2.588  Der erste Brief von Martin von der Straasen an sein Weib.

Ich, Martin von der Straasen, dein lieber Mann und Bruder in dem Herrn (doch beides unwürdig), wünsche dir, meinem herzgründlich geliebten Weib Beliken von der Straasen, die du mit mir (wie Paulus schreibt) in der Löwengrube liegst und von den Wächtern Babels verwundet bist, viel Gnade und Barmherzigkeit von Gott, unserm himmlischen Vater. Die Liebe seines Sohnes müsse sich bei dir vermehren; ebenso müsse auch die Kraft des Heiligen Geistes reichlich in dir wohnen, damit du, zu des Herrn Preise, gute und bequeme Früchte hervorbringen und dein Licht vor den Menschen leuchten lassen mögest, wie eine Stadt, die auf einem hohen Berge liegt, damit du unter den Heiden einen guten Namen und ein gutes Andenken in Israel hinterlassen mögest. Der Gott unserer Väter gebe dir Gnade, und lasse dein Vornehmen von Statten gehen, damit sich Israel über dich freue und dein Name unter alle Heiligen gezählt werde, und damit du dermaleinst das neue Lied vor dem Stuhle des Herrn spielen mögest, von Ewigkeit zu Ewigkeit. Dieses wünsche ich dir, meine auserwählte Geliebte, aus Kraft meiner Seele, und auch aus Liebe mit vollem Herzen. Aus einem zugeneigten Herzen, mit Liebe durchdrungen, schreibe ich einen liebreichen Gruß an dich, ach, meine Allerliebste, welche ich von ganzem Herzen lieb und wert habe, nach dem Worte Gottes, denn ein Mann wird Vater und Mutter verlassen und seinem Weibe anhangen. Du bist ja, o mein liebes Schaf, Fleisch von meinem Fleische und Bein von meinem Beine; es hat auch niemals jemand (wie Paulus sagt) sein eigenes Fleisch gehasst, sondern er ernährt es und pflegt es. Der allmächtige Herr, der (wie Jeremia sagt) der Menschen Herzen und Nieren prüft, weiß es, daß ich Ursache genug habe, dich zu lieben, wie ich auch tue.

Weiter, nach diesem meinem geziemenden und christlichen Gruße wisse, mein herzlich geliebtes Weib, daß ich, wie Sirach sagt, einen Tag nach dem andern in viel Trübsal zubringe, wie einer, der auf dem Felde wohnt, und manchen Sturm, Hagel und Regen zu bestehen hat; Gott aber, der tötet und lebendig macht, wird mich (hoffe ich) bewahren, daß ich mit Eleazar das ehrliche Sterben dem schändlichen Leben vorziehen werde.

