2.664  Der letzte Brief von Raphel von dem Felde, geschrieben an seine Hausfrau, nachdem er die Botschaft seines Todesurteils empfangen hatte.

Gnade und Frieden, Liebe, Geduld, Leidsamkeit, Gütigkeit, Kraft und Stärke in deinem Glauben wünsche ich, Raphel, dir, meiner werten und in Gott geliebten Hausfrau und Schwester in dem Herrn, zum freundlichen Abschiede; der Herr gebe dir und uns allen Gnade, daß wir dermaleinst einander in der ewigen Freude sehen mögen. Meine Geliebte, ich danke dir für deinen Brief, den du mir zum Troste in meiner letzten Not gesandt hast; ich danke auch Ketzyntgen herzlich; ihr lieber Mann dankt ihr auch, und nimmt einen freundlichen Abschied; der Herr gebe dir Gnade, daß du ihm zu gelegener Zeit folgen mögest; auch dankt er dir, daß du das letzte Mal sein Herz so wohl befriedigt und fröhlich gemacht hast, gute Nacht, gute Nacht. Dieses habe ich geschrieben, nachdem ich die Botschaft empfangen hatte, daß ich sterben sollte, was mir, dem Geiste nach, eine fröhliche Botschaft war; aber es scheint, daß sich das Fleisch bisweilen ein wenig fürchten will, worüber man sich auch nicht wundern darf, denn es geht ihm sehr nahe.

Hiermit, meine Geliebte, will ich dich und meinen lieben Sohn dem Herrn übergeben und befehlen; Er wird euch wohl versorgen, nach Seele und Leib, das ist mein Vertrauen zu Gott. Meine Geliebte, sei mit meinem Leiden und Tode wohl zufrieden, denn alle Menschen müssen einmal sterben, und mancher Mensch verliert sein Leben schändlich, jämmerlich und unselig; mein Tod erfolgt aber um die ehrlichste Sache, die man findet, und ist das seligste Werk, das man tun kann, und geht es auch mit Angst zu, so wird doch die Belohnung alles gut machen. Ach, meine Geliebteste! sei wohl zufrieden, sei wohlgemut, und auch unsere Schwester Ketzyntgen, und danket Gott, daß ihr solche Männer gehabt habt, welche die Wahrheit mit aller Macht, großer Gewalt und schwerer Arbeit bezeugt haben. Gott sei gedankt, der uns geholfen hat, das Feld erhalten. Nun können wir mit dem Apostel Paulus sagen: Der Kampf ist gekämpft, der Lauf ist vollendet; wir haben Glauben gehalten, die Krone des Lebens ist uns nun bereitet. Ach, Herr! welch ein schöner Trost! Ach, meine Geliebte! denk oft an dasjenige, was ich dir geschrieben habe, zur Auferbauung und zum Troste deines Gemütes, und vergiß meiner, denn es ist fest versiegelt, daß die Toten nicht wieder kommen.

Hiermit sage ich gute Nacht, gute Nacht, gute Nacht, Fleisch und Blut, gute Nacht, gute Nacht zum Abschiede.

Geschrieben an meinem Ende von mir, Raphel von dem Felde, deinem lieben Manne und Bruder in dem Herrn.