2.589  Der zweite Brief von Martin von der Straasen an sein Weib.

Ich, Martin von der Straasen, dein herzgründlich geliebter Mann und Bruder in dem Herrn, wünsche dir, mein herzgründlich geliebtes Weib und Schwester in dem Herrn, Beliken von der Straasen, viel Gnade und Barmherzigkeit von Gott, unserm himmlischen Vater; die Liebe seines Sohnes müsse sich allezeit bei dir vermehren, und die Kraft des Heiligen Geistes müsse reichlich in dir wohnen, damit du dadurch unter den Heiden einen keuschen Wandel führen und denen ein Licht sein mögest, die in der Finsternis sitzen, und (wie Jesaja schreibt) den König in seiner Schönheit sehen und unter die königliche Schaar gezählt werden, die ihre Kleider in dem Blute des Lammes, unseres Herrn Jesu Christi, gewaschen haben, welcher unsere Schmach getragen, unsere Wunden geheilt und für uns bezahlt hat, was Er nicht geraubt hat, damit er uns von dieser gegenwärtigen argen Welt nach dem Willen Gottes, seines Vaters, erlöse, welchem sei Ehre, Kraft, Herrlichkeit und Preis von Ewigkeit zu Ewigkeit, Amen.

Herzlich geschrieben an dich, meine auserwählte, allerliebste Beliken von der Straasen, welche ich von Herzen lieb und wert habe, ja, lieber als mein eigenes Leben, denn du bist Fleisch von meinem Fleische. Summa, du bist mein, und ich bin dein. Darum danke ich Gott ohne Aufhören, daß Er dich mir gegeben hat, denn ich hätte nicht gemeint, daß mir Gott solch eine getreue Gehilfin geben würde, bei welcher ich so viel Liebe und Geduld gefunden habe; aber Gott hat mir allezeit mehr Barmherzigkeit erwiesen, als ich wert bin, und Er wird es, wie ich hoffe, fernerhin tun, wenn ich ihrer am meisten benötigt sein werde, denn Er ist ein gütiger Gott, der (wie Paulus schreibt) reich an Güte ist und von Barmherzigkeit überfließt.

Weiter, meine herzgründlich Geliebte, nach diesem meinem brüderlichen Gruße, lasse ich deine Liebe wissen, wie mein Gemüt noch des Vorsatzes ist (Gott sei gepriesen), mit seiner Hilfe bei der Wahrheit zu leben und zu sterben. Doch, meine Geliebte, ich habe das Vertrauen, daß du auch durch des Herrn Gnade so gesinnt sein werdest, mit seiner Hilfe seinen Namen zu fürchten dein Leben lang; der Herr aller Herren und Gott aller Götter müsse dir und uns allen hierzu seine Gnade geben.

