2.592  Der fünfte Brief von Martin von der Straasen, an Servaes Janß.

Ich, Martin von der Straasen, gefangen um des Wortes des Herrn willen, wünsche dir, meinem lieben und sehr werten Bruder in dem Herrn, Servaes Janß, viel Gnade und Barmherzigkeit von Gott, unserm himmlischen Vater, sowie allen, die von der Erde erkauft und durch das Blut des Lammes, unsers Herrn Jesu Christi, gereinigt sind, welcher (wie der Prophet sagt) unsere Schmach getragen, unsere Sünden auf sich genommen und für uns bezahlt hat, was Er nicht geraubt hatte, damit Er uns von dieser gegenwärtigen argen Welt, nach dem Willen Gottes, seines Vaters, erlösen möchte, welchem sei Glorie, Preis, Kraft und Ehre, von Ewigkeit zu Ewigkeit, Amen.

Einen liebreichen Gruß, aus einem zugeneigten Herzen geschrieben, an dich, meinen lieben und werten Freund und Bruder in dem Herrn, den ich liebe, wie es das Recht unter Israel erfordert, das weiß der Herr, der (wie Jeremia sagt) der Menschen Herzen und Nieren prüft, und der (wie David sagt) der Menschen Gedanken weiß, wenn sie noch fern sind.

Ferner, nach allem gebührlichen und christlichen Gruße, lasse ich deine Liebe wissen, daß ich (dem Herrn sei ewiges Lob!) dem Fleische nach noch ziemlich gesund bin; ebenso ist auch dem Geiste nach mein Gemüt des Vorsatzes, mein Leben lang Gott zu dienen; auch habe ich ein gutes und festes Vertrauen zu dir, daß du an Seele und Leib gesund und dabei bereit bist, den Bund zu halten, den du einmal mit dem Herrn, unserm Gott, gemacht hast, als du deine Knie vor Gott und seiner herrlichen Majestät gebeugt hast. Dieser einige, ewige und allein weise Gott müsse dich, nach des Propheten Wort, mit seinem Heiligen Geiste begaben, damit du, durch denselben getrieben, einen guten und keuschen Wandel unter den Heiden führen mögest, wie uns Christus im Evangelium lehrt, wenn Er sagt: Lasst euer Licht vor den Menschen leuchten, damit sie euren guten Wandel sehen, und Gott, euren Vater, preisen mögen.

Darum, ach mein lieber Bruder, laß uns doch (wie der Apostel schreibt) uns selbst üben, in der Tugend die Vornehmsten zu sein, wie auch Paulus sagt, daß wir uns als Diener Gottes erweisen sollten, in großer Geduld, in Trübsalen, in Noten, in Ängsten, in Schlägen, in Gefängnissen, in Aufruhren, in Arbeit, in Wachen, in Fasten, in Erkenntnis, in Langmut, in Freundlichkeit, in dem Heiligen Geiste, in ungefärbter Liebe, in dem Worte der Wahrheit, in der Kraft Gottes, durch Waffen der Gerechtigkeit, zur rechten und linken Hand, durch Ehre und Schande, durch böse Gerüchte und gute Gerüchte, als die Verführer, und dennoch wahrhaftig; als die Unbekannten, und doch bekannt; als die Sterbenden, und siehe, wir leben; als die Gezüchtigten, und doch nicht ertötet; denn Gott kann wohl schlagen und auch wieder heilen, wie in dem Buche Samuels geschrieben steht: Der Herr tötet und macht auch wieder lebendig; Er führt in die Hölle und wieder heraus.

Darum, ach mein lieber Bruder, wirst du zu irgendeiner Zeit heimgesucht, es sei außer den Banden oder in denselben, so laß dich solches nicht verdrießen; werde auch nicht müde auf dem Wege des Herrn, obgleich er eng und schmal ist. Es ist doch besser, eine kurze Zeit mit den Kindern Gottes Ungemach zu leiden, als alle Schätze Ägyptens besitzen; denn wenn der Mensch auch (wie Christus sagt) die ganze Welt gewönne, und nähme Schaden an seiner Seele, ach, was hätte er dann, womit er sie lösen könnte?

