2.563  Des Jan Wouterß neunter Brief, an seine drei jüngsten Schwestern.

Ein freundliches Schreiben an euch, meine drei geliebten Schwestern, von mir, eurem geliebten, gefangenen Bruder, der um des Wohltuns und des Gehorsams des Evangeliums willen gefangen ist, was mir vor dem Allmächtigen, der uns erschaffen hat, keine Schande, sondern ihm eine große Ehre ist, denn seine Kraft wird durch uns schwache Menschen offenbart, die wir um seines Namens willen leiden, und Schläge und Verachtung ertragen, und uns dennoch an die Wahrheit halten. Darum achten wir diese bösen Menschen nicht, die doch Erde und Asche sind und wie Rauch verschwinden werden, diejenigen aber, die den Willen Gottes tun, werden in Ewigkeit bleiben, und obgleich unsere irdische Wohnung vergeht, die doch einmal vergehen muss, so erwarten wir doch in Geduld eine bessere im Himmel, die unvergänglich ist; und weil diese Versicherung in unserm Herzen liegt, so lassen wir auch nicht nach, und wollten gern dieses unreinen Fleisches, das von der Kindheit an zu den Sünden geneigt ist, entübrigt, und zu Hause sein, in der Ruhe bei Christo, unserm Herrn; wir müssen aber, ehe wir zu dieser Ruhe kommen, arbeiten und wider unsere Feinde kämpfen, deren sehr viele gewesen sind und noch sind. Verstehe dieses recht; hier kommen wir durch, und das durch den, der uns mächtig macht, das ist, durch Christum, unsern Herrn, der für uns streitet, sodass wir Glauben halten, und unsere Lust an unsern Feinden sehen, uns auch in unserm Leiden um des Sieges willen, den wir durch Christum erlangen, erfreuen können. Also kommen wir durch Streiten zur Ruhe. Ja, unser lieber Herr hat mich so gestärkt, daß ich durch alles Foltern nicht beunruhigt wurden bin. Es kam mir vor, als hätte ich den Schultheißen in meine Arme nehmen können, so freundlich war mein Herz gegen ihn gesinnt, als ich nach der Peinigung noch nicht angekleidet war. Seht, meine lieben und werten Schwestern, das habe ich euch zuvor ermittelt, daß der Herr ein treuer Nothelfer sei. Darum bitte ich euch alle, fürchtet die Menschen nicht, sondern diesen allmächtigen Herrn, denn sie mögen und können dem Volke Gottes nicht ein Haar krümmen, es sei denn, daß sie zuvor die Macht von oben von unserm Herrn erlangen, welcher ihnen nicht mehr zulassen wird, als wir ertragen können, und stets neben der Versuchung ein Auskommen geben wird, daß es zu ertragen ist. Der Gerechten Seelen sind allezeit in Gottes Händen, und keine Todespein wird sie anrühren.

In der Pein kann er Erleichterung geben, wie an mir geschehen ist; er müsse für seine große Treue ewig gelobt sein, Amen.

Merkt dabei auf die Wunderwerke Gottes, daß er denen so treulich hilft, die an ihn glauben, und ein festes Vertrauen zu ihm haben, obgleich sie denselben nicht sehen.

Darum weiß ich euch allen für diesmal keine größere Freundschaft zu erweisen, als euch sämtlich die Wunderwerke Gottes zu offenbaren, damit ihr euch mit mir darüber erfreuen mögt, und damit ihr auch zu eurer Seligkeit erweckt werden mögt, um dieselbe allein in Christo Jesu durch sein heiliges Wort zu suchen, welches uns zunächst die Buße und den Glauben an das Evangelium lehrt, in welchem Christus gesagt hat: Wen da dürstet, der komme zu mir und trinke umsonst, und wer an mich glaubt, wie die Schrift sagt, von dessen Leibe werden Ströme des lebendigen Wassers fließen. Dieses sagte er von dem Heiligen Geiste, den diejenigen empfangen sollten, die an Christum glaubten. Darum bitte ich euch sehr freundlich, daß ihr euch zu dem klaren Weine Christo Jesu wendet, welchen ihr umsonst empfangen werdet. Darum befleißigt euch allezeit eines bußfertigen Lebens, und bittet mit brünstigem Herzen um den seligmachenden Glauben; hungert und verlangt darnach, um ihn von Christo zu empfangen, wie ihr nach Brot verlangen würdet, wenn ihr hungrig wärt; dadurch werdet ihr denselben empfangen, und die Früchte des Heiligen Geistes hervorbringen, nämlich: Liebe, Frieden, Freundlichkeit, Geduld, Langmut, Güte, Glauben, Sanftmut, Mäßigkeit, und so werdet ihr euch ferner in allen Tugenden erweisen, in Gehorsam und in einem sanften und stillen Geiste, als liebe Kinder Gottes, und euch allezeit dazu bereiten und schmücken, wiewohl nicht mit Gold, Silber oder köstlichen Kleidern; denn damit stellt man sich dieser Welt gleich, um ihr zu gefallen. Aber ich rate euch als das Beste, daß ihr solches nicht tut, damit ihr nicht mit der Welt von dem zukünftigen Richter Jesu Christo gestraft werdet, den sie verachtet und ausgestoßen hat, samt den Propheten, Aposteln und vielen Heiligen, ja, so wie auch euren Bruder. So suchet denn der bösen Welt nicht zu gefallen, sondern dem, der euch erschaffen hat, damit ihr durch Christum Jesum selig werden mögt.