Ferner, meine liebe Beliken, vernehme ich, daß du begehrst, daß ich dir noch einmal schreiben sollte, was ich dir unmöglich abschlagen kann; gleichwohl bin ich unwürdig an dich zu schreiben, um des Stachels willen, den ich in meinem Fleische habe, denn meine Schwachheit ist so groß, daß ich wohl sagen möchte: Ach, daß ich Wasser genug in meinem Haupte hatte, um Tag und Nacht mein Elend und meine Schwachheit zu beweinen; denn meine Schwachheit ist über die Maßen groß, und meine Betrübnis ist daneben nicht gering. Wenn ich bedenke (ach Beliken, mein einziges Schäflein), daß ich von dir scheiden und dich unter diesem ehebrecherischen Geschlechte verlassen muss, ach, so wird mein Herz bis zum Tode beschwert! Und wenn ich dann bedenke, daß dich Gott vor mir aus dem Fleische nehmen möchte, ach, dann wird mein Herz noch mehr geängstigt, denn ich fühle, daß ich nach deinem Abschiede nicht einen fröhlichen Tag sehen werde; so ängstigen mich denn die Gedanken von allen Seiten, weshalb ich mit Susanna wohl sagen mag: Ach, in welcher großen Angst bin ich nun! Ja, der elende Stand hat mich so ergriffen, daß ich wohl mit Hiskia zu Gott rufen und sagen mag: O Herr! Ich leide Not, lindere sie mir, ja, solche Not wie die Hindinnen, die sich krümmen, wenn sie ihre Jungen auslassen sollen. Überdies bin ich oft trostloser als Jona, der von der Sonne gestochen wurde; darum mag ich auch wohl sagen: O Druck und Drangsal! Wie lange lebst du in mir? Ja, überdies mag ich wohl mit David sagen: Meine Feinde haben auf meinem Rücken gepflügt, und ihre Furchen lang gezogen; aber, ach, meine Geliebte, wenn ich daran denke, daß Gott den, welchen Er lieb hat, (wie Paulus sagt) züchtigt, und einen jeden Sohn, den Er annimmt, stäupt, auch neben der Versuchung ein Auskommen verschafft, sodass man es ertragen kann, was ich oft erfahren habe, so werde ich wieder getröstet. Darum danke ich auch dem Herrn, der überall meinen Fuß aus dem Stricke des Jägers gezogen hat; darum will ich auch mit David den Herrn loben, und Ihn unter vielen rühmen, denn Er streckt seine Arme zur rechten Hand, damit Er ihm von denen helfe, die sein Leben verurteilen. Darum, ach, meine Auserwählte und Allerliebste, laß uns doch fest an dem Herrn hängen, und laß uns nicht straucheln, wiewohl der Gottlose den verfolgt, der frömmer ist als er, denn Hiob sagt: Die Gottlosen ziehen das Kind von den Brüsten und machen es zur Waise in der Stadt; sie machen die Leute seufzen und der Getöteten Seelen rufen, und Gott stört sie nicht; aber doch ist es gewiss, daß Gott nicht allezeit zu ihrer Sache Amen sagen wird, denn Er sagt durch den Propheten: Ich schweige wohl eine Zeitlang und bin stille, aber zuletzt werde ich mich an meinen Feinden rächen, denn ich hebe, sagt Er, meine Hand auf in dem Himmel, und lebe ewig. Wenn ich das Blinkende meines Schwertes wetzen werde, und meine Hand zur Strafe greifen wird, so will ich mich wieder rächen an meinen Feinden, und diejenigen, die mich hassen, bezahlen. Ich will meine Pfeile mit Blut trunken machen, und mein Schwert soll Fleisch essen über dem Blute der Erschlagenen, über dem Gefängnisse und dem entblößten Haupte des Feindes. Darum sagt Mose: Seid fröhlich alle, die ihr sein Volk seid, denn Er wird das Blut seiner Knechte an seinen Feinden rächen; aber er wird gnädig sein, dem Lande seines Volkes. So laß uns denn, ach, meine Liebste, mein einziges Schäflein, doch guten Mutes sein, denn, obgleich wir jetzt mit Tränen säen müssen, so hoffe ich doch, daß wir zu seiner Zeit reichlich und im Überfluss ernten werden, denn Gott sagt durch den Propheten: Freut euch mit Jerusalem, und seid fröhlich über sie alle, die ihr sie lieb habt; freut euch mit, ihr alle, die ihr über sie traurig gewesen seid, denn dafür sollt ihr saugen und satt werden von den Brüsten ihres Trostes; ihr sollt dafür saugen und euch ergötzen von der Fülle ihrer Herrlichkeit.

Darum, ach, meine Auserwählte und Geliebteste, laß uns doch dem Herrn ein wenig seine Schmach tragen helfen; denn es ist gewiss wahr, sagt Paulus, wenn wir mit Christo leiden, so werden wir auch mit Ihm herrschen, und wenn wir mit Ihm sterben, so werden wir auch mit Ihm leben, und dann wird man alle Tranen von unsern Augen abwischen, und alle unsere Trübsal wird in ewige Freude verwandelt werden. Darum, ach, meine Geliebte, laß uns doch den Herrn ernstlich bitten, daß diese Verheißung an uns erfüllt werden möge, und daß wir in der schönen Stadt als Bürger erfunden weiden mögen, wo die Mauern von Saphir und die Straßen von lauterem Golde sind.

Ferner, meine Geliebte, will ich dich unserm lieben Herrn anbefehlen; der müsse dich bewahren und als seine Tochter regieren, denn ich nehme jetzt meinen Abschied und sage gute Nacht.

Ach, gute Nacht, meine herzgründlich Geliebte, denn es muss doch mit Tränen geschieden sein. Ach, gute Nacht, Beliken von der Straasen, mein sehr geliebtes Weib, die ich mit Freudentränen bei der Hand genommen habe. Ach, bitteres Scheiden, wie fällst du mir so schwer! Noch einmal sage ich, gute Nacht. Ach, Beliken, meine Auserwählte und Geliebteste, ich sage dir für alle deine reine Liebe aufs Freundlichste Dank.

Der Herr müsse dir bezahlen. Grüße mir, die bei dir sind; Adrian lässt dich auch sehr grüßen; der Herr sei mit dir.

Geschrieben in meinen Banden, von mir, deinem schwachen Bruder und Diener, wie ich es vermag, Martin von der Straasen.