Darum, ach mein lieber Bruder, laß uns das Reich Gottes vor allen Dingen suchen, und laß uns nicht dem Irdischen nachjagen, wie der heilige Apostel Paulus in dem Briefe an die Kolosser geschrieben hat, wenn er sagt: Seid ihr mit Christo auferstanden, so sucht das, was droben ist, wo Christus ist, zur rechten Hand Gottes sitzend. Trachtet nach dem, was himmlisch und nicht was irdisch ist, denn ihr seid gestorben, und euer Leben ist verborgen mit Christo in Gott; wenn aber Christus, euer Leben, offenbar werden wird, so werdet ihr auch offenbar werden mit Ihm in der Herrlichkeit; denn das ist gewiss wahr, leiden wir mit Christo, so werden wir mit Ihm herrschen; darum laß uns gerne Gutes tun, wir werden (wie Paulus schreibt) zu seiner Zeit reichlich und im Überfluss ernten, indem unsere Trübsal, die zeitlich und leicht ist, uns eine über die Maßen gewichtige Herrlichkeit schafft, die wir nicht auf das Sichtbare, sondern auf das Unsichtbare sehen, denn alles, was sichtbar ist, das ist vergänglich; was aber unsichtbar ist, das währt ewig.

Deshalb, ach mein lieber Bruder, laß uns nun dem Herzoge unsers Glaubens, dem Herrn Jesu Christo, alle seine Schmach tragen helfen, und laß uns (wie Paulus sagt) der Heiligung nachjagen, ohne welche niemand den Herrn sehen wird. Laß uns den Herrn mit Tränen suchen, weil Er zu finden ist, und laß uns wahre Früchte der Buße tun, damit der Turm von Siloah nicht auf uns falle, denn wir haben es lange genug übel vor dem Herrn gemacht. Darum, gleichwie wir (wie Paulus sagt) unsere Glieder von einer Ungerechtigkeit zu der andern gebraucht haben, so laß uns nun dieselben von einer Gerechtigkeit zu der andern gebrauchen; daneben laß uns den Herrn loben, weil Er uns die köstliche Perle offenbart hat, die im Acker liegt, und dennoch so vielen Menschen verborgen ist. Darum, ach mein lieber Bruder, laß uns nun, als gute, getreue Knechte, unser Pfund auf Wucher legen, damit, wenn unser lieber Herr kommt, wir etwas gewonnen haben und alsdann hören mögen: Ei du guter und getreuer Knecht, über wenig bist du getreu gewesen; aber über viel sollst du herrschen; gehe ein zu deines Herrn Freude. Darum, mein Lieber, laß uns doch ernstlich uns vorsehen und scharfe Wache halten, damit mir unser Hochzeitskleid nicht besudeln, sondern daß wir vielmehr mit den fünf klugen Jungfrauen geschmückt sein möchten mit Öl der Liebe in unsern Lampen, damit wir, wenn unser Bräutigam kommt, mit Ihm in sein ewiges Reich eingehen mögen, wo (wie Jesaja sagt und auch die Apostel) die unbegreifliche Freude und Wonne währen wird von Ewigkeit zu Ewigkeit, Amen.

Weiter, mein lieber Bruder, weiß ich dir (wegen meiner geringen Gabe) nicht mehr viel zu schreiben, nur daß ich dich dem einigen, ewigen, allmächtigen Gotte anbefehle, der (wie Jesaja sagt) die Wasser mit der Faust misst, und den Himmel mit der Spanne umfasst, und die Erde mit einem Dreilinge begreift, der die Berge mit einem Gewichte wägt und die Hügel mit der Waage, daß Er dich bewahren wolle, damit du die Krone der Ehren empfangen mögest.

Ferner, mein lieber Bruder, bitte ich dich, du wollest mir, als einem Unwürdigen, mein einfaches Schreiben zu gut halten, denn es wäre besser, du schriebest mir, aber ich habe es nicht unterlassen können, dein Verlangen zu erfüllen.

Grüße mir dein liebes Weib und auch die Bekannten; mein liebes Weib Beliken von der Straasen lässt dich und Tanneken, wie auch die Bekannten, sehr grüßen.

Schließlich grüßen wir Gefangenen euch alle von Herzen. Bittet doch den Herrn fleißig für uns. Nichts mehr. Gehabe doch wohl und tue das Beste.

Von mir, deinem schwachen Bruder und Diener, Martin von der Straasen, zu deinem Dienste, was ich vermag.