2.544  Des Ydse Gaukes zweiter Brief.

Wir Gefangene in dem Herrn um des Zeugnisses unseres lieben Herrn Jesu Christi willen, dessen wir nicht würdig sind, uns zu rühmen, Gnade und Friede von unserem lieben Herrn Jesu Christo sei mit unsern sehr weiten, lieben und auserwählten Brüdern und Schwestern durch den Gehorsam des Evangeliums. Wir wünschen euch, unsern sehr Geliebten, den rechten bußfertigen Glauben, der durch die Liebe tätig ist. Hierin wolle euch die Kraft des Heiligen Geistes stärken, Amen.

Nebst gebührlichem Gruße lassen wir euch, unsere sehr Geliebten, wissen, daß wir noch bei guter Gesundheit sind, sowohl dem Fleische, als auch dem Geiste nach, daß wir auch noch im Gemüte und im Glauben unverändert sind, und daß wir überdies ein ruhiges Gewissen haben, und gewiss sind, daß es die Wahrheit ist, und daß nimmermehr eine andere offenbar werden wird.

Obschon es viele spitzfindige Geister gibt, die einen andern Weg suchen, als Christus sie gelehrt hat, und ihnen vorgegangen ist, so freut euch doch mit uns, sehr Geliebte, daß unser Vater uns geholfen hat, das Feld zu erhalten; wohl mit Recht hat er gesagt, wenn auch eine Mutter ihr Kindlein verließe, so wolle er uns nicht verlassen, wie ihr denn auch mit uns bekennen müsst, daß er getan habe, wofür wir ihm nicht genug danken können, weil wir wohl wissen, daß wir von uns selbst nichts haben, als lauter Bosheit, wie der Apostel sagt: Ich weiß, daß in meinem Fleische nichts Gutes wohnt. Ferner meine sehr geliebten auserwählten Brüder und Schwestern, wisst, daß es der Herr noch wohl sagen kann, denn obgleich wir hier in der Tyrannen Hände sind, so haben wir es doch besser, als ihr meint, denn der Herr schickt uns noch alle Tage einen Habakuk, welcher meine Schwester ist; dieselbe kann noch jeden Tag zu uns kommen; sie lässt es sich auch nicht verdrießen; überdies haben wir jeden dritten Tag eine bescheidene Wacht, sodass viel Volk mit uns reden kann. Wir liegen unten im Turme; ein jeder von uns in einem kleinen viereckigen Loche, ungefähr acht Fuß groß im Gevierte, von zwei dicken Brettern gemacht; aber wir sehen einander, und reden oft miteinander, was für uns eine große Freude ist; weshalb auch derjenige, welcher mein bester Freund auf Erden war, neidisch auf mich wurde und sagte, wir lägen zu nahe beieinander, wir stärkten einander noch mehr. Darum durfte der Herr wohl sagen: Wenn ein unreiner Geist ausgetrieben ist, so kommt er wieder und besieht es; findet er uns nun ledig und mit dem Besen gekehrt, so nimmt er noch sieben Geister zu sich, die ärger sind, als er.

Ferner, meine lieben Freunde, seid nicht stolz, und verlasst euch nicht auf euch selbst, sondern befehlt eure Sachen dem Herrn. Derjenige, welcher der Stärkste war und am wohlgemutesten, als wir gefangen wurden, an welchem wir auch eine Freude hatten, daß wir bei ihm waren, liegt nun auch im Drecke, wiewohl er sich in der Folter tapfer hielt. Darum verlasst euch nicht auf euch selbst. Ferner, liebe Freunde, ließen sie uns hier liegen, sodass in sechs Wochen niemand nach uns gesehen hat, nur daß der Commissarius unsere Schwester Tryntgen herausbringen ließ, welche er nach einem von Gent fragte, den sie nicht kannte, und bei welcher Gelegenheit sie auch nach mehreren Freunden von Gent fragten; aber sie erfuhren nichts. Da erwarteten wir unser Urteil, denn wir dachten nichts anderes, als daß wir unser Opfer tun würden. Neulich waren zwei Franziskaner bei mir, wiewohl sie nicht gesandt waren; sie schlossen die Türen auf und fragten, wie es mir ginge; ich antwortete: Wie Gott will. Ja, sagten sie, auch wie du willst.

Wir redeten von dem Evangelium, sie fragten mich: Woher weißt du, daß es das Evangelium sei? Ich erwiderte: Das weiß ich wohl, denn Christus hat es mit seinem Blute versiegelt. Der eine wurde zornig; ich sagte: Still, oder wartet noch ein wenig; ihr behandelt uns, sagte ich, ärger als die Juden, denn die Juden geben Schutzgeld, uns aber bringt ihr um den Hals. Da wurde er abermals zornig und sagte: Eure Schelmerei bringt euch um den Hals. Wir haben, sagte ich, nichts verschuldet; er wollte davonlaufen und schrie laut; ich sagte: Sei gelinde. Ja, sagten sie, das ist euer Wort: O Vater, vergib es ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun; hierauf machten sie sich davon. Auch kamen zwei Betschwestern, die wider meine Mitgefangenen viel reden wollten; ich sagte: Soll man auch etwas anders taufen als Menschen? Nein, sagten sie, keine Tiere; ich sagte: Warum tauft ihr denn Glocken? Das ist der Gebrauch, sagten sie; es ist eine alte Gewohnheit, wenn es böses Wetter ist, so lauten mir, dann vergeht es; ich sagte: Ja, wenn es bald vorüber ist, so fangt ihr an zu läuten, und meint dann, daß es helfe. Da sagten sie: Es ist nicht gut, daß das Volk zu ihm kommt.

