2.558  Des Jan Wouterß vierter Brief an sein Weib.

Gnade und Friede von Gott, unserm himmlischen Vater, durch Jesum Christum, unsern Herrn und Heiland, nebst der Mitwirkung des Heiligen Geistes, vermehre sich stets bei dir, mein geliebtes Weib, zum Troste auf deiner Wallfahrt, zur Stärkung deines Glaubens, zur Erquickung in deiner Drangsal, zum Preise Gottes und zu deiner Seelen Seligkeit, Amen.

Nach diesem meinem herzlichen Gruße an dich, meine auserwählte Schwester und geliebtestes Weib, lasse ich dich wissen: Meine Liebe zu euch ist zwar groß, aber die ewige Wahrheit ist mir noch lieber; diese hilft mir alle meine Feinde überwinden wegen dieses großen Sieges habe ich große Freude, denn ich bin nun schon zwei Stunden im Kampfe begriffen gewesen. Um dieses Sieges willen, daß Christus, der die rechte Wahrheit ist, uns allein so ritterlich das Feld erhalten hilft, wollest du nun dich herzlich mit mir freuen, ihm danken und den Namen des Herrn verherrlichen. Ich weiß es jetzt schon, wie der Kelch des Leidens schmeckt, aber ich wusste nicht, daß der gute Gott so wunderbar und kräftig in uns wirkt, denn ich empfing eine solche friedsame Freude in mein Herz, daß ich mich selbst verwunderte; dies ist bald nach meiner Peinigung geschehen; gleichwohl drohten sie mir sehr, daß ich den Montag, oder vielleicht später, abermals gefoltert werden sollte. Ich dachte, der treue Gott kann mir wohl zum zweiten Male meinen Mund bewahren; ich bat und flehte auch sehr zu ihm, daß er doch solches an mir erweisen wollte, denn das wäre ihm ja eine geringe Sache, damit ich in meinem ersten Ruhme und dem Vorsatz meines Herzens nicht zu Schanden werden, mein Nächster aber nicht betrübt werden möchte, und damit niemand um meinetwillen den Lästermund auftue.

Es hat auch der ewige, gute Gott meinen Mund während der späteren Folter bewahrt; sie drohten mir abermals, aber ich wurde in meinem Vorsatz nicht geschwächt; solche Gnade gab mir der Herr, als ich mein Herz fest dazu bereitete, und meinen einzigen Sohn (das ist mein Fleisch) mit Abraham dem Herrn aufopferte, damit sein heiliger Wille an mir zu meiner Seligkeit geschehe.

Darauf hat der Herr meine Bangigkeit in Freude verwandelt, sodass meine Augen vor Freude überliefen, weil der Herr unserer Schwester, die mit mir gefangen war, den Mund bewahrt hatte, und ferner, weil sie sich an meinem Leiden gesättigt hatten; überdies hatte ich auch wenige Tage vor meiner Peinigung eine fröhliche Nachricht empfangen, nämlich, daß du hast sagen dürfen, wenn du mich auch mit deinem Arme herausziehen könntest, so wolltest du es doch nicht tun, wenn ich anders fromm oder damit zufrieden wäre. Es freut mich in meinem Herzen, daß der gute Herr dich durch seinen Heiligen Geist so stärkt und tröstet. Der ewige, gute Gott müsse ewig gelobt sein, daß er an uns Unwürdigen so große Zeichen der Gnade und Liebe beweist. Ach, mein allerliebstes Schäflein, wie werden wir doch dem Herrn genug dafür danken können! Ja, ich freue mich in meinem Herzen, daß der Herr mich armen Menschen dessen würdig geachtet hat, daß ich viel Schmach, Verachtung, Bedrohungen und Schläge erlitten habe. Hiermit prüft mich der Herr, wie er seine allerliebsten Auserwählten geprüft hat, ob ich ihn auch fürchte, ihm von Herzen vertraue in der größten Not, ob ich ihn auch von Herzen liebe; mein Herz ist (wie mich dünkt) vor Freude gehüpft, weil wir einen solchen guten und lieben Gott haben; ich dachte, daß ich ihn liebte, aber nun prüft er mich aufs beste, weil mir nach der Haut gegriffen wird.

Aber, meine Auserwählte, entsetze dich nicht hierüber; das unreine Fleisch hat noch viel mehr verdient; doch züchtigt uns der Herr nach seiner Barmherzigkeit. So ist denn nun mein Glaube geprüft worden, wie das Gold im Ofen; nun gehören mir alle diese herrlichen Verheißungen des Herrn; fernerhin ist mir die Krone des ewigen Lebens zubereitet, ja, unser König Christus Jesus wird mich selbst ehren.

Ach leider, ich erkenne mich selbst hierzu unwürdig, aber unser Herr hat es bei seinem himmlischen Vater erworben, uns solches mitzuteilen, damit unsere Freude vollkommen sein möge, und wir uns in unserer Trübsal mit seiner Verheißung trösten mögen.

