2.564  Des Jan Wouterß zehnter Brief, an seinen ältesten Schwager und an seine Schwester.

Die Gnade und der Friede Gottes, des himmlischen Vaters, durch Jesum Christum, seinen eingebornen Sohn, unsern Herrn und Heiland, samt der Mitwirkung seines Heiligen Geistes, vermehre sich allezeit bei euch beiden, eurem Glauben zur Stärkung, und euch zum Troste auf eurer Wallfahrt, damit ihr auf dem engen Lebenswege nicht müde werdet, sondern beständig zu eurer Ruhe fortgehen mögt, damit ihr sämtlich das Ende eures gewissen Glaubens davontragt, nämlich eurer Seelen Seligkeit, Amen.

Nach diesem meinem herzgründlichen, brüderlichen Gruße und guten Wunsche lasse ich euch, mein sehr herzlich geliebter ältester Schwager und meine sehr herzlich geliebte Schwester, wissen, daß ich in diesem Streite in dem wahren Glauben, welcher den Heiligen einmal gegeben worden ist, stets unveränderlich geblieben bin, um dessentwillen ich nun von dem sterblichen Menschen in Geduld des Herzens Pein leide und ertrage.

Ich kann dem Herrn für diese große Gnade nicht genug danken, daß er uns wie seinen Augapfel bewahrt hat. Darum bitte ich euch alle, fürchtet euch nicht um meiner vergänglichen Trübsal willen, sondern seid desto freimütiger in dem lebendigen Glauben, der durch die Liebe tätig ist, und wisst, daß eure Arbeit nicht vergeblich sein wird, sondern daß sie euch nachfolgen, euch kleiden, und an dem Tage Christi zieren wird. Darauf seht allezeit, und folgt allezeit seinen Fußstapfen nach, in Demut und Sanftmut des Herzens; seid immer mehr und mehr willig, heiliger zu leben, und bedenkt, daß es uns noch in vielem fehlt, was ich auch an mir finde; aber meine Hoffnung und Zuflucht ist Christus Jesus, der unsere Seligkeit, Gerechtigkeit, Vollkommenheit, unser ewiger Priester und Versöhnungsopfer ist und für uns bittet. Ferner lasse ich meinen besonders lieben Bruder und meine sehr geliebte Schwester in dem Herrn wissen, daß ich, euer geliebter Schwager und schwacher, unwürdiger Bruder, nicht wohl habe unterlassen können, eurer Liebe ein wenig zu schreiben, wiewohl ich an Gaben mich schlecht und gering weiß, wie ihr denn auch viel Schrift habt, und auch die Salbung, die euch allezeit lehrt, wie es recht ist, sodass ich es unnötig achte, euch viel zu schreiben; dessen ungeachtet aber bin ich dazu gedrungen, damit ich euch meine unvergängliche Liebe noch in etwas zeigen möchte, ehe ich die Hütte ablege; es dient euch zum Troste und zur Stärkung eures Glaubens; ich bin auch in meinem Herzen versichert, daß es noch angenehm sein werde, wiewohl es nur wenig ist. Darum, meine Geliebtesten, lege ich euch nichts Neues vor, sondern bitte und ermahne euch alle, daß ihr doch ernstlich Sorge tragen wollt, damit ihr die köstliche Perle behaltet, und den köstlichen Schatz in euren irdischen Gefäßen bewahrt. Denn ihr wisst, wie viel es euch gekostet hat, ehe ihr ihn gefunden und erlangt habt, und lasst, zur Befestigung, daß er noch in euch ist und bleibt, euer Licht vor euren Feinden leuchten, welche dadurch erschreckt und von dem Herrn ohne euer Zutun vor euren Augen überwunden werden, wie wir ein Exempel an Gideon und mehreren andern haben, wodurch vollkommen festgestellt wird, daß der Herr seines Volkes Streit führt. Weil es nun aber ganz gewiss ist, daß der allmächtige Herr mit uns ist, wer kann dann wider uns sein? Der seinen eigenen Sohn nicht verschont hat, wie sollte er uns mit ihm nicht alle Dinge schenken? Darum ist er denen ein Schild, die ihn von ganzem Herzen suchen und ihm vertrauen, und seinem Worte mit Bestimmtheit glauben, daß er uns nicht verlassen werde, sondern daß der allmächtige Herr bis an der Welt Ende bei uns sein werde.

