2.575  Noch ein Brief von Jan Hendrikß an Martin Janß, seinen Mitgefangenen.

Der ewige Gott aller Gnaden, der uns mit einem heiligen Rufe von der Macht des Satans zu seinem ewigen, wunderbaren Reiche berufen hat, wolle dich, mein Bruder Martin Janß, mit seinem heiligen Worte befestigen und stärken, und dich stark machen in dem Geiste, damit du allen bösen Anschlägen des bösen Feindes widerstehen mögest, es sei durch ihn selbst oder durch seine Boten, damit du in der Gnade bestehen mögest. Er gebe dir und mir einen tapferen Glauben, der im Grunde fest gewurzelt sei, damit du von dem Großen Sturmwinde der falschen Lehre weder erschüttert noch niedergeschlagen werdest. Dieses wünsche ich, Jan Hendrikß, dein schwacher Mitbruder in Gefangenschaft, Verfolgung und Trübsal, dir, Martin Janß, meinem lieben Bruder, in deinen Banden und deiner Gefangenschaft zum freundlichen Gruße in dem Herrn und zur Erquickung deines Gemütes, Amen.

Ferner, mein lieber Bruder, lasse ich dich wissen, daß ich noch guten Mutes bin in dem Herrn; mein Herz und Sinn ist noch unverändert, um ihn zu fürchten und bei seinem heiligen Worte zu bleiben, nach meiner großen Schwachheit, mit Gottes Hilfe, ohne dessen Beistand ich ganz kraftlos bin, solches zu vollbringen, wie ich denn hoffe und dir von Herzen zutraue, daß es mit dir auch so bestellt sei; auch danke ich dir sehr für deine tröstlichen Briefe, die du mir gesandt hast zum Troste und zur Erquickung in meiner Trübsal, und daß du meiner noch eingedenk bist in deinem Gebete, was ich auch für dich tue, damit wir einander in diesem großen Streite Beistand leisten mögen, welchen wir nun gegen den großen, roten Drachen zu kämpfen haben, welcher mit seinem Schweife den dritten Teil der Sterne vom Himmel zieht. Als ich deinen Brief las, war es mir keine Betrübnis zu hören, daß du so wohlgemut und getrost wärest in dem Herrn, sondern eine Freude und ein Ergötzen des Geistes. Darum, mein lieber Bruder, laß uns der Lehre und Ermahnung Pauli wohl wahrnehmen, und wohl darauf merken, wenn er sagt: Gleichwie ihr den Herrn Jesum Christum angenommen habt, so wandelt in ihm, und seid gewurzelt und erbaut in ihm. Merke, lieber Bruder, es ist sehr nötig, auf diese Worte und Ermahnung Pauli Acht zu geben, denn da wir Christum durch die Taufe angezogen haben, und Glieder seines Leibes geworden sind, so laß uns auch in ihm wandeln, und gewurzelt und erbaut sein, und standhaft in ihm bleiben; denn er sagt: Bleibt in mir, und ich in euch; wie die Rebe durch sich selbst keine Frucht bringen kann, sie bleibe denn am Weinstocke, ebenso auch ihr nicht; ihr bleibt denn an mir. Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben; wer in mir bleibt, und ich in ihm, der bringt viel Früchte, denn ohne mich könnt ihr nichts tun; wer aber nicht in mir bleibt, der wird weggeworfen wie eine Rebe, die verdorrt, und muss verbrennen. Merke, lieber Bruder, wie wohl ist der daran, der in Christo ist, und Christus in ihm; aber wer kein Gefühl für Christum hat, der ist einer abgeschnittenen, verdorrten Rebe gleich, welche vom Stamme des Weinstockes die Kraft, den Saft und die Natur nicht mehr annimmt.

