Obrigkeit überantwortet, und erwarte mein Urteil den 22. Juni zu hören und mein Opfer den 28. zu tun. Der Herr wolle mich bis ans Ende stärken. Ihm zum Preis und zum Heil meiner Seele. Der Herr gebe mir den Geist der Freimütigkeit, damit ich meinen Streit mit Freuden vollenden möge.

So bleibe denn, meine liebe Mutter, bei dem Herrn. Der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs sei bei dir und bewahre dich. Der Herr bewahre deinen Ausgang und Eingang von nun an bis in Ewigkeit.

Meine liebe Mutter, ich grüße dich mit einem Kuss der Liebe, denn ich glaube, daß du mich nicht mehr sehen werdest, und ich dich auch nicht, meine Mutter; gehabe dich wohl, der Herr sei mit dir, meine Mutter, ich gehe voran und werde dich im Himmelreich erwarten, da werden wir einander sehen in voller Freude.

Ich sage dir gute Nacht; noch einmal, gehabe dich wohl; der Herr sei mit dir, in Ewigkeit, denn ich weiß nicht, ob ich dir wieder schreiben werde; ich grüße dich noch einmal, meine liebe Mutter, die mich mit Schmerzen geboren hat. Grüße mir herzlich meinen lieben Bruder D., und ermahne ihn, in des Herrn Wegen zu wandeln, zu seiner Seele Heil; darum bitte ich dich, meine Mutter, wie ich denn auch das Vertrauen zu dir habe und nicht daran zweifle. Grüße mir meine werte Schwester K. A. so wie T. und W. Grüße mir auch diejenigen, die ich nicht zu nennen brauche; auch meinen geliebten Meister und G. Der Herr sei mit euch allen von nun an bis in Ewigkeit, Amen.

Meine herzgründlich liebe Mutter, die ich aus meiner Seele Grund liebe, ich lasse dich hier und gehe freudig fort, und werde Christum anschauen, an welchen ich nun glaube, wiewohl ich Ihn nicht sehe; du aber bleibst hier in der trübseligen Welt, worin anders nichts zu erwarten ist, als Trübsal, Leiden und Verfolgung, solange es dem Herrn gefällt, der dich in aller Trübsal trösten und ewig bei dir sein wolle, Amen.

Geschrieben von mir, deinem Sohn, Jan Vret, gefangen zu Antwerpen auf dem Stein um des Wortes der Wahrheit und des Bekenntnisses des heiligen Wortes Gottes willen; ich erwarte mein Urteil, an einem Pfahl lebendig verbrannt zu werden, wenn es dem Herrn gefällt, zum Preise seines heiligen Namens.