2.636  Ein Brief von Reytse Ayseß an seine Mutter.

Den gnädigen, ewigen, barmherzigen Vater, die Liebe Gottes und den Tröster, den Heiligen Geist, wünsche ich dir, meine liebe Mutter, zum Gruß; der Vater des Friedens behalte die Oberhand in deinem Herzen, Amen.

Meine sehr werte und herzlich geliebte Mutter, du bist es, die mich neun Monate in ihrem Leibe getragen und mit großen Schmerzen zur Welt gebracht hat; ja, ich habe die Brüste deines Leibes gesogen, du hast mich auch ernährt und mich in aller Wahrheit unterrichtet; du hast mich von jeder sündhaften Gesellschaft abgehalten, ja, du hast mich von jeder falschen Lehre abgehalten; du hast mich von der babylonischen Hure abgehalten; du hast mich in die Gemeine des lebendigen Gottes gebracht; du hast mich vor allen Sünden nach deinem besten Vermögen bewahrt; du hast mich mit des Herrn Hilfe so weit gebracht. Sieh, meine sehr werte und herzlich geliebte Mutter, meine Bitte und mein Begehren an dich ist, du wollest doch um meinetwillen nicht bekümmert und betrübt sein, denn ich hoffe, du habest mich nicht zur Schande, sondern Gott und seiner Gemeinde zum Preis und Lob auferzogen. Nebst allem gebührlichen Gruß bitte und begehre ich von dir, du wollest mir vergeben und es mir zu gut halten, wenn ich dich auf irgendeine Weise betrübt haben möchte, es mag in meiner Jugend geschehen oder unwissend der Fall gewesen sein. Ferner, meine herzlich geliebte und werte Mutter, muss ich dir aus dem Grunde meines Herzens und aus dem Innersten meiner Seele ein wenig schreiben, wiewohl du es gut weißt und von Gott gelehrt und meine liebe Mutter bist, damit in niemandem unter uns ein arges und ungläubiges Herz gefunden werde, und damit niemand durch Betrug der Sünde verstrickt werde, und von dem lebendigen Gott um irgendeiner Trübsal willen abtrete.

Sieh, liebe und werte Mutter, laß uns nicht bekümmert oder verzagt werden, obgleich sie dein Gut und Blut angetastet haben; erschrick nicht darüber, sondern habe guten Mut, denn der Herr ist unser Erlöser. Sieh an das Leiden Hiobs, wie ihm der Herr geholfen hat, und sieh an das Ende des Herrn, denn der Herr wird dich und mich nicht verlassen, wenn wir unser Vertrauen auf Ihn setzen. Der Herr hat mir im Streit geholfen, denn ich bin nun schon zwölf Mal vor ihnen gewesen; der Herr ist mein Hauptmann, Er wird mich nicht verlassen; ich will Ihn auch nicht verlassen, weder um des Lebens noch um des Todes willen. Darum, sehr liebe und werte Mutter, laß uns doch ein wenig uns aufmachen und dem Herrn von Herzen zu Füßen fallen, denn wir leben allein darum, daß wir einmal sterben möchten; wie müssen wir dann so geschickt sein, wenn wir alle vor dem Richterstuhl Christi dargestellt werden sollen? Darum, meine herzgründlich geliebte Mutter, die du mit mir gleichen Glauben empfangen hast, laß uns denn unsern Verstand schärfen und die Lenden unsers Gemütes umgürten; laß uns alles ablegen, was uns beschwert, und die Sünde, die uns anklebt, und laß uns durch Geduld laufen in dem Streit, der uns verordnet ist, und auf den Herzog des Glaubens und den Vollender Jesum sehen, dann werden wir Lohn empfangen. Liebe und werte Mutter, haben sie auch dein Gut und mein Leben angetastet, was hat solches zu bedeuten? Der Herr, unser Gott, wird uns wohl helfen, aber wir müssen Ihm vertrauen. Die Welt wird sich freuen, wir aber werden betrübt sein; doch soll unsere Traurigkeit in Freude verwandelt werden. Aber, liebe Mutter, wir müssen es mit Geduld erwarten, wenn sie auch von uns reden (liebe Mutter), sie haben den Herrn, unsern Gott, vor uns gehasst.

Darum verwundere ich mich nicht, sie haben mich so oft verurteilt; ja, daß ich hier das zeitliche Feuer und dereinst das ewige Feuer empfangen sollte, ja, daß der Teufel in mir sei; ja, sie sagten, sie könnten es vor Gott nicht verantworten, wenn sie mich nicht und solche, wie Douve Euwoutß, von dieser Welt brächten.

