2.562  Des Jan Wouterß achter Brief an seine Schwägerin, die noch unter den Papisten und bei dem römischen Glauben war.

Ein freundliches Schreiben an dich, meine sehr geliebte Schwester Neelken, Jakobs Tochter, Mutter im Kloster, von mir Jan Wouterß von Kuyk, deinem geliebten Schwager, der ich zu Dortrecht gefangen liege, nicht um irgend einer Übeltat, sondern um des Gehorsams des Evangeliums Christi willen, was vor meinem obersten Herrn, der uns erschaffen hat, keine Schande, sondern Ihm eine große Ehre ist, daß man um seines Namens, ja, um Wohltuns willen Verachtung und blutige Schläge leidet; solche nennt die heilige Schrift selig, welche Seligkeit Christus Jesus durch sein großes Leiden verdient hat.

So bin ich auch in Leiden gekommen, als ich meine Seligkeit in Christo gesucht habe; aber es reut mich nicht, denn die Seligkeit ist mir lieber, als das vergängliche Leben; ich will auch dafür mein Leben lassen, weil ich weiß und glaube, daß ich ein ewiges, das besser ist, empfangen werde, nach Gottes Verheißungen, welche mich nicht betrügen werden.

Darum bitte ich sehr liebreich, gräme dich nicht um meinetwillen; ich sage dir freundlichen Dank für alle große Freundschaft, die du an mir, wie auch an meinem geliebtesten Weib und einzigem Töchterlein bewiesen hast und noch damit fortgefahren bist, als ich in Banden war.

Für die Folge weiß ich dir, meiner geliebten Schwester, keine größere Freundschaft zu erweisen, als daß ich dich noch an meinem letzten Ende zur Hochzeit des Lammes, das ist Christi, einladen will, ja, daß ich dich herzlich bitte, daß du dich in dieser kurzen Zeit dazu bereiten wollest. Darum ziehe den alten Menschen mit seinen bösen Werken aus und ziehe den neuen an, der zur Erkenntnis Gottes erneuert wird, als dessen, der ihn erschaffen hat. Ziehe den alten Adam aus und ziehe den neuen an, und wandle darin, dann wirst du dich fernerhin der Welt nicht gleichstellen, sondern durch die Erneuerung deines Sinnes verwandelt werden.

Sieh, geliebte Schwester, ich bezeuge dir mit der heiligen Schrift, daß du nicht zu dem Bräutigam Christa kommen kannst, es sei denn, daß du ihm in seinen Fußstapfen auf dem engen Wege, den er gewandelt ist, von Herzen nachfolgst; ich bitte dich du wollest es zu Herzen nehmen, denn es ist von der größten Wichtigkeit für dich; ich sage und bezeuge dir das, daß weder du, noch sonst jemand (ich meine nicht die Kinder) Christo nachfolgen kann, es sei denn, daß du dich zuvor selbst verleugnest und ihm deinen eigenen Verstand, deine Vernunft, dein Gutdünken und dein eigenes Leben übergibst, gleich wie er sein Leben um unsertwillen dahingegeben hat, damit alle, die an ihn glauben und sich selbst nicht leben, nicht verloren sein mögen, sondern durch ihn das ewige Leben haben. Lasse es dir doch gesagt sein, und sei dir selbst gnädig; verlasse dich ja nicht auf die Gelehrten, oder darauf, daß du den Namen trägst, daß du ein Christ seiest. Den Gelehrten ist Gottes Weisheit verborgen; der Name macht keinen Christen; willst du aber ja auf deine Gelehrten dich gründen, so sieh an ihren Früchten, welche Bäume sie seien, denn Christus hat gelehrt, daß man einen jeden Baum an seinen Früchten erkennen soll. Sieh, wie sie Christus im Evangelium verdammt haben, und wie sie über Christum und seine Apostel erbittert gewesen seien, und auch die Hände an sie gelegt haben; und wiewohl die heidnischen Richter keine Todesursache fanden, so mussten sie doch den Unschuldigen töten, wollten sie anders der Schriftgelehrten und des Kaisers Freunde bleiben; ebenso verhält es sich noch jetzt; denke nicht, daß es jetzt besser sei; sie erfüllen ihres Vaters Maß, damit das gerechte Blut bei ihnen gefunden werden möge; ich habe für meine eigene Notdurft, wie auch für meine Witwe und mein Waislein gearbeitet, sie aber wollen selbst nicht arbeiten, und leben lieber von anderer Leute Gut, können es auch nicht leiden, daß ein anderer arbeitet, sodass der Schultheiß mir um ihretwillen verbietet zu arbeiten. Als ich zum zweiten Male gefoltert werden sollte, um meinen Nächsten zu nennen, was ich um meines Gewissens willen doch nicht tun konnte, brachten sie den Vorsteher des Klosters zu mir, der mir mit der Schrift beweisen sollte, daß ich es wohl tun könnte. Der Vorsteher sagte, ich könnte solches wohl tun, denn, sagte er, wenn ihr das rechte Volk seid, so werden deine Mitbrüder mit dir die Marterkrone empfangen, wie kann man wohl eine größere Ehre erlangen? Darum darfst du sie wohl nennen; seid ihr aber das rechte Volk nicht, so solltest du sie nennen, denn Gott hasst den Bösen.

