2.549  Ein Brief von Jan Blok.

Die Gnade und der Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesu Christo, Amen. Gesegnet sei Gott, der himmlische Vater unsers Herrn Jesu Christi, der ein Vater der Barmherzigkeit und Gott allen Trostes ist, der uns in all unserer Trübsal tröstet, damit wir auch diejenigen trösten mögen, die in allerlei Trübsal sind, mit dem Troste, womit wir von Gott getröstet werden, und gleichwie des Leidens viel über uns kommt, so werden wir auch reichlich getröstet durch Christum; haben wir aber Trübsal oder Trost, so geschieht es uns alles zum Besten und zur Seligkeit; diese Seligkeit wünsche ich dir, ausgenommen meine Bande, von Grund meines Herzens, zum Troste und Heile in deiner größten Not, wenn du, lieber Bruder im Herrn, Hilfe und Trost nötig haben wirst, gleichwie auch du, lieber Bruder, der du durch die Wirkung des Heiligen Geistes bewegt und getrieben worden bist, nun zu rechter Zeit an mich Armen und Gefangenen zu Nymwegen um des Wortes unsers lieben Herrn willen, geschrieben hast, womit ihr mir einen so großen und angenehmen Dienst erwiesen habt, daß ich auch Gott, meinem himmlischen Vater, mein Leben lang nicht genug dafür danken kann, der euch als Habakuk sandte, Speise zu bringen, womit der fromme Daniel auswendig, nach dem Fleische, gespeist worden ist, durch das Vertrauen, das er zu unserm Gott hatte. Ach, wie groß ist diese geistige Speise, lieber Bruder, womit du meine arme hungrige Seele gespeist und getröstet hast, gleichwie auch ihr, nach Beschaffenheit der Umstände, mir reichlich mit des Herrn heiligem Worte in eurem Briefe zu meinem Trost, unverzagten Mut eingesprochen habt, wofür ich euch und Gott nicht genug danken kann, solchen hoffe ich zu bewahren mit der Hilfe unseres lieben Herrn. Den Willen habe ich durch den allmächtigen Herrn, noch von Herzen wohl zu tun; ich habe die Hoffnung und das Vertrauen zu Gott, unserm himmlischen Vater, daß er mich armen, unwürdigen Gefangenen um seines heiligen Wortes willen werde kräftig machen, solches zu seinem heiligen Preise auszuführen, wenn ich mein Opfer tun werde, wie ihr mir von vielen Propheten und Aposteln, ja, von Christo selbst schreibt, welcher aus Liebe zu uns um unserer aller Sünden willen, wie ein stummes Lämmlein zur Schlachtbank geführt worden ist; um wie viel mehr bin ich armer, elender Sünder schuldig, mein Leben um seines heiligen Namens willen zu übergeben, dessen ich mich von Herzen unwürdig achte? Dennoch habe ich das Vertrauen zu Gott, gleichwie ihr mir auch geschrieben habt, daß der Prophet Hesekiel aus des Allerhöchsten Munde spricht, daß er der Sünden nicht mehr gedenken wolle; wie wir denn (dem Herrn sei gedankt) auch wissen, unter welcher Bedingung der Herr zu uns geredet hat, daß Gott alle diejenigen erhören wolle, die solches begehren und sich von Herzen bekehren, und daß er uns erhören und uns gnädig sein wolle, wenn wir Tag und Nacht über unsere große Übertretung klagen und seufzen, dergleichen ich armer und elender Sünder begangen habe, denn er ist geneigt zu vergeben; weshalb ich mich, wie oben gesagt ist, um des Namens meines Herrn willen gern übergebe, und durch seine Gnade sehr geduldig um meine Sünden willen leide; ich übergebe auch meinen Leib, wie die sieben Kinder bei den Makkabäern getan haben; gleichwie denn auch Eleazar lieber ehrlich sterben, als heucheln und den jungen Kindern ein böses Beispiel geben wollte. Ebenso, lieber Bruder in dem Herrn, ist mein Gemüt auch durch des Herrn Gnade bestellt; denn sehr geliebter Bruder, ich habe sehr großen Streit wegen meines früheren Lebens, weil ich mich nicht wie die ehrlichen Männer ernährt habe; ausgenommen kurz vor meiner Gefangenschaft, dem Herrn sei gedankt, hatte ich mir vorgenommen, in aller Niedrigkeit und Heiligkeit durch des Herrn Gnade mit den Werken meiner Hände mich zu ernähren, als ich kaum noch Zeit hatte; darum hat mein Gemüt öfters mich betrübt, und das durch den Spruch Paulus: Und wenn ich einen Glauben hätte, daß ich Berge versetzen könnte und gäbe all mein Gut den Armen, ließe meinen Leib brennen, hätte aber der Liebe nicht, so wäre es alles nichts. Mein Herz krümmt sich, und meine Augen fließen täglich wie ein Bach, weil ich meine köstliche Zeit so sündhaft zugebracht habe, während wir doch heilig und unsträflich leben müssen; das weiß der Herr, um dessen Wortes und Zeugnisses willen ich elender Sünder gefangen bin; gleichwohl wollte ich meine Hoffnung und meinen Glauben nicht um tausend Welten geben.