Darum übt euch selbst, und lest das Wort des Herrn; das wird euch in allen Dingen nützlich sein, damit ihr vorsichtig wandeln, dem lebendigen Gotte gefallen und selig werden mögt. So wird euch der Geist Christi in alle Wahrheit leiten, und ihr werdet von Gott selbst gelehrt werden; derselbe wird mit dem Finger seines Heiligen Geistes inwendig auf die Tafeln eures Herzens schreiben.

Darum gebet ihm allezeit Gehör, dann werdet ihr seine Freunde, er aber wird euer Bruder sein, und wenn ihr ihm bis ans Ende nachfolgt, so werdet ihr ererben, was Christus besitzt; dahin will ich voraus, und euch alle in kurzem erwarten, in der Hoffnung, daß ihr mir um eures Heils willen nachfolgen werdet. Wie würde man denn eine größere Freude haben können, als wenn wir alle (wie ich hoffe), unser geliebter Vater und unsere geliebte Mutter, meine liebstes und wertes Weib, und mein liebes einziges Kind, mein einziger Bruder, meine liebwerten Schwestern und mehr bekannte Freunde, in dem Reiche Gottes zusammen kommen werden? Darum seht zu, daß ihr nicht zu kurz kommt, und daß nicht jemand von uns erfunden werde, der draußen bleibt. Habt einander lieb; gebt einander ein gutes Exempel; ein jeder trachte in guten Werken und Glaubensfrüchten der Vornehmste zu sein. Lest fleißig, und warnt einander vor der Sünde, denn die alte, krumme Schlange ist sehr listig um abzuziehen, und stellt die weltlichen Lüste vor Augen, um euch damit zu locken und von Gott abzuhalten; sie weiß auf mancherlei Weise ihre listigen Netze und Fallstricke zu stellen, aber haltet immer fest an in der Gottesfurcht; gebt ihr kein Gehör, dann wird sie von euch fliehen, und bedenkt, wie sie Eva und Adam und die erste Welt, bis auf acht Menschen, betrogen habe. Derselbe Geist ist noch jetzt; darum hallet fleißig Wache, betet und fastet oft, und lebt allezeit in der Mäßigkeit, damit euch euer Fleisch nicht überwinde, denn das ist ja der ärgste Feind, welchen wir immer, wo wir sind, bei uns haben; er rät uns stets zum Bösen und streitet immer wider den Geiste, denn das ist dem Fleische eine große Pein, daß es von dem Geiste unterdrückt wird, und seine Lust nicht büßen kann. Aber, geliebteste Schwestern, wenn es auch geschähe, daß euch der Satan zu Boden ziehen würde (weil er nimmer ruht, sondern allezeit sucht, wen er verschlingen möge), so steht allezeit wieder auf, und übergebt euch nicht zu Knechten oder Dienstmägden der Sünden, sondern nehmt euch besser in Acht; es dient euch zur Warnung. Darum demütigt euch unter die gewaltige Hand Gottes, und sucht fernerhin eure Seelen zu reinigen, im Gehorsam der Wahrheit durch den Geist, und eilt fort in dem Streite, der euch und allen Gottesfürchtigen vorgelegt ist, damit ihr nicht als solche erfunden werdet, die auf dem Wege des Herrn müde und unlustig geworden sind, wie ich denn deren viele gekannt habe. Es werden ja alle Gottesfürchtigen durch den Streit geprüft, denn wie sollten sie überwinden, wenn kein Streit wäre, indem den Überwindern das Reich und die ewige Krone zum Solde verheißen ist? So lehrt euch auch die Heilige Schrift, daß ihr Vater und Mutter ehren sollt; darum vergesst das nicht; helft ihnen in allem, worin sie eurer bedürfen; bietet ihnen stets euren geneigten Dienst an, denn das wird dem Herrn gefällig sein, und unser lieber, werter und ehrwürdiger Vater, wie auch unsere liebe, ehrwürdige Mutter, können sich erfreuen, weil ihre Kinder Lust bekommen haben, die Gebote Gottes zu halten, wodurch man dem zukünftigen Zorne Gottes entfliehen kann. Und wenn dann ihre Tage erfüllt sind, so können sie im Frieden und guter Ruhe dahin fahren, und ihre Seelen dem treuen Schöpfer mit guten Werken befehlen, und das darum, weil der gute Herr ihre geliebten Kinder auch zum Glauben berufen hat, und weil sie es erlebt haben, daß sie (die Kinder) Lust bekommen haben, die Wahrheit aufzunehmen, die man lange Zeit mit Füßen getreten hat, wie denn auch jetzt die ganze Welt in der Unwissenheit noch tut, und weil sie ferner gläubige Kinder hinterlassen; denn ein Kind, das Gott fürchtet, ist besser als tausend gottlose Kinder; die Kinder aber, die Gott nicht fürchten, sind den gläubigen Eltern zum Verdruss vor dem Herrn, welcher nicht zu heilen ist.

