2.480  Ein Brief von Jan Quirynß, welcher nebst Cornelius Janß und Clemens Hendrikß zu Amsterdam in Gefangenschaft gewesen, wo sie alle drei um des Zeugnisses Jesu Christi willen verbrannt worden sind.

Der ewige, allmächtige und barmherzige Vater, der seine Auserwählten mit starkem Arme aus dem Diensthause Pharaos geführt hat, wolle dich, meine geliebte Schwester in dem Herrn, bewahren, und mit der Kraft seines Heiligen Geistes stärken, um auf solche Weise seinen Willen zu tun, damit du unbefleckt und unsträflich erfunden werden mögest in allem Frieden, und in aller Gerechtigkeit, und in aller Wahrheit, Inbrunst und Liebe bis ans Ende; das gebe dir der allmächtige und starke Herr, der allein weise und gerecht ist; dem sei Preis, Ehre, Lob und Dank, von nun an bis in Ewigkeit, Amen.

Herzlich geliebte und sehr werte Schwester in dem Herrn, die ich dem Geiste nach sehr liebe, ich habe mir vorgenommen, dir ein wenig zu schreiben, durch die heilsame Gnade Gottes, wie du von mir armen Knechte begehrt hast, denn ich halte mich selbst für unwürdig, einem andern zu schreiben; es wäre wohl nötiger, daß man mir schreibe, denn liebe Schwester, ich finde nicht so viel in mir, daß ich auch fürchte, wenn ich den Vater anrufe, daß ich nicht sein Kind sei, denn ich erfülle seinen Willen nicht zur Hälfte; aber, liebe Schwester, obgleich wir in dem schnöden Fleische stecken, so wollen wir doch darum den Mut nicht sinken lassen, sondern allezeit steif anhalten im Gebete, ihm den Preis geben, und ihm allezeit für seine unaussprechliche Güte danken, die er an uns schlechten Kindern bewiesen hat. O welch eine Liebe ist uns zuteil geworden! O welch ein Licht ist uns aufgegangen! O welch ein schöner, köstlicher, verborgener Schatz ist in unsere irdischen Gefäße gegeben; was den Weisen und Verständigen verborgen ist, das hat er uns armen schlichten Kindern nun offenbart; die helle und klare Wahrheit ist uns nun zu erkennen gegeben worden; das schöne glänzende Licht hat in einen dunklen Winkel geschienen, der klare Schein ist in unsere Herzen gegeben worden, wodurch wir mit dem bloßen und klaren Lichte durch Christum Jesum, den gnädigen Herrn aller Herren, erleuchtet worden sind; er hat die große Finsternis aus unsern dunklen Herzen vertrieben, und sich selbst dazu übergeben, der barmherzige Jesus Christus, um uns ein scheinend Licht zu sein, wie Johannes sagt: Das ist die Verheißung, die wir von ihm gehört haben, und euch verkündigen, daß Gott ein Licht ist, und in ihm ist keine Finsternis. Wenn wir sagen, daß wir Gemeinschaft mit ihm haben, und wandeln in Finsternis, so lügen wir, und tun nicht die Wahrheit. Darum, liebe Schwester, gib doch Acht auf das Licht, und laß es deiner Füße Leuchte sein, und ein Licht auf deinem Pfade, wie David sagt; damit du dich des Tages nicht stößt, sondern allezeit vor dich sehen mögest, wo du wandelst, denn das Dunkle ist vergangen; jetzt scheint das wahre Licht; er hat uns von der Gewalt der Finsternis zu seinem wunderbaren Lichte erlöst, die wir zuvor kein Volk waren, aber nun Gottes Volk sind, wie Petrus sagt. Darum müssen wir uns wohl von Herzen freuen und fröhlich sein, und mit David sagen: Der Strick ist zerrissen und wir sind frei; wir sind aus des Löwen Rachen erlöst, wo wir gefangen lagen, das ist, in dieser wüsten, garstigen, listigen und argen Welt, die mit der Bosheit ganz überschwemmt ist. Der Gott dieser Welt, der in den Kindern des Unglaubens herrscht, hat der Ungläubigen Sinne so verblendet, und ihre Herzen so verstockt, daß sie nicht ein Stäublein sehen können noch merken, daß sie nicht schmecken können, daß der Herr freundlich sei. Hier hatten wir mit den Lüsten unseres Fleisches Gemeinschaft, unseren Umgang und Wandel gehabt, und taten den Willen des Fleisches und der Vernunft, und waren von Natur Kinder des Zorns, gleichwie auch die anderen, aber der reiche, barmherzige und gütige Gott hat mit seinen freundlichen Augen auf uns arme Sünder gesehen, und seine gesegnete Hand ausgestreckt, er hat sie uns dargereicht, und hat uns aus des Todes Grube erlöst und herausgezogen; unsere Wunden verbunden und geheilt, unsere hungrigen und durstigen Seelen hat er mit dem Blute des Lebens gesättigt, und mit dem Wasser des Heiligen Geistes gelabt; er hat uns nicht in unserem Blute liegen lassen; er wollte nicht vor uns vorbeigehen; er hat uns nicht vor Hunger verschmachten lassen; als wir um Brot baten, hat er uns keinen Stein gegeben; er hat uns auch keinen Durst leiden lassen, sondern unsere ausgedörrten Seelen aus dem klaren Brunnen des lebendigen Wassers erquickt. Ach, hätten wir niemals Geld für Dinge ausgegeben, die uns nicht sättigen, wir haben unser Geld verschwendet um bittere Galle und Essig, und um den falschen, stinkenden Sauerteig. Ach, hätten wir doch an diesen milden Wirt gedacht, der es allen umsonst gibt, die es von ihm begehren; er wird sie nicht hinausstoßen, die zu ihm kommen. Darum, meine liebe Schwester, laß uns doch nach der lauteren, unverfälschten Milch begierig sein, als neu geborene Kinder, die aufs Neue von oben aus Gott geboren sind durch Jesum Christum; laß uns doch unserer neuen Geburt wohl wahrnehmen, darauf Achtung geben und dieselbe wohl verwahren, denn Johannes sagt: Wer aus Gott geboren ist, sündigt nicht, denn sein Samen bleibt in ihm, und er kann nicht sündigen, denn er ist aus Gott geboren.