Ferner, meine herzgründlich Geliebte, die ich mit Freudentränen bei der Hand genommen habe, ich hoffe und vertraue, daß du auch an Seele und Leib gesund und bereit seiest, mit Susanna lieber in der Menschen Hände zu fallen, als vor dem Angesichte des lebendigen Gottes zu sündigen, der doch alle Dinge mit feuerflammenden Augen durchschaut. Der allmächtige Herr aller Herren, welcher, wie Paulus schreibt, reich an Güte ist, und von Gnade und Barmherzigkeit überfließt, wolle dich und uns alle, mit den Augen seiner Gnade ansehen und von diesem Elende erlösen; denn ich bin in dieser Zeit, wie du, sehr geängstigt und belagert, gleichwie die zu Bethulia; so haben auch meine Feinde mir das Wasser verwehrt, womit ich früher mein Herz gelabt habe, und haben rund herum die Brunnen belagert, woraus ich meinen Durst zu stillen pflegte. Aber der allmächtige König ist die rechte Quelle, der (wie Jesaja sagt) durch seine wohlberedete Zunge die müden Seelen tröstet, und nach des Propheten Wort in der Not Brot gibt, und Wasser im Durste; diese werden sie, wie ich hoffe, nicht abgraben noch verlegen; denn Er scheut weder eiserne Fenster noch Riegel, Schloss oder Türen; Er wird uns auch, wie ich hoffe, bald besuchen, weil Er erkennt und weiß, daß wir von den Wächtern Babels so sehr geschlagen und verwundet sind, in einem dürren dunkeln Lande, so weit und so tief in Babylonien, wo man weder sein Wort, noch schönen Lobgesang hört. Darum hoffe ich, daß Er mehr seine Barmherzigkeit, als seine Gerechtigkeit an uns gebrauchen werde, weil Er unsre Drangsal sieht und weiß, daß ich es nicht zu ertragen vermag, weil meine Schwachheit so groß ist, denn unter allen, die Gott fürchten, ist niemand so unvollkommen wie ich bin, indem meine elende Schwachheit so durchgängig ist, daß ich sie oft mit Tränen beweine, und so kleinmütig bin, daß es mich dünkt, mein Herz sei zugeschlossen, weil der Herr meine Schmach nicht von mir nimmt. Darum kann ich wohl mit David sagen: O Herr Gott, mein Heiland! Ich schreie Tag und Nacht vor Dir, laß mein Gebet vor Dich kommen; neige deine Ohren zu meinem Geschrei, denn meine Seele ist voll Jammer und mein Leben ist nahe bei der Hölle; ich bin denen gleich geachtet, die zur Hölle fahren; ich bin wie ein Mann der keine Hilfe hat; ich liege unter den Toten verlassen, wie die Erschlagenen, die im Grabe liegen, denen Du, Herr, nicht mehr gedenkst, da sie von deiner Hand abgesondert sind. Du hast mich in die Grube hinuntergelegt, in die Finsternis und in die Tiefe. Dein Grimm, Herr, drückt mich, und du drängst mich mit allen deinen Fluten, Sela. Alle meine Verfolger halten über mich, meine hungrige Seele ganz auszuhungern, und meiner durstigen Seele das Trinken zu verwehren. Darum mag ich mit dem Propheten wohl sagen: Meine Feinde lauern auf meine Seele, sie tun mir Böses statt Gutes, um meine Seele in Herzeleid zu bringen. Darum, ach, meine Geliebte, meine Allerliebste, ich kann nicht unterlassen, vor dir mich zu beklagen, damit ich mein betrübtes Herz erleichtere, das oft so trostlos, ja, so trostlos ist, daß ich mit David in meinem großen Jagen wohl sagen dürfte: O Herr! Ich bin von deinen Augen verstoßen; dennoch hoffe ich, daß Er bald meine flehende Stimme erhören werde. Deshalb bitte ich dich, mein liebes Schaf, laß deine Ohren nicht müde werden, meine betrübte Klage zu hören, und sei nicht verdrossen, mit deinen Augen mein bedrängtes Angesicht zu sehen; ich hoffe, der Herr werde Sorge tragen, daß es nicht lange mehr währen wird. Darum sei noch eine kurze Zeit geduldig mit mir, wie du denn allezeit geduldig bei mir gewesen bist; denn damals, als es uns dem Fleische nach nicht sehr wohl ging, hast du stets mehr Geduld bewiesen als ich, wofür ich dir herzlich danke, indem deine Hand fleißiger gewesen ist, dem Hause vorzustehen, als die meinige; ebenso bist du auch aus deinem Glauben frommer vor Gott gewandelt als ich, und deine Geduld ist bis auf diesen gegenwärtigen Tag größer als die meinige. Darum habe ich Ursache, dich mehr zu lieben, als Paulus die Gemeinde zu Ephesus, welche er doch drei Jahre lang mit Bekümmernis, mit Wachen und Tränen Nacht und Tag ermahnt hat. Ach, mein Schäflein, meine Liebe, meine Allerliebste, ich habe dich (Gott sei gepriesen) nun auch ungefähr drei Jahre gehabt, und habe in diesen unsern Banden der Verfolgung große Bekümmernis Tag und Nacht um dich gehabt, habe auch um dich so manchen Seufzer ausgestoßen und so manche Träne vergossen, welche ich nicht vergossen hätte, wenn ich mit dir hätte reden können. Nun aber, mein herzgründlich geliebtes Weib, weil es Gott so verordnet hat, daß ich dich lassen und, wie es scheint, vorangehen muss, so sage ich dir, obgleich ich nicht würdig bin, dich zu ermahnen, so ermahne ich dich dennoch in diesem Brieflein mit Tränen, und bitte dich, daß du allezeit den Herrn vor Augen haben, und Ihm mit Gebet und Fasten anhangen wollest, denn ich weiß, daß du, wenn mich Gott vor dir aus dem Fleische abholt, nach meinem Tode hart angefochten werden wirst, und darum bitte ich dich, o mein einziges Schäflein, um des Herrn willen, daß du doch scharfe Wache halten wollest, wie die schönen, klugen Jungfrauen taten, die alle Stunde ihren Bräutigam erwarteten. Auch bitte ich dich, ach, meine Liebe, meine Allerliebste, habe ich Gnade vor deinen Augen gefunden, sei meiner eingedenk, wie die fromme, gottesfürchtige Judith ihres Mannes eingedenk gewesen ist. Ach, Beliken, Beliken, meine herzgründliche Liebe, die drei Jahre, die wir beisammen waren, dünken mich keine drei Tage zu sein; darum ist mein Herz geängstigt, wenn ich an den Abschied denke; dennoch wollte ich (wenn es ja sein muss), daß der Herr doch bald kommen möchte, denn ich habe (das weiß Gott) so manche schwere Drangsal, daß ich wohl mit David klagen und sagen mag: O Herr! Meine Strafe ist alle Morgen da, denn der meiner Seele nachjagt, wie einem Vogel ohne Ursache, schläft und ruht nicht, weder Tag noch Nacht, weder Abends noch Morgens; aber ich erwarte mit Paulus, daß Gott bald mich und uns alle aus der Löwengrube ziehen werde. Ferner, mein herzgründlich geliebtes Weib Beliken von der Straasen, welche ich von Herzen lieb und wert habe, ich lasse deine Liebe wissen, daß ich gegenwärtig nicht viel mehr zu schreiben weiß, nur daß ich dich dem allmächtigen Gott und seinem tröstlichen Worte anbefehle. Dabei nehme ich Abschied von dir, gleichwie dort die gebundenen Israeliten, welche ihren Kindern die letzte Milch gaben; doch ist Gott, der das himmlische Heer gemacht hat, mächtig genug, die Elephanten wieder zurückzukehren; sein Wille müsse geschehen und nicht der unsere. Mehr nicht; der Herr sei mit dir, grüße mir, die bei dir sind; Adrian lässt dich auch sehr grüßen.

Geschrieben von mir, deinem lieben Manne und Bruder in dem Herrn, Martin von der Straasen.