Das sagte der Vorsteher zu mir. Ach, Geliebte! Überlege es in deinem Herzen, welcher Geist diese Gelehrten treibt, wie sie es auszulegen wissen, aber es ist aufs Morden abgesehen.

Ach, lieber Herr, vergib es ihnen; du gibst uns eine bessere Lehre, nämlich, daß man seinen Nächsten wie sich selbst lieben, ja das Leben für die Brüder lassen soll. Darum trenne dich von ihnen; du bist lange mit ihnen einig gewesen, damit du nicht ihrer Sünden und grausamen Plagen teilhaftig werdest.

Es wird dir jetzt von deinem sehr bekannten Schwager aus großer Liebe vorher verkündigt, ehe dich der Tag überfällt, wie ein Dieb in der Nacht; wie die Warnung an die erste Welt geschehen ist, so geschieht sie noch jetzt. Darum, wenn du mit Noah und seinen Hausgenossen bewahrt und beschützt werden willst, so begib dich unter den Schutz des rechten Noah, und halte seine Gebote, wodurch du das ewige Leben erlangst. Er ruft dir und allen Menschen: Er klopft an und streckt seine Hand zu euch aus; entziehe ihm dieselbe nicht länger, und verlasse dich nicht darauf, daß du ein Christ genannt wirst und daß Gott barmherzig ist. Bedenke dabei, daß weder der Name, noch das Wasser, oder auch die Gevatterleute einen Christen machen, sondern daß nur der, welcher Gerechtigkeit wirkt, gerecht sei, und daß, wer von Christi Geist getrieben wird, ihm angehöre; bedenke auch, daß Gott gerecht ist, wie David bezeugt und sagt: Gott ist ein gerechter Gott, oder ein gerechter Richter; ein Gott, der täglich droht; will man sich nicht bekehren, so hat er sein Schwert gewetzt und seinen Bogen gespannt, und zielt, und hat tödliche Geschosse darauf gelegt; seine Pfeile hat er zugerichtet zu verderben. Merke wohl auf jedes dieser Worte, denn er ist ein starker Schütze, wenn er losdrückt, so kann es niemand abwenden. Darum betrachte seine Pfeile, die er auf die erste Welt geschossen hat, auf Sodom und Gomorrha, und mehrere andere. Diese Geschichte ist uns schriftlich hinterlassen worden, damit wir das Wort des Herrn mehr fürchten, als jene Gelehrten, und wenn wir aus Liebe in der Furcht seine Gebote halten, so kommt das Wort uns zu, daß Gott barmherzig ist, denn das ist seine göttliche Art, daß sein Zorn und seine Barmherzigkeit zugleich von ihm herkommen, und das zwar auf solche Weise, daß, wenn der Gerechte den Weg des Herrn verlässt, seiner Gerechtigkeit nicht gedacht werden soll, sondern er wird wegen einer Gotteslästerung sterben müssen. Wenn sich aber der Sünder von seinen bösen Wegen bekehrt, sodass er Gutes tut und recht wandelt auf des Herrn Wege, so soll seiner Sünden nicht mehr gedacht werden, denn der Herr hat keinen Gefallen an dem Tode des Sünders, sondern nur daran hat er Freude, daß er sich bekehre und lebe. Deshalb bitte ich dich, daß du dich von allem Wesen dieser Welt, von den Sorgen und den alten Dingen trennen wollest, wovon dein Herz noch voll sein mag, damit das Wort Gottes mit Sanftmut in dich gepflanzt und du als eine gute Erde erfunden werdest, die Früchte hervorbringt, welche im ewigen Leben bleiben. Das Urteil Gottes wird nun bekannt gemacht, daß jeder Baum, der nicht gute Früchte bringt, abgehauen und ins Feuer geworfen werden soll. So lasse denn den Hammer des Wortes Gottes dein Herz in Stücke schlagen, und sei des Wortes eingedenk, das der Prophet sagt: Zerreißt eure Herzen und nicht eure Kleider, denn Gott ist langmütig, barmherzig und von großer Güte, der die Sünde vergibt. Darum, liebe Schwester, bedenke, daß dich die Langmut und die tägliche Güte zur Seligkeit locke, und weigere dich dessen nicht länger, denn damit würdest du dir selbst schaden. Darum bessere dein Leben und deinen Wandel, und glaube an das Evangelium; sei demselben gehorsam, dann wirst du durch Christum die Seligkeit erlangen, denn die Verheißungen halten das ewige Leben in sich; begehrst du aber bei den Menschensatzungen zu bleiben, und lassest dich von denselben leiten, wie der Ochs zum Beile, so wirst du dich am Ende betrogen finden, denn du hältst umsonst die Gebote der Menschen, die von dem Herrn keine Verheißung haben, was ich auch zu dem Vorsteher sagte; er antwortete: Was Gott nicht verboten hat, das lässt er zu. Ach, ist das nicht ein schwaches Rohr, worauf man sich verlässt? Denn Christus lehrt anders und sagt: Alles, was mein himmlischer Vater nicht gepflanzt hat, soll ausgerottet werden; auch sagt der Apostel, daß kein anderer Grund außer Christo gelegt werden möge; ferner hat der Apostel ben ganzen Rat Gottes verkündigt, und uns nichts vorbehalten; auch sagt er: Wer ein anderes Evangelium predigt, als ich gepredigt habe, der sei verflucht, und wenn es auch ein Engel aus dem Himmel wäre (merke), so soll man doch seine Lehre nicht annehmen, wenn sie nämlich etwas anderes in sich hält; wie sollte man nun das annehmen und Gott damit ehren wollen, was doch von Menschen herkommt, die ja von der Wiege an zur Bosheit geneigt sind, und die Bosheit in sich trinken wie Wasser? Darum ist, was Menschen anrichten, gleich der Spinnen Arbeit; es taugt nichts, weder zur Decke noch zur Kleidung; aber alle, die um ihrer Seligkeit willen das Wort Gottes hören und es bewahren, dürfen nichts hinzufügen. Endlich verkündige ich dir noch einmal im Namen meines Herrn: Bessere dein Leben und Wesen, glaube an das Evangelium, und fliehe den Götzendienst. Willst du aber ja denken, daß du sie nicht anbetest, so ist es ja offenbar, daß du ihnen dienest, vor ihnen kniest und sie ehrst, was doch Gott verboten hat, und haben will, daß man seine Rechte und Sitten unterhalten soll; er sagt auch durch den Propheten Jeremia: Wenn ihr meiner Stimme gehorcht, so sollt ihr mein Volk sein, und ich will euer Gott sein; ein anderer Prophet sagt: Ein Sohn soll seinen Vater ehren, und ein Knecht seinen Herrn; bin ich nun Vater, wo ist meine Ehre, die man mir antut? Bin ich Herr, wo fürchtet man mich? Ist nun Gott unser Vater, so müssen wir ihm mehr gehorchen als den Menschen; ist er unser Herr, so müssen wir ihn dadurch ehren, daß wir tun, was er uns gebietet. Werden wir dann geschmäht, so denken wir: Der Knecht ist nicht besser als sein Herr; haben sie den Hausvater Beelzebub genannt, wie sollten sie nicht die Hausgenossen so nennen? In Summa, wer Christo zu seiner Hochzeit folgen will, der muss sich selbst verleugnen, das Kreuz auf sich nehmen, sein Herz zubereiten, um mit Christo zu leiden, damit er sich nachher mit ihm freuen möge, denn dieses Leiden ist kurz; darum ist es leicht; darum bleibe ja nicht zurück. Der Herr wird wohl mir und allen Gottesfürchtigen durchhelfen, und wird auch dich nicht über Vermögen versucht werden lassen, sondern dir den Sieg erhalten helfen, sollten auch deiner Feinde noch so viele sein; Gott ist unser Schild, wer kann ihn überwinden? Liebe und werte Schwester, es ist kein Wunder, daß ich leide; es ist ein Zeichen, daß mich der Herr liebt; es wird mir die Seligkeit gewinnen helfen. Er prüft mich, wie das Gold im Feuer geprüft wird; ebenso hat er vor meiner Zeit viele auserwählte Heiligen Gottes geprüft, wie Abraham, Jakob, Mose, Kaleb, Josua, Daniel, Johannes den Täufer, welcher der Heiligste von allen war, die jemals von Weibern geboren; ja, Christus selbst, seine Apostel, und mehrere andere sind geprüft worden, wie Hiob; wenn man aber in der Anfechtung sich an den Herrn hält, so ist uns die Krone des ewigen Lebens bereitet.