Ach, daß wir ein Exempel an Esau nähmen, der seine erste Geburt um eine Schüssel Mus verkauft hat; ach, wie gering achtete er seine Seligkeit; aber er ist nachher, als er sie mit Tränen suchte, verworfen worden, denn er fand keinen Raum zur Buße. Aber, liebe Schwester, laß uns doch Fleiß anwenden, dasjenige zu behalten, was wir haben, und was uns von oben herab von demjenigen gegeben ist, der alles Guten Geber ist, denn er hört uns in allem, was wir von ihm bitten, so wissen wir auch, daß wir die Bitte haben, die wir von ihm gebeten haben. Ist das nicht ein milder Herr? Ja, gewiss, er ist ein Herr, reich über alle, die ihn anrufen; setze nur dein Vertrauen fest auf ihn allein, übergib deinen Willen in Gottes Willen, dann wird es dir wohlgehen.

Darum, meine liebe Schwester in dem Herrn, sei fest und unbeweglich in dem Werke des Herrn, und wisse allezeit, daß deine Arbeit nicht vergeblich sei, in dem Herrn, denn du wirst dafür belohnt werden; wenn du anders auf den Geist säst, so wirst du auch von dem Geiste das ewige Leben ernten; wenn wir mit Tränen säen, so sollen wir auch mit Freuden ernten; wir werden für unsere Schmach Ehre erlangen; statt der Schande sollen wir fröhlich sein, sagt der Prophet; so laß uns denn zufrieden sein, denn solch ein herrliches Volk werden wir sein; wir sollen in Geduld darauf warten und an die herrlichen Verheißungen denken; der sie uns gegeben hat, wird es auch tun; er wird seine Verheißungen nicht zurückziehen; laß uns nur tapfer anhalten, fröhlich sein in der Hoffnung, geduldig in Trübsal, anhaltend im Gebete, nicht träge in unserm Vornehmen, sondern brünstig im Geiste, samt einer brennenden Liebe in unsern Herzen, daß der Herr durch die Liebe in uns gegründet und gewurzelt werde, dann wird uns nichts von der Liebe Gottes scheiden, was uns auch um des Namens Jesu Christi und seines Zeugnisses willen begegnet. Laß uns niemanden das Ziel verrücken, sondern laß uns in unserm Glauben Tugend beweisen, und unsere Sanftmut allen Menschen kund werden lassen; der Herr ist nahe, sorge nicht, denn es ist bald getan. Liebe Schwester, wir haben eine kurze Zeit, wenn wir es überlegen; darum laß uns unsere kurze Zeit in der Furcht Gottes zubringen, und sei nüchtern und wachsam, denn unser Widersacher, der Teufel, geht um uns herum, wie ein grimmiger Löwe, und sucht, welchen er verschlinge; dem widersteht fest im Glauben, wie Jakobus sagt: Widersteht dem Teufel, so flieht er von euch; ja, er geht sehr listig um uns her, liebe Schwester, bald mit diesem, bald mit jenem, es sei auswendig oder inwendig mit unserm bösen Fleische, welches unser größter Feind ist, womit wir am meisten zu tun haben; der Geist wider das Fleisch, das Fleisch wider den Geist, diese sind