Ach, wie unbedachtsam sind alle diejenigen, welche die herrlichen Verheißungen gering achten, ja, um eines kurzen Leidens willen verwerfen! Ja, was ist doch das Leiden, wenn es vorüber ist; dann ist es doch nicht mit der Herrlichkeit zu vergleichen, die an uns offenbar werden soll! Gestern habe ich diesen Brief geschrieben, und eben jetzt bin ich vor dem Schultheißen, zweien Ratsherren und dem Schreiber gewesen. Der Schultheiß fragte mich, ob ich nicht die Wahrheit sagen wollte; ich erwiderte, daß ich es getan hätte. Ja, sagte er, soviel, als du gewollt hast. Da wurde mir des Schultheißen Anklage vorgelesen, welche enthielt, daß ich von dem christlich-katholischen Glauben oder der römischen Kirche abgefallen wäre, daß ich mich unter die Wiedertäufer hätte taufen lassen, und daß ich unter ihnen mit meinem Weibe getraut worden wäre, daß ich in meinem Irrtume verharrte, obgleich ich von verschiedenen Gelehrten deshalb ermahnt worden wäre, wobei er noch sagte, daß ich, nach Inhalt des königlichen Befehls, gestraft und an einem Pfahle lebendig verbrannt werden müsste; wenn ich aber wieder abfiele, so möchte mir das Schwert, vielleicht auch der Kirchhof, zuteilwerden.

Darauf antwortete ich, daß ich von dem christlichen Glauben nicht (oder niemals) abgefallen sei, und daß ich auch keine Wiedertäufer kenne; ich sei nur einmal auf meinen Glauben getauft; die Kindertaufe hielt ich nicht für eine Taufe; ebenso hätte ich auch, als ich ein Kind gewesen, wie ein Kind gehandelt, so wie mich meine Eltern geleitet.

Ferner begehrte ich Gnade von dem Allerhöchsten, denn wenn ich von meinem Glauben abfiele, käme es mir vor, als ob ich ewig verloren wäre; wenn ich aber dabei bliebe, hoffte ich, durch des Herrn Gnade selig zu sein.

Dieses alles wurde aufgeschrieben; ich sagte, sie sollten es machen, wie sie es vor dem obersten Richter zu verantworten gedächten; ich begehrte von ihnen, sie sollten mir sagen, ob ich jemanden übervorteilt hätte, damit ich mich verantworten könnte. Da brachten sie vor, daß ich mein Weib und mein Kind verführt hätte, und dabei behilflich gewesen, daß auch andere verführt wären, und daß ich bei Nacht und zur Unzeit wider des Königs Befehl in den Winkeln Versammlung gehalten hätte; ich erwiderte: Wer ist dabei zu kurz gekommen? Darauf wurde ich abermals abgeführt, denn sie konnten meine Reden nicht ertragen. Meine Mitgefangene wurde dann auch vorgeführt, aber sie ist auch standhaft geblieben.

Nun hoffe ich, daß wir bald von aller unserer Arbeit und Qual werden entbunden werden. Darum hoffe ich, meine Allerliebste auf dieser Erde, daß ihr bald noch mehr erfreut sein werdet, wenn ihr von meiner Erlösung hören werdet. Was können sie denn noch mehr tun? An der Seele haben sie nichts; was haben sie denn mehr, als dasjenige, was doch zurückbleiben muss? Es ist mir ja sehr ersprießlich, zu Hause bei dem Herrn zu sein; denn wiewohl diese irdische Behausung oder Wohnung vergeht, so erwarten wir doch eine bessere im Himmel, die ewig ist, ja, die der Klarheit Christi gleich ist. Welche große, ewige Freude werden wir dann genießen, wenn wir wie die Funken im Riete, ja wie die Sonne glänzen werden, dann werden wir vor Freude springen wie die Mastkälber.

Darum tröste dich mit diesen und andern Verheißungen, und behalte dasjenige, was du von Anfang gehört hast, wie ich dir denn solches, mein liebes Schaf, von ganzem Herzen zutraue.

Und wenn ich entschlafen bin, so bist du, mein geliebtestes Weib und geliebteste Schwester, entbunden; führe alsdann deinen Witwenstand zu des Herrn Preise, deinem Nächsten aber zur Erbauung und unserem lieben einzigen Töchterlein zum Vorbilde, der Welt zum Lichte und zum Heile deiner Seele. Dulde und halte in der unverfälschten Wahrheit aus, worin du stehst, und wenn auch ein Streit nach dem andern über dich kommt, zu deiner Prüfung, so bedenke, daß solches alles für deine Seligkeit geschieht; bereite dein Herz allezeit zur Geduld, dann wird noch wohl der Tag kommen, der dich trösten wird.

Die Verheißungen stehen so: Hier Drangsal, dort Freude; ferner bedenke, wie freudig du mich bei der Hand genommen hättest, wenn meine Eltern die Wahrheit geliebt hätten; nun aber haben wir, du und ich, den Tag gesehen, daß sie die Wahrheit lieben, was eine besondere Freude ist.

