2.623  Noch ein Brief von Janneken Munstdorp, des Hans von Munstdorp Hausfrau.

Geschrieben an ihre Schwester, als sie um des Zeugnisses Jesu Christi willen im Gefängnis auf dem Steine zu Antwerpen lag, und mit drei andern zum Feuertode verurteilt worden war. Geschrieben im Jahre unseres Herrn 1573, den 5. Oktober, in der Nacht um 1 Uhr.

Die überschwängliche und unaussprechliche große Gnade des Vaters, die Barmherzigkeit Gottes und die Gütigkeit und Liebe des Sohnes, so wie die Gemeinschaft des Heiligen Geistes, welcher uns vom Vater aus Gnaden hierher gesandt worden ist, durch den Namen unseres Herrn Jesu Christi, zum Trost und zur Freude aller treuen und wahren Kinder Gottes, durch welchen wir alle getrieben, gelehrt und unterrichtet werden, dieselbe, sage ich, bewahre deinen Verstand, dein Herz und deine Sinne in Christo Jesu, zum Lobe und Preise des Vaters, zum Heile deiner Seele und zur Auferbauung aller lieben Brüder und Schwestern, die den Herrn fürchten und die Wahrheit lieben. Derselbe Gott, der allein weise ist, wolle dich hierzu tüchtig machen; demselben sei Preis, Ehre und Kraft, Gewalt und Stärke, von Ewigkeit zu Ewigkeit, Amen, und zum ewigen Abschiede.