gegeneinander, daß wir nicht tun, was wir wollen. Aber Paulus gibt uns einen Trost, wenn er sagt: Wandelt im Geiste, so werdet ihr die Lüste des Fleisches nicht vollbringen. Ach, daß wir doch so brünstig im Geiste wären, so fleißig in guten Werken, das ewige Leben zu suchen, statt der Schätze und das Weltliche, welche dennoch vergehen und hier bleiben müssen, und Gottes Gebote über Gold und Edelsteine zu lieben, dann würden wir so selige Kinder sein; wir würden des Streites immer weniger haben; aber leider, es geht bisweilen so zu, daß mehr Fleiß um dieses Vergängliche angewandt wird, als um das ewig bleibende Gut, das im Himmel ist, und ewig währen wird. Dieses schreibe ich nicht um deswillen, weil es bei dir so zugeht, denn ich weiß von dir, daß du den Herrn von ganzem Herzen suchst. Darum, meine werte Schwester, laß uns die Worte des Apostels zu Herzen nehmen, der uns vor dem Versucher warnt, damit wir nicht auch vom Satan betrogen werden, denn uns ist nicht unbekannt, was er im Sinne hat, das ist, daß er darauf ausgeht, die Kinder Gottes durch Lügen und Neid in sein Netz zu bringen, wie er denn von Anfang her ein Vater der Lügen gewesen ist, und solches an dem ersten Menschen bewiesen hat, wie im Buche der Weisheit steht: Gott schuf den Menschen zum ewigen Leben; aber durch des Teufels Neid ist der Tod in die Welt gekommen, und die seines Teils sind, helfen auch dazu.

Desgleichen setzt er uns auch mit Sendboten zu, mit denen wir übel daran sind, und die von uns ausgegangen sind, hindern uns am meisten, sodass wir es wohl finden, daß die Schrift erfüllt wird, nämlich, daß es in den letzten Tagen so zugehen sollte, wie Johannes sagt: Kindlein, es ist die letzte Stunde, gleichwie ihr gehört habt, daß der Widerchrist kommt; und gegenwärtig sind viele Widerchristen geworden; daran erkennen wir, daß es die letzte Stunde sei; sie sind von uns ausgegangen, aber sie waren nicht von uns, denn wären sie von uns gewesen, sie wären bei uns geblieben, aber, damit sie offenbar würden, daß sie nicht alle von uns sind. Sieh, liebe Schwester, in solcher Weise warnt uns der Apostel, denn es sind nicht alle Abrahams Kinder, die Abrahams Samen sind.

Darum, liebe Schwester, sieh auf die Frommen und nicht auf den Schwachen; sieh auf den Herzog des Glaubens, und den Vollender Jesum Christum, und laß dich nicht von einigen unnützen Schwätzern irre machen, die es versuchen, dich abfällig zu machen, wie Paulus sagt. Christus sagt, daß in den letzten Zeiten viele falsche Propheten unter seinem Namen aufstehen werden; ach, merke, unter seinem Namen, ja, daß auch die Auserwählten, wenn es möglich wäre, verführt würden; aber wer bis ans Ende beharrt, der wird selig werden; die Auserwählten können nicht verführt werden.

