2.586  Noch ein Brief von Adrian Rogiers an sein Weib, geschrieben im Gefängnisse zu Gent.

Aus einem zugeneigten Herzen zum freundlichen Gruße geschrieben an dich, mein liebes und sehr wertes Weib, welche ich vor Gott und seiner herrlichen Gemeinde geheiratet habe, die ich auch von Herzen liebe, das weiß der Herr, der mit feuerflammenden Augen alle Dinge durchsieht. Ferner nach allem geziemenden und christlichen Gruße lasse ich deine Liebe wissen, daß ich dem Fleische nach ziemlich wohlauf bin; ebenso ist auch mein Gemüt noch so bestellt, mit des Herrn Hilfe den Glauben bis ans Ende festzuhalten. Sodann, mein liebes Weib, hoffe ich, daß du auch an Seele und Leib, Gott sei gepriesen, gesund und bereit seiest, die Zeit deiner Wallfahrt zum Preise des Herrn und deiner Seele Seligkeit mit Freuden zu vollenden. Der gute, ewige und allmächtige Gott, der durch seine milde Güte Wein und Milch umsonst gibt, wolle dich und uns alle durch seinen Heiligen Geist stark und kräftig machen, damit wir dem Herrn dienen mögen in seiner Furcht, denn es ist doch kein köstlicheres Ding, als den Herrn fürchten, indem Sirach sagt: Geld und Gut macht Mut, aber noch vielmehr die Furcht des Herrn; denn wer den Herrn fürchtet, dem wird es in der äußersten Not wohl ergehen. Darum, ach mein liebes Schaf, halte dich doch fest an den Herrn, und wappne dich; ziehe den Harnisch Gottes an, damit du jedem listigen Anlaufe des Teufels widerstehen mögest, denn der Teufel, unser Widersacher, ruht nicht, sagt Petrus, sondern geht um uns her wie ein brüllender Löwe, und sucht, welchen er verschlinge. So stehe denn, ach, meine liebe Schwester, in dem Glauben, bete und halte gute Wache, ziehe das Band der Liebe an, und hüte dich vor den falschen Propheten, denn in den letzten Zeiten (wie Christus sagt) werden viele falsche Propheten auferstehen und sagen: Hier ist Christus, da ist Er; aber geht nicht hinaus, und wenn sie sagen werden: Er ist in der Wüste; Er ist in der Kammer, so glaubt ihnen nicht, denn gleichwie der Blitz ausgeht, vom Aufgange und scheint bis zum Niedergange, so wird die Zukunft des Menschen Sohnes sein. Darum, o meine Geliebte, halte doch tapfer an, bis du hinweggenommen wirst, denn in kurzer Zeit wird kommen, der da kommen soll. So fasse denn deine Seele in Geduld, und leide der Sonnen Brand eine kurze Zeit, denn Christus hat uns zugesagt, daß wir in der Welt Verfolgung haben werden; ebenso spricht auch Gott, durch den Propheten, wenn Er sagt: Schreie, o Tochter Zion, wie eine in Kindesnöten, denn du musst zur Stadt hinaus und auf dem Felde wohnen. Summa, das Himmelreich leidet Gewalt, und die ihm Gewalt antun, reißen es an sich; auch sagt Paulus, daß wir durch viel Druck und Trübsal in das Reich Gottes eingehen müssen, denn Christus, der unser Haupt ist, ist uns vorgegangen, und hat um unseretwillen viel Schmach leiden müssen, wie der Prophet sagt: Er hat unser aller Sünden auf sich genommen, und unsere Schmach getragen; Er ist wie ein Lamm vor seinem Scherer verstummt, und schalt nicht wieder als Er gescholten ward; als man Ihm drohte, drohte Er nicht wieder, sondern übergab die Rache dem, der da recht richtet. Also müssen wir auch, mein liebes Weib, wie Petrus sagt, des Herrn Fußstapfen nachfolgen, denn man redet übel von uns, sagt Paulus, wir aber reden wohl; ebenso hat uns auch Christus gelehrt, für diejenigen zu bitten, die uns Leid antun.

Darum, ach mein liebes Schaf, laß uns in allen Dingen uns als rechte Glieder Christi beweisen, und daran denken, was Paulus sagt: Wenn wir mit Christo leiden, so werden wir mich mit Ihm herrschen. Darum laß uns alle Bosheit ablegen und die Sünde, die uns anklebt, meiden, und der Heiligung nachjagen, ohne welche niemand den Herrn sehen wird. Ach, laß uns doch uns selbst mit einem heiligen Wandel schmücken, und uns nicht der Welt gleichstellen, denn sie vergeht mit ihren Lüsten.

Deshalb, ach mein liebes Schaf, laß uns noch fleißig Wache halten, wie Knechte, die allezeit auf ihren Herrn warten, damit wir durch Gottes Gnade mit allen auserwählten Kindern Gottes der herrlichen Belohnung teilhaftig werden mögen, von Ewigkeit zu Ewigkeit, Amen.

Jetzt, mein liebes Weib, weiß ich dir nun nicht viel mehr zu schreiben, als daß ich dich noch bitte, daß du meine geringe Gabe zum Besten aufnehmen wollest, denn hätte es Habakuk besser gebraucht, du hättest es besser empfangen.

Sodann wisse, mein liebes Weib, daß ich das empfangen habe, was du mir gesandt hast, wofür ich dir von Herzen danke, denn es ist mir ein großer Trost gewesen. Auch lassen dich, mein liebes Weib, Martin von der Straasen und sein liebes Weib, Beliken von der Straase, herzlich grüßen; ebenso lassen dich Margriet von der Schluys und Dingentgen von Honschote und der ehrbare Jüngling Hansken von Oudenaarde herzlich grüßen. Zuletzt bitten wir alle zusammen, daß ihr alle den Herrn ernstlich für uns bitten wollt, daß Er uns tüchtig machen wolle, mit Eleazar lieber ehrlich zu sterben, als schändlich zu leben. Weiter nichts, als bleibe dem Herrn befohlen und dem trostreichen Worte seiner Gnade, und tue allezeit das Beste an den Kindern; lehre sie den Herrn fürchten, und wiewohl ich dir solches zutraue, so kann ich doch nicht unterlassen, es dir zu schreiben; doch geschieht alles, was ich tue, aus reiner Liebe und gutem Herzen. Gehabe dich wohl, tue das Beste im Anfange und Ende.

Geschrieben von mir, deinem lieben Manne und Bruder in dem Herrn, zu deinem Dienste, Adrian Rogiers.