Lieber Bruder, laß uns einmal der Sache recht nachdenken, ob es nicht ebenso mit dem Menschen zugeht; darum laß uns in demselben mit Danksagung überfließend sein und durch Ihn Gott allezeit Lobopfer bringen, das ist die Frucht der Lippen, damit wir nicht beraubt werden durch die Philosophie und lose Verführung nach der Menschen losen Lehre und nach der Welt Satzungen, und nicht nach Christo, denn es ist jetzt eine arge Zeit, eine Zeit, wo die Christen recht untersucht und geprüft werden, ob sie auch im Glauben festgewurzelt und erbaut sind. Wenn eine Frau schwanger ist, und die Zeit des Gebärens naht heran, so überfallen sie, ehe sie gebiert, viele Wehen, welche ein Vorbote und Zeichen des Gebärens sind; wenn sie aber nun geboren hat, so hat sie den großen Schmerz bald vergessen, weil sie ein Kind geboren hat.

Sieh, mein lieber Bruder, so geht es jetzt mit uns auch; die große Versuchung und Qual, von außen der Streit und von innen die Furcht, die nun täglich über uns kommen, sind unsere Wehen, welche vor dem Gebären kommen; daraus können wir wohl merken, daß die Zeit des Gebärens herannaht, und wenn wir werden geboren haben, so wirst du es vergessen haben, nämlich, wenn wir diese Hütte, den sterblichen Rock, abgelegt haben werden; solches wird dann unsere letzte Zeit des Schmerzes sein, dann mögen wir sagen: Tod, wo ist dein Stachel! Hölle, wo ist dein Sieg! Der Stachel des Todes ist die Sünde; die Kraft der Sünde aber ist das Gesetz; Gott aber sei gedankt, der uns den Sieg durch Jesum Christum gegeben hat; dann wird der Tod als letzter Feind überwunden sein; dann wird man nicht mehr weinen, klagen oder wimmern; jede Qual, jeder Schmerz und jede Drangsal wird alsdann vorüber sein, wie ein Dampf, der eine kurze Zeit währt; dann wird man uns nicht mehr quälen, versuchen, gefangen nehmen, noch jagen, sondern wir werden von unserer schweren Arbeit ruhen und werden unter dem Altare mit vielen tausend Heiligen den ewigen Feiertag und Ruhetag halten, welche aus allen Geschlechtern und Völkern erwählt sind, welche das Wort Gottes mit ihrem Blute versiegelt haben, in vielen großen Trübsalen durch die Welt gekommen sind, und ihr Leben bis in den Tod nicht über ihren Schöpfer geliebt haben.

Sieh, mein lieber Bruder Martin Janß, was wäre es nun, wenn wir in großer Üppigkeit und in Wollüsten gelebt hätten? Denn, wenn wir verfolgt, gefangen, gequält, gepeinigt, verbrannt oder enthauptet worden wären, was wird es eben sein, wenn es vorbei ist? So aber werden wir dem Lamme, das von Anfang der Welt getötet worden ist, mit einer großen Menge der Heiligen nachfolgen, angetan mit weißen Kleidern von reiner Seide, mit Palmzweigen in den Händen und Kronen auf dem Haupte. O welch ein treffliches Werk wird es sein, wenn man hier aushält bis ans Ende! Darum, mein lieber Bruder, sage ich mit Tränen, laß uns guten Mut haben, denn in der Welt (sagt Christus) habt ihr Angst; aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden. So laß uns denn dasselbe tun, und fest und unverändert die Verheißungen halten, denn er ist getreu, der sie uns gegeben hat; mögen sie auch sagen, daß wir in uns einen hoffärtigen Teufel haben, und daß er zu fest in uns sitze; es wird noch wohl anders befunden werden, wenn da kommt, was kommen soll; daran ist kein Zweifel; und obgleich wir hier das Recht verspielen, so werden wir doch, wenn der Richter aller Richter richten wird, es wohl wieder gewinnen; daran zweifle ich keineswegs. Hiermit will ich dich dem Herrn und dem reichen Worte seiner Gnade befehlen, der mächtig genug ist, dich bis ans Ende zu bewahren, Amen.