Ich kann es euch auch nicht verschweigen, wie unbarmherzig sie mit unserer Schwester umgegangen sind; sie banden ihre Kleider über den Hüften fest, den Oberkörper aber entblößten sie ganz und gar. Da sagte unsere Schwester (welche noch eine junge Tochter ist): Solche Schande ist mir noch niemals angetan worden. Du tust sie dir selbst an, sagten sie.

Ferner, mein lieber Bruder und meine liebe Schwester, die ihr diese unsere kleine Schrift sehen oder lesen hören werdet, machen wir euch allen durch unser kleines Schreiben bekannt, daß unser Gemüt noch tapfer und unverändert ist; und daß wir euch nicht mehr ermahnen, kommt von unserem geringen Verstände her; ich hoffe, ihr werdet uns solches zu gut halten. Wisset, meine geliebten Freunde, daß wir uns auf das Höchste erfreut haben, als wir Briefe und Schreiben von euch empfangen haben, denn es erquickte unsern inwendigen Menschen.

Nun, meine auserwählten sehr lieben Brüder und Schwestern! Wir Gefangene lassen euch sehr ernstlich bitten, daß ihr auf euch selbst und euern Wandel Acht haben wollt, denn, mein sehr geliebter Bruder und Schwester, wenn man auf solche Weise gefangen gesetzt wird, so findet man erst, daß der Weg schmal und die Pforte eng sei, die zum Leben führt; ja viele werden darnach trachten und nicht hineinkommen, weil sie nicht von der rechten Zahl sind. Darum, meine werten und in Gott geliebten Brüder und Schwestern, beschaut doch täglich das Innerste eurer Herzen, wenn euch täglich arge Gedanken überfallen, und verbergt eure Sünde nicht, damit ihr nicht darüber zu Grunde geht, denn ihr könnt sie vor dem Herrn nicht verbergen; er hat Augen wie Feuerflammen. Ach, meine Auserwählten, ihr könnt niemanden betrügen, als euch selbst. Wir haben ein Exempel an David, als er den Mann in den Streit sandte und schrieb, daß man ihn dahin stellen sollte, wo der Streit am schärfsten wäre und wo streitbare Männer gegen Israel ständen, damit er sein Weib erlangen möchte. Was sagte Nathan zum Könige? Es gab einen Mann, der hatte viel Schafe, und es gab einen Mann, der hatte ein einziges Schaf, und derjenige, der viele Schafe hatte, nahm dem Manne das eine Schaf und tötete es. Da hat David selbst ihn des Todes schuldig erkannt; aber er ist hingegangen und hat sein Bett mit seinen Tränen genetzt. Seht, meine lieben Brüder und Schwestern, lasst uns allezeit wachen und vorsichtig sein; wenn uns etwas Böses zustößt, so lasst uns nicht zu gut sein, Buße zu tun, und mit David und Manasse unsere Sünden bekennen, dann werden wir Gnade vor Gott finden. Ach, meine lieben und auserwählten Brüder und Schwestern, hätte man das in Friesland getan, und ein jeder sein eigenes Herz angegriffen; es wäre nimmermehr so übel gegangen; aber wenn ein jeder vermessen ist und sagt: Beweist mir meine Schuld, und denkt: Ich will nichts bekennen; was würde das Volk sagen? Ja, ich würde meiner Ehre und meines Dienstes verlustig sein! Ach, Freunde! Hätte man zugesehen und ein jeder sein eigenes Herz untersucht, und sich gutwillig zur Buße bequemt, es wäre niemand in solche Ungelegenheit gekommen.

