2.591  Der vierte Brief von Martin von der Straasen, an Anna Servaes.

Ich, Martin von der Straasen, dein unwürdiger Freund und Bruder, wünsche dir, meiner lieben und werten Schwester in dem Herrn, Anna Servaes, viel Gnade und Barmherzigkeit von Gott, unserm himmlischen Vater, und die Liebe seines Sohnes; sie müsse in dir sein, wie ein brennendes Feuer, damit du zu dem rechten Altar Christi vollkommen werden und einen guten Wandel unter den Heiden führen und bequeme Früchte tragen mögest, wie ein Baum an den Wasserbächen gepflanzt, damit du unter die königlichen Priester, unter das Volk des Eigentums gezählt werden mögest, was Gott (wie Mose sagt) auf Adlersflügeln getragen hat, damit du, wenn man Israel das Land zum zweiten Male austeilen wird, ein Erbe voller Freude empfangen mögest, von Ewigkeit zu Ewigkeit, Amen.

Einen herzgründlichen, zugeneigten, freundlichen Gruß, geschrieben an dich, meine liebe und sehr werte Schwester in dem Herrn, Anna Servaes, welche ich mit einer reinen Liebe aus einem saubern Herzen liebe; hierüber sei Gott mein Richter, der Herr, der, wie Jeremia sagt, der Menschen Herzen und Nieren prüft. Ferner, nach geziemendem und christlichem Gruße, lasse ich deine Liebe wissen, daß wir beide, ich und mein liebes Weib, dem Fleische nach noch ziemlich gesund sind; dem Geiste nach aber hoffen wir durch Gottes Beistand den Bund zu halten, den wir mit dem Herrn, unserm Gotte, gemacht haben, als wir unsere Knie vor Ihm und seiner herrlichen Majestät gebeugt haben; doch hoffen wir daneben, daß du auch an Seele und Leib gesund und bereit sein werdest, deine Reise nach Bethel zu verrichten, und wider Jerobeam und seinen Altar zu weissagen. Hierzu müsse dich und uns alle der einige, ewige und allmächtige Gott stärken, dessen Hütte in der Höhe ist, und der über allen Himmeln wohnt, in einem Lichte, wozu (wie Paulus sagt) niemand kommen kann, damit wir Ihn fürchten und über alles lieb und wert halten mögen, denn Er ist ein eifriger und eifersüchtiger Gott, der allein in des Menschen Herz wohnen will. Wir sind ja zu dem Ende von der Hand unserer Feinde und von denen, die uns hassen, erlöst, damit wir Ihn fürchten und Ihm ohne Furcht in wahrhafter Gerechtigkeit und Heiligkeit unser Leben lang dienen als gute und getreue Knechte, die Gottes Ehre suchen, und mit Paulus unsern Gewinn, um Christi willen, für Schaden achten, auch ein keusches ehrbares Leben führen, und ein Panier aufwerfen unter den Heiden, damit wir den Blinden auf dem Wege nicht irre machen, sondern (nach Petrus Wort) durch einen sittsamen und guten Wandel die Ungläubigen ohne Wort gewinnen mögen. Dasselbe lehrt uns auch Christus im Evangelium, wenn Er sagt: Lasst euer Licht leuchten vor den Menschen, damit sie euren guten Wandel sehen, und an dem Tage der Heimsuchung Gottes unsern Vater preisen mögen. Darum, ach meine liebe und sehr werte Schwester in dem Herrn, laß uns mit aller Demut des Herrn Fußstapfen nachfolgen, damit wir allezeit die Lehre des Evangeliums schmücken mögen wie ein klarer Morgenstern, der unter diesem argen und verkehrten Geschlechte leuchtet; dann wird, wie David schreibt, der König Lust an unserer Schöne haben.

