2.635  Ein Brief von Reytse Ayseß an seinen Vater.

Lieber Vater, wenn es dir passen will, so schreibe mir etwas von deinem Vorhaben oder Plan, wo du künftig zu wohnen beabsichtigst, wie es mit deinem Zeitlichen steht, auch über meine Schwester und einige sonstige Erquickung teile mir mit, denn das erfreut mich sehr.

Ferner lasse ich dich wissen, daß gegenwärtig zwei Gefangene bei mir sind; es sind zwei alte Männer, wir können miteinander sehr gut fertig werden, denn sie haben schon einen Monat bei mir gesessen; wir haben einige Gespräche von dem Wege des Herrn miteinander gehabt; sie wollten das Ihre auch gern für ein Besseres dahingeben, denn es dünkt sie, daß sie die Seligkeit so nötig hätten als ich; sie haben zwar den guten Vorsatz, nicht mehr der Sünde zu leben, sondern sich in ein neues Leben zu verändern und sich zur Wiedergeburt zu begeben, was mir lieb zu hören ist; aber Gott kennt die Herzen. Weiter melde ich dir, daß es sich einmal gegen Abend zugetragen hat, daß des Obristen Weib vor das Gefängnis kam, als wir das Essen empfangen sollten. Sie fragte zuerst, wie viel Gefangene da wären; dies wurde ihr gesagt. Da fragte sie, was sie verbrochen hätten; darauf hat der eine sich entschuldigt, so gut er konnte; sodann fragte sie mich, was denn meine Missetat wäre. Ich antwortete, meine Missetat wäre nicht sehr groß, um deretwillen sie mich gefangen hielten; sie hatte viel von mir gehört und sagte, ich sollte mich von denen unterrichten lassen, die weiser wären als ich; ich antwortete, ich wollte mich darin unterrichten lassen, was recht wäre; sie sagte weiter, daß die Leute sagten, ich glaube nicht an den Vater, noch an den Sohn, und auch nicht an den Heiligen Geist, welchem ich sehr widersprach und sagte, ich hielte viel davon; mein Glaube sei darauf gegründet, und wenn ich nicht an den Vater, Sohn und Heiligen Geist glauben würde, so wäre ich nicht wert, daß ich das Leben hätte. Darauf fragte sie weiter, was es denn wäre; des Schlossvogts Sohn sagte, daß ich nicht an die Messe glaubte. Da wurde sie zornig; ich sagte, ich glaubte nicht an die Einsetzung der Menschen, nämlich an die Kindertaufe und ihr Sakrament, und daß der gebenedeite Herr darin wäre, sondern ich glaubte, daß Er auf dem Thron des ewigen Lebens wäre. Darüber wurde sie unwillig und sagte, wenn kein Scharfrichter wäre, so wollte sie mich lieber selbst töten, als daß ich leben sollte. Sie gab den beiden Gefangenen, die bei mir sind, sieben Stüber und verbot ihnen, mir etwas davon zu geben, warnte sie auch, sie sollten sich von mir nicht verführen lassen; nach dieser Warnung hat sie sich entfernt. Ferner, mein lieber Vater, bestelle diesen Brief an mein Weib (den ich an sie geschrieben habe) mit der ersten Gelegenheit und ermahne sie zum Guten; darum bitte ich dich freundlich, gleichwie auch alle meine lieben Freunde; vor allen Dingen aber meine liebe, alte Mutter und meine beiden Schwestern, sowie meinen jungen Bruder, daß er sich doch gut aufführen wolle, wenn er etwas besser zu Verstand kommt, und auch mein armes Kind, weil ich für seine arme Seele so sehr bekümmert bin, daß es dem Herrn gefallen möge; aber ich hoffe, der Herr werde es in sein Reich holen, ehe es Sünde tut. Wandelt in der Liebe; endlich, lieber Vater, hätte ich gern ein Testament, wenn du mir eins schicken könntest, denn ich habe unsers Bruders Testament sehr lange gehabt; aber er hat es jetzt wieder, weil er es selbst nötig hat.

Geschrieben in meinen Banden von mir, deinem lieben Sohn, Reytse Ayseß.