2.616  Der dritte Brief von Maeyken Wens, geschrieben an ihren Sohn im Gefängnisse zu Antwerpen, den 21. April 1573.

Fürchte Gott allezeit und liebe Ihn über alles.

Mein liebes Kind Adrian, ein Sohn von mir Maeyken Wens, dieses hinterlasse ich dir als Testament, weil du der Älteste bist, in welchem ich dich ermahne, daß du unsern lieben Herrn zu fürchten anfangen wollest, denn in deinem Alter kannst du wohl verstehen, was gut oder böse ist. Denke an das Betteken, die ist ungefähr so alt wie du. Mein Sohn, trachte von Jugend auf dem Guten nach; laß das Böse, tue Gutes, weil du Zeit hast, und sieh auf deinen Vater, wie liebreich mir derselbe vorgegangen ist mit Freundlichkeit und Leutseligkeit, und wie er mich allezeit mit des Herrn Wort unterrichtet hat. Ach wäre ich ihm allezeit so nachgefolgt, wie leicht wären meine Bande. Darum, mein lieber Sohn, hüte dich vor dem Argen, damit dich dein Gewissen dermaleinst nicht verklagen und dir sagen möge, hätte ich dies oder das getan; denn dann ist es zu spät, wenn es dahin kommt, wo es gegenwärtig mit mir ist. Höre die Unterweisung deiner Mutter; hasse alles, was die Welt und deine Sinne lieben; liebe Gottes Gebot und laß dich dasselbe unterrichten, denn es lehrt: Wer mir nachfolgen will, der verleugne sich selbst, das ist, dünke dich nicht weise zu sein, und bitte: Herr, dein Wille geschehe. Tust du das, so wird die Salbung des Heiligen Geistes dich alles lehren, was du glauben sollst; glaube dem nicht, was Menschen sagen, sondern glaube, was dir das Neue Testament gebeut; dem sollst du gehorsam sein, und bitte Gott, daß Er dich lehren wolle, was sein Wille sei; traue nicht auf deinen Verstand, sondern auf den Herrn; laß deine Ratschläge in Ihm bleiben und bitte Ihn, daß Er dich auf seinen Wegen leiten wolle. Mein Kind, lerne, wie du Gott den Herrn lieben, wie du deinen Vater ehren sollst und lerne alle anderen Gebote, was der Herr von dir fordert; was darin nicht enthalten ist, das glaube nicht, und sei allem gehorsam, was darin begriffen ist. Halte dich zu denen, die den Herrn fürchten, die vom Bösen weichen und alles Gute durch die Liebe vollbringen.

Ach, sieh doch nicht auf den großen Haufen, noch auf die lange Gewohnheit, sondern sieh auf das kleine Häuflein, das um des Herrn Wortes willen verfolgt wird, denn die Guten verfolgen niemanden, sondern sie werden verfolgt. Wenn du dich zu denselben begeben hast, so hüte dich vor jeder falschen Lehre, denn Johannes sagt: Wer übertritt, und nicht in der Lehre Christi bleibt, der hat keinen Gott; wer aber in der Lehre Christi bleibt, der hat beides, den Vater und den Sohn. Die Lehre Christi ist Barmherzigkeit, Friede, Keuschheit, Glaube, Sanftmut, Demut und vollkommener Gehorsam Gottes.

Mein lieber Sohn, übergib dich dem Guten; der Herr wird dir Verstand geben. Dieses gebe ich dir zu meinem letzten Abschiede, mein liebes Kind; nimm des Herrn Bestrafung in Acht, denn wenn du Böses tust, so wird er dich strafen in deinem Gemüte; so laß denn ab, rufe den Herrn um Hilfe an und hasse das Böse, dann wird dich der Herr erretten und das Gute wird dir begegnen. Gott der Vater gebe dir seinen Heiligen Geist durch seinen geliebten Sohn Jesum Christum, der dich in alle Wahrheit leiten wolle, Amen.

Dieses habe ich, Maeyken Wens, deine Mutter, geschrieben, als ich um des Wortes des Herrn willen im Gefängnisse lag; der gute Vater gebe dir seine Gnade, mein lieber Sohn Adrian. Schreibe mir ein Brieflein aus deinem Gemüte, ob du begehrst, den Herrn zu fürchten; ich wollte solches gern wissen; aber du musst es besser schreiben, als die letzten beiden Briefe waren; aber der, welchen Maeyken Wils brachte, war gut.

Die leiden hier nach Gottes Sinn, die wollen darauf merken;
Sie geben ihre Seelen hin, dem Schöpfer guter Werken.