Darum, liebe und werte Mutter, erschrick nicht darüber, denn sie wissen es nicht besser, sondern laß uns unsere Lektion wahrnehmen, denn der Herr fordert mehr von uns als von ihnen. Darum laß uns doch der Bestrafung und Züchtigung wahrnehmen und dieselbe mit Geduld und Freude aufnehmen, dann werden wir Lohn empfangen, denn wen der Herr züchtigt, den will Er aufnehmen; wenn wir aber ohne Züchtigung sind, so sind wir Bastarde und keine Kinder, wie sie dessen alle teilhaftig geworden sind. Darum, meine werte Mutter, freue ich mich von Grund meines Herzens, daß mich der Herr, unser Gott, so lieb gehabt und mir zugerufen hat, daß ich als ein Schlachtschäflein Christi erfunden werden möge; ich hoffe durch seine große Gnade und Barmherzigkeit, daß Er mich tüchtig machen und mich in sein Reich aufnehmen werde, welches Er denen verheißen hat, die Ihn von Herzen suchen. Siehe, meine sehr geliebte und werte Mutter, laß uns doch des Herrn Züchtigung nicht geringschätzen, sondern dieselbe mit Geduld aufnehmen, dann werden wir Lohn empfangen, ja, es wird dermaleinst alle Traurigkeit und jede Träne von unsern Augen abgewischt werden. Wir werden auf dem Berg Zion mit allen Heiligen Gottes stehen. Siehe, welche große Freude ist denen bereitet, die Gott gehorsam gewesen sind. Darum, geliebte und sehr werte Mutter, laß uns unser Kreuz auf uns nehmen, und Ihm von Herzen nachfolgen als liebe Kinder, damit wir aus dem Buch des Lebens nicht ausgetilgt werden. Geliebte, wir müssen heilig und unsträflich vor Ihm sein in unserem Wandel, unsere Worte müssen mit Salz vermengt sein, wie Paulus sagt, damit wir vor dem allmächtigen, ewigen Gott bestehen mögen. Ferner, liebe und werte Mutter, wie du alle Liebe an mir erwiesen hast, so ist das noch meine Bitte an dich, daß du doch mein geliebtes und wertes Kind lieben wollest, wie du mich geliebt hast, und ein mütterliches Herz gegen dasselbe tragen wollest, wie ich denn auch hoffe, daß du tun werdest.

Ach, liebe Mutter, halte es mir zu gut, was ich hier geschrieben habe, denn es ist aus Liebe geschehen.

Wisst, liebe und sehr werte Eltern, daß ich in der achtzehnten Woche meiner Gefangenschaft vor dem Bischof gewesen bin, dort waren wohl acht oder neun Personen versammelt. Da hat der Bischof mich zunächst aufgefordert, daß ich mich zu dem heiligen katholischen Glauben begeben sollte, dann wollte er mich wieder auf freien Fuß setzen, wobei er noch viele Worte machte; wollte ich aber das nicht tun, so wollten sie mich als einen Ketzer, Widerspenstigen und Ungehorsamen, welcher den Ordnungen der römischen Kirche zuwider ist, abschneiden.

Zuletzt habe ich meinen Mund freudig aufgetan und gesagt: Tut, was ihr wollt, und was ihr vor Gott verantworten könnt, denn ich will meinen Glauben nicht verlassen weder um des Lebens noch Todes willen. Sie sagten, ich sollte mich bedenken und mich bessern, denn ewig wäre gar zu lange. Reytse: Weil ewig so lange ist, darum will ich mich vorsehen; wäre ewig nicht so lange, ich wollte in diesen Banden nicht sitzen. Zuletzt fragten sie mich um alle Artikel aufs Neue, und ich habe mein Bekenntnis darüber abgelegt. Hierauf haben sie mir das Urteil vorgelesen, aber ich verstand es nicht recht, es war in Latein geschrieben; es hieß, weil ich ein Ketzer wäre, der sich mit den Ordnungen der heiligen Kirche nicht unterweisen lassen wollte, so übergeben sie mich in der Richter Hände. Zuletzt saß ich mit entblößtem Haupte da und verantwortete mich mit vielen Gründen und sagte getrost, die sollten zusehen und sich an mir nicht vergreifen. Der Bischof sagte, er hätte lieber vierzehn Tage bei Wasser und Brot fasten, als das Urteil über mich fällen wollen.

Zuletzt, als sie das Ihre verrichtet hatten, gingen sie fort. Als sie mich verlassen hatten, blieb ein Pfaffe zurück, der sehr lästerte und viel zu sagen hatte, auch eine ganze Nacht mit mir disputieren wollte; aber ich wollte nicht, weil sie mich schon übergeben hatten, denn er kam aus eigenem Antrieb. Darauf ging er fort, und ich musste wieder ins Gefängnis; dennoch bin ich unverzagt. Gott, der Herr, hat mich so weit gebracht; ich hoffe durch seine große Gnade, daß Er ferner mir helfen werde, denn ich weiß, daß Er der ist, der mir hilft; ohne Ihn vermag ich nichts. Darum lobt den Herrn allezeit und preist Ihn von Ewigkeit zu Ewigkeit; seid dem Herrn befohlen, denn Er ist unser Erlöser und Helfer in all unserer Trübsal und jeder Not.

Von mir, Reytse Ayseß, in der zwanzigsten Woche meiner Banden.