Ach, liebe Brüder, wie wenig habe ich die rechte Wiedergeburt und neue Kreatur erkannt, vielweniger gehabt, gleichwie ich sie jetzt durch Gottes Gnade fühle und gern erkennen wollte, wenn ich noch Zeit hätte. Freunde, habt doch gegeneinander eine ernstliche Liebe, erbaut euch in aller Demut und mit allem Ernste in der Übung untereinander zur täglichen Heiligkeit, damit ein jeder in seinem eigenen Auge der Geringste sei, damit ihr nicht so ausgespitzt und aufgeputzt wandelt, daß auch die arme, blinde Welt uns in ihrem Tun in vielen Dingen übertrifft. Dieses Gesicht habe ich nun eine kleine Zeit her durch des Herrn Gnade gehabt, und wenn ich es gleich anfänglich so in der Kraft gefühlt und angenommen hätte, wie ich wohl hätte tun sollen, und wie ich leider erst in meiner letzten Zeit, durch des Herrn Hilfe mir vorgenommen hatte, so wäre ich gewiss in solche große Betrübnis nicht gekommen, was von heimlichem Hochmute und gemächlichem Leben seinen Ursprung hatte. Darum, lieber Bruder und Diener der Gemeinde Gottes, wo ihr seid, tragt doch mit Fleiß Sorge, als treue Arbeiter in dem Weinberge für die Ranken, die sehr leichtfertig aufschießen und aufwachsen in der Vollheit und Eitelkeit ihres Sinnes, welche auch dem Leben entfremdet sind, das aus Gott ist. Das fange ich jetzt erst an, mit Verstand zu fühlen, was eine neue Kreatur sei.

Ach, liebe Brüder und Wächter über das Haus des Herrn, wollt doch die Person nicht ansehen, denn man kann diejenigen, die noch jung sind, in dem Verständnis des christlichen Lebens mit nichts mehr verderben, als wenn man sie nicht fleißig mit dem Worte Gottes ermahnt, eine neue Kreatur zu werden und ein demütiges und gottseliges Leben zu führen. Ach, wie bin ich dieses bei mir selbst gewahr geworden, daß in dieser Zeit so wenige gefunden werden, die recht umgekehrt und erneuert sind, und dem Leben, sowie den Fußstapfen, worin uns Christus vorgewandelt ist, recht nachwandeln! Ach, wenn sie es so fühlten, wie ich es jetzt in meiner letzten Zeit fühle, sie würden sich fürchten, von etwas anderem zu reden oder an etwas anderes zu denken, als hauptsächlich an das Gesetz des Herrn. Ach, liebe Freunde, nun verstehe ich es erst, und bin so oft einer von unsern drei Schwestern eingedenk, die ihrem Sohne Tobias ein Testament geschrieben hat, worin sie erzählt hat, wie wir unsere Zeit wohl wahrnehmen sollen, und daß wir nichts mehr beklagen sollen, als daß wir unsere Zeit so wenig wahrgenommen, sondern dieselbe mit Leichtfertigkeit durchgebracht haben. Ach, liebe Freunde, ich wollte von Herzen, daß diejenigen, die hierin schuldig sind, oder träge erfunden werden, ein solches Gefühl von ihrer gegenwärtigen Zeit haben könnten, als ich in meinem Herzen von meiner vergangenen Zeit habe und beschuldigt werde, ihr würdet euch in Wahrheit in gottseligen Übungen finden lassen, damit ihr erneuert würdet in der Kraft des Geistes, und in ein neues geistiges Leben, das dem Bilde dessen gleich ist, der sein heiliges Blut für uns arme Sünder ausgegossen hat, dann würden wir die Art und Natur Christi in Worten und Werken wohl an uns hervorleuchten lassen, und ein solches Salz der Erde sein, daß wir auch mit Kraft vor diesem ehebrecherischen Geschlechte desto mehr Lob davontragen würden, ja, man würde alsdann mit einem klaren Scheine in der Gemeinde Gottes gewahr werden, wie man den Schein der Kerze durch die Lichtschere verbessert, wenn wir anders in unserer kurzen Zeit unsern Leib mit Worten und mit Werken von unserm fleischlichen Leibe reinigen lassen, in Worten und Werken, ja, in Kleidern und dem ungeistigen Wesen, dann würden in Wahrheit unsere Lichter in einem klaren Scheine erfunden werden. Hieraus sieht jeder, wie mancher in der Finsternis, dem Evangelium zur Schande, erfunden wird; hier steht man, daß sich so viele ohne Kreuz in dieser letzten Zeit von Gott entfremden und erkalten, daß auch der Herr fragt, wenn des Menschen Sohn kommen wird, ob er auch Glauben finden werde auf Erden. Ach, liebe Freunde, meint ihr denn, wenn man sich hüten kann, daß man nicht mit dem Bann gestraft wird, daß man auch eine neue Kreatur sei vor Gott, recht nach seines Vaters Bilde, und recht allen Sünden abgestorben? Ach nein! Ich finde solches anders in meinem Gemüte, und das durch des Herrn Gnade. Aber es ist jetzt das Letzte meiner Zeit, dem Anscheine nach, und ich mache meine Rechnung auf nichts anderes, als von Tag zu Tag meinen Leib zu übergeben, und ein wenig um des Zeugnisses des Wortes unseres lieben Heilandes willen durch seine Gnade zu leiden, auch männlich zu streiten, bis in den Tod, ja, bis in den Feuertod, nachdem es der Herr meinen Feinden zulässt; es sei auch, wie sie wollen; ich habe mich dem Herrn, meiner Stärke und meinem Nothelfer, anbefohlen.