Wisse, Martin Janß, daß die Quälgeister die ganze Woche bei mir gewesen seien und daß ich nur einen Tag frei gewesen bin; ich erwarte sie jeden Tag wieder; Adrian Cornelius ist diese Woche mit dem Kaplan auch bei mir gewesen; den Samstag war der Kaplan mit einem Steuermanne von Egmont, Namens Jakob Müller, bei mir; derselbe wollte mir beweisen, daß ein Mensch, wie ungeschickt er auch wäre, dennoch das Wort Gottes recht lehren könne, und die Menschen wohl selig machen möge; ja, wenn es auch der Teufel wäre, so könne er doch die Menschen das Wort Gottes recht lehren; er zog seine Kappe ab und saß da, als hätte er eine Ermahnung tun wollen, und machte ein langes Geschwätz, fast eine Viertelstunde lang, und holte alles von Anfang her; ich konnte mich des Lachens nicht enthalten, wenn ich ihn ansah, und dachte, daß er im Hirne verrückt wäre, und als er zu Ende war, gerieten wir zu dreien in einen Wortstreit, wiewohl ich nicht viele Worte machen wollte, aber es fällt dem Menschen bisweilen schwer, zu schweigen. Als sie hörten, daß ich ihnen kein Gehör gab, fielen sie mich sehr hart an; der Steuermann sagte: Wäre ich Offizier gewesen, du solltest mir hier nicht so lange gelegen haben; er wollte mit mir bald fertig geworden sein. Zu dem Pfaffen sagte er: Die Herren müssen diesen Mann heimlich töten; der Teufel säße so fest in mir, sagte er, daß er nicht hinaus wollte, und dergleichen schändliche Worte redete er mehr; ich erwiderte: Je plumper du es machst, desto besser ich es merke. Der Kaplan und ich hatten viele harte Reden miteinander; er war auch sehr entrüstet; ich sagte, daß ich seiner nicht mehr bedürfte; er äußerte, er verwundere sich mit Paulus, daß ich mich so bald auf ein anderes Evangelium hatte führen lassen, da doch kein anderes existiere; ich sagte: Welch ein fremdes Evangelium habe ich angenommen? Er entgegnete, daß ich meine Kinder nicht hätte taufen lassen wollen. Jawohl, sagte ich, ihr habt nicht einen Buchstaben Schrift darüber, daß sie getauft sein müssen! Merke, lieber Bruder, auf seinen Verstand; er meinte, hätte Paulus nun es als einen Befehl und Gebrauch eingeführt, Kinder zu taufen, so hätten wir, wenn wir solches verwerfen würden, ein anderes Evangelium angenommen; solche Reden fielen vor; des Steuermannes und meine Reden passten aufeinander, wie ein Haspel auf einen Topf; er redete auch schimpflich zu mir; ich sagte, schimpflich Reden ist nicht Radebrechen, man kann es ja sitzend tun, und gab ihm einen Stuhl; er meinte, er hätte mehr Verstand in seinem einen Finger, als ich in meinem ganzen Kopfe, und viel dergleichen Dinge. Gehabe dich wohl, und halte dich tapfer; ich hoffe ein Gleiches zu tun; laß uns aneinander denken im Gebete, und halte mir dieses kleine einfache Schreiben zu gut, denn es ist aus Liebe abgefasst; nimm es mir auch nicht übel, daß ich mit diesem Schreiben so lange gewartet habe; ich habe aber viel Besuch, jedoch nicht von Freunden, denn es darf niemand zu mir kommen, als mein Vater. Schreibe mir wieder, wie es mit dir steht, wiewohl ich nichts als Gutes von dir höre; Gott sei gelobt. Geschrieben in meinen Banden, von mir, Jan Hendrikß, im Jahre 1572.