Nach diesem meinem Herzenswunsch von Gott an dich, und zum Abschied an euch, meine sehr lieben Brüder in Gott, und an meine auserwählten, werten und herzgründlich geliebten Schwestern, lasse ich euch wissen, daß jetzt die Zeit gekommen ist, daß wir voneinander scheiden müssen; ich werde nun von jeder Trübsal befreit werden; kein Trauern, noch Seufzen wird mich mehr überfallen. Meine lieben Freunde, gute Nacht, gute Nacht, nun müssen wir hier scheiden. Da es nun der Herr so über mich verordnet hat, so bin ich getrieben, euch noch einmal etwas zu schreiben, zum letzten Male. Ich habe euch zwar gute Nacht geschrieben, aber nun geht es mir von Herzen, nun ist das Urteil über mich ergangen, daß ich sterben soll; ich sagte, sie sollten wohl zusehen, denn sie müssten von unserem Blut schwere Rechenschaft geben; sie meinten aber, daß sie es nicht täten, es wäre des Königs Befehl. Ich sagte: Das wird euch nicht entschuldigen, aber der Herr wolle es euch vergeben, wenn ihr es unwissend tut, wiewohl ich denke, daß es vielen unter euch bekannt genug sein wird, was wir für ein Volk sind. Hierauf versuchten sie die Schuld von sich abzuwälzen. Ich sagte: Dasselbe tat Pilatus auch. Worauf sie erwiderten: Pilatus war ein gerechter Richter, und fügten hinzu, daß wir wider des Königs Gebot handelten. Ich sagte: Wir müssten Gott mehr gehorchen als dem König. Es ist eine geringe Sache, daß ihr uns hier den zeitlichen Tod antut, denn wir wissen nicht, wie lange wir leben werden und müssen ja doch einmal sterben; dann setzte ich hinzu, sie sollten sich vorsehen und nicht unschuldiges Blut vergießen. So sind wir Vier nun verurteilt, und es wird mit uns bald getan sein, meine lieben Brüder und Schwestern; der Herr hat mich noch erhört, daß ich um seines Namens willen mein Opfer tun mag; ich meinte nicht, daß mich der Herr so lieb gehabt hätte; ich habe es ja doch niemals an Ihm verdient; aber Er wolle durch seine Gnade mich hierzu tüchtig machen. Ach, welchen starken Nothelfer haben wir, der uns nicht zu Schanden werden lässt; denn die Zeit, die ich hier gewesen bin, dünkt mich sehr kurz zu sein, und dennoch habe ich mich zuvor so sehr davor gefürchtet; dabei hat Er mir auch in aller meiner Not so getreulich beigestanden, und macht mich nun so wohlgemut, daß ich von keiner Betrübnis zu sagen weiß. Ach, ach, wie stark ist unser Gott! Wer wollte Ihn nicht fürchten? Was sollte uns erschrecken? Gott ist mit uns, wer mag wider uns sein? Wir müssen ja doch hier alles verlassen; ich kann wohl sagen, daß noch niemals eine größere Freude in meinem Herzen gewesen ist, als ich hatte, da ich verurteilt ward. Meine liebe Schwester, fürchte doch nicht die Menschen, die wie Heu vergehen müssen, denn sie können doch nicht mehr tun, als ihnen der Herr zulässt. Meine lieben Brüder und Schwestern, fürchtet euch doch nicht; hätte es ihnen der Herr zugelassen, sie hätten mich so lange nicht sitzen lassen, aber nun lässt es ihnen der Herr zu, das gefällt mir wohl, daß sie mir aus dieser argen bösen Welt helfen werden, um des Unglücks willen, das mir in dieser Welt noch begegnen möchte, damit ich nicht abgewandt werde; denn ich erwarte hier in dieser Welt keine Freude um meines lieben Mannes willen, der mir auf diesem Wege vorangegangen ist, welchem ich nun durch des Herrn Gnade nachtreten werde, und worauf ich lange gewartet habe. Ich gehe nun auch voran, folgt mir nach, dies ist der enge Weg, worauf die Propheten und Apostel gewandelt sind, welche den Kelch auch haben trinken müssen, den wir hier trinken müssen. Bald sind wir hier die Wüste durchwandelt, wenn wir noch ein bitteres Wasser getrunken haben; die Zeit zu gebären ist nun vor der Türe, Weinen und Klagen wird nun ein Ende haben. Ach, welche Freude ist das in meinem Herzen! Sie ist so groß, daß ich es euch nicht schreiben kann; ach, wie kräftig wirkt der Herr in unseren armen schwachen Gefäßen! Ich weiß ja, daß ich es an dem Herrn nicht verdient habe, und auch nichts als den ewigen Tod verdient habe. Wenn der Herr mit mir ins Gericht gehen wollte, so würde ich nicht selig; aber es geschieht aus lauter Gnade; darum muss ich nun die Seligkeit erwarten und weiß gewiss, daß er meiner vorigen Sünden nicht mehr gedenken werde, wie der Prophet sagt: Wenn sich aber der Gottlose von allen seinen Sünden bekehrt und alle meine Rechte hält, so soll aller seiner Ungerechtigkeit nicht mehr gedacht werden. Ach, meine werte und sehr liebe auserwählte Schwester, die ich von Herzen lieb und wert habe, und das in göttlicher Liebe, weil du mir stets so viele Freundschaft erwiesen und mir in der Not beigestanden hast, wofür ich dir nicht genug danken kann, denn ich bin nun hier eine arme schwache Kreatur; es ist auch recht, daß ich alles bezahle, was ich schuldig bin, es sei nach dem Fleische, oder nach dem Geiste; aber, meine liebe Schwester, ich weiß dir nichts abzuverdienen, sondern danke dir sehr herzlich für alles das, was du mir jemals erwiesen hast. Ach, liebe Schwester, du schreibst mir, ich soll dir vergeben, was du mir Leides getan; ach, meine liebe Schwester, du hast mir nichts Leides getan; aber wisse, daß ich in vielem an dir zu kurz komme, doch ich vertraue dir, daß du es mit mir begraben, und dessen nicht mehr gedenken werdest. Ich weiß, daß ich in allem zu kurz komme; aber dafür ist Christus gestorben, um dasjenige zu bezahlen, worin wir zu kurz kommen, denn Er ist ja für uns des bittern Todes gestorben, da Er doch ohne Runzeln und Flecken war, und in seinem Munde kein Betrug erfunden ward, wie sollten wir für einen Gerechten nicht gerne des Todes sterben? Darum laß uns unserer selbst nicht schonen, sondern um des Namens Christi willen freiwillig in den Tod gehen, und nicht fürchten, was uns auch Menschen tun mögen. So sei denn wohlgemut, mein lieber Bruder und meine liebe Schwester; betrübt euch doch nicht mehr um mich; wenn wir auch von den Menschen getötet werden, es ist doch so des Herrn Wille, denn ich weiß wohl, daß ihr um meinetwillen große Betrübnis habt; es ist nun geschehen; ich werde nun bald meinen letzten Feind überwunden haben, daß ich mit Paulus sagen kann: Ich habe einen guten Kampf gekämpft, den Lauf vollendet, Glauben gehalten, hinfort ist mir die Krone des ewigen Lebens beigelegt; ich werde euch bald ein Brief sein, der vor allen Menschen wird gelesen werden können. Müssen wir, meine liebe Schwester, auch hier voneinander scheiden, so wisse doch, daß es um eines Bessern willen geschieht; wir haben ja doch weder Stunde noch Zeit; es ist ja herrlich, um seines Namens willen zu sterben, und Petrus sagt: Freut euch, wenn ihr um des Wohltuns willen leidet und duldet; das ist Gnade bei Gott. Aber, meine liebe Schwester, es ist nun die Reihe an mir; vielleicht ist morgen die Reihe an dir; habe doch guten Mut, und erwarte deine Zeit mit Geduld, meine allerliebste Schwester. Du schreibst mir von meinem Kinde; ich habe das Vertrauen zu dir, daß du das Beste dabei tun werdest; ich habe es dem Herrn übergeben, daß Er damit nach seinem Wohlgefallen tun und eure Herzen dazu bewegen wolle, denn liebe Schwester, ich habe das Vertrauen zu dir, daß du mich von Herzen liebest; die aber den Baum lieben, die müssen auch die Zweige lieb haben. Ich habe deinen Brief noch einmal mit Tränen gelesen, als ich hörte, daß du um meinetwillen so betrübt wärest, und ich so fröhlich war.