Ach, lieber Bruder und liebe Schwester in dem Herrn, ich habe diesen Brief, meine kleine Gabe an euch Allerliebsten, geschrieben, aus Liebe mit reichlichen Tränen. In der Kürze lasse ich euch hiermit aus dem Grunde meiner Seele bitten, lieber Bruder, und meine herzlich geliebte Schwester im Herrn, daß ihr aller Orten zu Gott eure Knie in Eintracht beugen, und zu dem Herrn heilige Hände aufheben, auch den allmächtigen Herrn für mich armen und schwachen Knecht bitten wollt, daß mir der Herr Stärke verleihen wolle, damit ich es mit Herzenslust ausführen möge. Ihm zum heiligen Preise und mir zur Seligkeit, ohne zu verzagen bis in den Tod, wie ich hoffe, und vertraue ohne mein Wissen, und ohne daß es nötig wäre, euch zu schreiben; denn nach den heiligen alten Gewohnheiten müssen die Starken für die Schwachen bitten, besonders in Todesnöten; ich aber bitte den allmächtigen Herrn nach meinem schwachen Vermögen für euch Brüder und Schwestern im Herrn, daß er euch, um die es noch wohl steht, bewahren wolle, und die sich etwa verirrt oder gesündigt haben, daß sie ihre Sünden unter Tränen vor Gott recht bekennen und sich in Zeiten bekehren wollen. Meine herzlich geliebten Bundesgenossen und lieben Brüder und Schwestern im Herrn, ich, euer armer, unwürdiger Bruder, der ich doch durch des Herrn Gnade würdig zu sein hoffe, hätte euch etwas von demjenigen melden sollen, was mit mir vor dem Herrn sich zugetragen hat, wiewohl ich es hier nicht aufsetzen kann und auch davon nicht viel zu schreiben habe; also nur weniges davon. Als ich eine Woche gesessen hatte, ließen sie mich herausbringen, wo ich meinen Glauben bekannt habe; nachher hatte ich sehr großen Streit, und werde ihn noch haben, solange ich in dieser Hütte bin; ich hoffe euch noch mehr zu schreiben. Liebe Brüder, wenn ihr einige Worte finden solltet, in denen ein Buchstabe oder gar zwei mangeln, oder wo die Silben nicht recht eingeteilt oder geschrieben wären, so haltet es mir zu gut, denn mein Verstand und Gedächtnis sind mir seid Kurzem sehr geschwächt, und das durch große Betrübnis, deren Ursache unnötig ist zu schreiben; aber mein Gemüt steht fest und ist ruhig in dem Herrn und unverzagt, wie ein junger Löwe. Ich kann dem Herrn nicht genug für seine große Güte danken, die er mir täglich zusendet, bisweilen mit großer Betrübnis, bisweilen mit großer Freude, wie mich denn hin und wieder dünkt, daß ich im Himmel sei; aber die meiste Zeit leide ich Druck, dem Herrn sei dafür gedankt. Liebe Brüder und Schwestern im Herrn, bittet doch den Herrn herzlich für mich; ich will auch ein Gleiches tun nach meinem geringen Vermögen, durch des Herrn Gnade.

Geschrieben von mir, Jan Blok, zu Nymwegen im Stocke, wo ich Unwürdiger gefangen saß, um des Wortes unseres lieben Herrn willen, welches lauter und rein ist. Der allmächtige Herr wolle mein Gemüt kräftig und stark machen, durch seine Gnade, wenn ich es mit meinem Tode werde bezahlen müssen, und doch schwach bin zu meines Herrn Preise, solches vor den bösen Menschen auszuführen. Gute Nacht, meine lieben Brüder und Schwestern im Herrn; ich sage euch allen, Allerliebste, gute Nacht, und erwarte euch sämtlich dort in der ewigen Freude, wohin ich durch des Herrn Gnade zu kommen hoffe.