Darum bitte ich dich, erweise ihnen so viel Ehre und Freundschaft, als du kannst, und das um meinet- und unseres Töchterleins, wie auch um der Wahrheit willen, wie ich denn auch dieserhalb das Vertrauen zu dir habe, und wenn du irgendeinen Kaufhandel treibst, so hüte dich, daß du unbefleckt von der Welt bleibst; wenn sie dich dann mit Worten überfallen, sodass du genötigt bist zu sagen, wie viel dich das Gut kostet, so sage es dann einfach heraus, und setze nichts hinzu, weder ja noch nein, denn das geziemt uns nicht. Findest du dich aber hierin nicht stark genug, so laß den Handel fahren, denn du kannst dich wohl mit wenigem behelfen; ist es nicht fett, so ist es mager; die Gottseligen begnügen sich leicht; wenn du aber einen Handel treibst, so hüte dich, daß er nicht zu groß werde, damit dein Herz dadurch nicht beschwert werde, und du dein Gebet nicht wohl verrichten kannst.

Darum bedenke, was dir die heilige Schrift als das Beste rät, dann wird es dir der Seele nach wohlgehen, wie ich zu dir das Vertrauen habe. Übe dich beständig im Gebete, wie den heiligen Witwen zusteht, für treue Arbeiter, für alle Heiligen, für die Gefangenen, für die Abgefallenen, für die Regenten der Welt, hauptsächlich, wenn du Sekten entstehen siehst, oder Uneinigkeit unter der Gemeinde gewahr wirst, welcher Fall eintreten muss, damit die Bewährten offenbar werden. Und wenn auch die Ältesten den Mut sinken lassen wollten (wovor sie der Herr behüten wolle), so übe du dich ernstlich im Gebete zu Gott, wie du die heilige Witwe Judith zum Vorbilde hast, und schmücke dich allezeit mit einem stillen und sanftmütigen Geiste, was dich mehr als alle Kleinodien zieren wird, wie Petrus und die Schrift dich solches lehrt, und du auch von Gott selbst gelehrt bist; fasse auch deine Seele in Geduld, dann wirst du in dem Herrn und in deinem Herzen Ruhe finden. Sei auch guten Muts; dein oberster Hauptmann und allerbester Bräutigam lebt noch; er wird dich wohl, mit unserem einzigen Töchterlein, bewahren und ernähren; denn, wenn ich auch schon mit dir noch eine Zeitlang herumwandeln müsste, so muss es doch von ihm kommen. Meine Geliebteste, ich habe in meinen Banden dir einige Treue bewiesen, indem ich meine Hände noch an das Werk gelegt habe, damit du meinetwegen keine Unkosten hättest, und noch daneben etwas haben möchtest, was dir in deiner Arbeit von Nutzen wäre, was eine große Freude ist; ich habe aber die Hoffnung und das Vertrauen zu dir, meine werte, Auserwählte und geliebtestes Weib, daß du dich nicht verändern werdest, denn der gute Gott hat dir eine besondere Gabe gegeben; dafür müsse er ewig gelobt sein.

Aber nicht, meine Geliebteste, als ob ich dir einen Strick an den Hals werfen und die zweite Ehe verbieten wollte; ach, nein! Der Apostel rät dir ja, was das Beste sei; ich habe mich mit dir auf die Lebenszeit verehelicht, und danke dir so liebreich, als ich immer kann, für deine liebe, gute Gesellschaft, Treue und Liebe, deren ich mich selbst größtenteils unwürdig achte. Nun hat der allein gute, barmherzige Gott mich Unwürdigen zu einem höheren Stande berufen; also kannst du auch mich, deinen Allerliebsten auf Erden, dem Herrn zu keinem höheren Stande aufopfern. Also tröstet euch miteinander, denn eure Drangsal wird nur eine kleine Zeit währen.

Darum will ich dir, meiner Geliebtesten, meinen Abschied schreiben, in dieser argen Welt, und will dich dem getreuen, allmächtigen Gotte anbefehlen, denn er ist allein mächtig, dich vor dem Argen zu bewahren, und zu seinem ewigen Reiche zu bringen, Amen.

Ach, heiliger Vater, ich, dein schwacher Knecht, bitte demütig in meinen Banden, daß du mein geliebtestes Weib, mein einziges Töchterlein und alle Gottesfürchtigen vor dem Argen bewahren, und sie in deinem Namen heiligen wollest. O himmlischer Vater, erhöre mich Unwürdigen durch Jesum Christum, damit wir miteinander zu deiner ewigen Freude kommen mögen, damit niemand draußen bleibe! Hierzu gebe der gute Gott seine Gnade, Amen.

Gute Nacht, mein einziges Töchterlein; dein geliebter Vater wird von unserm lieben Herrn zum Könige gekrönt werden. Darum gib dich zufrieden, und sei ein gehorsames Töchterlein; befleißige dich, die heilige Schrift zu lesen. Lebe darnach, dann werden wir wieder zusammen kommen, und uns allezeit und ohne Ende erfreuen, Amen.

Vollendet den vierten Tag im März, im Jahre 1572, von mir, J. W. K., deinem lieben Manne, welcher zu Gottes Ehre um des Zeugnisses des Evangeliums Christi willen gefangen liegt, Amen.

Sei von mir in dem Herrn herzgründlich gegrüßt, mit der Liebe und dem Frieden, welche ewig währen.