Ach, meine liebe Schwester, wie freudig war ich, daß ich dich noch einmal geküsst hatte; betrübe dich nicht darüber, daß du mich nicht mehr besucht hast; ich habe es dir nicht übel aufgenommen, denn ich weiß es wohl, daß es dir am Willen nicht gemangelt hat. Meine liebe Schwester, du hast mir so viel getan; ach, mein lieber Bruder und meine liebe Schwester, ich sollte euch wohl noch mehr schreiben, von der Hoffnung, die jetzt in mir ist; aber ich kann euch nicht schreiben, wie groß sie ist; ich hoffe, ihr werdet dieses zum Besten deuten. Hiermit will ich einen ewigen Abschied von euch nehmen; tut das Beste aneinander. Und du, mein lieber Bruder, tröste doch meine liebe Schwester in ihrem Druck, den sie um meinetwillen hat, denn ich liebe sie von Grund meines Herzens; es fällt auch der Abschied dem Fleische nach schwer; aber dem Geiste nach wollest du doch den Herrn loben und Ihm danken, daß ich ein solches Opfer tun möge, das Ihm angenehm sein mag, und daß ich mein Fleisch und Blut an einem Pfahle aufopfern mag; der es mir gegeben hat, dem gebe ich es gern wieder, und wenn ich sieben Leiber hätte, so wollte ich sie gern um des Herrn willen übergeben. Bittet doch den Herrn herzlich, daß ich doch nun einen rechten Gang tun möge, zur Erbauung aller lieben Brüder und Schwestern; hiermit gute Nacht. Ich habe Stricknadeln für mein Töchterlein mitgesandt; verwahrt dieselben, und tut an ihr das Beste. Ich hinterlasse dich auch hier als ein armes vater- und mutterloses Waislein; der Herr wolle dein lieber Vater sein, ich empfehle dich dem, der dich erschaffen und gemacht hat. Meine Schwester, verwahre doch meine Lampe zu meinem Andenken; ich habe für dich und deine Tochter etwas Zucker gesandt, wovon ich aß, als ich verurteilt war. Sage dem Engel statt meiner Dank für den Krug Wein, und sage ihm gute Nacht. Ich weiß euch nun nichts weiter anzuempfehlen, als daß ihr das Beste an meinem jungen Schäflein tun wollt, der Herr wird es euch nicht unbelohnt lassen, was ihr um seines Namens willen tut. Entbietet meinem Vater und meiner Mutter, meinen lieben Brüdern und Schwestern gute Nacht zum Abschiede. Gute Nacht zum Abschiede euch allen; gute Nacht, meine lieben Brüder und auserwählten Schwestern, die ich von Grund meines Herzens liebe. Ich grüße euch noch einmal mit dem heiligen Kusse des Friedens, als ob ich gegenwärtig bei euch wäre, küsst einander. Meine Mitschwestern, die bei mir sind, grüßen euch auch, und haben mich statt eurer einmal geküsst, was ich statt eurer auch getan habe. Meine lieben auserwählten Brüder und lieben Schwestern, werdet doch Jesu Christi nicht überdrüssig; ich hoffe euch vorzuwandeln nach der himmlischen Stadt, und will unter dem Altar warten bei allen auserwählten Heiligen; darum folgt mir nach. Meine liebe, auserwählte Schwester, nun muss ich dir voran wandern; dort werde ich Freude genießen. Gute Nacht, meine liebe Schwester, sei doch meiner eingedenk; die Zeit meines Gebärens ist vor der Tür, wo ich an einem Pfahle mein Opfer tun werde. Sehr Geliebte, hiermit befehle ich dich dem Herrn.

Ich werde dieses mit meinem Blute versiegeln. Gute Nacht, gute Nacht, meine allerliebsten Brüder und Schwestern, samt euren kleinen Schäflein, und auch dem meinen, das ich unter meinem Herzen getragen habe. Dieses habe ich noch für euch geschrieben, als ich verurteilt war, in der Nacht nach ein Uhr, wiewohl ohne Verdruss, und nehme nochmals meinen Abschied von euch, bis wir demnächst wieder zusammenkommen, wo uns keine Menschen mehr scheiden werden. Gute Nacht, bis wir miteinander den neuen Most trinken werden, den uns Christus an seiner Tafel einschenken wird. Dieser andere Brief kommt vom Augustin, den er mir gesandt hat. Gute Nacht, gute Nacht insgesamt; gute Nacht, ich werde meinem lieben Mann Hans nachfolgen. Nun geht die Frau mit ihrer Hebamme und der Aufwärterin dahin und werden gleichen Lohn empfangen. Mehr nicht von mir, als diesen letzten Abschied. Folgt mir nach. Fürchtet Gott! Das ist der Schluss.