Aber wenn wir ihm nichts zutrauen und ihn verlassen und uns vor den vielen Feinden der Wahrheit fürchten, und wie die zehn Kundschafter weichen, so wird er uns auch verlassen. Wenn wir aber ein männliches Gemüt haben mit Josua, Kaleb und David, und im Herzen denken, daß Gott wahrhaftig sei, daß seine Hand nicht verkürzt sei, daß er ein treuer Nothelfer der Elenden sei, der uns von der Hand Pharao, von dem scheinbaren, betrüglichen, einschleichenden Aufruhre Korah, Nathan und Abiram, von dem fremden Feuer und mehreren andern Feinden und Gefahren erlöst hat, so wird er uns, nach seiner Verheißung, um seines Namens und unseres Heils willen auch forthelfen, nicht allein im Anfange oder in der Mitte, sondern bis ans Ende wird er unsern Feinden den Kopf zertreten, sodass wir, durch des Herrn Hilfe, unsere Feinde wohl überwinden werden. Darum habt guten Mut und seid getrost. Derjenige, der in euch durch seine große Gnade ein gutes Werk angefangen hat, ist auch mächtig (das ist gewiss), dasselbe in euch und in allen zu vollenden, die an ihn glauben und eines guten Willens sind. Bedenkt es doch, haben wir denn nicht unsere Lust an unsern Feinden, wie sie wühlen, arbeiten, streiten, verachten, schlagen, drohen und belügen, und gleichwohl bleiben wir durch des Herrn Gnade unverändert und ruhig. Ich halte dafür, daß die Standhaftigkeit der Christen Lust sei, denn derselben ist die Seligkeit zugesagt. So diene ich Unwürdiger euch nun hiermit ein wenig, damit ich Unwürdiger den Namen des Herrn und seine treue tägliche Hilfe und Kraft ausbreite und groß mache. Ich rate auch allen Christen, wenn sie in ihrem Lustgarten spazieren, nämlich in der heiligen Schrift, daß sie ja nicht die Psalmen Davids vergessen, die uns durch den Geist Gottes hinterlassen sind; dieselben dienen uns insbesondere zur Gerechtigkeit, zur Freimütigkeit, zu einem festen Vertrauen, zur lebendigen Hoffnung und zum Troste auf unserer Wallfahrt. Summa, alle Schrift, von Gott eingegeben, ist zur Lehre, zur Züchtigung, zur Unterweisung in der Gerechtigkeit nützlich, damit ein Mensch Gottes vollkommen geschickt und zu allen guten Werken bereit sei; und ferner, was früher geschrieben ist, das ist zu unserer Lehre geschrieben, damit wir durch Geduld und Trost der Schrift Hoffnung haben möchten. Darum bleibt dabei; in ihr werdet ihr von allem finden, was euch zur Seligkeit nötig sein wird, wie ich denn das Vertrauen von Herzen zu euch habe, daß dasjenige bei euch bleiben werde, was ihr von Anfang gehört und angenommen habt, nichts Fremdes, sondern wie die heilige Schrift bezeugt; denn ihr wisst, was es in euch gewirkt hat; wie ihr durch diese eure himmlische Erwählung von eurem eitlen Wandel, worin noch die ganze Welt ist, erlöst worden seid, und von den stummen Götzen zu dem lebendigen Gott, ja, von dem Tode zum Leben übergegangen seid, sodass ihr erleuchtet seid, und eure Hoffnung lebendig gemacht ist, und dieses alles durch Jesum Christum. Und weil wir seine Zukunft lieb haben, so erwarten wir ihn mit Geduld in guten Werken, welche in uns leben, daß wir unsern Nächsten wie uns selbst lieben, seinen Nutzen mehr suchen als den unsrigen, ja, in der Not das Leben für die Brüder lassen. Dies ist uns ein Siegel und Zeichen, daß wir ihn lieben, den wir nicht sehen, und dennoch an ihn glauben, als ob wir ihn sehen. Wenn wir aber die Brüder nicht lieben, die wir sehen, wie sollten wir dann in der Kraft Gott lieben können, den wir nicht sehen? Aber daran erkennt man, daß man ein Jünger Christi sei, weil wir von Herzen, ohne Furcht, die Brüder und Schwestern lieb haben; wer aber Christi Jünger ist, der wird bisweilen geprüft, gleichwie das Gold im Feuer, wiewohl nicht zum Verderben, sondern zur Reinigung und größeren Vollkommenheit, denn er züchtigt einen jeden Sohn, den er aufnimmt und liebt. Es befremdet uns auch nicht, daß es in der neuesten Zeit an uns Unwürdigen geschieht, sondern es ist von Abels Zeit an so gewesen; die Finsternis hat das Licht allezeit gehasst, denn sie wollen in ihrer Finsternis nicht gestraft sein, sondern werfen sich dagegen auf, um sich zu beschützen, und in ihrem Wege zu bleiben, und sagen: Richtet nicht, so werdet ihr auch nicht gerichtet; aber was der Apostel sagt: Und habe keine Gemeinschaft mit den Werken der Finsternis, sondern straft sie vielmehr, das lässt man unberücksichtigt.