Darum, meine Geliebten, seid allezeit dem Evangelium gehorsam, und lasst euch nicht von allerlei Winden der Lehre bewegen, sondern bleibt bei dem, vor welchem ihr eure Knie gebeugt habt; seid dessen eingedenk, was Paulus sagt: Wenn auch ein Engel vom Himmel käme und ein anderes Evangelium predigte, der sei verflucht. Hütet euch vor dem schändlichen Heiraten außer der Gemeinde (was einige unter euch einführen wollen), und seht die Kinder Israel an, wie sie die heidnischen Weiber verlassen mussten. Darum, meine lieben Freunde, tragt doch fleißige Fürsorge, solange es heute heißt, und lasst uns allezeit fleißig am Tempel bauen, umgürtet mit dem Schwerte des Geistes, damit wir den Feinden widerstehen mögen, damit sie uns unsern Ruhm nicht nehmen; denn das Pfund haben wir empfangen; der Herr wird es auch wieder von uns fordern, und wenn er uns treu findet, wird er uns über viel setzen. Darum, mein Auserwählter, laß uns allezeit fleißig zusehen, daß wir die köstliche Perle, die wir gefunden haben, auch sorgfältig bewahren, damit uns die Räuber dieselbe nicht nehmen, denn wenn sie uns genommen wird, so sind wir verdorben. So haltet denn gute Wache, liebe Brüder und Schwestern, und denkt, daß wenn euch ein Stück Gold gegeben worden wäre, nicht größer als ein Pfennig, und man hätte euch dabei gesagt: Bewahrt das nur drei oder vier Jahre, dann wird eine teure Zeit kommen, welche ein Jahr währen wird; bewahrt nun das Stück so lange, dann werdet ihr dafür so viel kaufen können, daß ihr keinen Mangel haben werdet; verliert ihr es aber, so werdet ihr vor Hunger sterben – wie genau würdet ihr das bewahren! Würdet ihr nicht jeden Tag (wenn die Zeit kommt, wo ihr es haben müsst) danach sehen, ob ihr es verloren habt? Ja, ich glaube, jede Stunde. Seht, meine Auserwählten, die ihr den Glauben empfangen habt, euch ist dieses Gold gegeben, um es lebenslänglich zu bewahren; bewahrt ihr es nun bis ans Ende, so werdet ihr das ewige Leben dafür empfangen.

Darum, meine sehr Geliebten, da ihr wisst, daß der Tag nahe ist, wo ihr es haben müsst, so tragt gute Sorge, daß ihr es nicht verliert, denn wenn ihr es auch den letzten Tag verliert, so mag es euch nichts helfen; es würde niemandem etwas nützen, und wenn er es hundert Jahre bewahrt hätte, wie der Prophet sagt: Wenn jemand sein Leben lang Gutes getan hat, und ist aufrichtig gewandelt, würde sich aber zur Ungerechtigkeit wenden, so mag ihm all sein Gutes, das er zuvor getan hat, nicht helfen. Seht, wie der Herr von uns den Gehorsam fordert, wie auch der Prophet Samuel zu Saul sagte: Der Herr hat lieber Gehorsam als Opfer. Seht auch auf den Mann Gottes, wie er von dem Herrn gestraft worden ist, weil er den falschen Propheten angehört und der Stimme des Herrn nicht gehorcht hatte. Seht die Kinder Israel an, als sie gesündigt hatten, mussten sie ihren Feinden den Rücken kehren; so sagt auch Christus selbst: Ihr seid meine Freunde, wenn ihr tut, was ich euch gebiete, und wer beharrt, bis ans Ende, soll selig weiden, denn es ist weder am Anfange, noch in der Mitte gelegen. Darum seid sorgfältig, daß ihr nicht betrogen werdet, denn Christus hat recht gesagt, daß viele falsche Propheten aufstehen und rufen werden: Hier ist Christus, da ist Christus. So hütet euch denn, meine Auserwählten, damit ihr nicht verführt werdet; sie sind von uns ausgegangen (sagt der Apostel); wären sie aber von uns gewesen, sie wären wohl bei uns geblieben.

Hiermit will ich euch dem Herrn und dem rechten Worte seiner Gnade anbefehlen. Ich berichte euch auch, daß unser Bruder Claes, in Folge seines Alters, noch großen Schmerz in seinen Gliedern hat; auch hat unsere Schwester Lyntgen in ihren Schultern großen Schmerz; Tryntgen aber und ich sind wohl auf. Wir Gefangene lassen euch herzlich grüßen, desgleichen auch alle umliegenden Gemeinden und Liebhaber der Wahrheit, namentlich P. J. und dein Weib. Ich danke dir auch herzlich für dein Schreiben; grüßt mir W. und sendet es L. J. in Friesland in Molqueeren; auch schickt es Jan de P. und denen von Amsterdam; ich habe auch etwas für ihn geschrieben, das nehmt mit dazu, und sorgt, daß dies auch nach Emden an meinen werten Bruder und sein Weib kommen möge. Mein lieber Bruder und meine liebe Schwester, betrübt euch nicht um uns, denn eure Mutter und Schwester sind wohlgemut; sagt auch Machtelgen, daß sie sich vor dem Härmen hüten müsse, denn er sucht sie ins Unglück zu bringen; damit er nur herauskommen möge; ich habe ihn sagen gehört, er wolle einen guten Christen aus ihr machen. Wir grüßen auch unsere zerstreuten Mitgenossen. Nun, meine herzlich geliebten Brüder und Schwestern, gedenkt an uns Gefangene in eurem Gebete und in eurer Versammlung, denn das Gebet der Gläubigen vermag viel, wenn es mit Ernst geschieht. Wir warten von Tag zu Tag darauf, daß wir unser Opfer tun werden. Liebe Freunde, ihr wollt uns doch auch etwas schreiben.

Geschrieben in großer Angst und Bangigkeit, im Gefängnisse zu Deventer, nachdem wir neun Wochen gefangen gesessen hatten.