Darum, ach Geliebte, laß uns suchen, der Vornehmste in der Tugend zu sein, und den Herrn, unsern Trost, mit Geduld erwarten, der uns allein helfen kann, wie David sagt: Ich harre des Herrn und Er neigte sich zu mir und hörte mein Schreien, und zog mich aus der grausamen Grube und aus dem Schlamme, und stellte meine Füße auf einen Fels, daß ich sicher treten kann; und Er hat mir ein neues Lied in meinen Mund gegeben, unsern Gott zu loben. Darum, ach, liebes Schaf, laß uns doch dem Herrn danken, und Ihn bitten, daß wir durch unsere Zunge nicht gefangen werden, und mit Jesus Sirach sagen: O Herr Gott, Vater und Herr meines Lebens, laß mich nicht unter die Lästerer geraten, und laß mich nicht unter ihnen verderben. O daß ich meine Gedanken im Zaume halten und mein Herz mit Gottes Wort züchtigen könnte, und ich meiner nicht schonte, wo ich fehlte, damit ich nicht Sünde anrichtete, und großen Irrtum stiftete, und viel Übles beginge, damit ich nicht vor meinen Feinden zum Spotte würde. Darum, ach liebe Schwester, laß uns Gottes Angesicht Tag und Nacht mit Tränen suchen, damit wir mit den Bösen nicht in Gottes Zorn vergehen, sondern mit Christo gehorsam bleiben mögen bis ans Ende unseres Lebens, und erhalten werden am Tage des Herrn, der da kommen wird wie ein Dieb in der Nacht, an welchem die Himmel durch Feuer vergehen und die Elemente zerschmelzen werden; wenn nun dieses alles geschehen soll, ach, wie müssen mir geschickt und mit einem guten, keuschen und heiligen Wandel geschmückt sein; denn es ist Zeit, daß das Gericht am Hause Gottes anfange; wenn aber zuerst an uns, was will es für ein Ende werden mit den Gottlosen? Und wenn der Gerechte kaum erhalten wird, daß er in das Buch des Lebens geschrieben werde, o wie mag ich dann seufzen und mit Salomo sagen: O Herr, Du wollest mir doch mit der Menge meiner Sünden durch die Finger sehen. Darum mögen wir auch mit David sagen: O Herr! Gehe nicht mit uns ins Gericht, sonst wirst Du, o Herr, das Recht behalten; bezahle uns nicht nach unserm Tun, und lohne uns nicht nach unsern Werken; auch züchtige uns nicht, Herr, in deinem Zorne, sondern sei uns, Herr, barmherzig nach deiner Güte, die da groß ist. Darum, ach liebes Schaf, laß uns dem Herrn anhangen mit Bitten und Flehen, mit zerbrochenem Herzen und zerschlagenem Gemüte, damit wir nicht durch Verdienst, sondern durch Gottes Gnade selig werden, und also mit dem Herrn in seinem ewigen Reiche leben mögen.

Weiter, liebe Schwester, habe ich nichts mehr zu schreiben, als dich dem Herrn und dem Worte seiner Gnade anzubefehlen.

Daneben bitte ich dich, daß du mir doch mein schlichtes, einfaches Schreiben zu Gute halten wollest, als von mir unwürdigem Knechte, dem Schwächsten in Israel, ja, der nicht wert ist, dir oder deinesgleichen die Schuhriemen aufzulösen; dennoch aber hoffe ich auf die Gnade Gottes.

Endlich, meine liebe Schwester, grüße mir deinen lieben Mann und auch die Bekannten. Mein liebes Weib lässt euch beide und auch die Bekannten sehr grüßen; desgleichen lassen euch Adrian, Grietgen, Hansken und Dingentgen herzlich grüßen, und wir Gefangene alle zusammen begehren, daß ihr alle den Herrn ernstlich für uns bitten wollt. Nichts mehr.

Gehabt euch wohl, und fleißig seid zu tun das Beste allezeit.

Geschrieben in meinen Banden, von mir, deinem schwachen Bruder und Diener, was ich vermag, Martin von der Straasen.