Hiermit will ich dieses Schreiben endigen und dich freundlich bitten, du wollest meine geringe Arbeit nicht verwerfen, welche ich aus großer Freundschaft zu dir gemacht habe. Forsche in der Schrift darüber nach, ob dem nicht so sei. Kannst du es aber nicht alles verstehen oder begreifen, so bitte ich dich freundlich, du wollest doch deine geliebte Schwester lieben, denn sie ist mir ein sehr liebreiches, getreues Weib gewesen, sodass ich ihr für ihre Freundschaft und gute Gesellschaft nicht genug danken kann. Liebe auch unser einziges Töchterlein, denn es dünkt mich, sie habe das Leben ihrer geliebten Mutter verlängert; der Herr sei gelobt. Aber du wollest doch unser Kind nicht zu den stummen Götzen führen, dadurch würdest du dich an Gott noch mehr versündigen. Halte mir mein Schreiben zu gut, denn es ist aus getreuem Herzen geschrieben. Ach, Herr gib unserer geliebten Schwester deine heilige Erkenntnis, wie du sie dem Saulus gegeben hast, der auch mit Unverstand eiferte.

Hiermit sage ich dir, meine geliebte Schwester, gute Nacht, gehabe dich wohl!

Geschrieben in meinen Bünden, den 5. März im Jahre 1572, von mir, Jan Wouterß Kuyk, deinem geliebten Schwager (auf der Vuylpforte zu Dortrecht).