Darum, meine geliebtesten drei Schwestern, will ich euch und meinem einzigen Bruder das befehlen und zutrauen, daß ihr Gott euer Leben lang fürchten und lieben sollt, was, in Vergleichung zu den Tagen der Ewigkeit, nur eine kurze Zeit währen wird. Gott fürchten lehrt, sich vor dem Bösen hüten, und Gott lieben heißt, seine Gebote halten, wie Christus sagt: Wenn ihr mich liebt, so haltet meine Gebote; auch sagt die Schrift: Die Furcht des Herrn treibt die Sünden aus; sie ist auch der Weisheit Anfang. Darum bitte ich euch alle, liebt die Weisheit Gottes mehr als Gold, dann wird sie euch entgegengehen; und wenn ihr viel Verstand und Weisheit empfangen habt, so erhebt euch nicht, eben, als ob ihr etwas wärt, sondern dankt dem Herrn dafür, daß er euch solches anvertraut, und wuchert allezeit damit, indem er es auch zu diesem Zwecke gegeben hat, denn er hat euch nur zu Schaffnern darüber gesetzt. Und wenn dann der Herr sieht, daß ihr treu seid über sein Gut, und es nicht müßig liegen lasst, oder verschwendet, sondern daß ihr ein Licht in der Welt seid, wie liebliche Ölzweige Christi, angenehme Reben, zierliche Steine an dem Tempel des Herrn, so wird er euch noch viel mehr anvertrauen, damit ihr reichliche Früchte hervorbringen, und zu Christo, unserm Bräutigam, als eine geschmückte Braut Christi, als ein Volk Gottes, als Mitglieder, als Schwestern und Brüder Christi, ja, als ein königliches Priestertum kommen mögt. Wenn aber jene krumme Schlange es sieht, so wird sie euch über die Maßen beneiden, und ihr Werk durch die Kinder des Unglaubens gegen euch wirken, in welchen sie gegenwärtig ihr Werk hat, auch allezeit gehabt hat.

Aber meine lieben Schwestern, habt allezeit guten Mut, ergreift den Schild des Glaubens und beschirmt euch damit, dann werdet ihr derselben widerstehen und ihre feurigen Pfeile auslöschen; waffnet euch auch mit den andern geistigen Waffen Gottes, wie der Apostel, Eph 6, lehrt, so werdet ihr wohl standhaft bleiben und selig werden. Der gute, ewige, allmächtige Gott, der ewig lebt und sich mit seinen heiligen Engeln über einen Sünder freut, der sich von ganzem Herzen bessert, wolle euch, meine geliebten Schwestern und Brüder, durch Jesum Christum, seinen einigen Sohn, und durch die Mitwirkung seines Heiligen Geistes zu seinem himmlischen Reiche tüchtig und vollkommen machen, daß ihr allezeit an dem rechten Wege des Herrn Freude haben mögt, wie David sagt, denn derselbe ist wahrhaftig, gerecht und köstlicher, als feines Gold, und süßer als Honigseim; wendet allen Fleiß an, um solches zu eurer Seelen Heil zu vollbringen, Amen.

Hiermit will ich euch, meinen drei sehr geliebten Schwestern, auf dieser elenden, vergänglichen Welt gute Nacht sagen; ich danke auch eurer Liebe für alle eure Freundschaft.

Geschrieben in meinen Banden, und vollendet den 6. März, von eurem geliebten Bruder, Jan Wouterß Kuyk, euch allen zum Andenken, im Jahre 1572.