In solcher Weise wissen die Trunkenbolde, Götzendiener und dergleichen sich mit der Schrift zu behelfen; aber, ach leider, sie tun sich selbst mit solchen Feigenblättern den größten Schaden, und lassen sich von den Gelehrten leiten wie der Ochse zum Beile. Ach, lieber Herr, ich bitte dich herzlich, du wollest doch unsern Feinden die Augen erleuchten, wie du Paulus erleuchtet hast, der auch die Gemeinde Gottes verfolgte. Haltet mir dieses wenige Schreiben zu gut, denn ich habe das Vertrauen, daß ihr selbst wohl gelehrt und gestärkt seid; seid männlich darin; wacht, steht in dem Glauben; seid stark in dem Glauben, und lasst alle eure Dinge in der Liebe geschehen, wie ich euch beiden solches von Herzen zutraue. Hiermit will ich dich, mein sehr geliebter Schwager und Bruder in dem Herrn, und meine sehr geliebte Schwester in dem Herrn (und um des Ehestandes willen) dem Herrn der Herren und dem reichen Worte seiner Gnade anbefehlen, welches mächtig ist, euch vor allem Argen zu bewahren und euch lustig, eifrig im Guten und zu seinem ewigen Reiche tüchtig machen kann, um euch das unverderbliche Erbe zu geben, unter denen, die geheiligt sind; ebenso danke ich auch euch beiden, so viel ich euch danken kann, für eure große Freundschaft und für euer zugeneigtes Gemüt gegen mich Unwürdigen.

Hiermit sage ich euch allen gute Nacht; zu Hause bei Christo Jesu will ich eurer warten, sowie auch meines sehr lieben Weibes und aller hinterlassenen Gottesfürchtigen, Amen.

Geschrieben kurz vor Ostern, wo ich jede Stunde gewärtig war, daß mir Botschaft gesandt werden sollte, meine Opfer zu tun, zu Gottes Preise und zu meiner Seligkeit, Amen.

Hiermit sage ich meinen Vettern und Basen gute Nacht auf dieser Erde. Ach, daß sie auch Christo Jesu nachfolgten, wenn sie zu ihrem Verstande gekommen sind, dann würden sie auch dahin kommen, wo er, nämlich Christus, ist; denn die sich bekehren und seine Gebote halten, sind seine Freunde und Jünger, die ihm folgen.

Darum bitte ich dich, meine liebwerte Base, du wollest doch das Böse scheuen, das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit ernstlich suchen und arbeiten, um ihren Hunger mit Brot zu stillen und den Durst mit dem Tranke zu löschen; wenn du das tust, meine liebe Base, wirst du eine sein, die mit Maria den besten Teil erwählt hat. Und so will ich dich denn bei Christo Jesu erwarten; dahin will ich eine kurze Zeit voran, und alle, welche die Wahrheit lieben, folgen nach. Hierzu gebe der gute Herr seine Gnade, daß dieses nach meinem herzlichen Wunsche geschehen möge, zu meiner Basen und Vettern Seligkeit, Amen.

Geschrieben in meinen Banden, von mir, Jan Wouterß von Kuyk.