2.606  Noch ein Brief von Jakob von dem Wege, geschrieben in seinen Banden, an andere Gefangene.

Die unergründliche, überfließende Gnade und Barmherzigkeit Gottes, des himmlischen Vaters, der Friede, die Heiligkeit und das Verdienst unseres Herrn Jesu Christi, des Sohnes Gottes, die Freude, der Trost und die Kraft des Heiligen Geistes. Dieser ewige und allmächtige Gott, der allein heilig und gut ist, wolle an euch, ihr meine lieben und sehr werten herzgründlichen Schwestern in dem Herrn, die nun um des Zeugnisses unsers Herrn Jesu Christi willen gefangen liegen, diesen meinen Gruß erfüllen und geben; ja, der Herr wolle es euch geben, durch seine große Güte und durch seinen guten Willen; dieses wünsche ich, euch aus meines Herzens Grunde zum freundlichen und herzgründlichen Gruße, Amen.

Weiter, nach allem christlichen, einfachen Gruße, lasse ich meine lieben Schwestern in dem Herrn wissen, daß wir drei Gefangene, die nun auch um des Zeugnisses und der Lehre unsers Heilandes Jesu Christi willen in Gent auf des Grafen Schlosse in Banden liegen, noch wohlgemut seien, des festen Vorsatzes, mit Christo zu leiden und für die Wahrheit zu streiten; auch sind wir bereit, nicht nur Armut, Schmach, Gefängnis und Bande zu leiden, sondern auch für des Herrn Namen zu sterben, wenn es Ihm gefallen wird, und das alles durch seine große starke Kraft, damit Er uns durch seine große Gnade stärkt; Ihm sei Lob, Dank und Preis bis in Ewigkeit.

Auch habe ich aus eurem Briefe vernommen, daß es um euch vier auch noch wohl steht, was mich und meine Mitgefangenen sehr erfreut hat; ich bitte auch Gott, den Vater unsers Herrn Jesu Christi, der uns von Mutterleibe dazu erwählt und uns aus seiner großen Barmherzigkeit und Liebe seine überfließende Gnade geschenkt hat, daß Er uns bewahren und uns bis ans Ende mit seinem Heiligen Geiste stärken wolle, damit sein Name durch uns alle ewig gepriesen und geehrt werden möge, zu unseres Nächsten Erbauung und zum Heile unserer Seelen. Ach, meine lieben und herzgründlichen Schwestern in dem Herrn, lasst uns fest anhalten und wohl zusehen, daß wir die Gnade Gottes, die Er an uns erwiesen hat, nicht versäumen, sondern derselben wohl wahrnehmen, denn man kann wohl durch Versäumung das bald wieder verlieren, woran man so lange gearbeitet hat, und kann es nachher bisweilen so schwer wieder finden. Darum sage ich, lasst uns gute Sorge tragen und fest halten, was wir haben, damit niemand unsere Krone nehme; denn wenn wir in demjenigen, was wir haben, standhaft bleiben, so werden wir ohne allen Zweifel durch die Gnade unseres Herrn Jesu Christi selig sein; denn um deswillen (nämlich um der Seligkeit willen) haben wir den Anfang gemacht; Gott gebe uns auch Kraft, daß wir es zu seinem Preise und unserer Seelen Seligkeit ausführen können. Gott weiß es, daß wir auf Erden sonst keine Reichtümer noch Ehre suchen, als allein seines Namens Ehre und unserer Seelen Seligkeit, um welcher Seligkeit willen wir hier so viel Trübsal unter Trauern und Seufzen (welches alles von der Schmach und dem Gefängnisse herkommt) und mancherlei Streit und Anfechtung mit großer Geduld leiden.

Aber, meine Geliebtesten, lasst uns nicht kleinmütig werden in dem Druck und Leiden, noch uns verwundern, als ob uns etwas Neues geschähe, denn die Gerechten haben von Anfang der Welt her leiden müssen, sondern lasst uns darüber uns freuen, daß wir des Leidens Christi teilhaftig sind, indem wir wohl wissen, daß, wenn wir mit leiden, wir auch mit herrschen sollen, denn Paulus sagt, daß uns gegeben ist, zu tun, daß wir nicht allein an Christum glauben, sondern auch um seinetwillen leiden, denn durch viel Trübsal und Leiden müssen wir zum Himmelreich eingehen. Aber das Leiden dieser Welt ist nicht mit der Herrlichkeit zu vergleichen, die an uns offenbar werden soll, die wir nicht auf das Sichtbare, sondern auf das Unsichtbare sehen, denn es hat niemals ein Ohr gehört, noch ein Auge gesehen, und ist auch niemals in eines Menschen Herz gekommen, was Gott denen bereitet hat, die Ihn lieben und seine Gebote halten; uns aber hat Er es durch seinen Geist offenbart. Darum gebührt uns ja, meine lieben Schwestern, um dieser Verheißungen willen getrost zu sein, und in des Herrn Weingarten mit fröhlichem Gemüte zu arbeiten, den Sonnenbrand geduldig zu leiden, und uns nicht zu fürchten, was uns auch ein Mensch tun möge, denn wir wissen und sind durch unsern Glauben davon versichert, daß wenn sie unsern Leib töten, unser Erlöser lebe, und daß Er uns nachher aus der Erde auferwecken werde, und alsdann werden wir in unserm Fleische Gott sehen; unsere Augen werden Ihn sehen und kein Fremder; und Paulus sagt, daß wir den Heiland Jesum Christum erwarten, der unsere verworfenen Leiber verklären wird, sodass Er sie dem Leibe seiner Klarheit gleichmachen wird; dann werden wir Ihm in der Luft entgegengerückt werden, um das ewige Leben zu ererben; dann wird Er unser Herz voll Freude machen, und wird uns trösten und erfreuen nach unserm Jammer, unsere Tränen wird Er von unsern Augen abwischen, und unsere Arbeit wohl vergelten, denn Trauern und Seufzen wird von uns fliehen, und ewige Freude wird über unserm Haupte sein. Ja, dieses alles wird uns durch seine große Gnade widerfahren, wenn wir fest anhalten, sorgfältig sind und in dem, was wir haben, standhaft bleiben bis ans Ende; alsdann werden wir selig sein. Hiermit will ich euch dem Herrn anbefehlen, daß Er euch, meine lieben Schwestern in dem Herrn, durch die starke Kraft seines Heiligen Geistes bewahren wolle, und nehmt mein einfaches, geringes Schreiben zum Besten auf, denn um meiner Unwissenheit und Unbedeutendheit willen hätte ich fast nicht geschrieben, aber weil ihr solches begehrt, habe ich es nicht unterlassen dürfen.

Geschrieben mit meiner eigenen Hand von mir, Jakob von dem Wege, den letzten Tag im April. Gehabt euch wohl, Amen. Meine Mitgefangenen lassen euch auch sehr herzlich grüßen mit dem Frieden des Herrn.