2.511  Noch ein Brief von Joost Verkindert, geschrieben in den Banden an sein Weib, den 20. August.

Die unaussprechliche Gnade Gottes, des Vaters, die Liebe seines geliebten Sohnes, unsers Herrn Jesu Christi, samt dem Troste, der Freude und Wonne des Heiligen Geistes, wünsche ich dir zu einem herzlichen und freundlichen Gruß, mein sehr liebes und wertes Weib und Schwester in dem Herrn. Ich berichte dir, daß es mit mir gegenwärtig noch ziemlich wohlbestellt sei, wofür ich dem Herrn danke, und ihn für seine große Gnade lobe, in der Hoffnung, daß ich solches auch von dir hören werde. Ferner berichte ich dir, daß in den Briefen, in denen von dem Wortstreite mit dem Pfaffen gehandelt wird, nicht alle Worte und Reden angegeben sind, die wir miteinander hatten, denn er führte auch an: Wer den Sünder von dem Irrtume seines Weges bekehrt, der hat einer Seele zum Leben geholfen, wobei er uns auch anbot, wenn wir uns bekehren wollten, so sollte man uns auf freien Fuß stellen und uns gehen lassen, wohin es uns gefiele; er redete mit einem heiligen Scheine, wobei er oft die Hände ineinander schlug, und noch sagte, er wollte uns bei seiner Seligkeit versichern, das wir die Wahrheit nicht hätten. Daher dünkt mich, es müsse ein Mensch zugrunde gehen, wenn er nicht einen festen Grund auf Jesum gelegt hat; aber dem allmächtigen Gott sei Lob und Dank gesagt, daß alle seine scharfen Pfeile, die er abschoss, mir nicht schädlich gewesen sind, denn Gott war mit mir. Auch erzählte er, daß Christo nicht viel Reiche nachgefolgt seien, sondern arme und schlichte Leute, aber durch die Apostel seien viel Zeichen und Wunder geschehen, sagte er, wodurch die Reichen, auch Könige und Prinzen, zum Glauben gekommen seien; auch führte er noch andere gebrochene Schriftstellen an, denn er ist sehr reich an Worten und dabei schlecht von Ansehen; überhaupt, er brachte wohl schöne Worte vor, aber er verkaufte nichts, denn er stellte uns das zeitliche Leben schön vor, wenn wir es gesucht hätten; dem allmächtigen Gott aber sei Lob und Dank für seine große Gnade gesagt, denn mein Gemüt ist noch heutzutage so gesinnt, daß es lieber ehrlich sterben, als mit Schanden leben will. Es ist unter dem Himmel den Menschen kein anderer Name gegeben, worin sie selig werden können, als allein durch den Namen Jesu Christi; denn er ist allein der Weg und der Eingang zum ewigen Leben. Ach, meine Geliebte, dieser Weg hat keine Seitenwege, sondern diejenigen, die davon abweichen, fallen dem Tode anheim. Fleisch und Blut wollten zwar gerne noch leben, aber der Geist wollte lieber entbunden und bei Christo sein, denn solange wir leben, sind wir in großer Gefahr; wir können in kurzer Zeit wieder verlieren, woran wir eine lange Zeit gearbeitet haben.

Darum mögen wir wohl immer zu Gott rufen, daß er uns arme Pilger in dieser Welt Wüste bewahren wolle, wo die Schlangen Feuer spritzen, und die Wölfe bis an den Abend nach unschuldigem Blute laufen; aber, meine Geliebte, der, welcher mit uns ist, ist viel stärker, als derjenige, der mit der Welt ist; denn Gott ist mit uns, mit der Welt aber ein fleischlicher Arm. Ach, möchten wir unter denen erfunden werden, von welchen Johannes schreibt: Diese sind es, die aus großen Trübsalen kommen, und ihre Kleider gewaschen und sie durch das Blut des Lammes weiß gemacht haben; darum sind sie vor dem Throne Gottes und dienen ihm Tag und Nacht in seinem Tempel, und der auf dem Throne sitzt, wird über ihnen wohnen. Sie wird nicht mehr hungern noch dürsten; es wird auch nicht die Sonne oder irgendeine Hitze auf sie fallen, denn das Lamm mitten im Stuhle wird sie weiden und sie zu dem lebendigen Wasserbrunnen leiten, und Gott wird alle Tränen von ihren Augen abwischen; und ferner: Diese sind es, die mit Weibern nicht befleckt sind, denn sie sind Jungfrauen und folgen dem Lamme nach, wo es hingeht; und abermals: Diese sind aus den Menschen erkauft, zu Erstlingen, Gott und dem Lamme; ferner: Weil du das Wort meiner Geduld behalten hast, so will ich dich auch vor der Stunde der Versuchung behalten, die über den ganzen Weltkreis kommen wird, um alle diejenigen zu versuchen, die auf Erden wohnen. Ach, meine Geliebte, das wäre eine glückliche Reise, wenn wir dort wären; nichts desto weniger habe ich eine lebendige Hoffnung, denn Gott will unsern Tod nicht. Darum lasst uns allezeit freimütig sein und uns mit den Worten Christi trösten, wenn er sagt: Die Zeit wird kommen, daß sie euch in den Bann tun werden, und wer euch tötet, wird meinen, er tue Gott einen Dienst daran; und das werden sie euch darum tun, weil sie weder mich noch meinen Vater kennen, denn hätten sie ihn erkannt, sie hätten den Herrn der Herrlichkeit nicht gekreuzigt. Lasst uns alle heiligen Väter zum Vorbilde nehmen, welchen alles Kreuz und Leiden begegnet ist, und erwiesen haben, daß sie denen ein guter Geruch Christi seien, die da selig werden, denen aber, die verloren werden, ein Geruch zum Tode seien, denn der Herr hat einen Tag gesetzt, an welchem er einen jeden nach seinen Werken lohnen wird und wie mich dünkt, ist der Tag des Herrn vor der Tür; darum laß uns unsere Seelen in Geduld besitzen, damit wir an diesem Tage vor ihm bestehen mögen.

Hiermit will ich dich (meine Geliebte) dem gekreuzigten blutigen Christo Jesu und dem reichen Worte seiner Gnade anbefehlen. Lorenz, mein Mitgefangener, sowie auch ich, lassen dich und alle unsere Bekannte sehr herzlich grüßen, mit dem Frieden des Herrn. Tue doch das Beste an meinen Waisen.