Sei doch tapfer in deinem Gemüte, und bete allezeit ohne Unterlass mit Bitten und Flehen in dem Geiste; wende deine Gedanken Tag und Nacht auf das Gesetz des Herrn, damit du ein Baum sein mögest, der an den Wasserbächen steht, der zu seiner Zeit seine reiche Frucht bringt, dessen Blätter nicht verwelken, und eine fruchtbare Rebe an dem Weinstocke Christo Jesu sein werden, denn David sagt: Die Gerechten werden nimmermehr umfallen, sondern ewiglich stehen bleiben, wie der Berg Zion, ja, die Gerechten werden nimmermehr bewegt werden, sagt Salomo. Darum laß uns ja unsern Lauf mit Freuden vollenden, und gesetzmäßig kämpfen, denn niemand wird gekrönt, er kämpfe denn recht, wie die tapfern Voreltern getan haben, die ihre Hoffnung auf Gott gesetzt haben, dem sie treulich dienten; diese hat er nicht verlassen, und sie haben ihn auch nicht verlassen, sie haben ihre Nacken unter dem Zepter Christi Jesu gebeugt, wie sich die fromme Esther niederbeugte.

Ach, habt doch Acht darauf, denn obschon die Gerechten hier viel leiden müssen und aller menschlichen Hilfe und Trostes beraubt sind, so laß uns doch unsere Augen zu dem Nothelfer Christo Jesu aufschlagen, der uns nicht verlassen wird. Kann auch eine Mutter ihr Kind verlassen? Und wenn sie es auch täte, so will ich doch dich nicht verlassen, sagt er. Wer uns antastet, der tastet seinen Augapfel an. Wer sollte nun solch einen Gott nicht fürchten, der sein armes Volk allezeit bewahrt und beschützt? Denn die Freude, die er uns verheißen hat, versüßt alles. Wer überwindet, soll alles ererben; sie werden mit Christo auf dem Throne sitzen, gleichwie er mit seinem Vater auf dem Throne gesessen hat, ja, er wird sich selbst aufschürzen, vor uns hergehen und zur Tafel dienen. Wie werden dann die Gerechten in seiner Vaters Reiche glänzen; wie werden sie dann aufspringen, wie gemästete Kälber! Wie werden die Gerechten dann glänzen wie Flammen in den Stoppeln! Wie werden sie dann triumphieren, die ihr Leben nicht geliebt haben bis in den Tod, und den Gesang singen, und geziert mit Palmenzweigen in ihren Händen und Kronen auf ihren Häuptern, dem Namen des Herrn danken, ihn loben und groß machen? Endlich werden sie Freuden genießen, die kein Auge gehört hat, oder ein Herz begreifen kann, was Gott allen denen bereitet hat, die ihn lieb haben.

Darum, ein jeder, der diese Hoffnung in sich hat, reinige sich selbst, gleichwie er rein ist; der Gott aber aller Gnade, der uns durch seine Herrlichkeit und Kraft berufen hat, wolle dich, meine liebe und werte Schwester in dem Herrn, stark und kräftig machen mit der Kraft des Heiligen Geistes bis ans Ende, Amen.

Hiermit will ich dich, meine geliebte Schwester in dem Herrn, dem Herrn, und dem Worte seiner großen Gnade anbefehlen. Nimm dies, mein geringes und schlechtes Schreiben zum Besten auf, denn ich habe es aus rechter ungefärbter brüderlicher Liebe aufgesetzt, das weiß der allmächtige Herr; darum bitte ich dich nochmals, nimm mir dieses zum Besten auf, denn wer Gott fürchtet, der nimmt alles zum Besten auf; halte allezeit die erste Liebe bis ans Ende, und die brünstige Liebe zu Gott und den Brüdern; das verleihe dir der allmächtige, ewige und starke Gott, Amen.

Grüße mir alle meine Freunde, insbesondere M. S. Tochter, G. R. W. und ferner alle, die mich kennen. Auch lassen dich einige grüßen, die bei mir waren, als ich dies schrieb. Cornelius Janß lässt dich auch grüßen, die Gnade des Herrn Jesu Christi sei mit dir, Amen.

Fünf Briefe von Clemens Hendriks, aus dem Gefängnisse in Amsterdam gesandt, wo er, wie oben gemeldet, um der Erkenntnis der Wahrheit willen, nebst Jan Kryntz und Cornelius Janß, sein Leben gelassen hat: